Der Artikel “Eine schrecklich schweigsame Familie: Die Kirchen sollten jetzt massiv zurückgedrängt werden” stieß, wie zu erwarten auf ein großes breit gefächertes Echo bei den Lesern der Nachdenkseiten. Auch in der Redaktion gibt es unterschiedliche Meinungen über die Form, den Sinn und den Inhalt einer Kirchenkritik. Deshalb, und weil einige Leser, teilweise zu Recht, sehr pikiert waren, gibt es zu diesen Leserbriefen auch noch eine kurze Vorbemerkung des Herausgebers Albrecht Müller. Vielen Dank an alle Leser, für ihre Beiträge! Zusammengestellt von Moritz Müller.

Vorbemerkung des Herausgebers der NachDenkSeiten:

Eine kleine Redaktion wie die der NachDenkSeiten muss auch Meinungsunterschiede aushalten. Die Meinungsunterschiede spiegeln sich auch in den folgenden Leserbriefen. In einigen Briefen äußert sich Kritik am Text von Tobias Riegel, die ich zu weiten Teilen nachvollziehen kann. Tobias Riegels Text enthält – neben zutreffenden Passagen – Stilmittel und Aussagen, die ich in der Form nicht mittrage. 

Hier die Zusammenstellung der Leserbriefe:

1. Leserbrief

Gut gebrüllt T.Riegel

Aber zum Ende hin „alle Religionen raus aus der Öffentlichkeit“ (was heißt das denn konkret?) wird es dann doch ein wenig zu pauschal und zu platt.

Interessant wäre zu erfahren, wie der Verfasser Religion definiert, welche von den sehr, vielen Religionsdefinitionen er bevorzugt, aus welchen Gründen und mit welchen Zwecken/Zielen.

Wenn denn Religion etwas mit Weltdeutung und Orientierungssuche in der Welt zu tun hat, also gestaltende Weltanschauung ist, stellt sich die Frage, ob und welche Weltanschauungen dann in der Öffentlichkeit überhaupt etwas zu suchen haben.

Andererseits ist Öffentlichkeit/öffentlicher Raum nicht gerade als der Ort zu beschreiben, an dem sich Weltanschauungen begegnen, austauschen, kritisieren und inspirieren können und sollen, wo man sich gegenseitig seine individuellen/kollektiven Geschichten (Märchen,Mythen) erzählt, und seine eigenen, oft ach so „höheren, edleren und besseren“ Geschichten vom guten Leben aus verschiedenen Perspektiven betrachten, relativieren und die tiefe Verwurzelung in anderen Geschichten erkennen kann?

Mit freundlichen Grüßen Udo Böttcher, Meißenheim


2. Leserbrief

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich schätze die Nachdenkseiten sehr. Bei dem heutigen Artikel von Tobias Riegel („Eine schrecklich schweigsame Familie: Die Kirchen sollten jetzt massiv zurückgedrängt werden“) sind mir ein paar Problemanzeigen in den Sinn gekommen und daher verfasse ich meinen ersten Leserbrief.

Klar ist, dass die beschriebenen Missbräuche unerträglich waren und sind. Aber die Konsequenzen gehen m.E. in eine falsche Richtung, weil der Autor es auf die Religionen allgemein abgesehen hat und nicht auf das Abstellen von Missbräuchen:

1—Es herrscht in Deutschland keine strikte Trennung zwischen Staat und Kirche (so etwas gibt es europaweit eigentlich nur in Frankreich), sondern man spricht seit Weimarer Zeiten von einer so genannten ‚hinkenden Trennung‘. Der Staat steht demnach Religionen positiv gegenüber und fördert sie auch, aber er mischt sich eben nicht inhaltlich ein. Das hat aber den großen Vorteil, dass Religionen nicht im Dunkeln und jenseits der Öffentlichkeit vor sich hinwirken können, weil z.B. Forschung und Lehre nicht isoliert in einer Hinterhofkirche passieren, sondern vor aller Augen (etwa an einer Universität, die wiederum unter staatlicher Kontrolle steht). Und zu Ende gedacht gibt es keine Religion, die nur im Privaten wirkt, weil ein Gottesdienst oder ein Bildungsangebot immer öffentlich ist. Kurz: Den Topos ‚Privatsache Religion‘ gibt es nur in Bezug auf das Verhältnis zwischen Staat und einzelner/m Staatsbürger/in, nicht aber zwischen Staat und Religionen.

2—Eine Kündigung dieser religionsverfassungsrechtlichen Verträge würde zum Beispiel den Freistaat Bayern (grob geschätzt) mindestens zwei Milliarden Euro kosten und erst einmal nichts ändern. Deswegen wird kein einziger künftiger Missbrauch verhindert. Wichtiger wäre es doch, von staatlicher bzw. gesellschaftlicher Seite, solche schlimmen Missbräuche überall zu verhindern helfen (die es zweifellos auch in anderen Kirchen und Institutionen gegeben hat).

