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Die Lüge von der Zivilisiertheit der „westlichen Welt“

Veröffentlicht in: Interviews, Militäreinsätze/Kriege, Strategien der Meinungsmache, Ungleichheit, Armut, Reichtum, Wertedebatte
Sascha Pommrenke

„Terrorismus ist der Krieg der Armen und der Krieg ist der Terrorismus der Reichen“, wusste schon Peter Ustinov und widersprach damit dem medialen Bild, „wir“, der sogenannte Westen, würden seit einigen Jahren ohne jegliche Schuld immer häufiger und schlimmer von Barbaren attackiert, gegen die es sich nunmehr zu wehren gölte. Dieser Sicht widerspricht auch der Autor und Publizist Sascha Pommrenke, der gerade ein Buch über den „Terror des Westens“ schreibt. Jens Wernicke sprach mit ihm.

Herr Pommrenke, der Bundespräsident frömmelte einmal in seiner Weihnachtsansprache: „Unsere Kultur, unsere Demokratie steht gegen Unfrieden, Hass und todbringende Gewalt“. Das ist doch schön, oder? Wir sind die Guten, bereits qua „Kultur“…

Gauck macht genau das, wofür er da ist. Er winkt und lächelt. Er ist ein Wohlfühlpräsident, der die Menschen gar nicht erst mit Wahrheiten belasten will. Seine Aufgabe ist es, den Anschein aufrecht zu erhalten, die Deutschen würden in der besten aller Welten leben. Und das gelingt ihm sehr gut.

Mit der Attitüde des predigenden Pfarrers nimmt er die Welt wahr und verkündet sie auch dementsprechend. Deshalb gibt es bei ihm auch das Gute und das Böse. Es gibt Hell und Dunkel. Für ein Staatsoberhaupt ist derlei Eindimensionalität wirklich beeindruckend.

Gefährlich wird es allerdings, wenn diese schlichte Weltsicht zur Sedierung der eigenen Bevölkerung eingesetzt und den militaristischen Interventionisten dabei das Wort geredet wird. So kämpfe das „neue Deutschland“ etwa „für die Menschenrechte“, wie Gauck verkündet. Und in diesem Kampf für das Überleben unschuldiger Menschen sei es manchmal erforderlich, so der Bundespräsident in einem Deutschlandfunk-Interview, auch zu den Waffen zu greifen. Und wer zu den Waffen greift, muss manchmal auch das eigene Leben geben, wie er im Juni 2012 bei seinem Antrittsbesuch bei der Bundeswehr kundtat.

Das ist so falsch natürlich nicht. Nur was Gauck und andere Weltmachtsapologeten dabei verschweigen, ist, dass „wir“, also Deutschland und andere westliche Verbündete, keineswegs für die Einhaltung oder den Kampf um Menschenrechte stehen. Ganz im Gegenteil. Die Menschenrechte erfüllen im Kampf um Ressourcen, Einfluss, Wohlstand und schlichtweg Herrschaft lediglich die Funktion, die Bevölkerung mittels vermeintlich edler Motive für die eigenen Absichten zu gewinnen. Sie sind für Geostrategen, Militaristen, Bellizisten und andere Machtpolitiker nur Mittel zum Zweck, sind Propaganda und Desinformation.

Die Geschichte des Westens wird uns denn auch als Erfolgsgeschichte der Demokratie, des Rechtsstaats und des Kapitalismus verkauft. Tatsächlich ist es aber ebenso eine Geschichte unzähliger Kriege und Kriegsverbrechen, von Staatsterrorismus, Folter, Ausbeutung und Vernichtung. Die „Anziehungskraft“ des Westens liege angeblich in seinen Werten, vor allem den Grund- und Menschenrechten, so das gesellschaftliche Narrativ. Tatsächlich liegt diese aber vor allem in seiner riesigen Militärmaschinerie und seiner Skrupellosigkeit beim Einsatz derselben.

