„Wir müssen eine atomwaffen- und gewaltfreie Welt schaffen!“ – Ein Film über Michail Gorbatschow und deutsche Wahlverwandtschaften

„Wir müssen eine atomwaffen- und gewaltfreie Welt schaffen!“ – Ein Film über Michail Gorbatschow und deutsche Wahlverwandtschaften

„Wir müssen eine atomwaffen- und gewaltfreie Welt schaffen!“ – Ein Film über Michail Gorbatschow und deutsche Wahlverwandtschaften

Leo Ensel
Ein Artikel von Leo Ensel

Vor drei Jahren, am 30. August 2022, starb Michail Gorbatschow. Der Filmemacher Ralf Eger („Gabriele Krone-Schmalz: Verstehen“) nimmt dies zum Anlass, seinen neuen Film „Gorbatschow und Gödelitz – Frieden“, der im November in die Kinos kommt, für diesen Samstag und Sonntag schon mal kostenlos online zu stellen. Eine rückhaltlose Empfehlung von Leo Ensel.

Mitte der 1950er-Jahre, zu dem Zeitpunkt gehörte ich bereits der Führung des Jugendverbands Komsomol in Stawropol an, bekam ich eine damals für die Öffentlichkeit geheime Dokumentation über die Folgen einer Atombombenexplosion gezeigt. Von einer Sekunde auf die andere verwandelten sich Häuser in Trümmerhaufen, von den Haustieren blieben nur verbrannte Skelette übrig. – Ich verließ den Kinosaal völlig verstört. Genauso schockiert waren die anderen Zuschauer. Ein einziger Gedanke kam mir in diesem Augenblick in den Sinn: ‚So etwas darf niemals Realität werden! Wir, ich, wir alle müssen für den Frieden kämpfen. Ernsthaft und mit vollem Einsatz. Ohne die Kräfte zu schonen. Einen anderen Weg gibt es nicht!‘“

Damit ist der persönliche kategorische Imperativ gesetzt. Für ein ganzes Leben. Michail Gorbatschow beendete den (ersten) Kalten Krieg, er unterzeichnete den bedeutendsten Abrüstungsvertrag der Weltgeschichte – den (von Donald Trump 2019 gekündigten) INF-Vertrag, der, einmalig im Kalten Krieg, eine gesamte Waffenkategorie (und zwar die allergefährlichste) verschrottete –, er sorgte zusammen mit seinem amerikanischen Counterpart Ronald Reagan dafür, dass 80 Prozent der Atomsprengköpfe weltweit zerstört wurden, und legte im Januar 1986 eine sensationelle Roadmap für eine von Atomwaffen befreite Welt für das Jahr 2000 vor.

Mit diesem, von keinen Bildern unterlegten, Zitat des Friedensnobelpreisträgers – er erzählte die Geschichte im April 2017 auch dem Verfasser dieses Textes – beginnt der Film. Ralf Eger, der bereits zwei Filme über die ehemalige ARD-Moskaukorrespondentin Gabriele Krone-Schmalz – „Verstehen“ und „Perspektivwechsel“ – vorlegte, hat gerade „Gorbatschow und Gödelitz – Frieden“ beendet: ein Film, der nicht nur dem ersten und letzten Präsidenten der Sowjetunion ein Denkmal setzt, sondern auch den letzten Teil der Krone-Schmalz-Trilogie bildet sowie eine ganze Reihe weiterer Personen würdigt.

Dass dieses zunächst etwas kompliziert klingende Konzept in der Praxis wunderbar aufgeht, liegt – fast fühlt man sich an die aristotelische Dramentheorie erinnert – an der berühmten ‚Einheit von Ort, Zeit und Handlung‘. (Genauer: dem gemeinsamen ‚Spirit‘ der im Film vorgestellten Personen.)

Gödelitz

Da ist zunächst der Ort, der den Rahmen garantiert: Gut Gödelitz bei Döbeln in der sächsischen Provinz. Und die Menschen, die ihn lebendig machen.

