Kein Grund zum Feiern: USA & Philippinen oder „Wohlwollende Assimilierung“ unter Uncle Sams Zuchtrute

Kein Grund zum Feiern: USA & Philippinen oder „Wohlwollende Assimilierung“ unter Uncle Sams Zuchtrute

Kein Grund zum Feiern: USA & Philippinen oder „Wohlwollende Assimilierung“ unter Uncle Sams Zuchtrute

Rainer Werning
Ein Artikel von Rainer Werning

Vor genau 250 Jahren, am 4. Juli 1776, verabschiedete der Zweite Kontinentalkongress die von Thomas Jefferson verfasste Erklärung und vollzog damit die Unabhängigkeit der USA von Britannien, was seitdem als Independence Day gefeiert wird. Just am selben Tag vor 80 Jahren, am 4. Juli 1946, gewährten die USA ihrer einstigen und einzigen Kolonie in Asien (1898-1946), den Philippinen, eine Unabhängigkeit mit beschränkter Haftung. Die eigene Unabhängigkeitserklärung im hehren Geiste der Aufklärung und revolutionärer Prinzipien – „Alle Menschen haben ein inhärentes Recht auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glück (Life, Liberty, and the pursuit of Happiness)“ und „Eine Regierung leitet ihre Macht nur aus der Zustimmung der Regierten ab“ – blieb den Filipinos verwehrt. Auf sie blickte Uncle Sam stets herab; sie blieben bestenfalls „kleine braune Brüder“ („little brown brothers“). Ein Begriff, den William Howard Taft, der erste zivile US-Generalgouverneur in den Philippinen und 27. Präsident der Vereinigten Staaten (1909-13), geprägt hatte. Eine wenig schmeichelhafte, unzeremonielle Rückschau unseres Südostasienexperten Rainer Werning.

Von hemisphärischer zur hegemonialen Macht

Ende des 19. Jahrhunderts waren Siedler bis an die Westküste der USA vorgedrungen. Seit etwa 1890 wurde es laut um den Stillen Ozean. Die Weite dieses größten Weltmeeres beflügelte zunehmend hitzigere Debatten: Sollten die US-Amerikaner dieses Meer – mit Berufung auf den Herrn – zu ihrer See (mare nostrum) machen? Diese Streitfrage spaltete die Vereinigten Staaten in „Isolationisten“ und „Interventionisten“ beziehungsweise „Imperialisten“. Erstere meinten, die USA genügten sich selbst und ihr Territorium stellte einen ausreichend großen Binnenmarkt dar. Die Befürworter eines Imperialismus waren Leute höchst unterschiedlicher Couleur: Geistliche, Politiker, Geschäftsleute und Intellektuelle. Im Wettstreit mit den europäischen Kolonialmächten wollten sie nicht zu kurz kommen.

Ein damaliger Noch-Konkurrent der zwischenzeitlich eigene koloniale und imperiale Ziele hegenden Vereinigten Staaten war Spanien, das sich seit dem 16. Jahrhundert in Südamerika, in der Karibik und in den Philippinen festgesetzt hatte. Um 1900 jedoch war Madrids Imperium bereits beträchtlich geschrumpft, frühere Kolonien wie Mexiko und Argentinien längst unabhängig. Lediglich Puerto Rico, Kuba sowie die Marianeninsel Guam und die Philippinen im Pazifischen Ozean befanden sich noch in seinem Besitz. Doch auch in diesen Regionen hatten antikoloniale Revolten die einst sieggewohnten Konquistadoren geschwächt.

Glühende Imperialisten interessierte nicht, dass der philippinische General und damalige Revolutionär Emilio Aguinaldo bereits am 12. Juni 1898 die erste freie Republik Asiens ausgerufen hatte. Diese Unabhängigkeit war kurzlebig, und der Spanisch-Amerikanische Krieg führte geradewegs in den Amerikanisch-Philippinischen Krieg. Während die philippinischen Revolutionäre den Spaniern zu Land große Verluste zugefügt hatten, setzte die Fernostflotte der U.S. Navy binnen eines Tages, am 1. Mai 1898, die marode spanische Armada in der Manila-Bucht außer Gefecht. Doch erst Ende Juni betraten US-amerikanische GIs philippinischen Boden und annektierten so ein unabhängiges Land.