3—Die Behauptung, dass die „die Kirchen aktiv beim Abbau des Sozialstaats“ helfen, „obwohl sie sich doch verbal hin und wieder dagegen aussprechen“, ist nicht fair. Mit dem gleichen Argument könnte gegen die Tafelindustrie gewettert werden, aber auch damit wäre niemandem geholfen, auch wenn Kritik selbstverständlich in beiden Fällen angebracht ist. Die Alternative wäre: Passiv zusehen und die Sache damit gutheißen. Gäbe es keine Religionen mehr, gäbe es noch weniger Möglichkeiten, dem Staat vorsichtig in die Speichen zu greifen. Ein Beispiel ist das derzeit viel diskutierte Kirchenasyl. Wer sagt: „Der Staat macht sich“ vor den Kirchen „zum devoten Deppen“, der will alle Kirchenasyle in Deutschland, von denen es derzeit über 500 gibt, doch auch gleich stürmen lassen. Oder verstehe ich das falsch?

4—Welche Parteien würden denn da überhaupt mitmachen: Käme es da zur ersten Zusammenarbeit von LINKEN und AfD?

5—Rein theologisch gesehen hat der Autor Recht: Es spielt es keine Rolle, ob die Kirchen Körperschaften des öffentlichen Rechts mit vielen Privilegien sind oder nicht, denn die so genannte verborgene Kirche Jesu Christi braucht nur zwei oder drei, die in seinem Namen versammelt sind…

Gute Grüße
Ihr Pfarrer Paul Streidl, München


3. Leserbrief

Sehr geehrter Autor,

vielen Dank für Ihre Worte, die meine volle Zustimmung finden. Jedoch: Wenn Lobbyismus zur gelebten Demokratie gehören sollte, dann will ich so eine Demokratie nicht !

Ihr eifriger Leser I.D.


4. Leserbrief

Leider ein Beitrag meilenweit unter Niveau der NDS.

Die Vorgänge in der Katholischen Kirche sind schrecklich.

Wahrhaftig. Nichs zu beschönigen.

Und man kann dafür sein, den öffentlichen Einfluss der Kirchen und Religionsgemeinschaften zurückzudrängen.

Dafür muss man dann aber in unserem demokratisch legitimierten Staat auch eine “demokratisch legitimierte” Mehrheit haben, sogar eine verfassungsändernde. Empörungspotential nützt da wenig.

Ich frage mich, was einen solchen Artikel in den NDS eigentlich von AfD, Pegida, Reichsbürgern, Identitären oder wie sie sich alle nennen, unterscheidet.

Die nutzen auch “Empörungspotential der Bevölkerung”. 
 
MFG Michael Trensky


5. Leserbrief

Sehr geehrte Redaktion der NachDenkSeiten,

aufgrund des aus meiner Sicht unfassbar dreisten Verhaltens der Kirchen, war ein kritischer Artikel der Nachdenkseiten zum Thema Kirche überfällig.

Ich finde allerdings die Überschrift etwas zu kämpferisch, denn wer soll die Kirchen zurückdrängen? Etwa unsere Regierung, die zu 100% aus Kirchenmitgliedern besteht?

Die SPD Frauen Andrea Nahles und Malu Dreyer sind zusammen mit den CDU Frauen Annegret Kramp-Karrenbauer und Julia Klöckner sogar Mitglieder im Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Auch sonst sind die Kirchenmitglieder im Bundestag und den Landtagen überdurchschnittlich vertreten, wenn man berücksichtigt, dass nur noch 54% aller Deutschen Mitglied in einer der beiden Kirchen (ev. oder kath.) sind.

[Darin sind die Mitgliederzahlen für 2017 aufgeführt:  21,5 Millionen Protestanten und 23,3 Millionen Katholiken. Ergibt 54% bei einer Gesamtbevölkerung von 82,7 Millionen (Stand 30.09.2017).]

Frank-Walter Steinmeier war vor seiner Wahl zum Bundespräsidenten der designierte Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentages 2019.

Bitte fallen Sie nicht um und machen Sie keinen Rückzieher, wenn Sie aufgrund der kämpferischen Überschrift viele empörte Zuschriften von Kirchenmitgliedern erhalten.

Auf Dauer hilft wie immer nur Aufklärung. Um Ihnen den Rücken zu stärken im Folgenden einige Informationen zu den Kirchen.

  1. Die Kirchen und unser Geld

    In einem Video-Beitrag auf YouTube ist zu hören, dass der Katholischen Kirche ca. ein Drittel aller Immobilien in Rom und ein Fünftel aller Immobilien in ganz Italien gehören würden.

    Auch die Katholische Kirche in Deutschland ist extrem reich.

    Bereits 1958 sollen sich 51 Prozent der Bank of America im Besitz des Jesuiten-Ordens befunden haben.

    Aufgrund der hohen staatlichen Subventionen an die Kirchen werden in Deutschland auch Nichtkirchenmitglieder gezwungen, die beiden Staatskirchen (ev. und kath.) Monat für Monat mit einem Betrag zu subventionieren, der in etwa dem Solidaritätszuschlag entspricht. (Laut Wikipedia betrug das Aufkommen durch den Solidaritätszuschlag im Jahr 2016 16,85 Mrd. Euro.

