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„Eierlauf der deutschen Wissenschaft“ – Mails von Leserinnen und Lesern zum Marsch der deutschen Wissenschaft

Veröffentlicht in: Audio-Podcast, Hochschulen und Wissenschaft, Kampagnen / Tarnworte / Neusprech, Leserbriefe, Lobbyorganisationen und interessengebundene Wissenschaft

Der Betreff in der Mail eines unserer Leser trifft den Vorgang, den wir am 18.4.2017 beschrieben und kritisiert haben, recht gut: „Eierlauf der deutschen Wissenschaft“. Die Lesermails sind so munter, dass wir sie allen Leserinnen und Lesern zur Kenntnis geben wollen. Am Schluss der Zusammenstellung finden Sie die Antwort des Mitorganisators des „March for Science Germany“, Michael Schmidt-Salomon – ganz schön eigen, da muss man dreimal schlucken. Genießen Sie bei der Lektüre der anderen Mails das muntere Wesen der NachDenkSeiten-Leserinnen und -Leser. Und ihren kritischen Verstand. Albrecht Müller.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.


Betr.: Eierlauf der deutschen Wissenschaft Michael Schmidt-Salomon

Guten Tag,

ich las eben den Bericht zum Lauf der Deutschen Wissenschaftler, gegen…? Ach ja, gegen Falschmeldungen und Zeitungsenten.

Als ich dann die Unterstützer sah und gefühlsmäßig darüber nachdachte was alles so scheinbar im Verborgenen blüht, da kam mir der Gedanke an „Pulse of Europe“.

Also wieder eine Aktion, die eher einem Spaßevent oder einem Straßenfest gleicht, welches von unbekannter Seite initiiert und finanziert wurde.

Diese unbekannten Urheber entpuppen sich dann über kurz oder lang als dubios und man darf sich fragen welche NGO oder Geheimdienst denn diesmal bestimmt wurde, hier mit zweifelhaftem Vergnügen für einen Aufmarsch von Gleichgesinnten zu sorgen, die bislang noch nicht wußten was sie wollten und mit wem.

Das riecht man Massenmanipulation a la „Puls of Europe“ und es werden sich genügend Leute finden, die nichts besseres zu tun haben. … (Mangels Beleg wurde ein Passus entfernt)

Aus totalitären Staaten kennt man so etwas, dort wo die Massen mobilisiert werden (müssen) wie Nordkorea, China, die Sowjetunion, die DDR und auch Hitler-Deutschland. Die Aufzählung darf beliebig ergänzt werden.

Und man fragt sich: womit soll den Menschen noch das Gehirn zugekleistert werden?

Was kann es noch an Absurditäten geben, die mit zwielichtigen Argumenten verbrämt werden können, mit Argumenten die keine sind und bei halbherziger Betrachtung sich in Luft auflösen. Bei denen schon jede Frage danach, eine Frage zu viel ist, weil sie nicht das Schwarze unter dem Fingernagel wert ist.

Grüße J.B.
Grüße aus Flensburg


Über den Verlust des kritischen Verstandes bei Wissenschaftlern. Anmerkungen zu den für den 22. April geplanten Märschen für Wissenschaft

Am 22.April 1915 kam es bei Ypern in Belgien zum ersten Einsatz von Giftgas durch die deutsche Armee. Der deutsche Giftgasentwickler Fritz Haber, der während des gesamten Krieges mit größtem persönlichen Engagement den Einsatz von Giftgasen beworben und betrieben hatte, erhielt 1918 den Nobelpreis. Hilfreich dabei waren ihm Emil Fischer (Nobelpreis für Chemie 1902), Richard Willstätter (Chemie 1915), Ferdinand Flury, Walter Nernst (Chemie 1920), James Franck (Physik 1925, Heinrich Wieland (Chemie 1927), Paul Friedländer, Otto Hahn (Chemie 1944) und viele andere. Produzenten und Profiteure waren BASF, AGFA, Hoechst und andere, die sich zur Interessengemeinschaft Farben (I.G.Farben) zusammenschlossen. Ein Vierteljahrhundert später lieferte dieser Verein dann Zyklon B nach Auschwitz.