Toxischer Politcocktail aus Kapitalakkumulation, „zivilisatorischer Mission“ und missionarischem Sendungsbewusstsein

In einer Ansprache an eine Gruppe protestantischer Geistlicher 1898 begründete der damalige US-Präsident William McKinley, warum sich die USA der Inseln bemächtigt hatten:

In Wahrheit wollte ich die Philippinen nicht, und als wir sie als Geschenk der Götter bekamen, wusste ich nichts mit ihnen anzufangen. Ich lief Abend für Abend bis Mitternacht im Weißen Haus umher; und ich schäme mich nicht, zu gestehen, dass ich niederkniete und den Allmächtigen mehr als einmal um Licht und Führung anging. Und eines Abends spät dämmerte es mir, dass wir sie nicht an Spanien zurückgeben könnten, das wäre feige und unehrenhaft. Zweitens, dass wir sie nicht Frankreich oder Deutschland – unseren Handelsrivalen im Osten – überlassen konnten, das wäre schlechter Geschäftsstil und diskreditierend. Drittens, dass wir sie nicht einfach sich selbst überlassen konnten; sie waren nicht reif für die Selbstverwaltung, sie hätten dort bald Anarchie und eine schlimmere Misswirtschaft gehabt, als es die spanische war, sodass uns nichts übrig blieb, als die Filipinos zu erziehen, sie emporzuheben, zu zivilisieren und zu christianisieren und mit Gottes Gnade das Beste für sie zu tun wie für unsere Mitmenschen, für die Christus ebenso gestorben ist.“ (Hervorhebung: RW)

Mit dieser „Offenbarung“ leugnete der Präsident die knapp 350-jährige Kolonialherrschaft des christlichen Spaniens sowie die geostrategischen Interessen seines Landes. Verbrämt wurden diese fortan als „benevolent assimilation“. Zur „wohlwollenden Assimilierung“ gehörte auch, dass die neuen Besatzer das amerikanische Englisch als Amtssprache im Bildungs-, Geschäfts- und Verwaltungsbereich durchsetzten. Sie ermöglichten kooperativen Filipinos das Studium an Eliteuniversitäten in den USA und betrauten diese schrittweise mit administrativen Aufgaben. Außerdem errichteten die USA auf dem Archipel mit der Subic Naval Base und dem Clark Air Field die größten Militärstützpunkte außerhalb der Vereinigten Staaten und schufen unter der Ägide von General Arthur MacArthur den Kern einer willfährigen Armee, der Streitkräfte der Philippinen (AFP).

Die Filipinos leisteten auch den neuen Kolonialherren erbittert Widerstand; sie hatten für Selbstbestimmung und nicht für die Unterordnung unter ein neues Kolonialjoch gekämpft. Der Amerikanisch-Philippinische Krieg begann Anfang Februar 1899 und endete offiziell dreieinhalb Jahre später. Im Süden der Philippinen, in der Sulu-See und auf der Insel Mindanao dauerte die amerikanische „Befriedung“ indes bis 1916. In diesem bis dahin größten Kolonialmassaker in Südostasien wurde die damals gut sechs Millionen Menschen zählende Bevölkerung buchstäblich dezimiert. Einige Schätzungen sprechen sogar von über einer Million niedergemetzelter Filipinos. Es war der erste Guerillakrieg in Asien, in den annähernd 160.000 GIs involviert waren. Im besonders „unruhigen Süden“ des Archipels gingen Generäle wie Leonard Wood und John Joseph Pershing [*] als „Schlächter“ in die Annalen der Geschichte ein.

Im Mutterland selbst war diese Haudegenpolitik keineswegs unumstritten. Scharfe politische Proteste gegen den Krieg hagelte es vor allem seitens der rührigen Antiimperialistischen Liga. Deren Vizepräsident war von 1901 bis zu seinem Tode 1910 der berühmte Schriftsteller Samuel Langhorne Clemens alias Mark Twain.[**] Er begründete seine Haltung mit den Worten:

Noch vor einem Jahr war ich kein Antiimperialist. Ich dachte, es sei eine großartige Sache, den Filipinos ein großes Stück an Freiheit zu geben. Heute allerdings glaube ich, es ist besser, dass die Filipinos sich selbst darum kümmern.“

Und weiter:

Ich bin dagegen, dass der Adler seine Krallen auf ein anderes Land setzt.“

Berichte über das Gemetzel in den Philippinen machten auch Schlagzeilen in der US-Presse. Vor allem waren es Militärkommandeure wie Jacob H. Smith, die Empörung auslösten. Dieser Befehlshaber, der den Spitznamen „Bloody Jake“ („Blutiger Jakob“) trug, hatte auf der zentralphilippinischen Insel Samar den Tagesbefehl ausgegeben:

Plündern, morden und niederbrennen sollt ihr. Je mehr ihr das tut, desto größer wird mein Wohlgefallen sein.“

Es war das historische Verdienst der Antiimperialistischen Liga, die eigene Bevölkerung über die Geschehnisse in der US-amerikanischen Kolonie in Asien informiert zu haben. Vor allem ihr Vizepräsident Mark Twain galt im letzten Jahrzehnt seines Lebens als landesweit einflussreichster Antiimperialist.

