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Journalismus der schlimmsten Sorte – Glenn Greenwald analysiert den Snowden-Bericht der Sunday Times (deutsche Übersetzung)

Veröffentlicht in: Kampagnen / Tarnworte / Neusprech, Medienkritik, Strategien der Meinungsmache

Wir hatten bereits in den Hinweisen des Tages darauf aufmerksam gemacht, wie aktuell in den Medien angefangen von Sunday Times über Bild bis zu FAZ und Tagesschau ein neuer Anlauf genommen wird, Edward Snowden zu diskreditieren. Warum das ausgerechnet jetzt geschieht und was von den Anschuldigungen zu halten ist, dazu hat Glenn Greenwald in einem Beitrag auf „The Intercept“ Stellung genommen. Carsten Weikamp hat den Artikel für uns aus dem Englischen übersetzt. Albrecht Müller.

Vor der Wiedergabe des übersetzten Textes noch eine Anmerkung: die Falschmeldung der Sunday Times ist in vielen Medien kritiklos wiedergegeben worden. Das ist damit der weitere Fall nach der gleichen Erfahrung mit der angeblichen Information, die Satellitenaufnahmen der Russen zum Absturz der MH 17 seien manipuliert worden. Und jetzt der Text von Greenwald:

Wir haben bereits in den Hinweisen des Tages vom 16. Juni auf den Text von Glenn Greenwald aufmerksam gemacht.
Greenwalds Artikel im Original ist hier nachzulesen und die Übersetzung als PDF finden sie hier [PDF – 115 KB].

Die Snowden-Story der Sunday Times ist Journalismus von der schlimmsten Sorte – und voll mit Unwahrheiten
von Glenn Greenwald, 14.06.2015

(Aktualisierung unten)

Westliche Journalisten reklamieren für sich, dass sie eine große Lektion aus der Schlüsselrolle gelernt haben, die sie dabei gespielt hatten, der Öffentlichkeit den Irak-Krieg zu verkaufen: Dass es scheußlicher, korrupter und oft gefährlicher Journalismus ist, wenn man Regierungsbeamten Anonymität zugesteht für ihre Propaganda zur Beeinflussung der Öffentlichkeit und die anonym geäußerten Behauptungen dann unkritisch als Wahrheit annimmt. Aber sie haben diese Lektion nicht gelernt. Diese Methode ist noch immer der Standard, wie große US- und britische Medien „berichten“, insbesondere im Thema nationale Sicherheit. Und Journalisten, die solche Berichte lesen, halten diese eigennützigen Verlautbarungen ungenannter und unsichtbarer Beamter – weißgewaschen durch deren Medien – noch immer für das Evangelium, egal wie zweifelhaft die Behauptungen sind oder tatsächlich falsch die Berichterstattung ist.

Jetzt haben wir wieder eines der reinsten Beispiele dieser Dynamik. Gestern abend veröffentlichte die zum Murdoch-Imperium gehörende Sunday Times ihren Titelseiten-Sonntags-Leitartikel mit der Überschrift „Britische Agenten an Russen und Chinesen verraten“. Just in dem Moment, da die Meinung in den konventionellen Medien sich unter dem Eindruck eines wichtigen Gerichtsurteils und eines neuen Überwachungsgesetzes zugunsten von Snowden zu verschieben begann, behauptet der Artikel (hinter einer Paywall) im ersten Absatz, dass diese beiden Gegner „den streng geheimen Speicher von Dateien geknackt haben, die der flüchtige US-Whistleblower Edward Snowden gestohlen hat, weswegen der MI6 nach Angaben hochrangiger Offizieller von Downing Street, Innenministerium und Sicherheitsdiensten gezwungen sei, Agenten aus Live-Operationen in feindlichen Ländern abzuziehen.“ Weiter heißt es:

Westliche Nachrichtendienste geben an, dass sie sich zu diesen Rettungsoperationen gezwungen sahen, nachdem Moskau Zugang zu mehr als 1 Mio. geheimer Dokumente erlangt habe, die in den Händen des früheren Auftragnehmers amerikanischer Sicherheitsdienste liegen, welcher unter den Schutz des russischen Präsidenten Wladimir Putin geflohen ist, nachdem er eines der größten Leaks in der Geschichte der USA eingefädelt hatte.

