www.NachDenkSeiten.de - die kritische Website

Liebe Leserinnen und Leser,
einmal im Jahr bitten wir Sie um Unterstützung für die NachDenkSeiten - so auch heute wieder.
3. Dezember 2016
  • Blog abonnieren

    Beim Erscheinen eines neuen Artikels erhalten Sie eine Benachrichtigung per E-Mail.

  • Archive

Medien reagieren beleidigt, wenn man ihr Versagen beschreibt und ihre Glaubwürdigkeit in Zweifel zieht.

Veröffentlicht in: Aufbau Gegenöffentlichkeit, Kampagnen / Tarnworte / Neusprech, Medien und Medienanalyse

Unmittelbarer Anstoß für diesen Text ist ein Gespräch mit einer Journalistin, die ich als kritische Begleiterin des Geschehens kenne. Jetzt beklagte sie, dass der in deutscher Sprache neu auftretende Sender Russlands, RT Deutsch, die Glaubwürdigkeit der deutschen Medien hinterfragen wolle. Dies sei unerhört. Ähnlich betroffen und aggressiv reagierten die deutschen Medien wohl mehrheitlich. Ein paar Beispiele siehe in der Anlage. Hier interessiert jetzt nicht zuvorderst das spezielle Problem des Auftretens Russlands im Konzert der Meinungsmacher in Deutschland, sondern das Verhaltensmuster deutscher Medien, das in der aggressiven Reaktion auf das russische Projekt sichtbar wird. Eine harte Kritik an Russlands Versuch, eine Informationslücke zu schließen, wäre ja erträglich, wenn die Mehrheit der Medien hierzulande nicht so hoffnungslos versagen würde. Albrecht Müller.

Unsere Medienschaffenden produzieren viele interessante, gut recherchierte Beiträge. Aber sie versagen nahezu total dabei, die Debatten und Kampagnen zu wichtigen politischen Entscheidungen kritisch zu begleiten und uns vor gravierenden politischen Fehlentscheidungen zu bewahren.

Sie sind oft Teil der Kampagnen, manchmal aus Überzeugung, manchmal offensichtlich gestoßen und gezogen.

An zehn Beispielen will ich das belegen. Es könnten auch 20 und mehr sein. Den ersten Beleg, die Einbindung der Mehrheit der Medien in die Propaganda für die Riester-Rente, führe ich etwas ausführlicher aus. Bei den anderen Belegen beschränke ich mich auf wenige Informationen:

Beispiel 1 für das Versagen: Die Propaganda für die Privatvorsorge, die hochgespielten Sorgen um den demographischen Wandel und die Entscheidungen für die Riester-Rente

Von Anfang an, zumindest beginnend mit dem Wahlkampf von 1998 und den damals geschalteten Großanzeigen und Fernsehspots der Versicherungs- und Bankenwirtschaft, war aufmerksamen Beobachtern klar, dass die Finanzwirtschaft in der privaten Altersvorsorge ein prächtiges neues Geschäftsfeld sieht, und dass deshalb zur Verbesserung der Vertriebschancen die Leistungsfähigkeit des Konkurrenzproduktes gesetzliche Rente reduziert werden musste, tatsächlich und propagandistisch. Es war auch von Anfang an klar, dass der demographische Wandel als Hebel benutzt werden konnte und deshalb dramatisiert werden musste.

Jeder einigermaßen kritische Zeitgenosse konnte im Jahre 2001, als die Riester-Rente beschlossen und zum 1.1.2002 eingeführt wurde, wissen, dass dieses Konstrukt nicht kostengünstig funktionieren kann und es unrentabel sein wird. Es war außerhalb des Kreises der von kommerziellen Interessen und ihrer Lobby geprägten Ökonomen immer bekannt, dass das Umlageverfahren das effizienteste und zugleich soziale Verfahren zur Organisation der Altersvorsorge ist.