So viel zu den untadeligen Leistungen deutscher Wissenschaft, der man heutzutage mit „alternativen Fakten“ schon wieder nicht in die Quere kommen soll. Weit hat es dieses mein Nachbarland gebracht, dass nun die „Wissenschaftler“ (& -innen?) auch noch vorausmarschieren.

Freundliche Grüße
Karl Wimmler, Graz/Österreich


Artikel „Über den Verlust des kritischen Verstandes bei Wissenschaftlern. Anmerkungen zu den für den 22. April geplanten Märschen für Wissenschaft“ vom 18.04.2017

Sehr geehrter Herr Müller,

bezugnehmend auf Ihren gestrigen Beitrag über den „March For Science“ am 22.04. kann ich Ihnen zu Hundertprozent zustimmen!

Ich arbeite selbst an einem Forschungszentrum und bin umgeben von Personen, für die die Wissenschaft alles bedeutet. Vor einigen Wochen wurden auf einer internen Betriebsversammlung zwei Kampagnen vorgestellt und an die Leute herangetragen, wo bei mir alle Alarmglocken angingen. Die erste Kampagne war „Pulse of Europe“, wo ich sofort in die Runde entgegnete, dass es sich dabei um eine PR-Kampagne mit neoliberalen Interessen handelt. Die zweite war eben dieser „March For Science“, von der ich davor noch nichts gehört hatte, die mir aber unbewusst irgendwie Bauchschmerzen bereitete, vielleicht weil es so viele Ähnlichkeiten zu „Pulse of Europe“ gibt? Stammen am Ende sogar beide aus ein und derselben PR-Schmiede?

Als ich mir das Programm zum MOS ansah, verstärkte sich mein schlechtes Bauchgefühl, auch aufgrund der massiv vorangetriebenen Kampagne. Zumal die Initiatoren die Wissenschaft extrem hochheben, ja in einer Weise derart erhöhen, wie man das nur von Religionen und Sekten kennt. Sie werfen irgendwelchen Gegnern (die sie nie klar benennen) vor, mit alternativen Fakten hausieren zu gehen, ohne dass sie, wie Sie das in Ihrem Artikel taten, Ross und Reiter beim Namen nennen. Meinem Erachten nach soll diese Kampagne als Tiefenindoktrination wirken, genauso wie das Professor Mausfeld in seinem letzten Vortrag beim IPPNW dargestellt hat. Die Wissenschaft als Entität, die schon als Art Apotheose angesehen werden muss, soll nicht kritisiert werden, wobei sich dies wie bei einer Art Symbiose mit der herrschenden Meinung der Eliten deckt. Die Eliten und die ihnen hörigen Medien verlieren die Deutungshoheit gegenüber dem Volk, der Mehrheit der Menschen. Das was der Mainstream als Nachricht verkauft, soll die ganze und alleinige Wahrheit repräsentieren, jedes Abweichende ist Fake News, Populismus oder Verschwörungstheorie. Und genau in dieselbe Kerbe schlägt der „March For Science“, was meiner Meinung nach kein Zufall ist! Diese Initiative wirft anderen vor, mit Meinungen zu hantieren, alternative Fakten zu präsentieren und somit unwissenschaftlich zu sein. Doch dabei strotzt selbst das Programm des MOS vor Unwissenschaftlichkeit, dass einem wissenschaftlich interessierten Menschen nur noch die Haare zu Berge stehen!! Dazu einige kleine Beispiele. Basis ist dabei die folgende Crowdfunding-Seite.

