Mit dem Vorwärts rückwärts in den Kalten Krieg?

Jens Berger
Ein Artikel von:
Wolfgang Bittner

Albrecht Müller hatte bereits in den gestrigen Hinweisen des Tages die Gründung des Arbeitskreises neue Ostpolitik in der SPD und den flankierenden Artikel „Wie eine neue Ostpolitik der SPD aussehen sollte“ im Vorwärts scharf kritisiert. Auch Wolfgang Bittner, vielfach ausgezeichneter Schriftsteller, Freund und regelmäßiger Gastautor der NachDenkSeiten, ist über diesen Artikel erschüttert, wie er es in einem Leserbrief an den Vorwärts faktenreich begründet.

An die Chefredaktion des Vorwärts
z.Hd. Karin Nink
Berlin
 
Sehr geehrte Frau Nink,
 
den Artikel von Jan Claas Behrends „Wie eine neue Ostpolitik der SPD aussehen sollte“ im Vorwärts vom 13. Juli 2016 finde ich skandalös: Behauptungen ohne jegliche Beweise und Analyse. Der Autor geht nicht auf die Ursachen des West-Ost-Konflikts ein; er stellt Russland als den Aggressor hin, wie es die Politiker der westlichen Allianz und die Mainstream-Medien machen. Aber damit werden die Tatsachen auf den Kopf gestellt.
 
Ignoriert wird z.B. der nachweislich vom Westen organisierte Putsch in Kiew sowie die von der eingesetzten Regierung Poroschenko/Jazenjuk veranlasste militärische Intervention in der Ostukraine, die zum Bürgerkrieg geführt hat und so weiter.
 
Sanktionen und massive Aufrüstung wegen der angeblichen Annexion der Krim, die in Wirklichkeit eine Sezession (friedliche Abspaltung nach einem Referendum) war? Militärische Einkreisung Russlands und jetzt sogar Kriegsvorbereitungen? Verlogener geht’s doch nicht!
 
Wie einer Rede des US-Vizepräsident Joe Biden vom 2. Oktober 2014 in Cambridge zu entnehmen ist, soll Russland durch Wirtschaftssanktionen, die Manipulation der Energie- und Kapitalmärkte und die aufgezwungenen Nachrüstungskosten ruiniert werden. Russland soll als Machfaktor in der internationalen Politik ausgeschaltet werden (deswegen die Verteufelung Putins); das Land soll den westlichen Kapitalinteressen geöffnet werden, zu Lasten der russischen Bevölkerung.
 
Die USA beanspruchen die globale Herrschaft, so schon der Politikwissenschaftler und Präsidentenberater Zbigniew Brzezinski 1997 in seinem Buch „Die einzige Weltmacht“ (Eurasien als „das Schachbrett, auf dem sich auch in Zukunft der Kampf um die globale Vorherrschaft abspielen wird“). Deswegen wird Westeuropa durch einen „Cordon Sanitaire“ von Russland abgetrennt, wie der ehemalige Direktor des einflussreichen US-Think Tanks Stratfor, George Friedman, in einer Rede am 4. Februar 2015 am Chicago Council on Global Affairs ausgeführt hat. Ziel der US-Außenpolitik sei seit einem Jahrhundert, so Friedman, Deutschland und Russland zu trennen, weil sie „vereint die einzige Macht sind, die uns bedrohen kann“. Friedman weiter: „Für die Vereinigten Staaten ist die Hauptsorge, dass … deutsches Kapital und deutsche Technologie sich mit russischen Rohstoff-Ressourcen und russischer Arbeitskraft zu einer einzigartigen Kombination verbinden…“
 
Das sind nur einige wenige Aspekte dieses Konflikts, der sich immer gefährlicher entwickelt, und den die europäischen Politiker, insbesondere Bundeskanzlerin Merkel, unter Missachtung der Interessen ihrer Länder mit befeuern.
Dazu die Buchveröffentlichung “Die Eroberung Europas durch die USA – Eine Strategie der Destabilisierung, Eskalation und Militarisierung am Beispiel der Ereignisse in der Ukraine“ (Westend Verlag 2015) sowie diverse Stellungnahmen von Albrecht Müller, Jens Berger, Willy Wimmer, Gerhard Schröder u.a.
 
Ich bitte, das zur Kenntnis zu nehmen. Der Artikel vom 13. Juli ist beschämend für den Vorwärts, in dem ich früher häufig publiziert habe.
 
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Wolfgang Bittner, Göttingen

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