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11. Dezember 2017
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Deutschlands Völkermord an den Hereros und Nama – die Einübung der Ausrottung von Völkern

Veröffentlicht in: Bundestag, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Militäreinsätze/Kriege, Wertedebatte

Der Deutsche Bundestag hat Vertreibung und Tötung von etwa 1,5 Millionen Armeniern 1916 durch das Osmanische Reich als Völkermord bezeichnet. Ein gleiches Diktum über den deutschen Genozid an Hereros und Nama 1904 steht aus. Ein Beitrag von Heiko Flottau.

„Diese kühne Unternehmung zeigt die rücksichtslose Energie der deutschen Führung bei der Verfolgung des geschlagenen Feindes in glänzendem Lichte. Keine Mühen, keine Entbehrungen wurden gescheut, um dem Feinde den letzten Rest seiner Widerstandskraft zu rauben; wie ein halb zu Tode gehetztes Wild war er von Wasserstelle zu Wasserstelle gescheucht, bis er schließlich willenlos ein Opfer der Natur seines eigenen Landes wurde. Die wasserlose Omaheke sollte vollenden, was die deutschen Waffen begonnen hatten: Die Vernichtung des Hererovolkes.“

Mit solch martialischen Worten beschrieb der deutsche Generalstab im Jahre 1907 seine Kriegstaktik gegen die aufständischen Hereros in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika, heute Namibia [1]. Angeordnet hatte diese Barbarei Oberst Lothar von Trotha, von 1904 bis 1905 Oberbefehlshaber der sogenannten deutschen „Schutztruppe“ in der zwanzig Jahre zuvor gegründeten Kolonie Deutsch-Südwestafrika. Im Auftrag von Reichskanzler Bismarck hatte Ernst Heinrich Göring, Vater sowohl von Herrmann Göring als auch von Regimegegner Albert Göring, das Land zwischen der britischen Kapkolonie und Portugiesisch Angola in Besitz nehmen lassen, um eine deutsche Verwaltung aufzubauen.

Deutsche Soldaten wollte Bismarck im Grunde nicht schicken. Aber das zu kolonisierende Land war mehr als doppelt so groß wie das Deutsche Reich. Allerdings war es sehr dünn besiedelt. Es beherbergte ca. 90.000 bis 100. 000 Ovambo, 70.000 bis 80.000 Herero, 15.000 bis 20.000 Nama; Mitglieder anderer Stämmen zählten etwa insgesamt 40.000 Personen.

1893 begannen die deutschen Eindringlinge mit dem systematischen Aufbau einer Verwaltung. Ziel der Kolonisierung war es – wie es in dem Buch von Zimmerer (Professor für afrikanische Geschichte in Hamburg ) und Zeller heißt – daß die Afrikaner „ihre wirtschaftliche und politische Selbständigkeit“ verlören und „bei Weißen auf Farmen, in Bergwerken oder im Haushalt“ arbeiteten. Im Verlauf der Jahre beanspruchten die deutschen Siedler immer mehr Land, die einheimischen Stämme wie Herero und Nama wurden immer mehr unterdrückt, Verbrechen, von Deutschen begangen, wurden der afrikanischen Gerichtsbarkeit entzogen und vor deutschen Gerichten meistens milde behandelt.

Anders als die deutschen Besatzer anfangs kalkuliert hatten, unterwarfen sich die solchermaßen unterdrückten einheimischen Stämme dieser Politik keineswegs.

Was den Anlass für den Ausbruch des Krieges letztlich gegeben hat, ist im Einzelnen in der Forschung umstritten. Jedenfalls sind bei den ersten Kämpfen Anfang 1904 123 Deutsche ums Leben gekommen, wobei auf Befehl der Hereroführung Frauen, Kinder und Missionare geschont wurden.

Die deutsche „Schutztruppe“, wie sie genannt wurde (Bismarcks Kalkül, eine Kolonie ohne Soldaten halten zu können, war nicht aufgegangen), reagierte nach den Vorstellungen Lothar von Trothas und dessen Ideen von einem „Rassenkrieg“.

Trotha war dem Kaiser, wie Jürgen Zimmerer schreibt, direkt unterstellt, hatte schon in Ostafrika, in China gekämpft und glaubte, daß Afrikaner „nur der Gewalt“ weichen würden, daß die Eingeborenen mit „krassem Terrorismus“ zu behandeln seien; die „aufständischen Stämme“, sollten, so Trotha weiter, „mit Strömen von Blut“ vernichtet werden.