Wer dies sagte und schrieb, wie zum Beispiel Professor Gerd Bosbach oder ich in einem Buch schon 1997 und dann ab 2004 in den NachDenkSeiten und in voller Breite im Buch „Die Reformlüge“ (hier und hier), der wurde als Nörgler, als uneinsichtig oder gar als Verschwörungstheoretiker abgetan oder einfach verschwiegen. Unsere süßen Haupt-Medien haben bis zum vergangenen Freitag gebraucht, um die Fakten über den Flop Riester-Rente in einer großen und populären Sendung auszubreiten, in der Heute Show vom 21.11.2014. Siehe dort den ersten Teil. Im zweiten Teil der verlinkten Heute Show wird dann sichtbar, dass die sehenswerte Aufklärung über die Riester-Rente leider eine Eintagsfliege gewesen ist. Dann macht sich Welke nämlich in der üblich gewordenen dumpfen Art u.a. über RT Deutsch her.

Die gelungene Aufklärung zur Riester-Rente nutzt uns übrigens jetzt nichts mehr. Sie kommt gut zehn Jahre zu spät. Die zur Unterstützung der Privatvorsorge getroffenen Entscheidungen, das Leistungsniveau der gesetzlichen Rente abzusenken und die private Altersvorsorge, also private kommerzielle Interessen, mit Steuergeldern zu subventionieren, sind getroffen worden und entfalten ihre verheerende Wirkung.

Da jedem Menschen, der sich nicht in Kampagnen einbinden ließ, klar war, dass das Entscheidungen zugunsten von Herrn Maschmeyer und der sonstigen Lobby der Finanzwirtschaft waren, die uns Milliarden von Steuergeldern kosteten und kosten und zusätzlich Millionen Menschen in die Altersarmut schicken, muss man von einem grandiosen Versagen der Medien sprechen. Sie haben nicht nur versagt, diese Entscheidungen zu kritisieren, sie haben auch massiv und in vielfältiger Weise bei der Agitation für diese Art von Privatvorsorge mitgemacht – in tausenden von Artikeln und in hunderten von Sondersendungen, manchmal wochenlanger Berichterstattung – „Themenwochen“ genannt – über die Vergreisung und das Altern und den demographischen Wandel und die logische Schlussfolgerung: Kapitaldeckung und Privatvorsorge. Es wurden Foren organisiert, so genannte wissenschaftliche Institute für Untersuchungen bezahlt; nur eine kleine Minderheit von Journalisten war bereit und fähig zu rufen: Schaut her, der Kaiser ist nackt.

Es gab die bewundernswerten Ausnahmen. Eine will ich hervorheben, weil sie alles offen legte, was man zu einem kritischen Urteil brauchte: der Film „Rentenangst“, den die beiden Journalisten Ingo Blank und Dietrich Krauss für den Saarländischen Rundfunk ausgedacht und produziert haben.

Das war 2008. Vorher, am 16.3.2006, gab es in „Monitor“ von Kim Otto schon den belegten Hinweis, dass die Allianz AG mit der Bild-Zeitung gemeinsame Sache zugunsten ihrer Riester-Rente, der sogenannten Volksrente macht. In einer Handreichung für die Vertreter des Allianz-Konzerns wurde angekündigt, dass die Bild-Zeitung im redaktionellen Teil Reklame für die Volksrente machen werde.

Jene vielen Medien, die sich in die Kampagne für die Riester-Rente und die anderen Formen staatlicher Förderung privater Interessen haben einspannen lassen, müssen sich fragen lassen, warum sie die schlüssige Arbeit ihrer Kollegen missachtet haben, wenn sie schon selbst des Nachdenkens nicht fähig oder nicht willens waren.