    Nach den Berechnungen des Experten für kirchliche Finanzen, Carsten Frerk, betragen die direkten und indirekten Leistungen, die der Staat Katholiken und Protestanten und deren Einrichtungen gewährt, jährlich rund 19 Milliarden Euro – staatliche Subventionen! Die Kirchensteuer, welche nur die Kirchenmitglieder zahlen, nehmen die Kirchen noch zusätzlich ein, zusammen (ev. und kath.) ca. 11 Milliarden Euro.

  2. Die mittelalterlichen Lehren der Kirchen – alle noch heute gültig

    Die Lehre von der ewigen Verdammnis für Andersgläubige ist bis heute offizielle Lehre sowohl in der evangelischen als auch in der katholischen Kirche!

    Das bedeutet, dass alles Gesäusel der Kirchenvertreter von Religionsfreiheit glatt gelogen ist.

    Evangelische und katholische Kirche verdammen sich bis heute gegenseitig und sind sich nur einig, wenn es darum geht, den Staat zu schröpfen.
     
    Evangelische Kirche
    Wer den Großen Katechismus aufmerksam durchliest – das machen offenbar die wenigsten Mitglieder der Evangelischen Kirche – findet auch folgenden Lehrsatz:
    “Darum unterscheiden und sondern diese Glaubensartikel uns Christen von allen andern Leuten auf Erden. Denn die außerhalb der Christenheit sind, seien es Heiden, Türken, Juden oder falsche Christen und Heuchler, mögen zwar nur einen wahrhaftigen Gott glauben und anbeten, aber sie wissen doch nicht, wie er gegen sie gesinnt ist. Sie können von ihm auch weder Liebe noch etwas Gutes erhoffen; deshalb bleiben sie in ewigem Zorn und Verdammnis. Denn sie haben den Herrn Christus nicht und sind auch mit keinen Gaben durch den heiligen Geist erleuchtet und begnadet.”
    (auf diese Seite kommt man über den Wikipedia-Artikel zum Großen Katechismus)

    Katholische Kirche
    “Dem römischen Papst sich zu unterwerfen, ist für alle Menschen unbedingt zum Heile notwendig. Das erklären, behaupten, bestimmen und verkünden Wir.”
    (Josef Neuner – Heinrich Roos, Der Glaube der Kirche in den Urkunden der Lehrverkündigung, Lehrsatz Nummer 430 (ein nach katholischer Lehre „unfehlbarer“ und „irrtumsloser“Lehrsatz, der für alle Zeiten Gültigkeit besitzt), zitiert)

    “Die heilige römische Kirche, durch das Wort unseres Herrn und Erlösers gegründet, glaubt fest, bekennt und verkündet, dass niemand außerhalb der katholischen Kirche, weder Heide noch Jude noch Ungläubiger oder ein von der Einheit Getrennter – des ewigen Lebens teilhaftig wird, vielmehr dem ewigen Feuer verfällt, das dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist, wenn er sich nicht vor dem Tod ihr (der Kirche) anschließt. …”
    (Josef Neuner – Heinrich Roos, Der Glaube der Kirche in den Urkunden der Lehrverkündigung,

    Lehrsatz Nummer 381 (ein nach katholischer Lehre „unfehlbarer“ und „irrtumsloser“ Lehrsatz, der für alle Zeiten Gültigkeit besitzt), zitiert)

    Ist die Lehre von der ewigen Verdammnis für Andersgläubige nicht die Urmatrize für Rassismus, Ausgrenzung und Diskriminierung?

    In den besagten kirchlichen Dogmen und Lehrsätzen ist das Kriterium für die ewige Verdammnis ausdrücklich nicht, ob jemand “gut” oder “böse” war, sondern ob er katholisch bzw. evangelisch ist.

    Das ist aus meiner Sicht Rassismus in Reinkultur und bis heute offizielle Kirchenlehre!

    Für den Kirchen-Gott sind Menschen anderen Glaubens offenbar so minderwertig, dass er es für gerechtfertigt hält, unendlich grausam mit ihnen zu verfahren, unabhängig davon, was sie für ein Leben geführt haben.

    Warum sollte ein Gläubiger, der die Lehre seiner Kirche ernst nimmt, einem Fremden anderen Glaubens wohlwollend begegnen, wenn nach dieser Lehre selbst der unendlich gütige und barmherzige Gott diesen angeblich als minderwertig und ewig verdammenswert ansieht?

    Und die Geschichte belegt es tatsächlich vielfach, dass Kirchen und Kirchenmitglieder aus dieser Lehre die Legitimation abgeleitet haben, ihren andersgläubigen Mitmenschen schon im Diesseits das Leben zur Hölle zu machen.

    Das Dogma von der Ewigen Verdammnis offenbart zudem ein unfassbar grausames Gottesbild.

    Man muss sich das einmal bewusst machen, was ewige Verdammnis bedeutet. Eine ewige Verdammnis wäre unendlich viel grausamer als jedes noch so schlimme Verbrechen hier auf der Erde, welches in seiner Dimension doch immer nur endlich sein kann. Daraus ließe sich folgern, dass der Gott der Kirchen unendlich viel grausamer als der schlimmste irdische Verbrecher sein müsste.

    Wie kann man sich vertrauensvoll im Gebet an so einen Gott wenden? Dass Kirchenmitgliedern solche Widersprüche und Grausamkeiten nicht mehr auffallen, kann ich mir nur mit einer von frühester Kindheit an beginnenden Indoktrination erklären.