Hochrangige Regierungsquellen haben bestätigt, dass China auch die verschlüsselten Dokumente geknackt habe, die Details geheimer nachrichtendienstlicher Methoden enthalten und Informationen, die es ermöglichen, britische und amerikanische Spione zu enttarnen.

Ein hochrangiger Beamter des Innenministeriums beschuldigt Snowden, „Blut an den Händen“ zu haben, obwohl es aus der Downing Street heißt, es gebe „keine Hinweise, dass irgend jemand geschädigt wurde“.

Abgesehen von den schweren, nach Widerruf schreienden Lügenmärchen, auf denen dieser Artikel basiert – dazu gleich mehr – ist der ganze Bericht ein einziger selbstverleugnender Witz. Er liest sich wie eine Parodie, die ich kurz aufrühren will, um das Grundübel des westlichen Journalismus zu illustrieren.

Außer, er hätte sich ein besonders saftiges Steak gebraten: Wie soll Snowden „Blut an den Händen“ haben, wenn es „keine Hinweise, dass irgend jemand geschädigt wurde“ gibt? Ein Beobachter hat die Anweisung der Regierung, die diese Sunday Times Journalisten offenbar befolgt haben, gestern abend folgendermaßen beschrieben: „Es gibt keine Hinweise, dass jemand geschädigt wurde, aber wir hätten den Ausdruck ‚Blut an seinen Händen‘ gerne irgendwo in dem Artikel drin“.

Der ganze Artikel tut buchstäblich nichts anderes als anonyme britische Offizielle zu zitieren. Er verleiht banalen, aber aufrührerischen Anschuldigungen eine Stimme, die über jeden Whistleblower von Daniel Ellsberg bis Chelsea Manning gemacht werden. Er bietet null Indizien oder Bestätigungen für auch nur eine einzige seiner Thesen. Die „Journalisten“, die ihn geschrieben haben, hinterfragen weder auch nur eine der offiziellen Verlautbarungen noch zitieren sie irgendjemanden, der sie bestreitet. Es ist pure Stenografie der schlimmsten Art: Ein paar Regierungsbeamte haben uns diese aufrührerischen Thesen ins Ohr geflüstert und uns gesagt, dass wir das drucken sollen, aber nicht offenlegen, wer sie sind, und wir gehorchen. Brandaktuell!

Stephen Colbert hat genau diese Symptomatik mit unübertrefflicher Präzision in seiner 2006 White House Correspondents Speech charakterisiert, als er sich über den Amerikanischen Journalismus im Beisein derer lustig machte, die ihn praktizieren:

Aber, hören Sie, schauen wir die Regeln noch einmal an. Es geht so: Der Präsident trifft Entscheidungen. Er ist der Entscheider. Der Pressesprecher gibt diese Entscheidungen bekannt, und Sie, die Presseleute, tippen diese Entscheidungen ein. Entscheiden, bekanntgeben, eintippen. Nur kurz durch die Rechtschreibprüfung und Feierabend. Wieder mehr Zeit mit der Familie verbringen. Mit Ihrer Frau ins Bett gehen. Den Roman schreiben, den Sie schon lange im Kopf haben. Den über den unerschrockenen Reporter aus Washington mit dem Mut, der Regierung entgegenzutreten – Fiktion eben!

Der Sunday Times Artikel ist noch schlimmer, weil er die Offiziellen, denen er dient, mit Anonymität schützt. Das Schöne an dieser Methode ist, dass man gegen die Anschuldigungen nicht angehen kann. Die offiziellen Ankläger verstecken sich hinter den Journalisten, man kann also niemanden zur Rede stellen oder zur Rechenschaft ziehen, wenn sich die Anschuldigungen als falsch herausstellen. Die Indizien können nicht analysiert oder auseinandergenommen werden, weil es buchstäblich keine gibt: Sie machen die Anschuldigungen nur, und weil sie Staatsbeamte sind, veröffentlichen ihre Mediendiener sie ohne jedes Indiz. Und es gilt wie immer: Es gibt keinen Weg, das Gegenteil zu beweisen. Es ist, wie von einem Geist mit einer Substanz beschmiert zu werden, die man nicht greifen kann.

Das ist das genaue Gegenteil von Journalismus. Überlegen Sie mal, wie dumm jemand sein muss, eine anonyme Anschuldigung der Regierung zu lesen, für die es keine Indizien gibt, und sie als richtig anzunehmen.