Schaffung einer hörigen Elite

Zunächst von einer US-amerikanischen Militärregierung verwaltet, ging Washington später dazu über, an die Spitze der Exekutive auf den Inseln einen Gouverneur zu stellen. Die legislative, mit begrenzten Befugnissen ausgestattete Versammlung wurde mit Filipinos besetzt, die im Geiste der Kolonialmacht als Ebenbild beziehungsweise als gelehrige „kleine braune Brüder“ erzogen worden waren. Diese „brown yankees“ fühlten sich den Ideen und Vorstellungen ihrer Kolonisatoren enger verbunden als den sozialen Forderungen ihrer eigenen Bevölkerung nach Land und Reis. Was u.a. dazu führte, dass sich die US-hörige Elite in Manila dafür einsetzte, dass während des Ersten Weltkrieges 6.000 Filipinos in der U.S. Navy dienten und weitere 4.000, die auf Hawaii lebten, der U.S. Army beitraten. Außerdem bot sie den USA neben Soldaten ein Unterseeboot und einen Zerstörer an. Filipinos zeichneten überdies eine Kriegsanleihe, die „Liberty Bonds“, und sammelten für das US-amerikanische Rote Kreuz.

Honoriert wurde das Verhalten dieser Elite mit der Unterzeichnung des Tydings-McDuffie-Gesetzes im Jahr 1934. Dieses sah u.a. die Schaffung einer Commonwealth-Regierung vor, die das Land nach einer Übergangszeit von zehn Jahren schließlich in die Unabhängigkeit führen sollte. Erster Präsident des ein Jahr später entstandenen Commonwealth of the Philippines wurde Manuel L. Quezon. Das Land genoss demnach begrenzt innere Autonomie, allerdings mussten die in Manila verabschiedeten Gesetze weiterhin vom Weißen Haus und dem US-Senat gebilligt werden. Der Handel mit den wichtigsten Exportprodukten wie Zucker, Hanf und Kopra (getrocknetem Kokosnussfleisch) blieb fest in den Händen amerikanischer Geschäftsleute, wie denn auch der in Manila residierende US-Hochkommissar die Oberaufsicht über Finanzen, Verteidigung und internationale Beziehungen ausübte.

Das größte soziale Problem vor, während und nach der Commonwealth-Ära waren die extrem ungleichen Boden- und Besitzverhältnisse im Lande und die daraus resultierende Armut der überwiegend bäuerlichen Bevölkerung. Die ausgedehnten Ländereien, die einst der spanischen Krone und Mönchsorden gehört hatten, wurden von den Amerikanern entweder aufgekauft oder entschädigungslos neuen Eigentümern übertragen. Vertretern der philippinischen Oberschicht, die bereits vor der Ankunft der neuen Kolonialherren über Grund und Boden verfügt hatten, konnten sich unter ihnen nochmals bereichern. Denn erstmalig entstanden Katasterämter, in denen die Begüterten und die des Lesens und Schreibens Kundigen ihre tatsächlichen oder fingierten Landtitel gegen eine Gebühr offiziell registrieren, sich somit als rechtmäßige Eigentümer ins Grundbuch eintragen lassen konnten. Die Masse der Filipinos hingegen, Kleinbauern und Pächter, blieb arm wie eh und je.

Was den Bauern unter den Nägeln brannte, waren Pachtraten, die vielfach Abgaben von bis zu 75 Prozent ihrer durchschnittlichen Ernteerträge vorsahen. Wenngleich die Commonwealth-Regierung unter Präsident Quezon die politische Brisanz dieser Probleme erkannte und Ende der 1930er-Jahre eine Sozialreform ankündigte, blieben tatsächliche Reformen aus. Die Folge: Widerstand und Protest radikalisierten sich. Ende 1938 vereinigte sich die seit ihrer Gründung im Jahre 1930 verbotene Kommunistische Partei mit der 1932 entstandenen Sozialistischen Partei zur Kommunistischen Partei der Philippinen (Partido Komunista ng Pilipinas, PKP). Die PKP verband in den Jahren darauf die soziale Forderung nach einer Land- und Agrarreform mit dem politischen Appell, gleichzeitig die Landesverteidigung zu stärken, um gegen einen möglichen japanischen Angriff gewappnet zu sein. Nach dem Nanking-Massaker um die Jahreswende 1937/38 hatten japanische Truppen ihren Vormarsch gegen andere chinesische Großstädte fortgesetzt und keinen Zweifel daran gelassen, den Krieg auch auf Südostasien auszuweiten.