  3. Die Bibel – die Glaubensgrundlage der Kirchen, mit der man alles rechtfertigen kann (auch Gewalt gegen Andersgläubige)

    Lessing soll nach dem Studium des Alten Testaments verzweifelt ausgerufen haben:

    “Auf diesen Schlamm, auf diesen Schlamm, großer Gott! Wenn auch ein paar Goldkörner darunter waren … Gott! Gott! Worauf können Menschen einen Glauben gründen, durch den sie ewig glücklich zu werden hoffen?!”
    (Gotthold Ephraim Lessing, Die Erziehung des Menschengeschlechts,1780; zitiert nach Karlheinz Deschner, Kriminalgeschichte des Christentums, Band 3 (Die alte Kirche), Rowohlt Taschenbuch Verlag, Dezember 1996, Seite 39)

    Das Alte Testament wimmelt nur so von Passagen, wo angeblich Gott selbst die brutalste und grausamste Anwendung von Gewalt gegen andere Völker befiehlt. Im Folgenden einige Beispiele:

    »Der biblische Gott zeigt ausdrücklich Wohlgefallen an Eroberungskriegen, insbesondere auch an der Vernichtung und Zerstörung der eroberten Gebiete; das zeigt sich auch darin, daß Israel im Falle seiner Erhörung Gott die Zerstörung und Vernichtung verspricht. […]

    “Da gelobte Israel dem Herrn: Wenn Du mir dieses Volk in meine Gewalt gibst, dann weihe ich ihre Stätte dem Untergang. Der Herr hörte auf Israel und gab die Kanaaniter in seine Gewalt. Israel weihte sie und ihre Stätte dem Untergang” (Num.21; 2-3).«
    (Franz Buggle, “Denn sie wissen nicht, was sie glauben – Oder warum man redlicherweise nicht mehr Christ sein kann”, Alibri Verlag 2012, Seite 68)

    »Gott wird aber auch immer wieder selbst als derjenige dargestellt, der eigentlich die Kriege führt:
    “Ich vertreibe die Kanaaniter, Amoriter, Hetiter…” (Ex. 33; 2);
    “Gott … frißt die Völker, die ihm feind sind, er zermalmt ihre Knochen…” (Num. 24; 8);
    “… denn der Herr, euer Gott, ist es, der für euch kämpft” (Dtn. 3; 22);
    er “räumt die Völker aus dem Weg” (Dtn. 7; 1).
    “Meine Pfeile mache ich trunken von Blut, während mein Schwert sich ins Fleisch frißt – trunken vom Blut Erschlagener und Gefangener…” (Dtn. 32; 42).
    “Höre Israel! Heute wirst du den Jordan überschreiten, um in das Land von Völkern, die größer und mächtiger sind als du, hineinzuziehen und ihren Besitz zu übernehmen… Heute wirst du erkennen, daß der Herr, dein Gott, wie ein verzehrendes Feuer selbst vor dir hinüberzieht. Er wird sie vernichten und er wird sie dir unterwerfen, so daß du sie unverzüglich vertreiben und austilgen kannst, wie es der Herr dir zugesagt hat” (Dtn. 9; 1-3).«
    (Franz Buggle, “Denn sie wissen nicht, was sie glauben – Oder warum man redlicherweise nicht mehr Christ sein kann”, Alibri Verlag 2012, Seite 68)

    »Dieser biblische Gott […] ordnet ausdrücklich die inhumanste Extremvariante des Krieges, den Genozid, die wahllose, ausnahmslose Hinschlachtung nicht nur der besiegten Männer, sondern auch von Kindern, Frauen und Greisen an.
    So verkündet Mose den Israeliten ausdrücklich als Gottes Gebot und Wille (“Daher sollt ihr darauf achten, daß ihr handelt, wie es der Herr, euer Gott, euch vorgeschrieben hat. Ihr sollt weder rechts noch links abweichen!”, Dtn. 5; 32):

    “Wenn der Herr, dein Gott, dich in das Land geführt hat, in das du jetzt hineinziehst, um es in Besitz zu nehmen, wenn er dir viele Völker aus dem Weg räumt…
    Wenn der Herr, dein Gott, sie dir ausliefert und du sie schlägst, dann sollst du sie der Vernichtung weihen [sic!]. Du sollst keinen Vertrag mit ihnen schließen, sie nicht verschonen…
    Du wirst alle Völker verzehren, die der Herr, dein Gott, für dich bestimmt.
    Du sollst in dir kein Mitleid mit ihnen aufsteigen lassen…;
    außerdem wird der Herr, dein Gott, Panik unter ihnen ausbrechen lassen, so lange, bis auch die ausgetilgt sind, die überleben konnten und sich vor dir versteckt haben” (Dtn. 7; 1,2,16,20).«
    (Franz Buggle, “Denn sie wissen nicht, was sie glauben – Oder warum man redlicherweise nicht mehr Christ sein kann”, Alibri Verlag 2012, Seite 69)

    Die aufgeführten Beispiele habe ich dem Buch “Denn sie wissen nicht, was sie glauben – Oder warum man redlicherweise nicht mehr Christ sein kann” von Franz Buggle entnommen.