Aus aktuellem Anlass anzumerken bleibt, dass man die Verflechtung von Gerhard Schröder mit den Interessen des Finanzdienstleisters Maschmeyer und all seiner Kollegen nicht erst, wie es jetzt meist geschieht, an dem Zusammenspiel bei der Reform der Riester-Rente im Jahre 2005 festmachen kann. Sieben Jahre vorher, im niedersächsischen Landtagswahlkampf, gab es schon ein – angeblich nicht verabredetes – Vorspiel: Maschmeyer hat wesentlich dazu beigetragen, dass Gerhard Schröder mit einer absoluten Mehrheit die Landtagswahl vom 1. März 1998 und damit die SPD-Kanzlerkandidatenkür gegen Oskar Lafontaine gewann. Sarkastisch könnte man anmerken: Nicht die SPD-Gremien und der Parteitag vom April 1998, Carsten Maschmeyer entschied de facto über den Spitzenkandidaten der SPD für die Wahl 1998 und damit über den künftigen Bundeskanzler.

Der – natürlich nie verabredete – Dank an Maschmeyer war die Einführung der Riester-Rente zum 1.1.2002. Maschmeyer bedankte sich später auf seine Art: «Es ist jedoch so, als wenn wir auf einer Ölquelle sitzen» … «Sie ist angebohrt, sie ist riesig groß und sie wird sprudeln.» (Netzeitung vom 8.6.2005)

Das Beispiel Riester-Rente beleuchtet übrigens die wiederkehrende Konstellation und ihre Problematik: Wir hatten kritische Medien-Beiträge, wir hatten guten Journalismus, aber dieser war irrelevant, weil die Impulse der Medien zur Beeinflussung der Menschen im Sinne der privaten Interessen vermutlich um das Hundertfache zahlreicher und damit wirksamer waren, als jene der kritischen Journalisten.
Deshalb muss, wer aufklären und schlechte politische Entscheidungen verhindern will, die Glaubwürdigkeit der Hauptmedien in Zweifel ziehen.

Beispiel 2: Die Austeritätspolitik, das sogenannte Sparen und die Feier der Schwarzen Null: Wolfgang Schäuble.

Die Medien in Deutschland sind mehrheitlich einer primitiven Sparideologie gefolgt, ohne Rücksicht auf die dokumentierten Erfahrungen mit dieser prozyklischen Politik in der Weimarer Republik, und ohne Rücksicht auf die Wirkung dieser Politik auf andere europäische Staaten. Die Bundesregierung hat diese politische Linie anderen Völkern aufgedrückt, mit der Konsequenz der Verschärfung extrem hoher Arbeitslosigkeit. Wo sind die kritischen deutschen Medien geblieben? Sie erstarren in Ehrfurcht vor Schäuble, Merkel und der Sparideologie. Sie bewundern das groteske Konstrukt Schuldenbremse. Nicht einmal der Zusammenhang zwischen Sparideologie und dem schlimmen Zustand unserer Infrastruktur ist den bestimmenden Mehrheitsmedien eine Erkenntnis wert.

Sie sind mitverantwortlich für die gravierenden Fehlentscheidungen in diesem Bereich:

Die meisten Medien sind unsensibel gegenüber den menschlichen und gesellschaftlichen Hypotheken, die mit einer hohen Jugendarbeitslosigkeit von bis zu 50 % in Griechenland, Portugal und Spanien verbunden sind. Auch hier gibt es Ausnahmen. Es gibt gute und zugewandte Analysen der Folgen der Austeritätspolitik. Aber diese aufklärenden Texte und Sendungen sind die Minderheit und haben keinen Einfluss auf die Politik.

Aus aktuellem Anlass weise ich in diesem Zusammenhang auf plus minus von heute Abend hin: „Traumberuf Lokführer“ in Plusminus (ARD), 21.45 Uhr. Der Autor und Filmemacher Hermann Abmayr gehört zu der kleinen Gruppe kritischer Journalisten.