Die Besitzer, Familie Schmidt-Gödelitz, flohen nach Kriegsende in den Westen – und kamen nach der Wende wieder zurück. „Aber nicht als Altbesitzer, die sagen: ‚Hier sind wir wieder!‘“, wie Axel Schmidt-Gödelitz, der zusammen mit seiner Mutter und seinen drei Geschwistern das zu DDR-Zeiten entschädigungslos enteignete und verstaatlichte Gut 1990/91 wieder zurückkaufte, erläutert. Der recht jugendlich wirkende, mittlerweile 82-Jährige trat – „was für meinen Vater ganz scheußlich war“ – in den Siebzigerjahren der SPD bei, wegen der Friedens- und Aussöhnungspolitik von Willy Brandt und Egon Bahr. Letzteren bezeichnet er als seinen „politischen Ziehvater“, von dem er nicht zuletzt gelernt habe, Perspektivwechsel zu praktizieren, die Interessen des Anderen zu sehen und in die eigenen Entscheidungen einzubauen und: „Jeder Konflikt, jeder Krieg hat eine Vorgeschichte!“

Die beruflichen Stationen von Schmidt-Gödelitz – unter anderem in der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Ostberlin bei Günter Gaus und bei der Friedrich-Ebert-Stiftung in Kairo und Peking, wo er im Juni 1989 das Massaker am Tianamen-Platz miterlebte – prägten seinen Entschluss für Sinn und Zweck des zurückgekauften und mittlerweile aufwendig renovierten Familiengutes: „Es war völlig klar: Das, was ich politisch gelernt habe – in meinem Leben und von Egon Bahr –, das werden wir hier auch machen!“

Entstanden ist ein als ‚Familienbetrieb‘ geführtes Offenes Haus im Herzen Sachsens, das sich – eine nicht immer leichte betriebswirtschaftliche Aufgabe – selbst trägt, wo neben Vorträgen und Kammerkonzerten auch Führungskräfteseminare, Hochzeiten und Familienfeste ausgerichtet werden, das aber vor allem einen besonderen identitätsprägenden Schwerpunkt hat: das von Schmidt-Gödelitz 1999 ins Leben gerufene „Ost-West-Forum“ mit seinen mittlerweile auch in Polen, Korea und Westdeutschland erfolgreich praktizierten wechselseitigen Biographiegesprächen. Und in diesem „Familienbetrieb“ arbeiten alle mit: Axels 85-jährige Schwester Barbara Wagner, die von Anfang an dabei war und alles mit aufbaute, seine Frau Katrin und die Söhne Leonard und Fabian. Alle haben dieselbe Grundeinstellung zu ihrem Projekt: „Gödelitz ist kein Wertgegenstand, Gödelitz ist eine Verantwortung!“

An diesem Ort findet – Dreh- und Angelpunkt des genannten Films von Ralf Eger – Mitte Oktober 2024 eine Veranstaltung zu Ehren Michail Gorbatschows statt.

Zwei Frauen

Die Hauptprotagonistinnen des Abends sind, neben den Gastgebern, zwei Frauen mit viel Verstand und ebenso viel Herz, die sich beide auf ihre Art intensiv mit der Person Michail Gorbatschow beschäftigt, ihn persönlich kennengelernt und zum Teil auch mit ihm zusammengearbeitet haben:

Die Bestsellerautorin und ehemalige Moskaukorrespondentin Gabriele Krone-Schmalz, die im März 1990, als erste der in Moskau akkreditierten westlichen Korrespondenten überhaupt, ein Interview mit Gorbatschow führte und später mit ihm im Rahmen des – von deutscher Seite mittlerweile gecancelten – Petersburger Dialogs intensiv kooperierte, und die Journalistin Bettina Schaefer, die im Sommer 2023 zum ersten Jahrestag des Todes von Gorbatschow den mittlerweile preisgekrönten und ins Englische übersetzten Erinnerungsband „Michail Gorbatschow – Wie er unser Leben veränderte“ vorlegte.

Wahlverwandtschaften

All diese Personen – Referentinnen und das Gödelitzer Familienteam – verbindet, untereinander und zusammen mit der Hauptperson der Veranstaltung, derselbe ‚Spirit‘: Nicht der der schalen ‚Toleranz‘, die oft ja nur ein blumiges Wort für ‚Desinteresse‘ ist. Es ist der, mittlerweile so selten gewordene, aufrichtige Wille zum – nein: die Lust am – Dialog, der respektvolle Umgang mit Differenzen oder, wie Krone-Schmalz es augenzwinkernd auf den Punkt bringt, das Motto: „Anständig streiten – im doppelten Sinne des Wortes!“

Es ist diese gemeinsame Grundhaltung aller Beteiligten, die sie – unabhängig von unterschiedlichen Ansichten und Einschätzungen, nicht zuletzt der aktuellen Situation – allesamt zu Wahlverwandten macht. Auch und gerade des Mannes, um den es hier geht: Michail Gorbatschow.