    Buggle schreibt: “Wie sehr auch das Alte Testament […] mit teilweise extrem inhumanen, ja sadistischen, grausamen Leitbildern, Verhaltensanweisungen und -modellen durchsetzt ist, weist das vorliegende Buch in vielen im übrigen leicht noch vermehrbaren Beispielen nach. […]
    Dies zeigt sich z. B. beim Thema inhumaner Gewalt daran, daß der biblische Gott, bekanntlich auch nach christlicher Auffassung die Verkörperung des höchsten und letztverbindlichen ethischen Maßstabs, etwa an 1000 (!) Stellen (das gesamte Alte Testament der zu diesem Buch herangezogenen Einheitsübersetzung umfaßt 1078 Seiten) “mit Tod und Untergang bestraft, wie ein fressendes Feuer Gericht hält, Rache nimmt und Vernichtung androht”, daß dieses Alte Testament über 100 weitere Stellen aufweist, “in denen Jahwe ausdrücklich befiehlt, Menschen zu töten” (immer wieder übrigens im Rahmen eines befohlenen Völkermords; nach Schwager [Schwager, Raymund: Brauchen wir einen Sündenbock? Gewalt und Erlösung in den biblischen Schriften.] 1978, S. 58, 65,10).”  
    (Franz Buggle, “Denn sie wissen nicht, was sie glauben – Oder warum man redlicherweise nicht mehr Christ sein kann”, Alibri Verlag 2012, Seite 25)

    Glauben Sie etwa, diese gewaltrechtfertigenden Stellen in der Bibel sind nur harmlose Folklore?
    Mit der Bibel kann man alles rechtfertigen und hat es im Verlauf der Geschichte bis in die jüngere Vergangenheit auch getan. Im Folgenden einige Beispiele:

    Wussten Sie, dass der norwegische Terrorist Anders Breivik, der im Jahr 2011 kaltblütig 77 Jugendliche ermordete, seine Tat mit der Bibel gerechtfertigt hat?

    Nach einem Bericht des US-Magazins “GQ” habe der damalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld seine streng geheimen Lageberichte für den Präsidenten zum Verlauf des Militäreinsatzes im Irak auf den Titelseiten mit Bibelzitaten versehen. Durch die Gestaltung der Berichte, die Bibelverse mit kriegerischen Bildern kombinierte, habe sich Rumsfeld offenbar besondere Überzeugungskraft für den streng religiösen Bush erhofft.

    Jürgen Todenhöfer schreibt sogar: “Auch George W. Bush führte seinen kriminellen Irakkrieg im Namen der Bibel. In Telefonaten brachte er den französischen Präsidenten Chirac mit seinen Prophezeiungen aus der Bibel völlig durcheinander. Der evangelische Fundamentalist Bush sah sich als Werkzeug Gottes, um den Mittleren Osten und Israel vor den biblischen Schreckensgestalten ‘Gog und Magog’ zu retten. Chirac war verzweifelt. Weil er die zwei apokalyptischen Ungeheuer gar nicht kannte.”

    Wussten Sie, dass ein US-Waffenhersteller mit einem Bibelvers auf seinem Sturmgewehr Typ Crusader (zu deutsch: Kreuzritter) muslimische Terroristen vom Gebrauch der Waffe abhalten will, falls diese in ihre Hände fallen sollte? Als Bibelvers wurde Psalm 144,1 gewählt: “Gepriesen sei der Herr, mein Fels, der meine Hände unterweist zum Kampf, meine Finger zum Krieg.”

    Wussten Sie, dass sich rund 90 Millionen US-Amerikaner ein Glaubensbekenntnis zu eigen machen sollen, das besagt: Jeder Satz in der Bibel gilt wortwörtlich?

    “Wer nicht alle Bücher der Heiligen Schrift mit allen ihren Teilen, wie sie die Kirchenversammlung von Trient [1545] anführte, als heilige kanonische Schriften anerkennt oder wer leugnet, dass sie von Gott eingegeben sind, der sei ausgeschlossen.”
    (Josef Neuner – Heinrich Roos, Der Glaube der Kirche in den Urkunden der Lehrverkündigung, Lehrsatz Nummer 98 [ein nach katholischer Lehre „unfehlbarer“ und „irrtumsloser“ Lehrsatz, der für alle Zeiten Gültigkeit besitzt], zitiert)

    Die offiziell gültige (!) Lehre der Katholischen Kirche verpflichtet alle Kirchenmitglieder bei Androhung der ewigen Verdammnis zu glauben, dass die Bibel mit allen ihren Teilen Gottes Wort ist!
    Und die evangelische Kirche hat in ihren Bekenntnisschriften bis heute verbindlich festgelegt: Sowohl das Alte als auch das Neue Testament seien “einzig Richter, Regel und Richtschnur”, nach welchen “müssen alle Lehren erkannt und geurteilt werden, ob sie gut oder böse, recht oder unrecht sind”.
    (Konkordienformel aus dem Jahr 1580, Epitome, Summarischer Begriff 3; zitiert)