Am 11. August 1904 kam es zur Schlacht am Waterberg, wo die „Schutztruppe“ zwar siegte, aber die meisten Herero in Richtung der praktisch wasserlosen Omahekewüste fliehen konnten. Trothas Truppen verfolgten eine grausame Taktik, die schließlich zum Genozid an den Hereros führte. Die deutsche “Schutztruppe“ schnitt den am Waterberg geschlagenen Hereros die Rückkehr ab und trieb die Überlebenden immer weiter in die Wüste. Dort besetzten die Deutschen die wenigen Wasserquellen. Jürgen Zimmerer schreibt, daß sich schon bei der Flucht in Richtung Omahekewüste grausame Szenen abgespielt hätten:

„Kranke und hilflose Männer, Weiber und Kinder, die vor Erschöpfung zusammen gebrochen waren, lagen vor Durst schmachtend in Massen … im Busch, willenlos ihr Schicksal erwartend.“ Auf diese Weise wurden die manchmal schon Halbtoten willenlose Opfer der nachrückenden deutschen Soldaten. Der eigentliche Völkermord an den Hereros begann also nicht an der für sie verlustreichen Schlacht am Waterberg, sondern bei ihrer Vertreibung in die Omahekewüste. Nach heutigen Schätzungen verloren zwischen 65 000 und 85 000 Hereros ihr Leben.

Der Stamm der Nama schloß sich ein wenig später dem Aufstand der Hereros an.

Deutsche Siedler hatten immer wieder gefordert, nun auch die Nama zu entwaffnen. Diese vermieden aber, anders als die Hereros, eine offene Schlacht, vielmehr führten sie einen Guerillakrieg. Die Deutschen aber griffen wieder zu dem Mittel, die raren Wasserquellen zu besetzen und so die Nama durch Verdursten in den Tod zu treiben, Auch griffen sie zu massenhaften Internierungen. Lothar von Trotha schrieb in einem Erlaß, der „mächtige große deutsche Kaiser“ wolle „dem Volk der Hottentotten Gnade gewähren“, sofern es sich der deutschen Macht unterwerfe. Ausgeschlossen seien nur jene, welche zuvor Deutsche getötet hätten.

Wer sich nicht ergebe, so tat Trotha kund, dem werde es so ergehen wie dem Volk der Hereros, „das in seiner Verblendung auch geglaubt hat, es könne mit dem mächtigen deutschen Kaiser und dem großen deutschen Volk erfolgreich Krieg haben. Ich frage Euch, wo ist heute das Volk der Hereros, wo sind heute seine Häuptlinge?“

Auch die Nama verloren den Krieg. 10 000 von ihnen starben, etwa 2000 wurden auf der Haifischinsel interniert. Dort waren die Haftbedingungen so katastrophal, daß nur etwa 450 überlebten.

In Deutschland tut man sich mit der Anerkennung der Geschehnisse in den Jahren 1904 bis 1908 schwer. 2012 etwa erklärte die Bundesregierung, die Genfer Konvention von 1948 über die Bestrafung von Völkermord könne nicht rückwirkend angewendet werden. Gleichwohl und im Gegensatz zu diesem Diktum entschied der Deutsche Bundestag vor ein paar Wochen, Vertreibung und Tötung der Armenier im ersten Weltkrieg durch osmanische Truppen unter Duldung des deutschen Verbündeten sei ein „Völkermord“. Staatspräsident Erdogan hatte aber, ebenso wie die Bundesregierung im Jahre 2012, argumentiert, die Genfer Konvention von 1948 dürfe nicht rückwirkend angewendet werden.

Inzwischen hat sich aber die Haltung der Bundesregierung geändert, Nun, im Jahre 2016, hat die Bundesregierung auf Anfrage der Fraktion der Partei „DIE LINKE“ erklärt, daß der „Vernichtungskrieg in Namibia von 1904 bis 1908“ ein „Kriegsverbrechen und Völkermord“ gewesen sei.