Die Hauptperson

Bettina Schaefer und Gabriele Krone-Schmalz, und damit der Film, lassen diesen Ausnahmepolitiker und -menschen aus verschiedensten Perspektiven noch einmal ‚auferstehen‘:

Da ist die von Frau Schaefer aufgezeichnete Perspektive eines damals zehnjährigen Mädchens – der heutigen SPD-Bundestagsabgeordneten Sonja Eichwede, Tochter des Osteuropahistorikers Wolfgang Eichwede –, das Mitte der Neunzigerjahre nicht verstehen kann, warum Gorbatschow seinen bereits angekündigten Besuch bei ihrer Familie in Bremen im letzten Augenblick absagt, weil er sich lieber im Hotel um seine erkrankte Frau Raissa kümmern will. Schließlich könnten sie Raissa doch auch bei ihnen zu Hause im Wohnzimmer ein Bett machen! Und wie er ihr bei einer späteren Begegnung alles nochmal erklärt, ihr versichert, er habe ihre Idee, der er leider nicht nachkommen konnte, sehr schön gefunden. Wie er Sonja bei der Hand fasst und ihr verspricht, dass sie beide nun für immer Freunde seien! Außerdem seien sie ja eh bald Kollegen, schließlich wolle Sonja auch Juristin werden … (Das schöne Foto der Zehnjährigen mit dem Friedensnobelpreisträger bildet das Cover von Schaefers Buch.)

Da erfahren wir, dass Gorbatschow, wie ein Biograph von einer Klassenkameradin im ländlich-nordkaukasischen Priwolnoje erfuhr, nach dem Krieg als 12-, 13-Jähriger dort ein ganzes Jahr die Dorfschule geschwänzt hat – weil er, mit einem Pferd der Kreisstadtkolchose unterwegs, in den Dörfern die Post verteilte, um Geld für die Familie zu verdienen.

Da ist das erwähnte Erstinterview im Kreml.

Immer wieder schimmert das Bildnis eines zugänglichen, sehr präsenten, gutaussehenden Mannes durch, der offen und schnörkellos seine Meinung vertrat, aber auch – für einen Spitzenpolitiker eher ungewöhnlich – konzentriert zuhören, ja bei besseren Argumenten sich sogar korrigieren konnte. Der es mit seinem freundlich-zugewandten Charme gar schaffte, einen ausgesprochenen Kommunistenfresser wie Franz-Josef Strauß Ende 1987 innerhalb von drei Tagen zu einem regelrechten Fan zu ‚bekehren‘. Oder mit den Worten von Krone-Schmalz: „Michail Gorbatschow war etwas ganz Besonderes. Es war der Mensch dahinter, der mir die Hoffnung gegeben hat, dass Politik jenseits von Partei und Eigeninteressen möglich ist!“

Wir sehen nochmals die Szenen vom euphorischen Empfang, den die Bonner Bürger dem sowjetischen Generalsekretär und dessen Ehefrau Raissa – noch vor Mauerfall und deutscher Vereinigung – im Juni 1989 bereiteten. Wir sind fast ungläubige Augenzeugen, wie am 9. November 1990 Gorbatschow und Helmut Kohl den deutsch-sowjetischen Partnerschaftsvertrag unterzeichnen. Und immer spüren wir förmlich die allgemeine Erleichterung nach dem glücklichen Ende des Kalten Krieges, die gewaltigen Hoffnungen auf eine friedliche Zukunft, die damals greifbar im Raum standen.