Aber es funktioniert. Weit und breit haben andere Nachrichtenagenturen die Behauptungen der Sunday Times gedankenlos wiederholt. Ich habe gestern abend beobachtet, wie amerikanische und britische Journalisten aller Art auf Twitter auf den Bericht reagiert haben: Es wurde nichts in Frage gestellt. Im Gegenteil: Sie nahmen ihn sofort als richtig und verbrachten dann Stunden damit, in düsteren, ernsten Diskussionen die geopolitischen Implikationen zu erörtern, wie das passieren konnte, was es für Snowden bedeutet usw. Hier die Formel, die ihre Hirne formt: anonyme eigennützige Behauptungen der Regierung = Wahrheit.

Per Definition glauben Autoritaristen reflexartig offizielle Verlautbarungen – egal wie dubios oder offensichtlich eigennützig, und selbst wenn sie aus dem Versteck der Anonymität heraus getätigt werden – so funktioniert die Unterordnung. Journalisten, die diese Art primitiver Berichterstattung praktizieren – Ich drucke kritiklos, was Regierungsbeamte mir erzählen, und ich gebe ihnen Anonymität, so dass sie keine Rechenschaftspflicht dafür haben – tun dies aus einem ähnlichen Autoritarismus oder einem übersteigerten Nationalismus oder Faulheit oder Karrierismus. Was auch immer die Motive sein mögen, das Ergebnis ist dasselbe: Regierungsbeamte wissen, dass sie jederzeit Propaganda machen können, weil unterwürfige Journalisten ihnen Anonymität ermöglichen und unkritisch ihre Behauptungen übernehmen und verbreiten werden.

An dieser Stelle wird es schwer, den logischen Schluss zu vermeiden, dass die Journalisten es genau so wollen. Es kann nicht sein, dass sie es nicht besser wissen. Genau die Art von Anschuldigungen, die heute wieder in der Sunday Times vorgebracht wurden, werden jedes Mal gemacht (und dann widerlegt), wenn jemand wenig schmeichelhafte Informationen über Regierungsbeamte durchsickern lässt.

In den frühen 1970ern hatten Beamten Nixons wie z. B. John Ehrlichman und Henry Kissinger Anschuldigungen in den US-Medien gestreut, dass Daniel Ellsberg heimlich die Pentagon-Papiere und andere Schlüsseldokumente an die Sowjetunion weitergegeben habe; heute weiß jeder, dass das eine Lüge war, aber damals haben amerikanische Journalisten das beständig wiederholt und so geholfen, Ellsberg zu verleumden. Deshalb hat Ellsberg auch Snowden und Chelsea Manning von Anfang an konstant verteidigt: weil dieselben Methoden angewendet wurden, um ihn zu verleumden.

Dasselbe passierte mit Chelsea Manning. Als WikiLeaks erstmals begann, die Protokolle des Afghanistan-Kriegs zu veröffentlichen, schrien US-Offizielle, sie hätten – und jetzt alle – „Blut an den Händen“. Als sich aber einige Journalisten entschieden, zu hinterfragen statt die offiziellen Anschuldigungen gedankenlos zu wiederholen (d. h. sich entschieden, journalistisch zu arbeiten), fanden sie heraus, dass das eine Erfindung war.

Unter der Überschrift „US-Beamte geben insgeheim zu, dass der WikiLeaks-Schaden begrenzt ist“ schrieb Mark Hosenball von Reuters, dass „interne US-Regierungsuntersuchungen herausgefunden haben, dass das massenhafte Durchsickern diplomatischer Notizen nur begrenzten Schaden für die Interessen der USA im Ausland habe, trotz der gegenteiligen offiziellen Verlautbarungen der Regierung Obama in der Öffentlichkeit“.

Ein AP-Bericht mit dem Titel „AP-Überprüfung ergibt: keine Bedrohung für WikiLeaks-Quellen“erklärt, dass „eine Associated Press-Überprüfung jener Quellen Zweifel entstehen lässt am Ausmaß der Gefahr, die die WikiLeaks-Enthüllungen darstellen, und an den wütenden Behauptungen der Regierung Obama seit mehr als einem Jahr, dass die Aufdeckungen lebensbedrohlich seien“. Bereits Monate zuvor hatte Nancy Youssef von McClatchy einen Artikel geschrieben mit der Überschrift „Beamte könnten die Gefahren von WikiLeaks überbewerten“, und sie stellte darin fest, dass „trotz ähnlicher Warnungen im Vorfeld zweier massiver Veröffentlichungen von geheimen Berichten der US-Nachrichtendienste durch die Webseite die US-Offiziellen bisher keine Hinweise darauf haben, dass die Dokumente zum Tod von irgendjemand geführt haben“.