Im Punkt „Worum geht es in diesem Projekt“ heißt es stark verallgemeinernd:

„Von der Leugnung des Klimawandels bis hin zu absurden Verschwörungstheorien (z.B. „Chemtrails“) – immer wieder kann man beobachten, dass wissenschaftlich erwiesene Tatsachen geleugnet, relativiert oder „alternativen Fakten“ als gleichberechtigt gegenübergestellt werden, um daraus politisches Kapital zu schlagen.“

Interessant ist, dass hier der Begriff „Verschwörungstheorie“ verwendet wird, ein Klammerbegriff, dessen erstmalige Verwendung bekanntlich von der CIA kam. Das Auslassen solcher Informationen ist fahrlässig und man wird den Verdacht nicht los, dass man damit unbewusst jede Vorstellung an Verschwörung als pathologisch, als paranoid abstempeln will. Interessant ist auch, dass einer der Unterstützer des MOS, Ranga Yogeshwar sich nicht zu blöde war, in einer Sendung von „Quarks und Co“ alles was es zum Thema Verschwörungstheorie gibt, zu einem unappetitlichen Brei zu verrühren. Der Vollständigkeit halber soll gesagt werden, dass auch Yogeshwar in keinster Weise erwähnt hat, dass die Verwendung dieses perfiden Begriffes von der CIA stammt!!

Das Fass dem Boden aber schlägt folgender Absatz aus, aus dem Punkt „Was sind die Ziele und wer ist die Zielgruppe“:

„Wir wollen in einer Gesellschaft leben, in der Lügen sich nicht mehr lohnen, weil die Menschen sie durchschauen. Wir wollen, dass der Populismus und seine so genannten „alternativen Fakten“ keine Chance haben.

Wir wollen in einer Demokratie leben, in der gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse die Grundlage von Entscheidungen sind – und nicht bloß gefühlte Wahrheiten.

Und wir wollen, dass alle sehen: Wir sind viele!“

Diese Worte könnten auch in einer religiösen Schrift stehen! Extrem verallgemeinernd, dann die Verwendung von Begriffen, hinter denen man alles verstecken kann. Was genau ist mit Populismus gemeint und wie kann der Populismus alternative Fakten haben? Man tut ja so als ob das eine Art Person, Personengruppe ist? Völlig unerwähnt bleibt auch, dass selbst die etablierten Medien und auch Politiker in unserem Land Lügen verbreiten ohne rot zu werden. Das krasseste Beispiel ist Thomas de Maiziere, der völlig schmerzfrei darüber sinniert, dass Spionagetätigkeiten in unserem Land nicht zulässig sind, wobei er freilich die türkischen Agenten meint, jedoch von der NSA und der CIA nicht ein einziges Mal erzählt!! Sind das die „alternativen Fakten“, der „Populismus“, den die Initiatoren des MOS meinen?

In dem folgenden Absatz „Wir wollen in einer Demokratie leben, in der gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse die Grundlage von Entscheidungen sind – und nicht bloß gefühlte Wahrheiten.“ kann man genau das ansetzen, was Sie in Hinblick auf die Wirtschaft und Politik dargelegt haben, dass diese Kampagne voll politischer Naivität strotzt und sie die verheerenden Einflüsse auch der Wissenschaft auf viele Staaten vor allem in Südeuropa komplett ignorieren und unerwähnt lassen!

Angesichts all dieser und vieler weiterer Umstände kann man nur besorgt in die Zukunft blicken, wie sich selbst so wissenschaftliche Institutionen für politische Zwecke instrumentalisieren lassen! Ich muss immer dabei an Orwells Buch „1984“, das dortige Wahrheitsministerium und das Newspeak denken. All das wird nun mit rasanter Geschwindigkeit in die Tat umgesetzt und irgendwann werden wir nicht mehr wissen, gegen wen wir eigentlich Krieg führen, gegen Eurasien oder doch gegen Ostasien?

„Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft: wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit.“

Mit freundlichen Grüßen
T. M.


Über den Verlust des kritischen Verstandes bei Wissenschaftlern. Anmerkungen zu den für den 22. April geplanten Märschen für Wissenschaft

Liebe NDS-Redaktion,

man fasst es nicht – nun halten sich die Wissenschaftler für noch unfehlbarer als unser Vizegott (der Papst). Selbst in den Naturwissenschaften gilt jede “gesicherte” Erkenntnis immer nur als vorläufig gesicherte Erkenntnis. Es kann auch gar nicht anders sein, sonst hätte es nach Galilei keinen Newton, und nach Newton keinen Einstein mehr gebraucht. Kennzeichen jeder Wissenschaft ist der Zweifel – “unbezweifelbare Wahrheiten” stehen in heiligen Büchern! (Stell keine Fragen, tu was ich dir sage!)