Alle Menschen zu jeder Zeit und an jedem Ort unterlägen dem Schutz der Menschenrechte, behauptet man. Tatsächlich scheren sich westliche Militärs jedoch nicht im Geringsten hierum. Das mag zwar individuell vorkommen und es gibt auch Belege für solches Verhalten, vor allem aber gibt es ungezählte Millionen Tote, die der Westen weltweit zu verantworten hat, denn Kriege und Kriegsverbrechen haben mit dem Zweiten Weltkrieg ja nicht aufgehört. Ganz im Gegenteil haben die westlichen Armeen übergangslos in Indochina und Korea weitergekämpft. Diese Kriege sind es auch, die die Kriegsführung des Westens bis heute prägen: Bombenteppiche bzw. sogenannte smart bombs und Drohnen, verdeckte und hybride Kriegsführung, Todesschwadrone, Geheimdienstoperationen, Hinrichtungen und Attentate. Die sogenannten „westlichen Werte“ scheinen bei genauerer Betrachtung vor allem militärische Werte zu sein.

Wie kommt es dann, dass uns „unsere Kultur“ stets als Hort der Zivilisation und der Rest der Welt so gern als Hort der Barbarei verkauft wird? Im Moment etwa scheinen „die Muslime“ ja alle Barbaren und „wir Christen“ alle emanzipiert, aufgeklärt, feministisch und anderes zu sein…

Wir leben in einer Anscheinswelt. Wir werden erzogen mit der Vorstellung, die westliche Welt sei eine zivilisierte Welt. Und das bedeutet vor allem, dass Gewalt aus dem gesellschaftlichen Verkehr ausgeschlossen ist. Konflikte sollen ausdiskutiert werden, die besseren Argumente würden zählen und Kompromisse führten zu einem versöhnlicheren Miteinander, so zumindest die Vorstellung. Und tatsächlich gilt das ja auch in der Regel für die Bürger eines Staates untereinander, zumindest solange sie den Staat und die herrschenden Strukturen nicht infrage stellen. Auf der Ebene der zwischenstaatlichen Konflikte wird jedoch komplett anders verfahren. Die Vereinten Nationen und andere Organisationen halten hier lediglich den Anschein aufrecht, dass auch international nach friedlichen Grundsätzen verfahren würde. Tatsächlich aber leben wir seit 25 Jahren in einer Welt, die vor allem von einem Hegemon dominiert wird.

Der soziologische Klassiker Norbert Elias hatte bereits vor 30 Jahren vorm Hegemonialrausch gewarnt. Eine Hegemonialmacht, die keinen echten Gegner mehr hat, treibt demnach von Krieg zu Krieg, um ihrer vermeintlich naturgegebenen Mission nachzukommen. Und tatsächlich: Die USA und ihre Verbündeten befinden sich wahlweise in der göttlichen Mission gegen das Böse oder im geschichtlich notwendigen ewigen Kampf gegen den Terrorismus. So oder so handelt es sich um kollektive Phantasien, um Mythen. Und genau diese Mythen sind der Anschein, den Teile von Militär, Politik und Medien bewusst aufrechterhalten. George W. Bush verlieh diesem Hegemonialfieber etwa mit den Worten Ausdruck: „Es wird einen monumentalen Kampf des Guten gegen das Böse geben“ oder „Dieser Kreuzzug, dieser Krieg gegen den Terrorismus wird einige Zeit dauern“.

Bezüglich der Mythen folgen Sie sozusagen Chomsky, der von „notwendigen Illusionen“ und der Fabrikation von Konsens durch die Eliten spricht? Und auch Rainer Mausfeld hat in seinem vielbeachteten Vortrag ja ähnliches wissenschaftlich fundiert argumentiert.

Genau. Soziologie ist Mythenjagd. Und Gaucks Worte sind erschreckend nah dran an diesen nationalen Mythen, die den Realitätssinn nachhaltig lädieren. Er präsentiert sozusagen wunderbar die Elitenmär vom besseren und zivilisierteren, vom moralisch überlegenen deutschen Land.