Beispiel 3 für das Versagen der Mehrheitsmedien: Die Bewunderung für die Exportweltmeisterschaft wird von der Mehrheit der Medien geteilt

Die meisten Medien haben die Notwendigkeit, in einer gemeinsamen Währungsgemeinschaft die Wettbewerbsfähigkeit und die Leistungsbilanzen der einzelnen Volkswirtschaften auf mittlere Sicht ins Lot zu bringen, bis heute nicht erkannt. Sie sehen nicht und kreiden der Bundesregierung nicht an, dass fortwährende Leistungsbilanzüberschüsse Deutschlands bei anderen Völkern zwangsläufig Defizite bedeuten, auch bei unseren europäischen Partnern und Freunden. Sie sehen nicht, dass Exportüberschüsse ein Synonym für den Export von Arbeitslosigkeit sind. Sie sehen auch nicht, dass Leistungsbilanzüberschüsse verschenkte Ressourcen sind. Sie sehen das nicht, weil sie wie manche Volkswirte auch nie gelernt haben, in realen Größen, in real terms, zu denken.

Und – das ist gravierend – sie sehen nicht, dass die Politik der fortwährenden Leistungsbilanzüberschüsse zu aller erst für die Krise der Eurozone und damit auch für die Euro- und Europa-Skepsis vieler Menschen verantwortlich ist.

Beispiel 4: Die Unterstützung der Agenda 2010 und der sogenannten Reformpolitik.

Die Mehrheit der Medien hat nahezu alles mitgemacht, was es an Behauptungen zu verbreiten galt: dass die Lohnnebenkosten zu hoch seien und schuld seien an der hohen Arbeitslosigkeit; dass die Reformen gewirkt hätten; dass es uns allen gut gehe; dass der arme Schröder sich und das Ansehen der SPD geopfert habe; dass es keine Alternative zu dieser Reformpolitik gegeben hätte usw. – Tina ist verinnerlicht.

Die vielen Flops von Hartz I-III und die Beschönigung und Bereinigung der Arbeitslosenstatistik sind kein nachhaltiges Thema unserer Hauptmedien geblieben.

Beispiel 5: Bewunderung für niedrige Löhne und den Aufbau des sogenannten Niedriglohnsektors

Medien haben mehrheitlich offensichtlich eine Sympathie für niedrige Löhne. Sie haben begrüßt, dass die Schere zwischen hohen und niedrigen Einkommen auseinandergeht, sie haben hingenommen, dass die einen immer reicher werden und die anderen mit niedrigen Vermögen oder Schulden zurückgelassen werden. Und heute bewundern sie Piketty und seine Dokumentation der zu erwartenden und nunmehr eingetretenen ungerechten Verteilung von Vermögen.

Beispiel 6: Jede Bank ist systemrelevant – Deutschlands Medien haben das mehrheitlich geglaubt oder sie sind so eng mit der Finanzlobby verbunden, dass sie ihre Parolen auch ohne Überzeugung weitertragen.

Sie haben die Bankenrettung ohne Differenzierung mitgetragen; es gab dort kein Aufschrei, als mit einem Finanzrahmen von 480 Milliarden € Banken gerettet wurden; es gab kein Protest gegen die Rettung der Münchner HRE, obwohl diese Rettung mit über 100 Milliarden zu Buche schlägt und dort Spekulanten gerettet wurden, die eine Rettung nicht verdienten; die Medien haben sich von der Bundeskanzlerin und dem damaligen Bundesfinanzminister Steinbrück einbinden lassen; im Oktober 2008 waren die Chefredakteure von der Bundeskanzlerin und dem Bundesfinanzminister zum Gespräch geladen. Das dort verbreitete Ansinnen, beruhigend auf die Finanzmärkte einzuwirken, kritisiere ich nicht. Zu kritisieren ist, dass daraus ein Stillhalten gegenüber nahezu allen Sauereien der Abwicklung der Finanzkrise gemacht wurde. Die Medien haben sich nicht einmal gewundert darüber, dass Angela Merkel den Berater von Goldman Sachs zum Vorsitzenden einer Kommission zur Regelung der internationalen Finanzmärkte gemacht hat. Die Mehrheitsmedien haben den Parolen der Lobby stets den passenden Resonanzboden bereitgestellt – so zum Beispiel, als gestreut wurde, die schlimmsten Spekulanten seien die öffentlichen Banken gewesen.