Noch ein einfaches Beispiel: Man segelt mit einem Schiff übers Meer, ein Mann/Frau lässt während der Fahrt einen Ball vom Mast des Schiffes in die Tiefe fallen. Welche Flugbahn hat der Ball? Antwort: Der Ball beschreibt eine Gerade. Dasselbe Ereignis betrachtet nun ein Beobachter außerhalb des Schiffes vom Strand aus. Die Flugbahn des Balles beschreibt nun eine Kurve. Die Flugbahn des Balles ist also abhängig vom jeweiligen Beobachtungssystem.

Wir sollten uns bewusst machen, dass die wesentlichen Fragen über die Natur in vergangenen wie auch in zukünftigen Epochen anders lauten können, als die, die wir uns heute stellen. Unser heutiges Verständnis ist dann zwar nicht unbegründet, aber die Wissenschaftler sollten nicht “vergessen”, dass “die Natur die meisten ihrer Geheimnisse in Form von Antworten auf Fragen gibt, die die Wissenschaft ihr stellt.” Die Fragen, die die Wissenschaft stellt, und die Antworten, die die Wissenschaft bereit ist zu akzeptieren, sind Ausdruck der jeweiligen Geisteshaltung. Unter Umständen werden die Bilder eines Zeitalters von einem anderen weniger deshalb verworfen, weil neue Entdeckungen gemacht worden sind, als vielmehr aufgrund der Tatsache, dass es neue Prioritäten und neue Fragen gibt, die alle eine geänderte Gemütsverfassung widerspiegeln. (sinngemäß C.S. Lewis in “The Discarded Image”)

Zum anderen wirkt der der jeweilige Kenntnisstand der Wissenschaftlergemeinde auf das Denken des einzelnen Forschers zurück. Dadurch wird ein “Denkgradient” erzeugt, der die Interpretation neuer Resultate durch eine Vorformung des Verständnisses steuert. Das ist eine Folge der menschlichen Psyche, die sich kaum vermeiden lässt, weil in einer komplexen Untersuchung niemand hinter das zurückgehen möchte, was er schon zu wissen meint. (Wie Wissenschaft ihr Wissen schafft, rororo Seite 60).

Ohne noch auf Forscherskandale einzugehen, sieht man doch, wie kompliziert das mit dem Rechthaben ist.

LG Michael Wrazidlo


Science March Germany

Lieber Herr Müller,

Ihre Bewertung der Rolle von Sozialwissenschaftlern bei Umverteilung und Sozialabbau ist für mich nachvollziehbar. Allerdings muss man natürlich auch die Rolle der Naturwissenschaften hier mit einbeziehen, wo die Dinge anders gelagert sind. Beispielhaft sei erwähnt, dass die Bundesregierung ein Expertengremium bezahlt, das als Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) in Abständen von mehreren Jahren hervorragende Expertisen vorlegt, die auch von Umweltaktivisten bzw. Umweltorganisationen praktisch voll und ganz unterstützt werden können. Diese Expertisen betreffen alle Handlungsfelder in der Umweltpolitik, die zu einer (konsequenten) Energiewende, sowie immer noch ausstehenden Verkehrs- und Agrarwenden führen könnten. Die Umsetzung dieser Expertisen findet aber praktisch nicht statt.

Man kann das auch an dem Spannungsverhältnis zwischen Umweltministerium und Wirtschaftsministerium ablesen. Ersteres ist tendenziell der Wissenschaft verpflichtet, letzteres eindeutig nur deutschen Kapitalinteressen. In der letzten Sendung „Die Anstalt“ wurde dieses ja auch hervorragend persifliert.

Fazit: Hier geht es nicht um eine ominöse Ablehnung wissenschaftlicher Erkenntnisse, sondern schlicht weg um Ignoranz.