Eine neue Vision der Welt triumphiert …“

Schauen wir uns abschließend noch einmal an, welch weiten Weg Michail Gorbatschow selbst zurückgelegt hat. Beginnen wir mit seinem ‚Ur-Trauma‘:

„Ich war ein Teenager, als deutsche Besatzer in mein Dorf kamen. Ich litt Hunger und erfuhr Demütigung. Bevor die deutschen Truppen aus Angst vor einer Umzingelung, vor einem neuen ‚Stalingrader Kessel‘, den Rückzug antraten, versteckte meine Mutter mich. Ihr war anonym eine Nachricht zugesteckt worden, dass am 26. Januar 1943 die Familien der Kommunisten erschossen werden sollten. An sich selbst dachte sie dabei nicht. Sie sorgte sich um das Leben ihres Sohnes. – Einige Jahre nach Kriegsende war ich mit der Bahn nach Moskau unterwegs, um mein Studium an der Lomonossow-Universität aufzunehmen. Ich fuhr durch Stalingrad und durch viele andere Städte. Was ich aus dem Fenster des Zuges sah, hat mich erschüttert und sich in mein Gedächtnis eingebrannt: grauenhafte Verwüstung, Brandstätten, Trümmer von Häusern. Diese Erlebnisse und Bilder, sie haben meine Einstellung zum Krieg, sprich: dessen entschiedene Ablehnung, geprägt.“

Und hören wir, was er Jahrzehnte später als Präsident der UdSSR am 9. November 1990 – ein Jahr nach dem Mauerfall und einen Monat nach der deutschen Vereinigung – anlässlich der Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen „Vertrags über gute Nachbarschaft, Partnerschaft und Zusammenarbeit“ in Bonn dem Volk der ehemaligen Besatzer erklärte:

„Ich sehe keine Gegner, kein anderes Land, keine andere Nation, die wir verdächtigen, sich auf einen Krieg mit uns vorzubereiten. So nehmen wir die Welt heute wahr. Und das lässt uns hoffen, dass wir uns das Ziel setzen können, eine atomwaffenfreie und gewaltfreie Welt zu schaffen, eines der größten Ziele für die gesamte Weltgemeinschaft. Wir haben genügend andere Probleme, mit denen wir uns beschäftigen müssen. Wir haben uns in einem Wettrüsten erschöpft, das zu nichts anderem als zu einer Vergiftung der Beziehungen führte, die wir jetzt wiederherstellen müssen.“

Und:

„Eine neue Vision der Welt triumphiert, die Ära der Konfrontation ist vorbei, die das Gesicht Europas und der Welt prägte. Lasst uns ohne Zögern dafür sorgen, dass gute Nachbarschaft, Partnerschaft und Zusammenarbeit alltäglich und selbstverständlich werden in der Kommunikation unserer großen Nationen. Möge der auf 20 Jahre geschlossene sowjetisch-deutsche Vertrag zu einem Vertrag über den ewigen Frieden werden!“

Anderthalb Wochen danach trafen sich die Staats- und Regierungschefs aller europäischen Staaten inclusive der Sowjetunion sowie der USA und Kanada in der französischen Hauptstadt, wo sie am 21. November 1990 gemeinsam die „Charta von Paris“ unterzeichneten. Sie proklamierte das Ende des Kalten Krieges und der Teilung des Europäischen Kontinents und verkündete den Beginn eines neuen Zeitalters des Friedens und der Kooperation.

Sätze, Erinnerungen, die einem heute die Tränen ins Gesicht treiben …

PS

Der Film „Gorbatschow und Gödelitz – Frieden“ kann an diesem Wochenende, vom 30. bis 31. August, anlässlich des dritten Jahrestages von Gorbatschows Tod als Vorabveröffentlichung auf dem YouTube-Kanal der NachDenkSeiten angesehen werden.

Die Kinopremiere dieser Dokumentation ist am 13. November 2025 um 19 Uhr in Köln im Museum Ludwig (Reservierung über: [email protected] oder Tel: 0176-544 410 30. Am 24. November 2025 wird der Film um 20 Uhr in Berlin im Kino Babylon gezeigt. (Karten über das Kino)

Der erste Film Ralf Egers über Gabriele Krone-Schmalz, „Verstehen“, ist als Blu-ray Disc plus Hardcover-Buch für 28,00 Euro beim Westend Verlag erhältlich. Der zweite Film, „Perspektivwechsel“, steht bei YouTube online.

Das mehrfach international ausgezeichnete Buch „Michail Gorbatschow – Wie er unser Leben veränderte“ der – wie wir ganz am Ende des Films lesen müssen, im Juni diesen Jahres leider viel zu früh verstorbenen – Journalistin Bettina Schaefer ist für 28,00 Euro in ihrem jetztzeit verlag erhältlich.

Titelbild: Screenshot Ralf Eger

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