  4. Die Kirchen – unverzichtbar für alle “christlichen” Staaten zur Motivation der Soldaten im Kriegsfall

    “Die geschichtlichen Tatsachen lehren, dass uns der Krieg größeren Nutzen bringt als der Friede!”
    (Bischof Theodoret (393 – 460))            
    (Karlheinz Deschner, Kriminalgeschichte des Christentums, Band 1 (Die Früzeit), Rowohlt Taschenbuch Verlag, Februar 1996, Seite 260)

    Letztendlich geht es ja darum, dass die Kirchen behaupten, die Lehre des Jesus von Nazareth zu vertreten, und um die Frage: war die Lehre Jesu pazifistisch?
    Letzteres würden die Kirchenmitglieder in unserer Regierung und auch der Bundespräsident sicherlich verneinen, weil sie andernfalls eingestehen würden, sich ständig entgegen die Lehre Jesu zu verhalten. Vermutlich würden sie ähnlich formulieren wie der Staatssekretär unseres ehemaligen Bundespräsidenten, Joachim Gauck: “Der evangelische Christ Gauck kann […] nicht erkennen, dass der vom Evangelium gewiesene Weg ausschließlich der Pazifismus sei.”

    Tatsächlich verstanden die Christen in den ersten drei Jahrhunderten die Lehre Jesu sehr wohl als pazifistisch und lebten auch konsequent danach. Der Kirchenkritiker Karlheinz Deschner schreibt dazu:

    »Im Neuen Testament sollen die Christen nur “den Schild des Glaubens” ergreifen, “den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes”. Und in Übereinstimmung mit den neutestamentlichen Tötungsverboten wird im Christentum der ersten drei Jahrhunderte nirgends der Kriegsdienst erlaubt!

    Justin, Tatian, Athenagoras, Tertullian, Origenes, Cyprian, Arnobius, Laktanz, wie unterschiedlich auch immer menschlich und theologisch, ob sie “Ketzer” geworden, “verketzert” worden, “rechtgläubig” geblieben sind, sie alle ermüden nicht, der Welt Gewaltlosigkeit zu verkünden.

    Sie alle versichern, wie Athenagoras, daß Christen “ihre Feinde nicht hassen, sondern sogar lieben … sie sogar segnen und für die, welche ihnen nach dem Leben streben, sogar beten”, daß sie “geschlagen nicht wieder schlagen, ausgeraubt nicht prozessieren”.

    “Wir dürfen so nicht Widerstand leisten”, kommenriert der hl. Justin die Bergpredigt. Der Kaiser könne kein Christ, ein Christ niemals Kaiser sein. Scharf konfrontiert Tertullian Christenpflicht und Kriegsdienst, göttlichen und menschlichen Fahneneid, “das Feldzeichen Christi und das Feldzeichen des Teufels, das Lager des Lichts und das Lager der Finsternis”.

    Er nennt sie “unverträglich” und erklärt jede Uniform “bei uns verboten, weil sie das Abzeichen eines unerlaubten Berufs ist”. “Wie kann man Krieg führen, ja selbst im Frieden Soldat sein ohne das Schwert, das der Herr fortnahm?” Er nämlich habe “Petrus entwaffnet und damit jedem Soldaten das Schwert genommen”.«
    (Karlheinz Deschner, Kriminalgeschichte des Christentums, Band 1 (Die Früzeit), Rowohlt Taschenbuch Verlag, Februar 1996, Seite 249)

    Seit Kaiser Konstantin ist es zu einer der Hauptaufgaben der jetzt staatskirchlichen Theologen geworden, die Kriege der Obrigkeit zu legitimieren.

    “Glaube nicht, dass jemand, der mit den Waffen Kriegsdienst verrichten will, Gott nicht gefallen könnte”, belehrt uns der bis heute hochverehrte Heilige und Kirchenlehrer Augustinus, oder auch in unüberbietbarem Zynismus: “Was hat man denn gegen den Krieg? Etwa dass Menschen, die doch einmal sterben müssen, dabei umkommen?”

    In seiner Schrift “Ob Kriegsleute in seligem Stande sein können” erweist sich ca. 1100 Jahre später der Augustiner-Mönch Martin Luther als gelehriger Schüler seines geistigen Lehrers Augustinus. Von wegen “solus Christus”!

    Luther rühmt sich in dieser Schrift selbst, dass seit der Zeit der Apostel das weltliche Schwert und die Obrigkeit noch nie so deutlich beschrieben und gerühmt worden seien wie durch ihn.

    Diese Urlüge – die Verdrehung der pazifistischen Lehre Jesu um 180 Grad (oder nehmen Sie das Gebot “Du sollst nicht töten”) – wird uns bis heute von den Kirchen und ihren Mitgliedern in der Regierung als Christentum verkauft. Und die Medien mit ihren oft von Theologen besetzten Kirchenredaktionen machen gute Mine zum bösen Spiel.

    Was glauben Sie, warum der deutsche Staat die Kirchen (ev. und kath.) in vielen Belangen privilegiert und mit Milliardenbeträgen subventioniert?

    (Auch die hohen Gehälter der Bischöfe werden in Deutschland vom Staat bezahlt.)

    Der Staat braucht die Quasi-Staatskirchen für die Militärseelsorge.