Herzliche Grüße
Karl-Heinz Peil


Wissenschaft

Liebe Kollegen!

Vielen Dank für die Überlegungen zu diesem Wissenschaftsmarsch!

Auch hier wieder das Problem, dass Begriffe wie die Wissenschaft oder Europa, Deutschland, wir etc. unkritisch benutzt werden!

Im übrigen fände ich es gut, wenn strategisch über die Weiterentwicklung der Nachdenkseiten diskutiert würde, hin zum Aufbau einer stabilen und wirklich wahrgenommenen Gegenöffentlichkeit!

Beste Grüße
Here Klosterhuis

Schlussbemerkung Albrecht Müller: Daran arbeiten wir. Aber Strategen zu finden, die an der Weiterentwicklung zu einer „wirklich wahrgenommenen Gegenöffentlichkeit“ ernsthaft und mit aller Energie mitarbeiten, ist nicht ganz einfach.


Betreff: Weshalb ich als kritischer Wissenschaftler nicht am March for Science teilnehmen werde/16.4.2017

S. H. an die Veranstalter des „March for Science“:

Sehr geehrter Herr Michael Schmidt-Salomon,

als ich auf die geplante Veranstaltung des „March for Science“ hingewiesen wurde, hielt ich dies zunächst für eine gute Idee. Auch ich bin der Meinung, dass die Wissenschaft gegen ihre Feinde verteidigt werden muss.

Nachdem ich allerdings den Aufruf zu dieser Veranstaltung gelesen habe, ist mir eine Teilnahme leider unmöglich.

Der Aufruf auf der Seite der Veranstalter sowie der GBS strotzt nur so von politischer Naivität und verleiht der Veranstaltung einen inhaltlichen Spin, den ich nicht bereit bin mitzutragen.

Auf der Seite der GBS und der Seite der Veranstalter ist zu lesen, die Demonstration richte sich gegen die Verwendung von „alternativen Fakten und postfaktischen Argumenten“. Diese seien zu finden von „Moskau bis Washington“. Namentlich adressiert werden „Trump, Putin und Erdogan“.

Nun habe ich zwar keinerlei politische Gemeinsamkeit mit den genannten Herren, ich frage mich jedoch, weshalb sich eine speziell deutsche Demonstration gegen russische, amerikanische und türkische Politiker wendet und die Feinde des wissenschaftlich rationalen Diskurses in Deutschland ausspart.

Das problematische am Diskurs über postfaktische Politik besteht für mich darin, dass von unseren Politkern mit dem Finger auf Extrembeispiele wie Donald Trump gezeigt wird, um sich selber reinzuwaschen.

Wenn Sie ein Beispiel für postfaktische Argumente der deutschen Bundesregierung suchen, werden sie schnell fündig. So berichtete die Tagesschau am 12.04.2017 darüber, dass die Feststellung, Reiche hätten mehr Einfluss auf die Politik als Arme, auf politischen Druck der CDU aus dem Armutsbericht der Bundesregierung gestrichen wurde. So geht unsere Regierung mit wissenschaftlichen Tatsachen um!

Oder betrachten Sie sich das Video der Anne Will-Sendung von Sonntag dem 09.04.2017. Hier verbreitete unsere Verteidigungsministerin in postfaktischer Manier die Behauptung, der Militäreinsatz der USA und seine Unterstützung durch Deutschland in Syrien seien völkerrechtlich gerechtfertigt. Dies ist eine offensichtliche Lüge! Resolution 2249 des UN-Sicherheitsrates legitimiert gerade keine Bombardierung Syriens. Um keinen Zweifel an ihrem Postfaktizismus aufkommen zu lassen, legte Frau von der Leyen nach und behauptete, sie wisse bereits, dass der letzte Giftgasangriff von der syrischen Regierung zu verantworten sei.

Gegen jedwede Vernunft und wissenschaftliche Redlichkeit erzählten uns über Jahre hinweg als „Experten“ getarnte Lobbyisten der Arbeitgeberverbände die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns führe zu Massenarbeitslosigkeit in Deutschland.