Dazu gehört dann etwa auch die sogenannte pars-pro-toto Verzerrung: In der selbstwertdienlichen Verzerrung der Realität werden die besten Anteile der eigenen Gruppe demonstrativ hervorgehoben. Ein Mechanismus der täglich in den Medien zu beobachten ist. „Wir“ sind Exportweltmeister, „wir“ sind Papst, „wir“ sind emanzipiert, „wir“ sind aufgeklärt, „unsere“ Soldaten bohren Brunnen – was sonst? Alles das stimmt und doch ist nichts davon richtig. Die meisten Menschen sind eben nicht Papst, die Bundeswehr war nicht zum Brunnenbohren in Afghanistan und besonders aufgeklärt und emanzipiert ist Deutschland ganz sicher nicht.

Zu dieser Realitätsverzerrung gehört spiegelbildlich jene der Hervorhebung der schlechtesten Anteile des Feindes dazu. Weil es einige Beispiele krimineller Migranten und Flüchtlinge gibt, wird derlei etwa pars-pro-toto entstellt und zum Stereotyp für alle Flüchtlinge erhoben. Weil es in einigen arabischen Ländern Kriege und Bürgerkriege gibt, wird pars-pro-toto aus allen Muslimen eine Bedrohung, wird der Islam zur Gewaltreligion und werden aus Flüchtlingen Migrationswaffen.

„Wir“ und „die anderen“, Gut und Böse, Freund und Feind – hier wird also über Gruppenzugehörigkeit der Verstand vernebelt und die öffentliche Meinung manipuliert?

Das kann man so sagen. Der Sozialpsychologe Peter Brückner hatte es auf den Punkt gebracht: „Nicht zum Frieden, man muss zum Krieg planvoll erziehen“. Damit sind wir auch wieder bei den genannten „zivilisierten Bürgern“ auf der einen und „Barbaren“ auf der anderen Seite: Die Barbaren sind selbstverständlich die mordenden Islamisten. Dabei weitet Barack Obama gleichzeitig den Drohnenterror immer weiter aus. Und dass das nichts anderes als Terror ist, weiß die US-Regierung auch selbst: Der Anteil ermordeter Zivilisten ist dermaßen hoch, dass man sich genötigt sah, die Einsatzregeln zu ändern. Leider nur nicht zum Schutz von Zivilisten. Ganz im Gegenteil. Stattdessen wurde der Begriff „Militante“ einfach erweitert, sodass er mittlerweile alle „männlichen Personen im militärfähigen Alter“ umfasst, die sich in einer „Bombardierungszone“ aufhalten. So konnte letztes Jahr der Direktor der CIA John Brennan verkünden, es wäre zu keinem einzigen Kollateralschaden bei all den Drohnenmorden gekommen. Das sind der gleiche Zynismus und die gleiche Menschenverachtung, die üblicherweise Terroristen an den Tag legen, wenn sie Zivilisten zu Zielen erklären, weil diese den jeweils verhassten Staat unterstützen würden. „Unseren“ Terror macht man uns so nur wunderbar unsichtbar, und das, obwohl er um ein Vielfaches „Effektiver“ als jener der üblichen „anderen“ ist.

Korea, Vietnam, Kambodscha, Laos, Irak und Afghanistan etwa wurden mit Bombenteppichen übersät. Ob Napalm, Phosphor oder Streubomben, der Bombenterror des Westens, wie ihn Eugen Kogon treffend bezeichnet hat, kennt weder Recht noch Grenzen und am wenigsten Gnade. Soll das „zivilisiert“, soll das „nicht-barbarisch“ sein?

Würden Sie denn so weit gehen, den Spieß umzudrehen und zu meinen, dass „der Westen“ im Vergleich „der größere Barbar“ ist, seine Verbrechen nur versteckt, negiert etc. pp.?

