Vokabelkritik ist zu Kriegszeiten das Gebot der Stunde. Ich veröffentliche, nicht zuletzt aus hygienischen Gründen, in unregelmäßigen Abständen eine Sammlung teils verharmlosender, teils lügenhafter Wörter oder Formulierungen, deren Sinn und Funktion es ist, unsere Gesellschaft – uns alle – an das Undenkbare zu gewöhnen und möglichst geräuschlos in Richtung „Kriegstüchtigkeit“ umzukrempeln. – Heute geht es um die massiven bipolaren Amplitudenexzesse in Militär und Politik. Von Leo Ensel.
angesichts sehr konkreter Bedrohungen
Die gar nicht mehr weiter ausgeführt werden müssen – schließlich hatte Kanzler Merz bereits ein Jahr zuvor vor dem „Machthaber im Kreml“ gewarnt, der bekanntlich „aggressiv unterwegs ist“ – angesichts sehr konkreter Bedrohungen also, „müssen wir in Deutschland und in Europa daher wieder sehr grundsätzlich über Freiheit, über Sicherheit im Alltag, über Frieden und über unsere eigenen Stärken und auch über unsere Schwächen reden.“ So Merzens sehr grundsätzliche Schlussfolgerung aus der historischen Niederlage, die in Mecklenburg-Vorpommern die CDU zur Splitterpartei degradierte. – Wohlan, reden Sie also mal wieder grundsätzlich über alles, Herr Merz! Am besten so, dass Sie „die Menschen in ihrer ganzen Emotionalität stärker erreichen“. Wozu es, Sie sagten es ja bereits, dreierlei bedarf: „Rückgrat, Standhaftigkeit und Geduld“! (Und einen Kanzler, der selbst im Augenblick der desaströsesten Niederlage tapfer-trotzig versichert, das alles aufzubringen – und ungerührt weitermacht.) (vgl. „destruktive Kräfte“)
Beobachtungs-, Orientierungs- oder Entscheidungsphase
Phasen, in denen man ebenso wenig steckenbleiben darf wie einst in der oralen, analen oder ödipalen! Denn: „Wenn wir zu langsam sind, bleiben wir in der Beobachtungs-, Orientierungs- oder Entscheidungsphase stecken, bevor wir zum Handeln gelangen“, mahnte Generalinspekteur Breuer neulich in Prag. Konzepte, Fähigkeiten und Strategien gelte es deshalb, laufend und kurzfristig anzupassen. „Aber es wird nicht ausreichen, wenn das Militär dies allein tut, ohne andere Akteure einzubeziehen.“ Konsequenz des künftigen Vorsitzenden des NATO-Militärausschusses: Es benötige vielmehr „eine Kraftanstrengung unserer gesamten Gesellschaft“. (Wozu natürlich von der gesamten Gesellschaft die „notwendige Resilienz“ aufgebracht werden muss!)
besser erklären
Wollte „den Menschen“ seine „Politik der Reformen“ Friedrich Merz – den stolze 14 Prozent der Bundesdeutschen für den richtigen Kanzler halten – nach der für ihn atemberaubenden sachsen-anhaltinischen Landtagswahl. Die Merzenslogik: „Nicht ich habe was falsch gemacht – die waren einfach zu blöd, meine (richtige) Politik zu kapieren!“ (vgl. „die Menschen in ihrer ganzen Emotionalität stärker erreichen“, „ich selbst auch“, „ohne jede Larmoyanz“)
das Grauen des Krieges wieder am eigenen Leib zu spüren bekommen
„Würden am Ende auch wir Deutsche das Grauen des Krieges wieder am eigenen Leib zu spüren bekommen?“ (Wenn wir Putin jetzt in der Ukraine nicht stoppen, natürlich!) Laudationierte George Orwell – ääh, Friedrich Merz! – zur Verleihung des westfälischen Friedenspreises an das mächtigste Friedensbündnis aller Zeiten, das uns kriegstüchtig seit über sieben Jahrzehnten vor ebendiesem Grauen bewahrt. Konsequenz des Bundeskanzlers: Totalverweigerung in Sachen Diplomatie betreiben und Deutschland zur Zielscheibe russischer Präventiv- und Vergeltungsschläge ausbauen. (Schließlich gibt es ja „Frieden auf jedem Friedhof“!) (vgl. „Wanken wir in Deutschland, wankt Europa!“, „Westfälischer Friedenspreis“)
die Menschen in ihrer ganzen Emotionalität stärker erreichen
„Deswegen“, so unser BlackRot-Kanzler nach der Erdrutschniederlage in Sachsen-Anhalt trotzig, „sei er ‚ungebrochen‘ entschlossen, den Reformkurs fortzusetzen.“ („Ungebrochen“.) Allerdings müssten die Reformen (siehe oben) „besser erklärt“ werden: „Wir müssen versuchen – ich selbst auch –, die Menschen in ihrer ganzen Emotionalität stärker zu erreichen“, versprach der Kanzler. – Nein, Herr Merz, mit der „Emotionalität der Menschen“ hatte das gar nichts zu tun: Die Leute haben einfach nachgedacht – und das Kreuzchen woanders gemacht! (Kleiner Tipp: Vielleicht probieren Sie es – „ohne Larmoyanz“, versteht sich – doch nochmal mit öffentlichem Selbstmitleid? Immerhin könnten Sie so „die Menschen mit Ihrer ganzen Emotionalität stärker erreichen“!)