Die Union aus CDU und CSU ist seit ihrer Gründung mit einem Menschenbild auf Tour, das aus wissenschaftlicher Sicht jedweder Beschreibung spottet.

Hierunter haben bis heute insbesondere Homosexuelle zu leiden.

Es ist generell ein Symptom der marktwirtschaftlichen Wirtschaftsweise, dass Wissenschaft zu ökonomischen Zwecken korrumpiert wird. So haben Wissenschaftler in Vergangenheit und Gegenwart unter dem Deckmantel der Wissenschaft die Bevölkerung belogen und geschädigt! Bekannte Beispiele sind der Umgang mit den Risiken der Atomenergie, die Dramatisierung bestimmter Krankheiten durch die Pharmaindustrie zur Förderung des Medikamentenabsatzes oder die Verharmlosung des Frackings durch interessierte Kreise. Dieser Missstand wird durch den Aufruf gar nicht benannt. Auch hierin liegt ein schweres Versäumnis, da diese berechtigte Kritik keineswegs Allgemeingut ist, welche beim Publikum nicht vorausgesetzt werden kann.

Sie sehen, die Liste ist lang und könnte beliebig fortgesetzt werden.

Diejenigen, welche sich den alternativen Fakten der Bundesregierung entgegengestellt haben, mussten sich dafür in der Vergangenheit als „Populisten“ beschimpfen lassen. Die Forderung eines Mindestlohns sei „populistisch“. Wer gegen die Privatisierung der Altersvorsorge oder für eine Außenpolitik ohne militärische Mittel ist, sei „populistisch und nicht regierungsfähig“.

Es ist mir daher unbegreiflich, wie man als Wissenschaftler einfach unkritisch den Diskurs über Populismus aufnehmen kann. Dieser Begriff trägt in keiner Weise zur Erklärung eines politischen Phänomens bei. Er dient den Mächtigen in Politik und Medien lediglich zur Ausgrenzung missliebiger Positionen (seien sie nun wissenschaftlich begründet oder nicht).

Schließlich empfinde ich das Aufgreifen der Hysterie um „alternative Fakten“ mehr als peinlich und naiv. Mit ein bisschen politischem Gespür hätte man darauf kommen können, dass die Debatte um „Fake News“ lediglich ein Versuch der etablierten Medien ist, ihr Monopol auf die Verbreitung von Fake News gegenüber dem Internet zu wahren.

Vor kurzem gründete die Tagesschau ihr Team der „Faktenchecker“, welches Fake News im Internet wiederlegen soll. Gibt es etwa in den klassischen Medien keine gefälschten Meldungen? Die Bild-Zeitung hat dieses Geschäftsmodell, wenn schon nicht erfunden, dann zumindest perfektioniert.

Aber deren Vertreter lädt man lieber zu „Hart aber fair“ (Sendung vom

10.04.2017) ein, damit sie ihre Weisheiten dort verbreiten können. Auch die angeblichen „Qualitätsmedien“ haben in der Vergangenheit immer Lügen mit furchtbaren Folgen verbreitet. Denken Sie nur an „Saddams Waffen“ oder die „Brutkastenaffäre“.

Wenn der „March for Science“ nicht dafür genutzt wird, die Feinde der Wissenschaft und des rationalen Diskurses in Deutschland zu adressieren, wird er dazu führen, dass die Menschen glauben, in Deutschland sei im Großen und Ganzen alles in Ordnung. Er würde zu Unterstützung derer, die mit dem Finger auf Trump, Putin und Erdogan zeigen, um von ihrer eigenen Wissenschaftsfeindlichkeit abzulenken.

Diese Politik bin ich nicht bereit mitzutragen. Daher werde ich der Veranstaltung fernbleiben. Ich bedaure dies, da die Verteidigung der Wissenschaft in Deutschland eine wichtige Aufgabe wäre.

Mit freundlichen Grüßen
S. H., Jurist


Antwort von Herrn Michael Schmidt-Salomon:

Lieber Herr Heinrich,

besten Dank für Ihre Nachricht. Im Grunde stimme ich Ihnen in nahezu allen Punkten zu – komme dann aber doch zu einem anderen Schluss.

