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5. Dezember 2016
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Zur Kontinuität amerikanischer Interventionen

Veröffentlicht in: Außen- und Sicherheitspolitik, Militäreinsätze/Kriege, Rezensionen

Amerikakritik ist en vogue. Spätestens seit dem Irakkrieg 2003 und noch mehr seit den Enthüllungen über Folterprogramme und NSA-Überwachung ist sie in Deutschland mehrheitsfähig geworden. Die Ablehnung solcher Exzesse ist weitgehender Konsens in der Bevölkerung – und der damit einhergehende Imageschaden für die USA längst viel mehr als ein PR-Problem. Von Paul Schreyer [*]

Auf der anderen Seite erscheint es kaum überraschend, wenn mancher Beobachter angesichts immer neuer Enthüllungen über Missetaten und Rechtsbrüche der USA mittlerweile genervt abwinkt. Ist es nicht selbstgerecht, so hört man, immer nur mit dem Finger auf Washington zu weisen? Sind die machtpolitischen Bestrebungen Putins nicht mindestens ebenso verwerflich? Fallen die Verdienste der USA bei all dem nicht unter den Tisch?

In dieser Situation und Stimmungslage ist nun ein Buch erschienen, das solchen Gedanken mit nüchternen Fakten entgegentritt – so sachlich und unpolemisch, dass ein Hinweis darauf angemessen erscheint, damit das Werk nicht lediglich mit einem Schulterzucken zur Kenntnis genommen wird, sondern mit einem dem Buch zu wünschenden neugierigen Interesse.

Denn Armin Wertz, ehemals Autor für Spiegel und Stern, hat mit „Die Weltbeherrscher“ ein Lexikon amerikanischer Auslandseinsätze vorgelegt, dass neben seiner Nüchternheit allein schon durch seinen Umfang beeindruckt. In kurzen Abschnitten schildert er in chronologischer Reihenfolge hunderte (!) militärische und geheimdienstliche Operationen der USA im Ausland, die mal mehr, mal weniger verdeckt, die Politik in den jeweiligen Staaten in die gewünschte Richtung lenken sollten. Die Palette reicht von der direkten bewaffneten Intervention über den unterstützten Staatsstreich bis zu geheimen Finanzierungen und Nötigungen jeder Art. Im Zeitraum von 1794 bis 2014 wird so gut wie jede derartige Operation der USA mit kompakten Angaben gewürdigt.

Überraschend dabei für den historisch durchschnittlich informierten Leser: die Fülle der US-Auslandsinterventionen bereits im 19. Jahrhundert. Über 150 Operationen listet das Buch allein für diesen Zeitraum akribisch auf. Die ersten Einträge betreffen noch Indianerland (Ohio 1794) oder spanisches Territorium auf dem Gebiet der heutigen USA (Florida 1795, Texas 1801). Doch zur gleichen Zeit erstreckt sich amerikanisches Interesse eben auch schon weit nach Übersee. So nahmen US-Fregatten bereits 1805 Tripolis im heutigen Libyen unter Beschuss, nachdem man sich mit dem dortigen Pascha nicht handelseinig wurde.

Überhaupt bekommt der Leser eine Ahnung von den tiefen historischen Wurzeln einiger der heutigen Konfliktherde. Eher kursorisch behandelt, aber doch einen wichtigen Denkanstoß liefernd, verweist Wertz etwa auf den weithin vergessenen Krieg der westlichen Alliierten gegen die junge Sowjetunion von 1918 bis 1922. So heißt es dazu:

„Plötzlich sahen die Alliierten die Möglichkeit, die kommunistische Herrschaft in Russland zu beseitigen, ehe sie sich festigen konnte. Im Juli 1918 landeten zwei japanische Divisionen (30.000 bis 40.000 Mann), 7.000 Amerikaner, zwei britische Bataillone, 3.000 Franzosen und Italiener in Wladiwostok (…). Zur selben bekämpften Polen, Litauen, Lettland und Estland die sowjetische Regierung an der westrussischen Front und drangen bis Kiew vor. Zugleich hatten sich in Murmansk und Archangelsk 12.000 Mann britischer, verbündeter und 5.000 amerikanischer Truppen verschanzt. (…) Als die Niederlage der Alliierten und der weißrussischen Armee gegen Ende des Jahres 1919 nicht mehr aufzuhalten war, versetzte die New York Times ihre Leser in Angst und Schrecken mit Schlagzeilen wie ‚Rote wollen Krieg mit Amerika‘ (…) Die USA erkannten die UdSSR erst 1933 diplomatisch an.“

