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14. Dezember 2017
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Antisemitismus-Doku oder antipalästinensische Propaganda? Es ist schon seltsam, dass sich fast alle Medien für ein journalistisch mehr als fragwürdiges Werk starkmachen

Veröffentlicht in: Antisemitismus, Audio-Podcast, Medienkritik

Aus einem Filmprojekt wurde eine peinliche Posse. Eigentlich sollte in diesem Sommer auf Arte der Dokumentationsfilm „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“ ausgestrahlt werden, der von den Filmemachern Joachim Schroeder und Sophie Hafner gedreht und vom WDR produziert wurde. Es sollte dabei um den wiedererstarkten Antisemitismus in Europa gehen – ein zweifelsohne interessantes Thema. Das fertige Produkt wurde diesem Anspruch jedoch nicht gerecht. Nicht der aktuelle Antisemitismus, sondern der palästinensisch-israelische Konflikt steht im Mittelpunkt des Films und dabei lassen die Filmemacher jede Ausgewogenheit bereits im Ansatz vermissen. Es ist richtig, dass Arte den Film nicht ausstrahlt und es bleibt ein offenes Geheimnis, wie ein solches Machwerk die Qualitätskontrolle des WDR durchlaufen konnte. Der nun vor allem im rechten Lager lautwerdende „Protest“ ist peinlich und es ist ein Armutszeugnis, dass so viele Medien kritiklos mit in das Protestgeschrei einstimmen. Von Jens Berger.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Die rote Linie des Dokumentarfilms „Auserwählt und ausgegrenzt“ wird bereits in den ersten Minuten deutlich. Zunächst zeigt man Palästinenserpräsident Mahmud Abbas mit einem sorgfältig ausgewählten und inhaltlich fragwürdigen Zitat vor dem Europäischen Parlament, dann Schnitt auf die ihm zuapplaudierenden Politiker und dann folgt ein harter Schnitt auf eine Archivaufnahme des Nazi-Ideologen Julius Streicher. Die Botschaft ist klar: Zwischen den Palästinensern und den Nazis gibt es Gemeinsamkeiten und wir bejubeln den modernen Antisemiten aus dem Nahen Osten kritiklos.

Vor allem die politische Linke hat es den Filmemachern dabei angetan. Da wird ein Zitat der Linken-Politikerin Anette Groth zur Wasserpolitik der Israelis beispielsweise nahtlos an die ekelhaften Tiraden eines Jürgen Elsässers und eingespielten Suggestivfragen gereiht, die man verwirrten Teilnehmern einer rechtsradikalen Demo in Berlin gestellt hat. Alle in einen Sack und dem Knüppel drauf, da trifft man nie die Falschen. Was dabei jedoch auf der Strecke bleibt, ist der Anspruch. Das von Groth ins falsche Licht gerückte Zitat zu den verunreinigten Brunnen hätte man beispielsweise auch anhand von Amira Hass´ Haaretz-Reportage „Poisoning the Village Wells“ oder eines Berichts des israelischen Philosophen Omri Boehm in der ZEIT debattieren können. Auch die „10 dirty little secrets“, die der Hydrogeologe Clemens Messerschmid auf den NachDenkSeiten sehr informativ aufbereitet hat, wären eine gute Diskussionsgrundlage. Doch nichts dergleichen wurde im Film erwogen. Eine Diskussion findet nicht statt. Jeder Zwischenton, der die überaus einseitige Linie des Filmes stören würde, wurde sorgfältig herausgefiltert.

Wenn „Experten“ zu Wort kommen, dann sind es meist Brüder im Geiste, wie der antideutsche Politologe Stephan Grigat, den selbst die „Jüdische Allgemeine“ zu den radikalen Antideutschen zählt. Grigat wird dann mit Sätzen wie diesem zitiert: „Das Bedürfnis, den Nationalsozialismus zu relativieren, ist teilweise unter Linken noch ausgeprägter als unter den Rechten“. Da wundert es nicht, dass die Dokumentation vor allem ganz weit rechts bei PI-News und der Jungen Freiheit vehement verteidigt wird.

Ein weiterer Experte der Doku ist Rafi Eitan, der als „Kronzeuge“ über die Entstehungsgeschichte des Staates Israel berichtet. Und wenn man Eitan Glauben schenkt, waren die Israelis da wahre Unschuldslämmer. „Man habe nichts gegen die Araber unternommen“, nur gegen die Briten. Aber auch das war (außer dem Anschlag auf das King David Hotel) „rein symbolisch“, es gab „keine Opfer“. Das würde der britische Politiker Walter Guinness, der der Gründung eines israelischen Staates ablehnend gegenüberstand, aber anders sehen. Guinness wurde im November 1944 von Terroristen der zionistischen Terrororganisation Lehi umgebracht und dieses Attentat war kein Einzelfall. Eitans Aussagen sind nicht nur in diesem Punkt schlicht unwahr.