Hier haben wir nur ganz genau dasselbe. Da gibt es eine anonym geäußerte Behauptung, dass Russland und China Snowdens „streng geheimen Dokumentenspeicher geknackt“ hätten, aber es gibt buchstäblich null Indizien für diese Behauptung. Diese verdeckten Beamten geben auch an, dass amerikanische und britische Spione enttarnt wurden und gerettet werden mussten, aber nicht ein einziger wird namentlich genannt. Es gibt Spekulationen darüber, dass Russland und China etwas gelernt haben könnten aus den erhaltenen Snowden-Dokumenten, aber wie können diese Beamten sich da überhaupt sicher sein, insbesondere da andere Regierungsbeamte andauernd von beiden Ländern behaupten, dass sie erfolgreich sensible Regierungsdatenbanken hackten?

Wer würde indizienlose Anschuldigungen dieser Art von anonymen Regierungsbeamten – gemacht, um die ihnen verhassten Whistleblower zu verleumden – lesen und ihnen Glauben schenken? Das ist eine besonders spannende Frage angesichts der Tatsache, dass Jason Leopold von Vice gerade letzte Woche zuvor geheime Dokumente erhalten und veröffentlicht hat, aus denen hervorgeht, dass es in Washington eine koordinierte Verleumdungskampagne gibt mit dem Ziel, Snowden schlechtzumachen. Er beschreibt die Dokumente wie folgt: „Eine parteiübergreifende Gruppe Washingtoner Abgeordneter hat bei Pentagon-Mitarbeitern um Details gebeten, die sie verwenden können, um die ‚Glaubwürdigkeit‘ des früheren NSA-Auftragnehmers Edward Snowden ‚in der Presse und in der öffentlichen Meinung zu beschädigen.'“

Offenkundig ist also der „Journalismus“ dieses Sunday Times Artikels so schäbig und unglaubwürdig wie es nur geht. Schlimmer, seine Hauptanschuldigungen beruhen auf Lügen, die Gegendarstellungen erforderlich machen.

Die Ankläger der Regierung hinter der Geschichte müssen ein großes Hindernis überwinden: nämlich, dass Snowden unmissverständlich gesagt hat, dass er, als er Hongkong verließ, keine Dateien bei sich hatte. Er hatte sie den Journalisten gegeben, mit denen er zusammengearbeitet hat, und dann seine Kopie so zerstört, dass sie auf Reisen keine Gefahr sein würde. Wie könnte Russland also Snowdens Dateien bekommen haben, wie die Geschichte behauptet – „seine Dokumente waren verschlüsselt, aber sie waren nicht absolut sicher“ – wenn er nicht einmal physisch in Besitz davon war?

Diese Verleumdung funktioniert nur, wenn man behauptet, dass Snowden gelogen habe, dass er in Wirklichkeit Dokumente bei sich hatte, nachdem er Hongkong verließ. Die Sunday Times Journalisten haben deswegen einen Abschnitt eingefügt, der beweisen soll, dass Snowden gelogen habe, dass er im Besitz von Dateien war, als er bereits in Moskau lebte:

Es ist unklar, ob Russland und China Snowdens Daten gestohlen haben oder ob er seine geheimen Dokumente freiwillig übergeben hat, um in Hongkong und Moskau in Freiheit zu bleiben.

David Miranda, der Freund [‚boyfriend‘] des Guardian-Journalisten Glenn Greenwald, war, als er 2013 in Heathrow festgenommen wurde, im Besitz von 58.000 „streng geheimen“ Nachrichtendienst-Dokumenten, nachdem er Snowden in Moskau besucht hatte.

Wo ist das Problem bei dieser Passage der Sunday Times? Es ist eine unverfrorene Lüge. David hat Snowden nicht in Moskau besucht, bevor er verhaftet wurde. Zu dem Zeitpunkt, als er in Heathrow verhaftet wurde, war David noch nie in Moskau gewesen und hatte Snowden noch nie getroffen. Die einzige Stadt, in der David bei der Reise vor seiner Festnahme gewesen war, ist Berlin, wo er im Apartment von Laura Poitras gewohnt hatte.