Die Mehrheitsmedien beteiligen sich bis heute an der Förderung der Spekulation und an der Bewunderung für Finanzanlagen. Noch immer kommt zur besten Sendezeit in der ARD der Börsenbericht und noch immer wird unter uns verbreitet, es sei für uns gut, wenn die Aktienkurse steigen, und es sei schlecht, wenn sie sinken. Dass diese Bewegungen für unser Wohlergehen ziemlich irrelevant sind, ist bei den Machern der Mehrheitsmedien nicht angekommen.

Auch bei diesem Thema gab es leuchtende Beispiele guten, kritischen Journalismus. So erschien im Berliner Tagesspiegel ein Beitrag von Harald Schumann über „Die Geretteten“. Die Lektüre konnte einem die Augen öffnen, wenn man wollte. Die Kollegen des Autors in den einschlägig tätigen Redaktionsstuben und vor allem die Medien-Konzernchefs wollten es nicht.

Die Medienmehrheit ist offenbar eng mit der Finanzwirtschaft verbunden und geht deshalb sehr unkritisch mit den Vorgängen in diesem Bereich um. Dazu noch ein paar Hinweise und Fragen, die wir uns in diesem Zusammenhang stellen sollten:

  • Haben Sie irgendwo einen kritischen Bericht oder überhaupt nur einen aufklärenden Bericht zur Übernahme der Postbank durch die Deutsche Bank gelesen?
  • Haben Sie empörende Berichte darüber gelesen, dass die ostdeutschen Banken für einen Appel und ein Ei an die westdeutschen Banken „verkloppt“ worden sind? Der Chefredakteur des Tagesspiegel hatte davon berichtet – außer der Resonanz auf den NachDenkSeiten fast keine sonstige Resonanz.
  • Haben Sie irgendwo eine kritische Auseinandersetzung mit der Deregulierungspolitik von Rot-Grün und von Schwarz-Rot auf den Finanzmärkten in der Zeit vor Ausbruch der Finanzkrise gelesen?
  • Wurde von den Medien kritisch gefragt und nachgehakt, als die große Koalition 2005 in ihrer Koalitionsvereinbarung den laschen Umgang der Finanzaufsicht mit den Finanzinstitutionen empfahl?
  • Haben Sie irgendwo etwas gelesen darüber, warum der Bund über die KfW (Kreditanstalt für Wiederaufbau) ein Aktienpaket von 34 % der Allianz AG an der maroden Industriekreditbank (IKB) übernahm? Und dann auch noch von der Münchner Rück? Was waren die Hintergründe dieser Deals?
  • Usw. und sofort. Die Fragen ließen sich in der Tat mehren. Die Antworten fehlen.

Beispiel 7: Die Missachtung des gelungenen Versuchs, den Konflikt zwischen West und Ost mit dem Erfolg der Versöhnungspolitik der sechziger, siebziger und achtziger Jahre zu beenden.

Die Medien haben nicht auf den Genuss der „Friedensdividende“ gepocht. Sie sind den geopolitischen Spielereien US-amerikanischer Regierungsberater hinterher gelaufen und mehrheitlich dem üblich gewordenen Russland-Bashing gefolgt.

Beispiel 8: Der Rückfall in die Grabenkämpfe des kalten Krieges der Fünfzigerjahre einschließlich des Aufbaus von Feindbildern, oft in Analogie zur Agitation der Nazis und der Rechtskonservativen in der Weimarer Zeit.

Beispiel 9: Bomben auf Restjugoslawien wegen des Kosovo-Konflikts

Die Beteiligung der Bundeswehr an den Bombenangriffen auf Restjugoslawien, insbesondere auf Serbien ist von den Medien äußerst oberflächlich und ganz im Sinne der öffentlich ausgegebenen Parolen begleitet worden. Die Medien hingen an den Lippen des NATO Sprechers Shea und des deutschen Verteidigungsministers Rudolf Scharping.