    Machen Sie sich bitte einmal bewusst: Ohne die kirchliche Militärseelsorge oder gar mit Kirchen, die dem Soldatenberuf kritisch gegenüber stehen, würde kaum jemand mehr zur Bundeswehr gehen. Die Militärseelsorge ist für alle Staaten der Nato mindestens genauso wichtig wie das Schmieröl in den Panzermotoren.

    Ist das nicht unausgesprochen bzw. ungeschrieben der wichtigste Bestandteil jedes Vertrages zwischen Staat und Kirche – das immer gleiche Muster seit dem Deal mit Kaiser Konstantin?

    Die Kirchen segnen die (natürlich gerechten) Kriege der Regierung ab und schalten das Gewissen der jungen Soldaten aus. Militärgeistliche machen jungen Männern und vermehrt auch Frauen weiß, dass der Militärdienst angeblich mit der Lehre Jesu vereinbar wäre und dass sie kein schlechtes Gewissen beim Töten zu haben brauchen. Und dass sie sich ganz auf das moralische Urteilsvermögen ihrer Regierung verlassen könnten.

  5. Die blutige Vergangenheit der Kirchen – eine ehrliche Aufarbeitung sieht anders aus

    Nicht nur die weltweit tausendfachen Vergehen an Kindern und Jugendlichen würden unter den Tisch gekehrt werden, wenn es keine kritische Öffentlichkeit gäbe.

    Auch die Rolle der Kirchen vor und während des Nationalsozialismus ist in keinster Weise öffentlich aufgearbeitet.

    Dass die Nazis ihre Verbrechen nicht ohne die ideologische Zusammenarbeit mit den Kirchen hätten durchführen können, zeigt folgende Tatsache:
    Im Jahr 1933 waren über 95% der Deutschen Mitglied der Evangelischen oder der Katholischen Kirche (62,7 % Protestanten, 32,5 % Katholiken).
    Hinzu kommt, dass von den 4,8% Nichtkirchenmitgliedern viele mit Sicherheit auch keine Nazis waren, z.B. Juden, Zeugen Jehovas, Kommunisten und viele andere religiöse und politische Gruppierungen, sondern zu denen gehörten, die von den Nazis verfolgt worden sind.
    Man muss also konstatieren: Die Nazis, ihre Helfer und Helfershelfer bestanden zu fast 100% aus Mitgliedern der Evangelischen und der Katholischen Kirche.

    Stefan Korinth schreibt im Rubikon über den barbarischen Rasse- und Vernichtungskrieg den Wehrmacht und SS gegen Russland – mit 27 Millionen Todesopfern auf russischer Seite – führten:
    “Diese moralische Enthemmung, die zuvor durch gezielten Feindbildaufbau in Deutschland gefördert worden war, führte zu Verbrechen unbeschreiblicher Grausamkeit.”

    Dass an diesem Feindbildaufbau ganz besonders die Kirchen beteiligt waren und dass diese viel eher Mittäter als Widerstandskämpfer gewesen sind, belegen die folgenden Zitate.

    Ergänzung:

    Wie ich schon erwähnt habe, finde ich die Überschrift etwas unglücklich gewählt.
    Sie klingt bedrohlich nach Revolution, wobei völlig unklar ist, wer diese Revolution durchführen soll.

    “Das Empörungspotenzial der Missbrauchs-Untersuchung sollte politisch über das Thema hinaus genutzt werden: um die Institution katholische Kirche allgemein (auch politisch) zurückzudrängen und auf ihren Platz im Privatleben zu verweisen.”

    Das klingt wirklich etwas naiv, als hätten Sie das Thema Kirchenkritik gerade ganz neu für sich entdeckt. Ich schreibe Ihnen das, weil ich schon seit Jahrzehnten kirchenkritische Schreiben an Zeitungen und Politiker verschicke, ohne jemals auf ein nennenswertes Empörungspotenzial gestoßen zu sein, obwohl die Skandale und Ungerechtigkeiten auch schon damals ausgereicht haben, dass man sich hätte empören können – ja, müssen.

    Auch bei den NachDenkSeiten, die ich seit Ende 2015 vermehrt mit kirchenkritischen Artikeln versorgt habe, konnte ich bis jetzt kein nennenswertes Empörungspotenzial feststellen.

    Und jetzt auf einmal gleich die Revolution?

    “Die Verbannung aller Kirchen aus der Öffentlichkeit und ihr erzwungener Rückzug ins Private ist allerdings mindestens ebenso wichtig wie jenes Grundrecht.”

    Das klingt jetzt noch bedrohlicher, weil jetzt auch noch Zwang angewendet werden soll.

    Wie soll denn dieser Zwang aussehen, und wer soll ihn ausüben?

    Aus meiner Sicht sind solche kämpferischen und bedrohlichen Formulierungen zum einen völlig unnötig und kontraproduktiv, und zum anderen sollten sie in einem dem Frieden verpflichteten modernen alternativen Medium nichts zu suchen haben.

    Der gesellschaftliche Einfluss der Kirchen wird sich automatisch relativieren, wenn die völlig ungerechtfertigten Privilegien und staatlichen Subventionen eingestellt werden.

    Dafür sollte man sich engagieren!