Im Zentrum der Insel Luzon, der traditionellen Reiskammer des Landes, entstand auf Initiative der PKP am 29. März 1942 die landesweit größte und einflussreichste Guerillabewegung in Gestalt der Antijapanischen Volksarmee (kurz: Hukbalahap bzw. Huk). Ihre Ziele waren, im bewaffneten Widerstand gegen die japanischen Besatzer den Kampf für die Unabhängigkeit des Landes zu führen und ferner die Umwälzung der ungleichen Boden- und Besitzverhältnisse. Letztere schloss eine umfassende Agrarreform ein, in deren Verlauf das Land denen übereignet werden sollte, die es bebauten – den Kleinbauern und Pächtern in den von feudalem Großgrundbesitz geprägten Regionen Luzons. Gemeinsam mit Guerillaorganisationen in anderen Landesteilen und philippinischen Verbänden der US-Streitkräfte im Fernen Osten (USAFFE) unter dem Oberbefehl von Douglas MacArthur, dem Sohn von Arthur MacArthur, leisteten die Huks die „Drecksarbeit“ im Kampf gegen die japanischen Militaristen während des Zweiten Weltkriegs. MacArthur, der sich beim Vorrücken der japanischen Truppen auf Manila nach Australien abgesetzt hatte, und die Regierung in Washington hatten den in die USAFFE integrierten Filipinos eine Gleichbehandlung mit GIs nach Kriegsende in Aussicht gestellt. Damit waren Vergütungen und vor allem Pensionen gemeint.

„Unabhängig“ von Tokios Gnaden

Die alte Commonwealth-Regierung verlegte Mitte Mai 1942 ihren Sitz nach Washington, während die japanische Militärverwaltung eine Vorbereitungskommission für die philippinische Unabhängigkeit einsetzte. Diese Kommission erarbeitete eine neue Verfassung, die sodann von einer Tokio ergebenen Nationalversammlung ratifiziert wurde. Deren Generalversammlung wählte José P. Laurel zum Präsidenten der neuen Republik der Philippinen und Benigno S. Aquino zu ihrem Sprecher. Offiziell blieb Laurel Präsident von Japans Gnaden vom 14. Oktober 1943 bis zum 15. August 1945, als er von seinem japanischen Exil aus die japanische Besatzung für beendet erklärte. Anerkannt war diese Zweite Philippinische Republik außer von den Achsenmächten Italien, Deutschland und Japan lediglich von Spanien unter General Franco und dem Vatikan.

Wie kaum ein anderer politischer Clan im Lande hatten es die Laurels verstanden, mit den jeweils Mächtigen zu paktieren. Unter den Spaniern waren sie zu Ehren gelangt, die US-Amerikaner hofierten sie ebenso ungeniert wie die neuen japanischen Kolonialherren, um danach wiederum ihre Herzen im Takt mit dem transpazifischen Sieger schlagen zu lassen. Dieser zeigte sich nach Kriegsende überaus großmütig. Auf Drängen des „Amerikanischen Cäsar“ – so hatte William Manchester seine 1978 erschienene MacArthur-Biographie aufgrund des Generals Machtfülle betitelt – kam Laurel trotz des Vorwurfs der Kollaboration sowie des Hochverrats und weiterer damit verbundener Anklagen ungeschoren davon. Er musste sich vor keinem Gericht verantworten, geriet in den Genuss einer Generalamnestie, um bereits 1951 erneut in den Senat der mittlerweile auch von den USA unabhängig gewordenen Republik der Philippinen einzuziehen.

José P. Laurel wertete seine Politik nach der Flucht der Commonwealth-Regierung und General MacArthurs als aufopferungsvollen Einsatz im Dienst des Volkes, dem so größeres Blutvergießen erspart worden sei. Doch als Präsident eines Vasallenregimes setzte er sich kompromisslos für die Interessen des Besatzungsregimes ein. Eine der ersten Amtshandlungen von Präsident Laurel war die Anweisung an alle Reis- und Maisproduzenten, ihre Ernten und Vorräte unverzüglich an Regierungsstellen abzuliefern, damit diese ihrer vorrangigen Verpflichtung nachkommen konnten, die japanischen Truppen mit Lebensmitteln zu versorgen.