Die Entwicklung des Konfliktes wurde auch nicht annähernd kritisch analysiert. Die Mehrheits-Medien haben nicht mitbekommen wollen, dass die Verhandlungen in Rambouillet nicht ernsthaft geführt worden sind, dass schon vorher fest lag, dass die Beteiligung Deutschlands an einem Militäreinsatz außerhalb des NATO-Bereichs bei dieser Gelegenheit durchgesetzt und eingeübt werden sollte. Sie haben ein bisschen aber nicht ausführlich genug ans Licht geholt, dass der deutsche Bundeskanzler und sein Außenminister noch vor ihrer Ernennung in den USA auf diesen Krieg festgelegt worden waren. Die Medien haben die enge Verknüpfung zwischen dem deutschen Außenminister Joschka Fischer und seiner amerikanischen Kollegin Albright nicht hinterfragt.

Beispiel 10: Das Schweigen darüber, wie unser Land in die Kriege der USA von Anfang an einbezogen war und ist.

Von deutschem Boden aus werden Luftangriffe geflogen – auch bei Kriegen wie den beiden Irakkriegen, an denen Deutschland angeblich nicht beteiligt war; von Ramstein aus werden Drohneneinsätze in weiten Teilen Europas, Asiens und Afrikas gesteuert: in Deutschland wird das größte Militärhospital der USA außerhalb ihres Landes gebaut – Fertigstellung im Jahr 2022. Die Beschränkung unserer Souveränität bei der Entscheidung über Krieg und Frieden ist kein großes Thema der deutschen Medien.

Das waren einige Beispiele von sehr vielen möglichen anderen Belegen für das Versagen der Mehrheitsmedien. Diese sollten sich angesichts dieser Bilanz nicht darüber wundern, dass vermutlich, wie oft registriert wird, ein wachsender Teil der Menschen unseren Medien nicht mehr traut.

Die Glaubwürdigkeit der Mehrheitsmedien ist nicht groß. Angesichts ihres Versagens bei wichtigen unsere Gesellschaft betreffenden Fragen bleibt jenen, die an einer demokratischen, aufgeklärten Debatte und an guten politischen Entscheidungen interessiert sind, gar nichts anderes übrig, als die Glaubwürdigkeit weiter zu erschüttern. Wie sonst sollte man sich gegen die Herrschaft des großen Stroms der Meinungsmacher wehren?

Wir Macher der NachDenkSeiten verweisen täglich auf deutsche Medien, wir loben sie, wenn es angebracht ist. Und wir kritisieren sie, was leider des Öfteren der Fall sein muss. Wir erleben seit nunmehr elf Jahren, wie schnell deutsche Medien beleidigt sind, wenn man sie kritisiert. Dass wir bewusst und offen mit der Ankündigung angetreten sind, eine Gegenöffentlichkeit aufbauen zu wollen, irritiert viele Medienschaffende und ihre Arbeitgeber über die Maßen. RT Deutsch erlebt jetzt Ähnliches. Man kann über die Qualität dieses neuen, von Russland finanzierten Senders streiten. Aber dass Russland versucht, angesichts der Feindseligkeit vieler deutscher Medien eine Lücke zu schließen und dazu eine Art Gegenöffentlichkeit aufbauen will, ist verständlich. Darauf gleich und ohne ein bisschen abzuwarten und dann zu prüfen mit der großen Keule drauf zu schlagen, zeugt von der Bunkermentalität der herrschenden Medien in Deutschland. Sie sind eine verschworene Gemeinschaft, wenn sie mit Kritik konfrontiert werden.

Was bleibt uns Machern der NachDenkSeiten, wenn wir eine Gegenöffentlichkeit aufbauen wollen, eigentlich anderes übrig, als die Glaubwürdigkeit der dominanten Medien zu hinterfragen? Wir haben nicht die Macht, das Geld und die Auflage der Bild-Zeitung und des gesamten Springerkonzerns, oder der FAZ, oder der Zeit oder von Spiegel und Spiegel Online; wir haben nicht die Einschaltquoten von ZDF, ARD und den kommerziellen Sendern, die uns täglich mit Fehlinformationen und bewussten Manipulationen erschlagen.