Die Sunday Times „Journalisten“ haben eine glatte Lügengeschichte gedruckt, um ihr Schlüsselargument zu stützen: dass Snowden in Moskau Dateien bei sich hatte. Das ist der einzige Fakt in ihrer Geschichte, der nahelegt, dass Snowden Dateien bei sich hatte, als er Hongkong verließ, und der ist nachweisbar komplett falsch (und nur nebenbei: Wir sind im Jahr 2015, nicht 1971. Homosexuelle Männer in einer 10 Jahre bestehenden ehelichen Beziehung mit dem herabsetzenden Wort „Freund“ [boyfriend] zu bezeichnen, ist schlicht widerlich).

Dann ist da die Sunday Times Behauptung, „Snowden, ein früherer Auftragnehmer beim CIA und der National Security Agency (NSA), habe im Jahr 2013 1,7 Mio. Dokumente von westlichen Nachrichtendiensten heruntergeladen.“. Selbst die NSA sagt, dass das eine Lüge ist. Die NSA hat wiederholt gesagt, dass sie keine Ahnung hat, wie viele Dokumente Snowden heruntergeladen habe, und dass man es nicht herausfinden könne. Wie die NSA selbst zugibt, ist 1,7 Millionen nicht die Zahl von Dokumenten, die die NSA angibt, dass Snowden sie heruntergeladen habe – sie geben zu, dass sie die Zahl nicht kennen und nicht kennen können – sondern lediglich die Zahl von Dokumenten, mit denen er in den Jahren seiner Arbeit bei der NSA in Kontakt gekommen war. Der damalige NSA-Chef Keith Alexander hat es 2014 in einem Interview mit dem Australian Financial Review wie folgt exakt erklärt:

AFR: Können Sie die Anzahl von Dokumenten quantifizieren, die [Snowden] gestohlen hat?

Gen. Alexander: Nun, ich glaube nicht, dass irgendjemand wirklich weiß, was er tatsächlich mitgenommen hat, weil wir es auf die Art und Weise, wie er es getan hat, nicht exakt zählen können. Was wir genau bestimmen können, ist, was er angefasst hat, was er heruntergeladen haben könnte, und das waren mehr als eine Million Dokumente.

Wiederholen wir es noch einmal: „Ich glaube nicht, dass irgendjemand wirklich weiß, was er tatsächlich mitgenommen hat, weil wir es auf die Art und Weise, wie er es getan hat, nicht exakt zählen können.“ Dennoch hat jemand den Sunday Times Reportern zugeflüstert, dass Snowden 1,7 Mio. Dokumente heruntergeladen hat, und diese Lügner und Propagandisten haben es gedankenlos als Tatsache gedruckt. So ist der ganze Artikel.

Dann kommt die Behauptung, dass die russische und die chinesische Regierung die Namen verdeckter Agenten erfahren haben, indem sie die Snowden-Datei geknackt haben, wodurch „MI6 gezwungen war, Agenten aus Live-Operationen in feindlichen Ländern abzuziehen“. Das scheint ziemlich klar eine Erfindung der Sunday Times zu sein, um es sensationeller zu machen, denn wenn man die tatsächlichen anonymen Zitate liest, die sie bringen, dann behaupten nicht einmal die anonymen Beamten, dass Russland und China das ganze Archiv gehackt haben, sondern nur vage Andeutungen machen, dass Russland und China „Informationen haben“.

Darüber hinaus: Wie können die verdeckten britischen Beamten überhaupt wissen, dass China und Russland die Dinge aus den Snowden-Dateien erfahren haben und nicht aus all den anderen Hacker- und Spionangeaktivitäten, die sie betreiben? Außerdem hat mein Kollege Ryan Gallagher, der seit über einem Jahr mit dem kompletten Snowden Archiv arbeitet, gestern abend betont: „Ich habe die Snowden-Dokumente angeschaut und nichts darin entdeckt, das MI6-Agenten beim Namen nennt.“ Er sagte auch: „Ich habe nichts in der Größenordnung von 1 Mio. Dokumenten im Snowden Archiv gesehen, ich weiß also nicht, wo die Zahl herkommt.“