Comeback der Eliten

Während des Krieges waren nicht weniger als 260.000 Filipinos in unterschiedlichen Guerillaorganisationen aktiv. Die Hukbalahap mit etwa 30.000 Kämpfern kontrollierte auf dem Höhepunkt der Kampfhandlungen den größten Teil der Nordinsel Luzon. Es waren ihre Verbände, die maßgeblichen Anteil an der verlustreichen Rückeroberung Manilas im Frühjahr 1945 hatten und zahlreiche US-Soldaten aus japanischer Gefangenschaft befreiten. Umso größer war das Erstaunen, dass noch vor der Kapitulation Japans die erste Generalorder des zwischenzeitlich zurückgekehrten USAFFE-Chefs MacArthur an die Huks adressiert war. Unverzüglich sollten diese die Waffen strecken und sie den philippinischen US-Einheiten bzw. US-amerikanischen Kommandeuren übergeben. Andernfalls würden sie als „gesetzlos“ und „Banditen“ behandelt.

Ein Dauerkonflikt zwischen den alt-neuen Machthabern und der Guerilla war programmiert. Folgerichtig benannte sich die Hukbalahap Ende der 1940er-Jahre in Volksbefreiungsarmee um, die nunmehr die Regierung und die US-Streitkräfte auf den Inseln bekämpfte. Erst Mitte der 1950er-Jahre gelang es vereinten amerikanisch-philippinischen Eliteeinheiten im Rahmen eines gezielten „Aufstandsbekämpfungs“programms, der Organisation das Rückgrat zu brechen. In der Folgezeit musste die PKP im Untergrund verharren, militante Bauernorganisationen und Gewerkschaften wurden kriminalisiert.

Die „Befriedung“ der Huks mit militärischen Mitteln wurde flankiert von gezielter Kooptation auch vormals projapanischer Elemente aus Politik und dem Polizeiapparat. Deren Einbinden in die Nachkriegsordnung hatte den Vorteil, dass sie erpressbar, zumindest aber manipulierbar waren. Herausragendes Beispiel: Manuel Roxas. Die politische Karriere dieses letzten Commonwealth-Präsidenten und ersten Oberhaupts der am 4. Juli 1946 unabhängig gewordenen Republik der Philippinen begann vor dem Krieg als Brigadegeneral in der Armee und als Politiker. Während der japanischen Okkupation oblag ihm als hochrangigem Mitglied des Marionettenregimes die Aufgabe, die japanischen Truppen mit Reis zu versorgen. Nach dem Krieg wurde Roxas zunächst mit etwa 5.000 anderen Kollaborateuren von US-Militäreinheiten gefangen genommen, um aber schon bald auf Anweisung von Präsident Sergio Osmeña und General MacArthur wieder auf freien Fuß gesetzt zu werden. Roxas war so etwas wie der Darling MacArthurs, dessen politisches Comeback er aktiv förderte.

Der Politikwissenschaftler und Publizist Richard Heydarian gelangte deshalb in seiner am 2. Juni 2026 veröffentlichten Kolumne in Manilas Tageszeitung Philippine Daily Inquirer zu dem wenig schmeichelhaften Fazit:

„Trotz unserer mutigsten demokratischen Bestrebungen und Momente revolutionärer Brillanz war die philippinische Politik so gut wie nie vorbildlich. Man denke nur daran, wie nahtlos sich viele unserer Gründerväter (…) in das amerikanische Imperium integrierten, nicht lange nachdem sie das schwindende spanische Imperium tapfer besiegt hatten. Nachdem uns die Amerikaner auf den Trümmern des Zweiten Weltkriegs unsere ‚Unabhängigkeit‘ überreicht hatten, begannen einige Dynastien, das Land in ihre eigenen kleinen Lehensgüter aufzuteilen. Genau vor diesem Hintergrund demokratischer Schwächung schuf der ehemalige Präsident Ferdinand Marcos Sr. im Namen der nationalen Erneuerung einen selbsternannten ‚konstitutionellen Autoritarismus‘. Es dauerte fast zwei Jahrzehnte, bis die oppositionellen Kräfte genügend organisatorische Stärke und externe Unterstützung aufbringen konnten, um eine der korruptesten und unfähigsten Diktaturen der Menschheitsgeschichte zu stürzen. Der revolutionäre Bruch wurde schnell durch die Rückkehr der alten Oligarchen und, nur wenige Jahre später, durch die nahtlose Rückkehr der Marcoses aus ihrem luxuriösen Exil (auf Hawaii – RW) untergraben.“

US-amerikanische Neokolonie

Das von US-Präsident Franklin D. Roosevelt noch im August 1943 bekräftigte Versprechen, den Philippinen für angerichtete Kriegsschäden – von mindestens 1,25 Milliarden Dollar war ursprünglich die Rede – Reparationszahlungen zu gewähren, wurde ebenso wenig eingehalten wie die Zusage zur Zahlung von Pensionen für alle Filipinos, die auf Seiten der USAFFE gegen Japan gekämpft hatten. In Washington und Manila begann stattdessen ein politisch-diplomatisches Gerangel um die Höhe der zu leistenden Kriegsreparationen und die Art und Weise, wie und in welchem Zeitraum diese ausgezahlt werden sollten.

