Das Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit LIII – „Bist du an meiner Seite, wenn ich falle?“ oder: Eine „Nummer“ mit „scharfem Ende“!

Das Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit LIII – „Bist du an meiner Seite, wenn ich falle?“ oder: Eine „Nummer“ mit „scharfem Ende“!

Das Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit LIII – „Bist du an meiner Seite, wenn ich falle?“ oder: Eine „Nummer“ mit „scharfem Ende“!

Leo Ensel
Ein Artikel von Leo Ensel

Vokabelkritik ist zu Kriegszeiten das Gebot der Stunde. Ich veröffentliche, nicht zuletzt aus hygienischen Gründen, in unregelmäßigen Abständen eine Sammlung teils verharmlosender, teils lügenhafter Wörter oder Formulierungen, deren Sinn und Funktion es ist, unsere Gesellschaft – uns alle – an das Undenkbare zu gewöhnen und möglichst geräuschlos in Richtung „Kriegstüchtigkeit“ umzukrempeln. – Heute erfahren wir vor allem, wie man „mit Freuden zum Sterben und zu meiner Ruh“ geht. Von Leo Ensel.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

bei den Menschen sein
„Darauf müssen wir uns vorbereiten, damit wir als Kirche bei den Menschen sind, denn das ist unsere Aufgabe.“ Die wichtigen Fragen, die sich dabei stellen: „Wer begleitet die Verletzten? Wer begleitet die Offiziere bei der Überbringung von Todesnachrichten, und so weiter? Das sind viele Fragen, die aufkommen und die für uns völlig neu sind.“ So der evangelische Militärbischof Bernhard Felmberg, der in weiser Voraussicht für den Fall der Fälle schon mal den „Geistlichen Operationsplan Deutschland (GOD)“ ausgearbeitet hat. (vgl. „Bist du an meiner Seite, wenn ich falle?“)

„Bist du an meiner Seite, wenn ich falle?“
„Der Bischof“, Militärbischof Felmberg, „schildert ein eindrückliches Szenario: Ein junger Soldat, gerade 18 oder 19 Jahre alt, könne auf ihn zukommen und fragen, ob er – der Bischof – an seiner Seite sei, wenn er falle, oder sich um seine Familie kümmere, falls ihm etwas zustoße. Felmberg sagt: ‚Dann würde ich diesem Soldaten gerne in näherer Zukunft sagen: Ich kann dir garantiert sagen, dass das eine als auch das andere der Fall ist.‘“ So zuversichtlich der Bayerische Rundfunk im April 2025 über die jährliche Gesamtkonferenz der Militärpfarrerinnen und -pfarrer in der Nürnberger St. Sebalduskirche. Und weiter geht‘s: „Auch prominente Gäste sind nach Nürnberg gekommen – unter ihnen Eva Högl, die Wehrbeauftragte des Bundestages. In einer Fürbitte sagt sie: ‚Wir beten für alle, die ihr Leben im Dienst verloren haben. Und für ihre Angehörigen.‘ Dann ruft sie gemeinsam mit der Gemeinde: ‚Kyrie Eleison.‘“ (PS: Dem verunsicherten fallenden Soldaten kann geholfen werden. Wir empfehlen für den taktvollen Abschied die seit 300 Jahren bewährte Arie von Gottfried Heinrich Stölzel und Johann Sebastian Bach „Bist du bei mir, geh ich mit Freuden/ zum Sterben und zu meiner Ruh“.) (vgl. „bei den Menschen sein“, „scharfes Ende“)

eigene Militärseelsorge
„Der frühere Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, drängt darauf, dass auch muslimische Soldaten künftig Militärseelsorge erhalten. In der Bundeswehr gebe es mehr als 6.000 muslimische Soldatinnen und Soldaten, mit steigender Tendenz, sagte Mazyek der Neuen Osnabrücker Zeitung. ‚Auch sie haben ein Anrecht auf Seelsorge. Hier ist die Politik gefordert, endlich adäquate Strukturen für Muslime anzubieten‘, so Mazyek.“ Berichtete das katholische domradio.de am 24. Juli 2025. Ja, Gleichberechtigung muss sein – auch bei der seelsorgerischen Betreuung fürs Töten und Sterben! Schließlich hatten am Donnerstag zuvor „Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) und der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, den Sitz des Militärrabbinats der Bundeswehr in Berlin eingeweiht. Der Bundestag hatte 2020 beschlossen, dass die Bundeswehr Militärrabbiner für die etwa 300 Soldaten jüdischen Glaubens einführt.“ – Wir fordern entsprechende Maßnahmen für sämtliche Religionen und Konfessionen aller deutschen Menschen mit Einwanderungsgeschichte, die nun – zusammen mit sämtlichen Geschlechtern und erotischen Orientierungen – unsere „woke & wehrhafte“ Regenbogentruppe bilden! (Und für die Agnostiker und Atheisten unter den Verteidiger:innen unserer Werte empfehlen wir – Giordano-Bruno-Stiftung und Freimauerlogen Frankfurt, aufgepasst! – für „humanistische Abschiedsgespräche“ entsprechend ausgebildete ‚Pfarrer für die Heiden‘.) (vgl. „bei den Menschen sein“, „Geistlicher Operationsplan Deutschland“)