Gegen 1000 Impulse von Manipulation und Fehlinformation kommt man nur dann an, wenn man die Glaubwürdigkeit der Absender der Unwahrheit fundiert infrage stellt. Das tun wir nunmehr seit elf Jahren, seit dem 30.11.2003; wir haben in dieser Zeit viele Sympathisanten gewonnen, viele, die uns dafür dankbar sind, dass wir hinter die Kulissen leuchten.

Gelegentlich hatte ich bei dieser Arbeit gedacht, es müsste doch auch im Interesse von Medienschaffenden der Hauptmedien liegen, wenn es ein solch kritisches Portal gibt, sie würden uns deshalb mit einer Grundsympathie begegnen und über den politischen Blog NachDenkSeiten berichten oder Features schreiben oder senden. Nichts davon. Wir werden als lästige Konkurrenz betrachtet und berichtet wird nahezu nichts über diesen auch für Zeitungsleser oder Fernsehzuschauer interessanten Blog.

Die sehr weitgehende mediale Blockade ist nicht schlimm. Damit können wir leben, wenn Sie, als unsere Leserinnen und Leser helfen, die Information über die Existenz der NachDenkSeiten und den täglichen Service für unsere Leserinnen und Leser weiter zu tragen.

Anlage
Beispiele für die Reaktion unserer Medien auf das Erscheinen von RT Deutsch:

  • Kreml startet Propaganda-Offensive in Deutschland vom 22.08.2014
    Quelle: Die Welt
  • Gegenläufig – Kreml-Sender auf Deutsch vom 11.11.2014
    Quelle: NDR.de
  • Sie ist Putins schönes Gesicht für Deutschland vom 14.11.2014
    Quelle: tz
  • Sie ist Putins schönes Gesicht für Deutschland vom 14.11.2014
    Quelle: merkur-online.de
  • „Dahinter steht ja der Kreml“ vom 15.11.2014
    Quelle: Deutschlandfunk
  • Russlands deutschsprachiger Propaganda-Sender vom 18.11.2014
    Quelle: OBV online
  • Mit dem kunterbunten Holzhammer vom 18.11.2014
    Quelle: Frankfurter Allgemeine
  • Das hat uns gerade noch gefehlt vom 19.11.2014
    Quelle: Zeit Online
  • Die Lügen von Russlands neuem deutschen Propagandasender RT vom 19.11.2014
    Quelle: The Huffington Post
  • Wladimir Putins zweifelhafte Zeugen vom 20.11.2014
    Quelle: Stuttgarter-Zeitung.de
  • Mein Auftritt bei Putins Propagandasender vom 20.11.2014
    Quelle: Frankfurter Allgemeine
  • Der Propaganda-Sender des Kremls in Deutschland vom 21.11.2014
    Quelle: Handelsblatt
  • Das neue Wettrüsten vom 21.11.2014
    Quelle: Süddeutsche.de
  • RT Deutsch vom 22.11.2014
    „Wer zum Putin-Versteher werden will, sollte sich unbedingt RT Deutsch anschauen. Der Zweck des neuen Senders ist es, die Politik des russischen Staatspräsidenten zu verteidigen.“, so lauten die ersten Sätze unter der Überschrift
    Quelle: Die Presse.com
  • Audio: Topic: Der russische Sender RT deutsch vom 22.11.2014
    Quelle: ARD Mediathek
nach oben

Die NachDenkSeiten sind für eine kritische Meinungsbildung wichtig, das sagen uns sehr, sehr viele - aber sie kosten auch Geld und deshalb bitten wir Sie, liebe LeserInnen, um Ihre Unterstützung.
Herzlichen Dank!

Online spenden
Fördermitglied werden

Vorheriger Beitrag:

Nächster Beitrag: