Von verlorenen Werten

Jens Berger
Ein Artikel von:
Emran Feroz

Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass die Familie von Giovanni Lo Porto, eines italienischen NGO-Mitarbeiters, der im Jahr 2015 durch einen US-amerikanischen Drohnen-Angriff in Waziristan getötet wurde, von der US-Regierung eine Entschädigungssumme von 1,3 Millionen Dollar erhält. Sowohl Lo Porto als auch Warren Weinstein, ein weiterer Zivilist, der damals den Tod fand, wurden von Al-Qaida-nahen Kämpfern als Geiseln festgehalten. Doch während nun die Familie eines Drohnen-Opfers – und in diesem Fall auch eines weißen Europäers – erstmals finanziell entschädigt wird, warten andere Menschen vergeblich darauf. Von Emran Feroz

Als Mohammad Azam an jenem Tag im Mai seine Schicht begann, war es anfangs lediglich ein weiterer sonniger Morgen in Taftan, einer Stadt in der pakistanischen Provinz Belutschistan. Wie jeder andere Taxifahrer auf dieser Welt hatte sich Azam vorgenommen, seinen Tag damit zu verbringen, einige Fahrgäste von A nach B zu fahren. Azam hatte keine Ahnung, dass dies sein letzter Arbeitstag sein würde. Am späten Nachmittag des 21. Mai wurde sein verbrannter Körper – kaum identifizierbar – aufgefunden. Zu seinem Unwissen war sein letzter Fahrgast Ziel eines US-amerikanischen Drohnen-Angriffs: Mullah Akhtar Mohammad Mansour, der damalige Führer der afghanischen Taliban. Azam wurde dasselbe Schicksal zuteil wie zahlreichen anderen Menschen, die tagtäglich unter Drohnen leben – und zum Teil deshalb den Tod finden. Doch im Gegensatz zu Mansour fand Azams Name in der internationelen Berichterstattung kaum Erwähnung.

Anfangs war nicht einmal klar, ob Mansour getötet wurde. Während sowohl Washington als auch die afghanische Regierung in Kabul seinen Tod verkündeten, forderten andere Beobachter einen endgültigen Beweis für den Tod des Taliban-Führers. “Fehler” passierten in der Vergangenheit nämlich allzu oft. Immer wieder hieß es seitens Medien und Regierungsoffiziellen, dass dieser oder jener Extremistenführer durch einen präzise erscheinenden Drohnen-Angriff getötet wurde – bevor er wieder lebendig in Erscheinung trat. Wer stattdessen getroffen wurde, blieb in nahezu allen Fällen im Dunkeln.

Im Falle Mansours wurde seine Identität erst bestätigt, nachdem die pakistanische Regierung seine DNA mit der eines Familienmitglieds vergleichen ließ. Der Fall war damit abgeschlossen. Ein paar Tage später wurde lediglich bekannt, dass ein rücksichtsloserer und radikalerer Mann in Mansours Fußstapfen getreten ist. Das andere Opfer, der bescheidene Taxifahrer Mohammad Azam, war so gut wie keine einzige Zeile wert.

Mohammad Qasim, der Bruder Azams, ist empört darüber. “Mein Bruder war unschuldig”, wiederholte er mir gegenüber mehrmals. “Wir – seine Familie – sind uns sicher, dass er nichts über die Identität seines letzten Fahrgastes wusste. Wie viele andere Drohnen-Opfer hatte Azam keinerlei Verbindungen zu militanten Gruppierungen”, so Qasim.

Laut Qasim wurde Azam am Tag seines Todes darüber informiert, dass ein lokaler Geschäftsmann auf ein Taxi warte. Von Anfang an gab es mehrere Gründe, warum Mullah Mansours Identität problematisch erschien. Als reisender Geschäftsmann benutzte der Taliban-Führer gefälschte Dokumente und wies sich demnach mit einem anderen Namen aus. Dadurch konnte Mansour in mehrere Staaten problemlos ein- und ausreisen. Nach dem Drohnen-Angriff wurde etwa deutlich, dass er mehrere arabische Staaten in den letzten Jahren bereist hatte. Mehreren Berichten zufolge fand Mansours letzter Trip in den Iran statt. Von iranischen Behörden wird dies jedoch weiterhin geleugnet. Wie dem auch sei: In Anbetracht der Art und Weise, wie Mansour seine Identität verschleierte, ist es schwer vorstellbar, dass ein einfacher Taxifahrer ihn kurz vor seinem Tod entlarvt hat.

Laut Mohammad Qasim war sein Bruder der Haupternährer seiner ganzen Familie. Azam hinterlässt eine Frau und vier Kinder. In jenem Monat, in dem Azam getötet wurde, beantragte Qasim einen sogenannten First Investigation Report (FIR) in einer Polizeistation in Belutschistan. In dem Dokument fordert Qasim die Untersuchung der Todesumstände seines Bruders und fordert Gerechtigkeit. Außerdem macht er in dem handgeschriebenen Papier die USA für den Tod Azams verantwortlich.

Nun, Monate nach Azams Tod, steht die Familie weiterhin allein und machtlos dar. “Niemand interessiert sich für den Tod meines Bruder. Kein einziger Politiker hat sein Beileid ausgedrückt. Obendrein sind wir zu arm. Wir können uns keinen Anwalt leisten, der uns und unser Anliegen repräsentiert”, sagt Qasim.

Die Mehrheit der Familienangehörigen von Drohnen-Opfern ist schlichtweg zu arm, um politischen Druck auszuüben. Doch nur durch solch eine Art von Druck ist es möglich, internationale Aufmerksamkeit auf derartige Ungerechtigkeiten zu ziehen. Egal, ob in Pakistan, im Jemen, in Afghanistan oder in Somalia – die Drohnenmord-Kampagne der Obama-Administration hat mittlerweile Tausende von Leben gekostet. Familien wie jene Azams gibt es zahlreich. Sie leben in abgelegenen Regionen, deren Namen den Menschen im Westen meist total unbekannt sind und sind einem Krieg ausgesetzt, den sie nie begonnen haben. Die Opfer, die diese Menschen tagtäglich aufbringen, werden kaum wahrgenommen. Sie sind unsichtbar.

Laut dem Bureau of Investigative Journalism, einer in London ansässigen Organisation, die sich unter anderem auf den Drohnen-Krieg der Vereinigten Staaten fokussiert, sind mehr als achtzig Prozent der identifizierten Drohnen-Opfer in Pakistan Zivilisten. Im Jemen wurden im Jahr 2015 mehr Zivilisten Opfer von US-Drohnen als von Al-Qaida-Angriffen. In westlichen Medien finden derartige Fakten kaum Erwähnung.

Eines sollte deshalb klar sein: Während wir uns niemals absolut sicher sein können, ob Mohammad Azam sich über die Identität seines letzten Fahrgastes bewusst gewesen ist oder nicht, liegt es dennoch sehr nahe, dass er lediglich ein einfacher Taxifahrer gewesen ist, der tagtäglich aufs Neue versucht hat, seine Familie zu ernähren. An jenem schicksalhaften Tag befand sich er sich wohl lediglich zur falschen Zeit am falschen Ort.

Doch selbst wenn Azam Mullah Mansour gekannt hätte, müssen wir uns fragen, ob es legitim gewesen ist, ihn zu töten. Drohnen-Angriffe, vor allem jene in Gebieten wie Pakistan, Jemen oder Somalia, in denen offiziell kein Krieg herrscht (“non-combat zones”), stellen eine sehr klare, eindeutige Verletzung des internationalen Rechtes sowie etablierter Menschenrechtsstandards dar. Allem Anschein nach werden all diese Errungenschaften der letzten Jahrzehnte einfach über Bord geworfen, um ein paar bewaffnete Männer aus dem Weg zu räumen.

Tatsächlich gibt es viele Werte und Errungenschaften, auf die der Westen stolz sein kann. Eine davon ist die Unschuldsvermutung, die zu den rechtlichen Grundsteinen demokratischer Gesellschaften und Staaten gehört. Doch Mohammad Azam und zahlreichen anderen Menschen, die weiterhin namenlos und unsichtbar bleiben werden, wurde dieses Recht auf grausame Art und Weise verwehrt.

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