Im Herbst 1945 war im US-Senat zunächst eine Nothilfelieferung für die Philippinen in Höhe von 620 Millionen Dollar vorgesehen, die allerdings schon bald um 100 Millionen abgesenkt wurde. Darüber hinaus wurde die Zahlung von der Erfüllung bestimmter Auflagen seitens Manilas abhängig gemacht. Dazu zählten die Einrichtung einer Behörde zur Taxierung der Kriegsschäden und das Festschreiben von Gleichheitsklauseln (parity rights). Demnach sollten US-Amerikanern in den Philippinen künftig dieselben Rechte wie Filipinos in den USA eingeräumt werden – ein nachgerade klassischer Goliath-David-Deal. Dermaßen schleppend und ineffektiv arbeitete die War Damage Corporation, dass erste Zahlungen erst Ende 1946 flossen und individuelle Ansprüche nicht vor April 1947 berücksichtigt wurden. Als diese Behörde 1950 ihre Arbeit einstellte, hatte sie lediglich 388 Millionen Dollar an über eine Million private Antragsteller ausgezahlt. In den Genuss dieser Zahlungen kamen diejenigen, die Nähe zum Machtzentrum genossen oder dank Schmiergelder ins Auswahlverfahren gerückt waren.

Das nach einem US-Kongressabgeordneten benannte philippinische Handelsgesetz aus dem Jahre 1946, der Bell Trade Act, akzeptierte letztlich die „parity rights“. Außerdem garantierte es acht Jahre lang den Freihandel mit den USA, koppelte den philippinischen Peso an den Dollar mit der Auflage, den vereinbarten Wechselkurs von 2:1 nur mit US-amerikanischer Zustimmung zu ändern, und verlängerte schließlich den zollfreien Handel mit bestimmten Produkten für weitere 28 Jahre. Die wirtschaftliche Hegemonie der USA über die politisch „unabhängig“ gewordene Neokolonie blieb ungebrochen – nicht zuletzt wegen der Erpressbarkeit der Regierung in Manila.

In die Amtszeit von Präsident Roxas fiel ebenfalls die Entscheidung, den USA den Unterhalt und Ausbau militärischer Stützpunkte zu gestatten und ihnen dafür auf der Basis eines 99 Jahre währenden Pachtvertrags Grund und Boden zur Verfügung zu stellen. Unterzeichnet wurde dieser Vertrag zur Regelung der allgemeinen Beziehungen am 14. März 1947. Eine Vereinte US-Militärberatungsgruppe (JUSMAG) erlaubte hochrangigen US-Militärs jederzeit Einblicke in strategische und taktische Überlegungen der AFP und wachte darüber, dass diese kein anderes als US-amerikanisches Kriegsgerät akquirierten. Wenngleich die US-Basen nach dem Kalten Krieg und einer denkbar knappen Entscheidung des philippinischen Senats, der eine landesweit massive Protestbewegung vorausgegangen war, im Jahre 1992 geschlossen wurden, blieben für Washington auch danach Hintertüren offen, auf den Inseln militärische Präsenz zu demonstrieren und sie als vorgeschobenen Brückenkopf gegen China zu nutzen und sukzessiv mit Kriegslogistik auszustatten.

„Monsterjagd“ und „Arroganz der Macht“ oder Die vereitelte Auf-Hebung geistloser Zustände

Der U.S. Congressional Research Service (CRS) dokumentiert seit 1798 insgesamt 469 Einsätze der US-Streitkräfte im Ausland. Davon werden 36 gemeinhin als größere Konflikte eingestuft. Nur fünf davon wurden vom Kongress offiziell erklärt. Die übrigen wurden durch Resolutionen, Exekutivverordnungen oder – in vielen Fällen – gar nicht genehmigt. Die Vereinigten Staaten befanden sich seit ihrer Gründung mithin 229 Jahre im Krieg oder in einem bewaffneten Konflikt – das sind rund 92 Prozent ihrer Existenzzeit!