Im Skript der Dokumentation steht freilich nicht der zionistische Terrorismus gegen die Briten, sondern die Vertreibung der Palästinenser im Mittelpunkt. Kronzeuge Eitan geht hier geschickt vor, indem er seine Unschuldsverlautbarungen in einem kleinen Nebensatz auf den Zeitraum „bis November 1947“ begrenzt. Das hat natürlich seinen Grund, da die UN-Resolution, die den Weg zur Staatsgründung freigemacht hat, erst im November 1947 beschlossen wurde und die Massaker gegen die Palästinenser erst danach angefangen haben. Seriöse Experten gehen heute von 700.000 Vertriebenen und bis zu 70 Massakern aus , die von zionistischen bzw. israelischen Organisationen an palästinensischen Zivilisten durchgeführt wurden und je nach Schätzung bis zu 800 Todesopfer mit sich brachten. Eitan spricht hingegen von einer „freiwilligen Auswanderung der Palästinenser“, „wir haben sie nicht umgebracht“ – na ja, hier und da vielleicht doch. Das ist Zynismus und darf von einem ordentlichen Journalisten nicht so im Raum stehen gelassen werden. Gegenargumente sucht man in diesem Film jedoch vergebens.

Es sind solche Aussagen, die dem Dokumentarfilm jeden Anspruch auf Ausgewogenheit nehmen. Rafi Eitan war selbst zionistischer Widerstandskämpfer – heute würde man das wohl „Terrorist“ nennen – und später eine Größe bei den diversen israelischen Geheimdiensten. Eitan, der schon im Zusammenhang mit der Eichmann-Entführung eine zwielichtige Rolle gespielt hat, ist kein neutraler Experte, sondern Partei. Von den Filmemachern wird er jedoch als „lebende Legende“ vorgeführt, die über jeden Zweifel erhaben ist. Geht es noch einseitiger?

Mehr als die Hälfte der Dokumentation soll angeblich die „Wurzeln“ des modernen Antisemitismus erforschen. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Es wird munter jegliche Kritik an der israelischen Politik mit Antisemitismus gleichgesetzt. Dabei nimmt der Film eine eindeutige antipalästinensische Linie ein. Palästina = Hamas. Hamas = Antisemitismus. Daraus folgt für die Filmemacher auch, dass jeder, der sich – egal in welchem Kontext – für die Interessen der Palästinenser stark macht, mindestens ein latenter Antisemit ist. Der Rundumschlag ist dabei gewaltig. Angefangen bei den NGOs Amnesty International, Pax Christi, Oxfam, Medico und Brot für die Welt, geht es weiter mit Steven Hawking, Naomi Klein, Arundhati Roy, Mike Leigh, Desmond Tutu bis zur Pink-Floyd-Legende Roger Waters. Wer sich an „israelfeindlichen Kampagnen“ (sic!) beteiligt, gehört in eine Schublade mit den Antisemiten. Und die Lösung des Problems liegt auch schon auf der Hand: Man solle den Palästinensern doch jede Form der Entwicklungshilfe streichen und gemeinnützige Organisationen und NGOs sollten sich aus Gaza und dem Westjordanland verabschieden. Eine derart holzschnittartige Sicht auf den Nahostkonflikt können wirklich nur Antideutsche haben.

Wer diesen Film für journalistisch ausgewogen hält, verwechselt Journalismus mit Propaganda. Der Kreis der Verteidiger ist groß und die Zusammensetzung nicht sonderlich überraschend: Da geben sich die proisraelischen Historiker Michael Wolffsohn und Götz Aly dann mit den Rechtsaußen-Publizisten Henryk M. Broder und Leon Winter die Hand und ausgerechnet die BILD nutzt die Gelegenheit, um sich selbst als Speerspitze gegen den Antisemitismus zu inszenieren und die von Arte abgelehnte Doku („Zensur!“) für 24 Stunden auf der eigenen Seite zu zeigen. Jeder Andere hätte dafür eine gepfefferte Abmahnung bekommen, BILD bekommt für diese Aktion paradoxerweise sogar von Arte Applaus.

Auch FR-Kampagnero Christian Bommarius findet diese Aktion ganz hervorragend. Stellvertretend für den Rest der Claqueure kann man an Bommarius´ Kommentar sehr gut die Argumentation der Verteidiger des Filmes transparent machen. Ein Film über den Antisemitismus muss schließlich, so Bommarius, „eine Provokation für alle Antisemiten sein, die als Israel-Kritiker, als um das Wohl der Palästinenser besorgte Unterstützer der Hamas oder als Kritiker des internationalen Finanzkapitals in die Öffentlichkeit treten“. So, da haben Sie´s. Wenn Sie den Film auch unausgewogen finden, gehören Sie sicher auch einer dieser Gruppen an und damit wahrscheinlich selbst zu den Antisemiten, die provoziert werden sollen.

Wie konnte das Alles passieren? Vor allem der federführende WDR muss sich hier kritische Fragen gefallen lassen. In der Öffentlichkeit wird die Nicht-Ausstrahlung nun mit „Formfehlern“ begründet. Das ist Unsinn. In einer offiziellen Stellungnahme bedauert der WDR die Abnahme der Doku mit Verweis auf die „journalistischen Standards und Programmgrundsätze des WDR“ und liegt damit auch goldrichtig. Doch vielleicht sollte man sogar noch weiter vorne ansetzen. Wie kann es sein, dass mit Joachim Schroeder ein Mann aus dem Umfeld von Henry M. Broder überhaupt mit einer solchen Aufgabe beauftragt wird? War nicht vorher klar, was man da als Ergebnis bekommt? Nun will Schroeder zusammen mit Leon de Winter und Henryk M. Broder eine Dokumentation mit dem Titel „Leon und Henryk – der ewige Antisemit“ drehen. Auftraggeber ist der Bayerische Rundfunk. Jegliche Illusionen, dass dieser Film journalistischen Standards entsprechen wird, sind wohl vergebens. Man sollte Journalismus nicht mit Propaganda verwechseln.

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