Zunächst einmal haben Sie Recht, dass es naiv (ja: sogar antiaufklärerisch) wäre, würde sich der „Marsch für die Wissenschaft“ NUR auf die Extrembeispiele Trump, Putin, Erdogan beziehen, ohne dabei zu thematisieren, a) dass die Missachtung der Wissenschaft auch in der deutschen Politik zu beobachten ist sowie b) dass auch Protagonisten des Wissenschaftssystems mitunter wissenschaftliche Prinzipien grob unterlaufen.

Dass wir auf diese Aspekte in unserem Veranstaltungshinweis nicht eingehen, bedeutet keineswegs, dass wir sie ignorieren. Gerade die Giordano-Bruno-Stiftung hat in den letzten Jahren in zahlreichen Mitteilungen darauf hingewiesen, dass in der deutschen Politik kritisch-rationale, evidenzbasierte Argumente nur höchst unzureichend beachtet werden. Die Themengebiete, in denen man Derartiges feststellen kann, reichen wahrlich von der Wiege bis zur Bahre, siehe u.a. unsere Mitteilungen zu den Themen „Präimplantationsdiagnostik“ oder „Sterbehilfe“ (nur zwei Beispiele unter vielen):

Das zugrundliegende Thema „Ethik und Interesse: Welche Rolle spielen rationale Argumente in politischen Entscheidungsprozessen?“ haben wir Ende letzten Jahres sehr intensiv beim „Frankfurter Zukunfts-Symposium“ diskutiert. Und natürlich sehen wir auch den mitunter gravierenden Unterschied zwischen der „Wissenschaft als Methode“ (logisch, rational, evidenzbasiert) und dem „Sozialsystem der Wissenschaft“, indem es oft sehr viel eher um ökonomisch-politische Interessen geht als um rationale Argumente. (Dies war übrigens eines der Hauptthemen meiner Dissertation „Erkenntnis aus Engagement“ sowie vieler anderer meiner wissenschaftstheoretischen Aufsätze, in denen ich mich sehr kritisch mit der „Dienstleistungsorientierung in der Forschung“ bzw. mit den „mietbaren Knechten der Wissenschaft“ auseinandergesetzt habe.) Auch in meinen Büchern (zuletzt „Die Grenzen der Toleranz“, aus denen diese „10 Gebote der Rationalität“ stammen), kommt dieses Thema immer wieder zur Sprache.

Warum taucht all dies nun nicht in unserer Ankündigung zum Science-Marsch auf? Ganz einfach: Weil wir den „March for Science“, der sich an die amerikanische Protestbewegung anschließt, nicht organisieren, sondern bloß unterstützen! Den Leuten vom Orga-Team des Marsches, mit denen wir sprechen konnten, waren die oben angerissenen Problematiken allerdings sehr wohl bewusst. Ich hoffe daher, dass dies auch in den Kundgebungen zum Ausdruck kommen wird. Falls dies nicht so sein sollte, wäre dies höchst bedauerlich, aber der Aufwand nicht vergebens. Denn es wäre an sich bereits ein Fortschritt, wenn über die Bedeutung der Wissenschaft in der Gesellschaft breiter diskutiert würde. Denn fängt man damit erst an, so kommt es schon sehr bald zu kritischen Rückfragen zur Bedeutung der Wissenschaft in der deutschen Politik bzw. zu den Kriterien der Wissenschaftlichkeit im Wissenschaftssystem selbst. Eben dies hat Ihre Mail (sowie der Artikel auf den NachDenkSeiten) ja bereits gezeigt – und somit indirekt bestätigt, dass die Unterstützung des „Marsches der Wissenschaft“ sehr wohl ein Instrument sein kann, um genau jene Debatte anzustoßen, die wir – sowohl international als auch hier in Deutschland – für dringend erforderlich halten.

Mit freundlichen Grüßen
Michael Schmidt-Salomon
Giordano-Bruno-Stiftung

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