Allein der von Washington seit 9/11 entfesselte „Antiterrorfeldzug“ („War on Terror“) verschlang laut Berechnungen des Projekts „Costs of War“ der Brown University allein bis zur Jahresmitte 2023 acht Billionen US-Dollar und forderte 900.000 Menschenleben.[***] Berücksichtigt man indirekte Folgen wie Krankheiten und zerstörte Infrastruktur, beläuft sich die Gesamtzahl der Todesopfer auf 4,5 bis 4,7 Millionen – hauptsächlich in „Einsatzgebieten“ wie Afghanistan, Pakistan, Irak, Syrien und Jemen. Mehr als 7.000 US-Soldaten verloren in diesen Konflikten ihr Leben, ebenso wie Tausende von US-Auftragnehmern und alliierten Truppen. Millionen von Menschen im Nahen Osten und in Zentralasien wurden innerhalb ihres Landes vertrieben oder mussten aus ihren Heimatländern fliehen. Der „War on Terror“ schuf letztlich erst die Probleme, die er zu eliminieren vorgab.

Bereits Mitte der 1960er-Jahre – auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges und des in Vietnam so genannten „Amerikanischen Krieges” – veröffentlichte J. William Fulbright (1905-1995) in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des US-Senatskomitees für Auswärtige Angelegenheiten das viel beachtete Buch „Die Arroganz der Macht“. Es erschien 1966 in den USA und 1967 in der Bundesrepublik. Es ward dies ein Buch, das wesentlich mit dazu beitrug, den selbstgefälligen, gottgefälligen (bigotten?!) und missionarischen amerikanischen Exzeptionalismus nachhaltig zu erschüttern. Und welch‘ schriller Kontrast zum Diktum des sechsten US-Präsidenten John Quincy Adams (1825-29), der in seiner Antrittsrede am 4. Juli 1821 den Kongress beschworen hatte:

„Amerika zieht nicht ins Ausland, um Monster zu jagen und zu vernichten. Es ist ein Verfechter der Freiheit und Unabhängigkeit aller. Es ist jedoch nur der Verfechter und Verteidiger seiner eigenen.“

„In God We Trust“ (auch als „In God we trust“ wiedergegeben) ist u.a. das offizielle Motto der Vereinigten Staaten. Es wurde 1956 vom US-Kongress durch eine gemeinsame Resolution angenommen und ersetzte damit E pluribus unum („Aus vielen eins“), das seit der ursprünglichen Gestaltung des Großen Siegels der Vereinigten Staaten das De-facto-Motto gewesen war. Die Ursprünge von „In God We Trust“ als politisches Motto liegen im amerikanischen Bürgerkrieg, als Anhänger der Union ihre Verbundenheit mit Gott betonen und die Moral stärken wollten. Die großgeschriebene Form „IN GOD WE TRUST“ erschien erstmals 1864 auf der Zwei-Cent-Münze und war anfangs nur auf Münzen zu finden, wurde aber nach und nach von den Amerikanern akzeptiert. Ein im Juli 1955 durch eine gemeinsame Resolution des 84. Kongresses verabschiedetes und von Präsident Dwight D. Eisenhower gebilligtes Gesetz schrieb vor, dass der Schriftzug „In God We Trust“ fortan auf allen US-Banknoten erscheinen muss.

Apropos Exzeptionalismus oder Amerikas vermeintliche Einzigartig- oder Außergewöhnlichkeit: Darüber ließ sich der namhafte US-Historiker Howard Zinn im Jahre 2005 in einem bemerkenswerten Vortrag am Massachusetts Institute of Technology (MIT) aus, als er dazu u.a. mit Blick auf die Philippinen ausführte:

„Und dann natürlich der Einmarsch in die Philippinen und die Verbreitung der Zivilisation, wie McKinley sagte: ‚Wir werden die Filipinos christianisieren und zivilisieren, denn wir sind anders, wir sind besser.‘ Zur Zeit der Invasion der Philippinen gab der amerikanische Kriegsminister Elia Root eine Art klassische Erklärung des amerikanischen Exzeptionalismus ab. Er sagte: ‚Der amerikanische Soldat unterscheidet sich von allen anderen Soldaten aller anderen Länder seit Anbeginn der Welt. Er ist die Vorhut der Freiheit und Gerechtigkeit, von Recht und Ordnung sowie von Frieden und Glück.‘ Der amerikanische Soldat ist anders. Natürlich klingt das jetzt, genau jetzt, unmittelbar nach Abu Ghraib[****], nach all diesen Enthüllungen, die jeden Tag über Folter und Gräueltaten und so weiter ans Licht kommen – das klingt nicht richtig. Aber man könnte sagen: ‚Nun, Root konnte Abu Ghraib nicht vorhersehen.‘ Doch er musste es nicht vorhersehen, denn zu der Zeit, als er dies sagte, begingen die Vereinigten Staaten bereits Gräueltaten und Massaker in den Philippinen durch amerikanische Soldaten, die sich angeblich so sehr von den weltweiten Soldaten unterscheiden.“

