Das Ruhrgebiet wird in diesem Herbst zum Austragungsort eines für Nachkriegsdeutschland bis dato einzigartigen Zusammentreffens von Führungskräften der NATO-Luftwaffe mit Spitzenkräften der Rüstungsindustrie sowie hochrangigen Militärs, Experten der Militärwissenschaft und Medienvertretern. Von Bernhard Trautvetter.
Ende September treffen diese Kräfte in Essen zusammen, um über Innovationen auf dem Schlachtfeld zu beraten und die dafür wichtigen Technologien besser kennenzulernen. Der Internet-Blog militaeraktuell berichtet in diesem Zusammenhang über die geplante „neue, internationale Fachmesse für Verteidigung und Sicherheit“, die vom 22. bis 25. September 2026 in Essen stattfindet:
„Als zentrale Plattform für sicherheitspolitischen Austausch bringt sie Entscheidungsträger aus Militär, Industrie, Politik und Forschung zusammen. Im Fokus (…) stehen aktuelle Entwicklungen und Innovationen in den Bereichen Verteidigungstechnologie, militärische Ausrüstung, Cybersecurity, Aufklärung, Kommunikation und strategische Sicherheit. Internationale Aussteller präsentieren modernste Produkte und Lösungen für die Streitkräfte von morgen“.
Unter dem Motto ‚Sicherheit neu denken‘ preist das ‚Security-Network‘ die Kombination aus zwei Messen und einer militärstrategischen Konferenz an:
„Inmitten einer tiefgreifend veränderten geopolitischen Lage bietet sie ein integriertes Format aus Ausstellung, Fachkonferenz und internationaler sicherheitspolitischer Vernetzung – mit einem klaren Ziel: die Wehrhaftigkeit Europas und Deutschlands auf eine neue, zukunftsfähige Grundlage zu stellen.”
Die hochkarätige Jahreskonferenz des NATO-Joint Air Power Competence Centre (JAPCC) „versammelt über 400 hochrangige Militärvertreter aus den 32 NATO-Mitgliedsnationen und bietet eine einzigartige Gelegenheit für den strategischen Dialog“, so bewirbt die Website der Messe „Eurodefenceexpo” (EUDEX) das Projekt.
Die Messe Essen stellt heraus, dass die beiden kombinierten Messe-Formate mit „über 800 Ausstellern … erstmals in Europa eine integrierte Plattform, die unter einem ganzheitlichen Sicherheitsbegriff militärische und zivile Technologien und Innovationen an einem Standort vereint“, schaffen würde.
Damit soll die Stadt, die einst wegen der Krupp-Waffenproduktion den internationalen Ruf ‚Waffenschmiede des Reiches‘ hatte, an eine Tradition anknüpfen, die sie einst weitgehend zerstört hat: Der Zweite Weltkrieg verwandelte Essen und zusätzlich nicht nur das gesamte Ruhrgebiet in eine weitgehend unbewohnbare Ruinenlandschaft, in der 1945 eine große Hungersnot grassierte. Die Kriegstraumata nach vielen massiven Bombennächten führten dazu, dass viele Menschen seelische Wracks waren. Die ganze industrielle und soziale Infrastruktur – nicht nur an Rhein und Ruhr – war zusammengebrochen.
Acht Jahre zuvor hatte Hitler dem faschistischen Diktator Italiens Mussolini die Kruppstadt Essen voller Stolz gezeigt. Und noch 1943 hatte der NS-Propaganda-Minister Goebbels den Begriff „Kriegstüchtigkeit” in die Propagandasprache eingebracht. Er schrieb im Mai 1943:
„Die moralische Kriegstüchtigkeit unseres Volkes an der Front und in der Heimat ist vollkommen unantastbar”.“
Als wäre das Resultat nicht genug, griff „Verteidigungs“-Minister Pistorius am 5. Juni 2024 diese NS-Wortwahl im Bundestag auf: „Wir müssen bis 2029 kriegstüchtig sein.“
Die Militärstrategen des JAPCC wussten wohl auch, welchen Bruch des Friedensgebots, welche Risiken sie eingehen, als sie in ihrem Journal 01/2020 geschrieben hatten:
„Seit Anfang der 2000er Jahre wird die westliche Welt und insbesondere die NATO zunehmend hinsichtlich ihrer Fähigkeit zur Durchführung offensiver (!) Operationen kritisch hinterfragt. Das Targeting (die Methode, mit der wir offensive Operationen durchführen) wurde mehrfach weiterentwickelt und verfeinert, um unsere Prozesse transparenter zu gestalten, Risiken für Zivilisten und ziviles Eigentum zu minimieren und die Rechtmäßigkeit des Einsatzes von Kampfmitteln sicherzustellen.”
Ein offensives Vorgehen widerspricht dem Grundgesetz-Artikel 87 a – Zitat:
„Der Bund stellt Streitkräfte zur Verteidigung auf.“
Die Militärstrategien des JAPCC sind schon allein aufgrund der nuklearen Gefahren, die u.a. vom nuklearen Brennelemente-Zwischenlager Ahaus, der Anreicherungsanlage in Gronau, von der Duisburger Konditionierungsanlage für Atommüll sowie von der Altlast des Versuchsreaktors Jülich ausgehen, eine Bedrohung für das Leben von Millionen von Menschen. Krieg kann zur Unbewohnbarkeit weiträumiger und dicht besiedelter Regionen führen. Er darf auf keinen Fall vorbereitet werden, weder durch eine Konferenz zur Entwicklung von Kriegsstrategien für das Schlachtfeld noch durch eine Messe, mit der die Rüstungsindustrie ihre neuesten Tötungstechniken anpreist.
Unweit der Messe Essen und der Grugahalle lebte nicht nur einst Alfred Krupp, sondern auch der ehemalige Bundespräsident Gustav Heinemann, der 1969 in seiner Antrittsrede sagte:
„Hinter dem Frieden gibt es keine Existenz mehr.”
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