Klima der Verdrießlichkeit und des Verdrusses
„Wir müssen heraus aus dem Klima der Verdrießlichkeit und des Verdrusses. [Man beachte die sensible semantische Differenzierung!] Wir müssen den weit verbreiteten Missmut gemeinsam abschütteln, der unser Land seit langer Zeit lähmt.“ So, positives Denken nachdrücklich einfordernd, Kanzler Merz nach der Kabinettsklausur in Neuhardenberg am 26. August. – Merke: Das Problem ist nicht der Sozialabbau aufgrund astronomischer Hochrüstung oder kaum noch bezahlbare Energiekosten und die entsprechende Inflation infolge einer selbstverschuldeten Politik – sondern die miesepetrige Stimmung in der Bevölkerung! Der man das alles nochmal besser erklären sollte. (vgl. „die besten Jahre Deutschlands“)
Krieg der Zukunft
Der kommt – da lassen unsere Militärs und Politiker keine Zweifel mehr aufkommen – garantiert! (Eher früher als später.) Aber Vorsicht: Der Krieg in der Ukraine ist hierfür zwar ein „Lehrmeister, aber keine Blaupause“! (So General Breuer. Der es schließlich wissen muss.)
nicht mehr an der Bedrohung aus Russland zweifeln
Forderte am 9. September bei „Maischberger“ der Generalinspekteur der Bundeswehr, Carsten Breuer. Eine treffliche Formulierung, die der ARD so wichtig war, dass sie sie flugs zur Headline in der Mediathek kürte. Und mit der der Vorsitzende des NATO-Militärausschusses in spe den Klassiker von Innenminister Dobrindt „Wer ständig nach Beweisen ruft und dabei Belege bewusst ignoriert, der zeigt keine gesunde Skepsis, sondern der betreibt kranke Sabotage“ um ganze vierzehn Stunden vorweg nahm. – Ins Idiom der mittelalterlichen Inquisition übersetzt: Öffentlich geäußerte Glaubenszweifel werden ab sofort als Todsünde betrachtet! (Und mit Exkommunikation geahndet.) (vgl. „eine Kraftanstrengung der gesamten Gesellschaft“)
ohne jede Larmoyanz
„Meine Damen und Herren, es ist so – das sage ich ohne jede Larmoyanz –: Eine wohlhabende Gesellschaft zu verändern, ist viel schwieriger, als ein Land nach Krieg und Zerstörung wieder aufzubauen. Das, was wir uns vorgenommen haben, umzusetzen, erfordert Veränderungsbereitschaft aus dem Wohlstand heraus bzw. vielleicht aus einer Wohlstandsillusion heraus.“ So der ehemalige BlackRock-Manager Friedrich Merz am 11. Juni auf dem „Tag der Familienunternehmen“. – Kurzer Hinweis ohne jede Larmoyanz: „Wohlstandsillusionen“ lassen sich zwar schwer ausmerzen, aber sollten Sie unser Land weiterhin konsequent in Richtung Krieg führen, Herr Merz, dann können Sie es anschließend umso leichter wieder aufbauen! (Über mangelnde „Veränderungsbereitschaft aus dem Wohlstand heraus“ werden Sie sich dann nicht mehr beklagen müssen …) (vgl. „ich selbst auch“, „Klima der Verdrießlichkeit und des Verdrusses“)
positive Zukunftserzählung
Eine „positive Zukunftserzählung“ – als Gegenkonzept zum „Klima der Verdrießlichkeit und des Verdrusses“ – wurde im Vorfeld der CDU-Führungsklausur vom 12. Oktober aus Reihen der Partei immer wieder gewünscht. Den Leuten kann geholfen werden. Wir empfehlen mit Erich Honecker: „Die CDU in ihrem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf!“ (vgl. „besser erklären“)