Was tun, wenn der Kolonisator den Kolonialisierten mit dem Faktum konfrontiert, ausgerechnet seinen eigenen Unabhängigkeitstag gleichzeitig als Geburtstag der „Ex“-Kolonie feierlich zu begehen? Der philippinische Unabhängigkeitstag wurde von Präsident Diosdado Macapagal (1961-65) durch die Proklamation Nr. 28 vom 12. Mai 1962 offiziell vom 4. Juli auf den 12. Juni verlegt. Damit wurde der Feiertag neu ausgerichtet, um die Unabhängigkeitserklärung von Spanien aus dem Jahr 1898 anstatt das Datum der Unabhängigkeit von den Vereinigten Staaten im Jahr 1946 zu würdigen. Von 1946 bis 1961 ward der Unabhängigkeitstag am 4. Juli gefeiert, zeitgleich mit der amerikanischen Unabhängigkeit. Macapagal erklärte, dass der 12. Juni 1898 – als Emilio Aguinaldo in Kawit (in der südlich von Manila gelegenen Provinz Cavite) die Unabhängigkeit proklamierte – die „wahre Geburt“ der philippinischen Nation darstelle. Die Änderung wurde am 4. August 1964 gesetzlich besiegelt, als Präsident Macapagal das Gesetz Nr. 4166 unterzeichnete, das den 12. Juni offiziell zum philippinischen Unabhängigkeitstag erklärte. Mit der Änderung wurde der 4. Juli in „Tag der philippinisch-amerikanischen Freundschaft“ umbenannt. Dieser Schritt sollte ein tieferes Nationalgefühl fördern, indem der Fokus auf die philippinische Revolution gegen die Fremdherrschaft gelegt wurde anstatt auf das Datum, an dem Uncle Sam die „Unabhängigkeit“ gewährte.

Apropos „wahre Geburt“ der philippinischen Nation. Just in Kawit (Cavite) versammelten sich progressive Aktivisten unter dem Banner des Linksbündnisses Bagong Alyansang Makabayan (BAYAN) Southern Tagalog am 12. Juni 2026, um auf ihre Art den 128. Jahrestag der Verkündung der Unabhängigkeit des Landes durch Emilio Aguinaldo zu begehen.

„Die Frage, die wir am 12. Juni stellen, ist einfach: Sind die Filipinos wirklich frei?“, fragte Lucky Oraller, der Sprecher des Bündnisses. Die Antwort lieferte er selbst:

„Mehr als ein Jahrhundert nach der Unabhängigkeitserklärung der Philippinen kontrollieren Ausländer und einige einflussreiche Familien nach wie vor die wichtigen Ressourcen und unsere Wirtschaft. Unabhängigkeit bedeutet nicht, die Flagge zu schwenken. Echte Freiheit bedeutet Land für die Bauern, angemessene Löhne für die Arbeiter, einen würdigen Lebensunterhalt für die Fischer und die Achtung der Grundrechte des Volkes.“

Weiterführende Lektüre & Links

Titelbild: TSViPhoto / Shutterstock


[«*] Pikanterweise diente dieser General Ende der 1970er-Jahre als Namensgeber jener Raketen, die, zusammen mit Cruise Missiles, zur „Nachrüstung“ in Westeuropa disloziert wurden, um die vermeintliche militärische Überlegenheit der Sowjetunion zu brechen. Der US-amerikanische Militärhistoriker Frank E. Vandiver (1925-2005) war dermaßen angetan vom Wirken des Generals, dass er Pershing als „den größten Menschen seit Jesus Christus“ bezeichnete – siehe u.a. Rainer Werning (2016): „Der größte Mensch seit Jesus Christus“. Pershings Spitzname „Black Jack“ rührte daher, dass die erste militärische Einheit, die er kommandierte, aus Afroamerikanern bestand.

[«**] Die meisten Schriften oder Biographien über Mark Twain blenden seine aktive Zeit in der Liga einfach aus.

[«***] Das 2010 ins Leben gerufene und an der Thomas J. Watson Jr. School of International and Public Affairs der Brown University in Providence, der Hauptstadt des (kleinsten) US-Bundesstaates Rhode Island, angesiedelte Projekt „Costs of War“ stützt sich auf die Arbeit von über 70 Wissenschaftlern, Experten, Menschenrechtsaktivisten und Ärzten aus aller Welt

[«****] Das Abu Ghraib-Gefängnis in Bagdad war ein berüchtigter irakischer Haftkomplex, der während der US-Besatzung des Landes ab 2003 weltweit bekannt wurde. US-Soldaten verübten dort systematisch schwere Folterungen, Misshandlungen und Demütigungen an irakischen Gefangenen, was durch später veröffentlichte Beweisfotos für internationale Empörung sorgte.

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