ethischer Korridor
Bitte nicht verwechseln mit den „ethischen Untiefen“, vor denen im Oktober 2025 die ZEIT eindringlich warnte! – „Im kirchlichen Ringen um friedensethische Perspektiven bleibt die Einsicht wichtig, dass es keine einheitliche Position geben kann. Was möglich ist, ist ein ethischer Korridor.“ (In „wechselseitigem Respekt“, versteht sich!) Postuliert die Friedensdenkschrift der EKD 2025 „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick“. Auf Deutsch: ‚Ob Pazifisten oder Atomwaffenapologeten, eigentlich sind wir ja alle für den Frieden in Christo!‘ (Der bekanntlich „höher ist als alle Vernunft“.) (vgl. „rechtserhaltende Gewalt“)

ganz andere Nummer
„Sich damit zu konfrontieren, dass vielleicht in einem großen Verteidigungskrieg am Tag 500, 600 Menschen verletzt werden und sterben, das ist eine ganz andere Nummer.“ Militärbischof Felmberg deutete damit an, dass den Soldatinnen und Soldaten jetzt langsam aufgeht, „dass ihr Beruf wirklich ein scharfes Ende hat“. (Immerhin: eine „Nummer“ mit „scharfem Ende“…!) (vgl. „Bist du an meiner Seite, wenn ich falle?“)

globaler Kampf
„Vielen [Soldaten] sei gar nicht klar, dass derzeit ein globaler Kampf tobt – nämlich um die Frage, ob die liberale Weltordnung erhalten bleibt oder von autoritären Modellen verdrängt wird.“ So Carlo Masala von der Universität der Bundeswehr München. Des Politikwissenschaftlers Rezept: Die Militärseelsorge helfe, das Bewusstsein der Soldaten für ihren Beruf zu schärfen. „Es gilt, das Bewusstsein zu wecken, dass diese Demokratie verteidigt werden muss. Dieses Bewusstsein muss geweckt werden, um überhaupt letzten Endes die Gesellschaft resilient [sic!] zu machen.“ Und das ist, laut Masala, nicht nur eine Aufgabe für Militärseelsorge, Bundeswehr und Politik, sondern für jeden Einzelnen in der Gesellschaft. (Also auch für Sie!) (vgl. „kultureller Krieg“, „Zivilisationskrieg“)

kirchliches Ringen
Das spielt sich exakt zwischen dem „ethischen Korridor“ und der „rechtserhaltenden Gewalt“ ab.

nicht spalten lassen
Standard-, genauer: Totschlag-Argument gegen alle potenziellen Abweichler einer politisch vorgeschriebenen Linie – von Lenin bis zu Bundespräsident Steinmeier! Der Krieg, den Russlands Präsident Wladimir Putin gegen die Ukraine führe, sei „auch ein Krieg gegen die Einheit Europas“, so der Bundespräsident beim exklusiven Libori-Mahl zu Paderborn. „Wir dürfen uns nicht spalten lassen, wir dürfen das große Werk eines einigen Europa nicht zerstören lassen.“ – Kurz: Wer so deklamiert, duldet keinen Widerspruch.