Rückgrat, Standhaftigkeit und Geduld
Wieder mal der beliebte Merz‘sche Dreiklang! Rückgrat, Standhaftigkeit und Geduld zeigt man, wenn man – als Splitterpartei gerade aus dem Landtag geflogen – „ohne jede Larmoyanz“ einfach beratungsresistent so weiter macht als wie zuvor. Und das auch noch öffentlich zur Tugend erklärt: „Ich werde das aufbringen, als Parteivorsitzender der CDU und vor allem als Bundeskanzler unseres Landes.“ (vgl. „ich selbst auch“)
Vertrauen (in die Bundesregierung in diesem Punkt)
„Man kann sicher sein, wenn der Bundeskanzler, wenn der Bundesinnenminister sich vor die Presse stellt und sagt, das war hier Russland und es gibt keinen Zweifel – und ich schließe mich dem ausdrücklich an –, dann war es auch Russland.“ Fiedelte fidel der innenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Sebastian Fiedler, am Rande einer Sondersitzung des Innenausschusses des Bundestags und forderte die Opposition auf, der Bundesregierung in diesem Punkt zu vertrauen. – Tja, wenn der Bundeskanzler und der Bundesinnenminister das sagen, dann stimmt das selbstverständlich auch – zumal es ja um Russland geht! Eine bestechende Logik, der ich mich zu hundert Prozent anschließe. (Die Rede war natürlich vom berüchtigten Vorfall in der bekannten sächsischen Stadt.) (vgl. „kranke Sabotage“, „nicht mehr an der Bedrohung aus Russland zweifeln“)
Wirkmittel
„Ich hab jetzt in einem Hubschrauber gesessen und der Pilot hat eigentlich mit zwei Knopfdrücken dafür gesorgt, dass dieser Hubschrauber gestartet ist und dass er auch in der Luft stehenblieb. Ich hab ihn gefragt: ‚Warum braucht man das eigentlich?‘ Und er sagte: ‚Damit ich meine Hände frei habe, um dann zum Beispiel Drohnen mit einzusetzen, um andere Wirkmittel mit hineinzubringen.‘“ Plauderte bei „Maischberger“ Generalinspekteur Carsten Breuer kürzlich aus dem Nähkästchen. – „Wirkmittel“: Mittel, die wirken! (vgl. „Vernetzungsplattform“)
Zeichen der Wertschätzung
„Die Wahl Breuers gilt im Bündnis auch als Zeichen der Wertschätzung für den deutschen Beitrag zur europäischen Verteidigung. Bei den Verteidigungsausgaben liegt die Bundesrepublik nach Nato-Zahlen mit rund 125 Milliarden Euro [der geschätzte Wert der Wertschätzung] auf Platz eins in Europa“, freute sich die Berliner Zeitung am 19. September. Konsequenz für den ranghöchsten deutschen Soldaten: Er ist mal wieder eine Treppenstufe hinaufgefallen – vom Generalinspekteur der Bundeswehr zum Vorsitzenden des NATO-Militärausschusses. Wozu wir alle ihm mit einem dreifach donnernden „Hurra!“, „Hurra!!“, „Hurra!!!“ wertschätzend gratulieren.
(wird fortgesetzt)
Alle bisher erschienenen Folgen der Serie „Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit“ von Leo Ensel können Sie in dieser Übersicht finden und diese auch einzeln darüber aufrufen.
Leo Ensel: Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit – Krieg heißt Töten. Wien 2026, Promedia Verlag, Taschenbuch, 168 Seiten, ISBN 978-3-85371-563-5, 20 Euro.
Titelbild: ChatGPT, mit künstlicher Intelligenz erstellt