Weit entfernt von platten Gleichsetzungen mit der Gegenwart kann man den derzeitigen Konflikt mit Russland vor diesem Hintergrund zumindest als Teil einer hundertjährigen „Traditionslinie“ begreifen – was ja an sich schon ein Erkenntnisgewinn wäre.

Weitere spannende Vorgeschichten finden sich etwa im Falle Syriens, das 1946 unabhängig geworden war, und wo die USA unmittelbar darauf, im Zusammenhang mit geplanten Pipelines, massiv verdeckt eingriffen und 1949 den ersten Staatsstreich förderten, der, so Wertz, „dauerhafte Folgen für das Land haben, die demokratischen Ansätze zerstören und zu zunehmend gewaltsameren Militärrevolten führen“ sollte. Die parallelen Vorgänge im Iran 1953 und im Irak 1958 sind bekannter.

Das Muster dieser gewaltsamen Einflussnahme, das sich in verstörender Kontinuität bis in die Gegenwart zieht – und sich seit 2001 noch einmal intensiviert hat – zeigt sehr klar, dass es sich bei den USA um ein Imperium handelt, dessen Beurteilung hierzulande (trotz der eingangs erwähnten lebendigen aktuellen Kritik) immer noch daran krankt, dass (West-)Deutschland 1945 eben selbst von den USA und ihren Alliierten besetzt wurde und seither vor allem kulturell und im Denken stark von diesem Land geprägt ist.

Spätestens nach der Lektüre wird aber klar, dass die Führer der USA ihre Außenpolitik nie anders als imperial begriffen haben. Wertz zitiert zu Beginn seines Buches George F. Kennan, einen der Vordenker des Kalten Krieges, der 1948 als Chef des Planungsstabes im US-Außenministerium meinte:

„Wir sollten aufhören von (…) unrealistischen Zielen wie Menschenrechten, Anhebung von Lebensstandards und Demokratisierung zu reden. Der Tag ist nicht mehr fern, an dem unser Handeln von nüchternem Machtdenken geleitet sein muss. Je weniger wir dann von idealistischen Parolen behindert werden, desto besser.“

Solche Überzeugungen fanden und finden sich natürlich auch im Umkreis der Eliten anderer Länder. Allerdings offenbaren die Fülle und Routine der amerikanischen Aktionen doch eine Art Alleinstellungsmerkmal der USA. Lohnend wäre es, zu analysieren, welche ökonomischen oder womöglich auch kulturellen Wurzeln die zweifelsfrei dokumentierte besondere Aggressivität der US-Politik bedingen. Dies wäre dann gerade kein „Antiamerikanismus“ sondern simple Forschung zum Verständnis einer bedrückenden Realität.

Eines der Verdienste des Buches von Armin Wertz besteht daher fraglos darin, diese Realität als solche kenntlich zu machen und einen rationalen und sachlichen Blick auf die Fakten amerikanischer Außenpolitik der letzten 200 Jahre zu ermöglichen – abseits von Verteufelung, aber auch ohne Beschönigung.

Armin Wertz, „Die Weltbeherrscher. Militärische und geheimdienstliche Operationen der USA“, Westend Verlag, 400 Seiten, 24,99 Euro


[«*] Paul Schreyer, Jahrgang 1977, ist Autor und freier Journalist, unter anderem für das Magazin Telepolis. Seine Rechercheschwerpunkte sind Sicherheitspolitik (mehrere Bücher zu 9/11), sowie zuletzt der Ukrainekonflikt (Buchveröffentlichung „Wir sind die Guten“) und Fragen des Finanzsystems.

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