Pose moralischer Überlegenheit
„Wie so oft agiert Steinmeier hier in einer Pose moralischer Überheblichkeit, die suggeriert, es könne in dieser Frage eindeutige Antworten geben.“ (Gemeint war dessen Äußerung, der Krieg gegen den Iran sei völkerrechtswidrig.) Klagte unzweideutig die Welt am 24. März 2026. Kurz: Ein klarer Fall von „mangelndem moralischem Kompass“! (vgl. „politischer Affront“)

rechtserhaltende Gewalt
Bemüht die fast 150 Seiten schwere „EKD-Friedens-Denkschrift 2025“ (offizieller Titel: „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick“) ganze 24-mal. Verschämt-euphemistischer evangelischer Neologismus für „Krieg“, ähh: „Verteidigung“. – Kostprobe gefällig? „Militärische Gewalt ist allein als rechtserhaltende Gewalt rechtlich und auch ethisch legitim.“ (Darf daher auch nur als „ultima ratio“ eingesetzt werden. Wie damals im Kosovo oder neulich in Afghanistan!) (vgl. „ethischer Korridor“, „kirchliches Ringen“)

Verdrängungstaktiken
„Mit Verdrängungstaktiken kommt man in der Zeitenwende nicht weiter.“ Er schätze an den Soldaten, dass sie „sehr direkt und schnell auf den Punkt kommen. Es kommt oft zu tiefgreifenden Gesprächen – auch über Verwundung und Tod.“ So Militärseelsorger Markus Konrad, der auch schon an einem Leistungsmarsch von Soldaten teilgenommen und mit einem Fallschirm von einem zwölf Meter hohen Sprungturm gesprungen ist. Schließlich will der katholische Geistliche genau wissen, wie es sich anfühlt, an die eigenen Grenzen zu gehen, und wie man persönliche Angst überwinden kann. Er mache das, berichtet Domradio.de, um seinen Schützlingen und ihren Problemen möglichst nahe zu kommen. „Meine Anfangserfahrung soll eine Brücke zu den Soldaten sein. Die Hemmschwelle soll so niedrig werden, dass es ihnen leichtfällt, mir anzuvertrauen, was sie belastet.“ Denn: „Es ist wichtig, dass sie den Kopf frei haben. Sonst sind sie ihrer Aufgabe nicht gewachsen!“ (Die da lautet: dafür zu sorgen, dass der Feind gefälligst zu „Verwundung und Tod“ kommt. Hoffentlich haben die Jungs und Mädels auf der anderen Seite dann auch einen – orthodoxen? – Militärseelsorger, der ihnen „möglichst nahe kommt“ und mit ihnen „tiefgreifende Gespräche“ führt!) (vgl. „Bist du an meiner Seite, wenn ich falle?“, „ganz andere Nummer“, „Geistlicher Operationsplan Deutschland (GOD)“, „scharfes Ende“)

Zivilisationskrieg
Von Springer-Chef Mathias Döpfner über die Welt am Sonntag in die Medien lanciert und wohl als aktuelle Steigerung von Samuel Huntingtons „Kampf der Kulturen“ gedacht. Führte, laut Döpfner, Israel im Juni 2025 gegen den Iran. – Sozusagen die vornehmere Diktion der Merz‘schen „Drecksarbeit“. Und wer Kritik an der israelischen Kriegsführung im Gazastreifen übt, betreibt „Täter-Opfer-Umkehr“. Döpfner prophetisch: „Sobald Israel fällt, stehen Europa und Amerika im Fokus. Der sunnitische und schiitische Islamismus bereitet das seit Jahrzehnten vor. Die Angriffe gelten unseren Werten, unserem Lebensstil.“ Womit mal wieder alle entscheidenden Keywords versammelt wären. (Stimmt nicht: „unseren Wohlstand“ hat er vergessen!) (vgl. „globaler Kampf“, kultureller Krieg“)

Zurückhaltung
Die hohe Kunst der politischen Phraseologie: Wer – wie Ex-Unionsfraktionschef Jens Spahn (der gerade sein Vaterglück genießt) und der parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion Dirk Wiese im Deutschlandfunk – „zur Zurückhaltung mahnt“ (wohlgemerkt: „mahnt“ …), schlägt damit zwei Fliegen mit einer Klappe: Er schafft es, nicht konkret zu werden und sich trotzdem als verantwortungsvoller Staatsmann zu präsentieren. Chapeau!

(wird fortgesetzt)

Alle bisher erschienenen Folgen der Serie „Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit“ von Leo Ensel können Sie in dieser Übersicht finden und diese auch einzeln darüber aufrufen.

Leo Ensel: Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit – Krieg heißt Töten. Wien 2026, Promedia Verlag, Taschenbuch, 168 Seiten, ISBN 978-3-85371-563-5, 20 Euro.

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