Nein. Mir geht es nicht um Relativierungen, sondern um Relationen. Ich wüsste auch nicht, was der Gewinn davon sein sollte, den „größten Massenmörder“ zu küren. Ich messe die Verbrechen des Westens nicht an anderen Verbrechen, sondern ich messe den Westen an seinen eigenen Werten. Mir geht es darum, die Mythen zu durchbrechen, der Westen sei getrieben von Menschenrechten und das militärische Eingreifen sei nur zum Schutz der jeweiligen Bevölkerung da. Insofern würde ich den Westen nicht als den größeren Barbaren aber auch ganz sicher nicht als die Guten bezeichnen.

Das beste und gleichzeitig eklatanteste Beispiel dafür, wie unwahr dies ist, sind wohl die weltweiten Folterungen von CIA und US-Militär. Wenn unsere Medien ihrem Auftrag nachkommen würden, dann würde man sich nicht mit dem sogenannten CIA-Folterbericht einfach abspeisen lassen. So wichtig er als historisches Dokument auch sein mag, so unvollständig ist er auch. Zugleich hat die Kanzlerin die Folterungen nicht öffentlich verurteilt. Regierungssprecher Seibert verlautbarte in ihrem Namen lediglich lächerliche Allgemeinplätze, dass man Folter immer und grundsätzlich verurteile. Ja und? Obama hat für seine Worte sogar noch den Friedensnobelpreis bekommen. Nach seinen Taten beurteilt hat man ihn offenbar nicht.

Auch hat die Regierung soeben erst auf einer Bundespressekonferenz keinerlei Zusammenhang zwischen westlichen Interventionen in Afrika sowie im sogenannten Nahen Osten und den Flüchtlingsbewegungen erkennen können. Bedenkt man, dass Syrien seit 1980 das 14. islamische Land ist, das von den USA bombardiert bzw. okkupiert wurde, dann ist das schon eine frappierende Realitätsverleugnung.

Hinzu kommt, dass die Special Forces der USA in mittlerweile über 150 Ländern der Erde aktiv sind. Es gibt Tötungslisten und ein weltweites Netzwerk an US-Militär- und Drohnenbasen. Hier wird die gesamte Doppelmoral des Westens deutlich: Während der Anschein produziert wird, wir stünden für Menschenrechte, foltern unsere amerikanischen Freunde auf brutalste Weise. Damit aber nicht genug, bombardiert der Westen ein Land nach dem anderen, schickt seine Todesschwadronen einmal um die Welt, führt geheime Kriege, stürzt Regierungen, verübt Attentate und macht sich so die Welt untertan bzw. gemeindet sie seiner Machtsphäre ein.

Wir reden also von Kriegen und Kriegsverbrechen, Ausbeutung, Folter und der Idee, man sei der „Herrscher der Welt“? Aber beginnen nicht alle Staaten Kriege? Der Westen verteidigt sich oft doch nur?

Es gehört wohl zum Los der Menschen, dass sich Staaten gegenseitig bekriegen. Nein, das ist ganz gewiss keine Spezialität des Westens. Das gegenseitige Töten scheint vielmehr dispositioneller Bestandteil des Wesens menschlicher Machtkämpfe zu sein.

Beachten muss man hierbei allerdings, dass der Westen, seit man von diesem Konstrukt überhaupt sprechen kann, also nach dem Zweiten Weltkrieg, mit Ausnahme von Israel und Großbritannien, wo es um die Falklandinseln ging, niemals angegriffen worden ist. Und weder Israel noch das Vereinigte Königreich haben anschließend die Angriffsländer in Schutt und Asche gelegt.