Schon im August 2004 hatte die damalige Ministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Heidemarie Wieczorek-Zeul aus Anlaß des einhundertsten Jahrestages des Massakers an den Hereros Namibia besucht und in einer ausgefeilten Wortwahl, im Sinne des gemeinsamen „Vater Unsers um Vergebung unserer Schuld“ gebeten. Das Wort Genozid hatte Wieczorek- Zeul vermieden, wohl auch weil Joschka Fischer, der damals das Auswärtige Amt leitete, finanzielle Wiedergutmachungsansprüche befürchtete. Immerhin war Wieczorek-Zeul die erste Vertreterin der Bundesrepublik, die vor den Hereros und Nama eine Art Eingeständnis der deutschen Schuld öffentlich äußerte.

Derzeit verhandelt Ruprecht von Polenz (CDU), einst Vorsitzender des Außenpolitischen Ausschusses des Deutschen Bundestag, mit Namibia über eine gemeinsame Erklärung, die „eine Anerkennung der deutschen Schuld“ bringen [2], aber Wiedergutmachungszahlungen ausschließen soll. Von einer Anerkennung des Völkermordes an den Hereros und Nama durch den Deutschen Bundestag ist bisher aber nichts bekannt. Allerdings hat jetzt Cem Özdemir von der Partei der Grünen in der Wochenzeitung „Die Zeit“ gefordert, der Deutsche Bundestag müsse den Mord an den Hereros und Nama als Völkermord anerkennen. Wer den osmanischen Mord an den Armeniern im Jahre 1915 als Völkermord bezeichne, müsse auch den Mord an Hereros und Nama, begangen von den Deutschen in den Jahren 1904 bis 1908, als Genozid bezeichnen.

Der Völkermord im heutigen Namibia liegt jetzt mehr als ein Jahrhundert zurück. Ist er in dieser zeitlichen Distanz ein abgeschlossenes Ereignis, welches man lediglich als Faktum einer vergangenen Epoche zur Kenntnis nehmen muß?

Schon die Debatten darüber, ob der Bundestag die damaligen Massaker als Völkermord anerkennen sollte, belehren uns, daß uns die Geschichte von damals auch heute noch berührt. Mehr noch, dieser Völkermord steht in einem viel größeren historischen Zusammenhang. Er ist der erste Genozid des 20.Jahrhunderts. Der von Lothar von Trotha verkündete „Rassenkrieg“ fand nur dreieinhalb Jahrzehnte später durch Hitlers Schergen seine Nachahmung und eine Erweiterung, welche niemand für möglich gehalten hätte. So war der Völkermord in Deutsch-Südwestafrika lediglich ein Vorspiel für das, was in den beiden Weltkriegen geschehen sollte. Der Vernichtungskrieg, den die deutsche Wehrmacht am 1.September 1939 in Osteuropa begann, hatte auch zum Ziel, die dort lebenden Juden, Sinti, Roma, Slawen auszurotten. Millionen von russischen Kriegsgefangenen kamen in deutschen Internierungslagern um. Die Deutschen verfolgten eine bewußte Ausrottungspolitik — durch Verhungern.

Jürgen Zimmerer geht noch weiter. Er schreibt: „So steht der Kolonialkrieg in Deutsch-Südwestafrika in einer allgemeinen Geschichte des Völkermordes der Neuzeit an einer entscheidenden Schnittstelle zwischen den von Siedlerzusammenrottungen und lokalen Milizen verübten Massakern der amerikanischen und australischen Frontier und dem mit quasi industriellen Methoden betriebenen Massenmord im Dritten Reich. Er stellt ein Bindeglied dar zwischen den früheren Völkermorden niedrigen staatlichen Organisationsgrades und den bürokratisierten Verbrechen der Nationalsozialisten.“

Jürgen Zimmerer kommt zu dem Schluß, der Völkermord an Hereros und Nama sei ein „herausgehobenes Ereignis in einer globalen Geschichte der Entfesselung der Gewalt, wie sie in den beiden Weltkriegen ihren Höhepunkt finden sollte“.


[«1] Zitiert nach: Jürgen Zimmerer-Joachim Zeller (Hrsg): Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. Der Kolonialkrieg (1904-1908) in Namibia und seine Folgen. Ch.Links Verlag. 3., aktualisierte Auflage, Berlin 2016. – Viele Informationen dieses Beitrages sind dem Werk von Zimmerer und Zeller entnommen.

[«2] So der Berliner „Tagesspiegel“ am 14.7.2016

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