Zuletzt ist nichts von dem, was in der Sunday Times steht, nur im entferntesten neu. US- und UK-Regierungsbeamte und ihre Lieblingsjournalisten versuchen schon seit zwei Jahren, Snowden mit genau diesen Behauptungen zu verleumden. Im Juni 2013 bot die New York Times „zwei westlichen Nachrichtendienst-Experten, die für große Regierungs-Spionagegeheimdienste arbeiten“ Anonymität, die „sagten, dass sie glauben, dass die chinesische Regierung es geschafft habe, den Inhalt der vier Laptops abzugreifen, von denen Snowden sagt, dass er sie mit nach Hongkong gebracht habe. Der Public Editor der NYT hat das Blatt getadelt, solchen Müll zu drucken, und wie ich in meinem Buch berichtete, hat die damalige Chefredakteurin Jill Abramson gegenüber Janine Gibson vom Gaurdian geäußert, dass man das nicht hätte drucken sollen. Sie hat es „unverantwortlich“ genannt. (Und das sagt noch nichts über die kläglich dumme Vorstellung, dass Snowden – oder jeder andere heutzutage – große Mengen von Daten auf „vier Laptops“ speichere und nicht auf winzigen USB-Sticks.

Der extreme Kongressabgeordnete Mike Rogers vom rechten Flügel der Republikaner hat andauernd dasselbe getan. Einmal hat er ohne jedes Indiz verkündet, dass „Snowden mit Russland zusammenarbeitet“ – eine Behauptung, die sogar der frühere stellvertretende CIA-Direktor Michael Morell ablehnt – und sich auch dafür ausgesprochen, Snowden solle „wegen Mordes angeklagt“ werden, wegen des Verursachens unbekannter Todesfälle. Mein persönlicher Favorit in diesem Genre verwegener, verzweifelter Verleumdungen ist der Kommentar des Neokonservativen Edward Jay Epstein, den das Wall Street Journal im Mai 2014 veröffentlichte und der folgenden, noch immer amüsanten Abschnitt enthielt:

Ein früheres Mitglied der Regierung Obama ging sogar noch weiter, indem es mir im März dieses Jahres im Vertrauen erklärte, dass es nur drei Erklärungen für den Snowden-Raub gebe: 1) Es war eine russische Spionageoperation. 2) Es war eine chinesische Spionageoperation. der 3) Es war eine gemeinsame chinesisch-russische Spionageoperation.

Es muss eins davon sein, hat mir ein anonymer Offizieller gesagt! Es muss! Entweder hat Russland es getan. Oder China war es. Oder sie haben es gemeinsam getan! Das ist amerikanischer Journalismus.

Die Sunday Times hat heute nur dieselben unbewiesenen Verleumdungen recycelt, die Regierungsbeamte schon seit Jahren betreiben – nicht nur gegen Snowden, sondern gegen alle Whistleblower – und eine Prise Sensationsmache hinzugefügt und sie mit nachweislichen Lügen garniert. So funktioniert westlicher Journalismus, und es ist das Gegenteil von überraschend. Was aber überraschend ist, und grotesk, ist, wie viele Leute (einschließlich anderer Journalisten) weiter so von einer Mischung aus Dummheit und Gutgläubigkeit geplagt sind, dass sie immer wieder auf den Trick hereinfallen, wie oft er auch schon entlarvt worden ist. Wenn es anonyme Regierungsbeamte gesagt haben und Journalisten es wiederholen und dabei verdecken, wer sie sind, dann muss es wohl stimmen.

UPDATE: Die Sunday Times hat jetzt im Stillen eine zentrale, eklatante Lüge in seiner Story gelöscht: Dass David Miranda sich gerade in Moskau mit Snowden getroffen hatte, als er in Heathrow verhaftet wurde und geheime Dokumente bei sich hatte. Mit „im Stillen gelöscht“ meine ich genau das: Sie haben es einfach aus dem Artikel entfernt ohne jeden Hinweis oder Notiz an ihre Leser, dass sie das getan haben (obwohl es in der gedruckten Ausgabe weiterhin steht und also einer Richtigstellung bedarf). Das ist bezeichnend für den Standard von „Journalismus“ des Artikels selbst. Viele andere Unwahrheiten, und alle Arten schäbiger journalistischer Praktiken bleiben.

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