Es ist auch und vor allem der nationalistische Machtrausch, der Militaristen in Politik, Medien und Wissenschaft davon fabulieren lässt, „die USA“ wären 2001 angegriffen worden. Der fürchterliche Terroranschlag, der in die Weltgeschichte einging, wird hier dazu instrumentalisiert, den ohnehin vorhandenen Weltmachtbestrebungen freien Lauf zu lassen: Bereits einige Tage nach den Anschlägen vom 11. September verkündete George W. Bush, dass die USA die Terroristen nun in bis zu 60 Ländern der Erde verfolgen würden. Die USA seien demnach in einen „Krieg gegen den Terror“ gezwungen worden. Und der westlichen Welt fällt daraufhin nichts anderes ein, als bedingungslose Solidarität zu geloben. Diese Solidarität galt jedoch leider nicht den Menschen, sondern der nach Vernichtung, Rache, Eroberung und Profit lüsternen US-Militärmaschinerie, die durch die Regeln des Völkerrechts nicht zu beeindrucken ist.

Beim „Krieg gegen den Terror“ geht es nicht im Geringsten um eine Verteidigung gegen Angriffe, sondern vielmehr darum, die Welt zu dominieren, wie dies die Nationale Sicherheitsstrategie der USA als Ziel auch offen formuliert. Dahinter steckt eine erschütternde Selbstwahrnehmung. Man hält sich selbst für ausersehen die Geschichte und die Geschicke des Planeten zu bestimmen. Man hält sich für das beste Land der Erde, mit den besten Menschen der Erde. Der amerikanische Exzeptionalismus und der damit verbundene Auserwähltheitsglaube sind das Charisma, das auch auf die „treuen Verbündeten“ ausstrahlt. Eine gewisse deutsche habituelle Traditionslinie ließe sich hier durchaus erkennen: Von der eigenen Höherwertigkeit einst überzeugt, schmiegt man sich nun an den großen Bruder an, in der Hoffnung endlich auf der Sonnenseite der Geschichte angekommen zu sein. Das ist der Kern dessen, was man unter den „Herren der Welt“ und ihrer Weltsicht verstehen kann.

Und es ist dieser kollektive Mythos, der es erlaubt, die Ressourcen der Erde als eigene Ressourcen zu betrachten. Ein weiterer Friedensnobelpreisträger, Henry Kissinger, hat es einmal wunderbar auf den Punkt gebracht: „Erdöl ist zu wichtig, als dass man es den Arabern überlassen könnte.“ Das gleiche gilt für alle anderen Rohstoffe ebenso. Der Wohlstand des Westens und die Lebensqualität, die sich tatsächlich auch in Lebensquantität ausdrückt, beruhen zu einem Großteil auf der Ausbeutung und Unterdrückung der restlichen Welt. Das Versprechen des Kapitalismus, dass durch Wettbewerb alles besser würde und alle Menschen davon profitierten, ist nichts anderes als eine verlogene und selbstbezogene Weltbetrachtung, die einer Überprüfung noch nie standgehalten hat, ohne dabei den Großteil der Weltbevölkerung auszublenden.

Dabei sind es nicht nur die globalen Rohstoffe, die der Westen weit überproportional verbraucht. Wir konsumieren Menschenleben. Das muss man sich in aller Deutlichkeit klar machen. Damit im Westen die Produkte günstig sind und die Profitraten hoch, werden Rohstoffe wie zum Beispiel Coltan unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen abgebaut. Die Lebenszeit der Arbeiter, darunter häufig Kinder, wird radikal verkürzt. Aber das ist uns unser neues Handy halt wert.

Und den Herren der Welt ist Mitleid mit Unpersonen ohnehin fremd. Ihnen ist es egal wenn weltweit jährlich etwa 6 Millionen Kinder wegen Mangelernährung vor ihrem fünften Geburtstag sterben. Und eine weitere Million an Malaria. Fast 3 Milliarden Menschen haben weniger als 2 Dollar am Tag zum Überleben. Alle 3,6 Sekunden verhungert ein Mensch. Man muss sich das – und vor allem die wechselseitigen Relationen – einmal wirklich vergegenwärtigen. Denn: Die westliche Welt leistet sich hingegen einen Militärhaushalt von etwa einer Billion Dollar im Jahr! Der, das darf man nicht vergessen, dazu dient, die genannten unmenschlichen Lebensbedingungen aufrecht zu halten, nicht zu überwinden!

Nun gibt es aber vielerlei Theorien und Begründungszusammenhänge, warum die Löhne in armen Ländern, in denen die reichen investieren, schließlich stiegen, und warum sowieso der Wohlstand aller Nationen mehr und mehr zunähme. Verstehe ich recht: Auf derlei Begründungszusammenhänge und die „unsichtbare Hand des Marktes“ würden sie nicht vertrauen? Darauf, dass, wenn alles „so weiter geht“, schließlich doch alles gut wird. Was aber dann: Was tun, um der Barbarei aller Nationen, auch und vor allem: des Westens, gemeinsam zu begegnen? Haben Sie eine Idee?

Die unsichtbare Hand ist genau eine jener Mystifizierungen, die eine Anscheinswelt konstruieren und aufrechterhalten. Die Lebenslüge des Kapitalismus. Es ist das Schlaflied des bürgerlichen Gewissens. Wir können alle so weitermachen wie bisher, ganz automatisch wird es allen besser gehen. Gute Nacht. Und in der Zwischenzeit sterben tagtäglich tausende Menschen an den Folgen von Ausbeutung und in Kriegen, die der Bewahrung der globalen Ungleichheiten dienen.

Das Problem ist, dass sich der Westen eine gigantische Militärmaschinerie leistet, die zu ihrer Existenzsicherung auf Kriege angewiesen ist. Schlimmer noch, je mehr an der Eskalationsspirale gedreht wird, desto besser für das Militär und natürlich auch der damit weit verzweigten und vernetzten Industrie.

Die einzige Möglichkeit, dieser Dynamik hin zum nächsten großen Krieg zu entfliehen, sehe ich darin, die Kriegerkasten zu entmachten bzw. ihnen die Legitimität zu entziehen. Solange wir in Kategorien des Krieges, des Tötens und vor allem der dahinter liegenden Ungleichwertigkeit von Menschen denken, solange wird sich auch nichts ändern.

Wir müssen beginnen, die Reichweite der Identifizierung auf alle Menschen auszudehnen und also zu einem „Wir“ zu gelangen, dass die gesamte Menschheit einschließt und nicht bei nationalen, ethnischen oder kulturellen Einheiten und ihren Besonderheiten stehenbleibt. Und da kann jeder bei sich selbst anfangen. Wir müssen darauf achten, andere Menschen nicht aus Angst, aus Neid und Missgunst oder aus der eigenen gefühlten Minderwertigkeit und Ohnmacht heraus abzuwerten.

Versöhnen statt zu spalten, Mitgefühl statt Ohngefühl – das sollte Devise sein. Jeder einzelne Mensch ist in seinen Qualitäten Repräsentant der gesamten Menschheit. Deshalb ist das Töten von Menschen immer auch ein Verbrechen an der Menschheit an sich.

Diese Logik hätte die Kraft, die Logik des Kapitalismus und Militarismus zu durchbrechen. Dorthin müssen wir uns bewegen.

Ich bedanke mich für das Gespräch.


Sascha Pommrenke hat an der Leibniz Universität Hannover Soziologie, Sozialpsychologie und Politikwissenschaft studiert. Er arbeitet als freier Autor und Publizist und schreibt gerade am „Terror des Westens“. Auf seiner Seite www.humana-conditio.de veröffentlicht er zu seinen Schwerpunktthemen Gewalt, Gesellschaft und Medienkritik.


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Weitere Veröffentlichungen von Jens Wernicke finden Sie auf seiner Homepage jenswernicke.de. Dort können Sie auch eine automatische E-Mail-Benachrichtigung über neue Texte bestellen.

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