    Warum sollen die Kirchen besser gestellt sein als gemeinnützige Vereine wie z.B. Greenpeace, Amnesty International oder PETA?

    Aber so wie diese Vereine Öffentlichkeitsarbeit machen, so dürfen natürlich auch die Kirchen Öffentlichkeitsarbeit machen – ohne Privilegien und staatliche Subventionen.

    Deshalb ist es völlig falsch und wirklich sehr bedrohlich, von einem “erzwungenen Rückzug ins Private” zu reden.

    Ich würde es sogar sehr begrüßen, wenn sich die Kirchen dann öffentlich, nicht als Körperschaft öffentlichen Rechts sondern als schlichter Verein, im Sinne des Jesus von Nazareth für den Frieden einsetzen würden.

    Solange sie am Tropf des Staates hängen, werden sie das nicht tun, sondern ihrem Geldgeber nach dem Munde reden und seine Kriege via Militärseelsorge absegnen.

    Statt gleich mit der Revolution zu starten, sollten sich die NachDenkSeiten vornehmen, in regelmäßigen kürzeren Abständen über die völlig ungerechtfertigten Privilegien und staatlichen Subventionen, die die Kirchen in unserem Staat genießen, aufzuklären.

    Völlig ungerechtfertigt auch deshalb, weil sich die Kirchen bis heute nicht von ihren mittelalterlichen Lehren wie der ewigen Verdammnis für Andersgläubige distanziert haben; weil sich die Kirchen bis heute nicht von den vielen gewaltrechtfertigenden Stellen in der Bibel distanziert haben; weil die Kirchen ihre blutige Geschichte – z.B. ihre Rolle im Nationalsozialismus – bis heute nicht ehrlich und öffentlich aufgearbeitet haben.

Mit freundlichen Grüßen
Ralf Böhm
Berlin

“Wem das Neue Testament den Blick geschärft hat für Gottes Wille und Weg in der Geschichte und die letzten Realitäten der Welt, der erkennt im Dritten Reich mehr als einen der Züge wieder, die in der paulinischen Staatstheologie vorgezeichnet sind … Die Kirche muß ja sagen zu diesem Staat, ein Ja vom Neuen Testament her zur geschichtlichen Sendung und Zielsetzung des Dritten Reiches, wie Paulus ja gesagt hat zum gottgesetzten Amt des römischen Reiches.”
zitiert nach Karlheinz Deschner, ‘Abermals krähte der Hahn’, Neuauflage 2015 im Alibri-Verlag, S. 710
(Karlheinz Deschner nennt den Autor dieses Textes aus dem Jahr 1935 nicht beim Namen, spricht aber von einem namhaften protestantischen Universitäts-Theologen, der auch noch nach dem Krieg eine Professur in Westdeutschland inne hatte. Als Quelle ist aufgeführt: Stauffer, Theologisches Lehramt, S. 14 f..)

“Die Mitglieder des Pfarrernotbundes stehen unbedingt zu dem Führer des Volkes Adolf Hitler. Sie schämen sich, daß sie durch kirchliche Gegner genötigt werden, diese Selbstverständlichkeit überhaupt auszusprechen.”
Erklärung des Pfarrernotbundes, 13.11.1933; zitiert

“Wir stehen mit dem Reichskirchenausschuß hinter dem Führer im Lebenskampf des deutschen Volkes gegen den Bolschewismus … Wir werden unsere Gemeinden unermüdlich aufrufen zum vollen Einsatz der christlichen Kräfte in diesem Kampf in der Gewißheit, daß damit dem deutschen Volk der wertvollste Dienst geleistet wird.”
Die evangelischen Landesbischöfe, 20.11.1936; zitiert

400 Jahre nach Luther zur Jahreswende 1944 erinnert der Präsident und spätere Landesbischof der Thüringer Evangelischen Kirche, Hugo Rönck, an eine Aussage Luthers und versucht damit die kriegsmüde Bevölkerung noch einmal zu motivieren: “Über Jahrhunderte hinweg mahnt uns das Vermächtnis Martin Luthers: «Solche wunderliche Zeiten sind jetzt, dass ein Volk den Himmel eher mit Blutvergießen gewinnen kann, denn anders sonst mit Beten»… Heil Hitler.”
zitiert

“Adolf Hitler ist für unsere lutherische Frömmigkeit wahrhaft der Führer von Gottes Gnaden. Sein Auftrag ist unmittelbar von Gott, und sein Befehl ist Gottes Befehl!”
Thüringer Evangelische Kirche, zitiert

“Der GVR der DEK [der geistliche Vertrauensrat der Deutschen Evangelischen Kirchen], erstmalig seit Beginn des Entscheidungskampfes im Osten versammelt, versichert Ihnen, mein Führer, in diesen  hinreißend bewegten Stunden aufs neue die unwandelbare Treue und Einsatzbereitschaft der gesamten evangelischen Christenheit des Reiches. Sie haben, mein Führer, die bolschewistische Gefahr im   eigenen Land gebannt und rufen nun unser Volk und die Völker Europas zum entscheidenden Waffengange gegen den Todfeind aller Ordnung und aller abendländisch-christlichen Kultur auf. Das deutsche Volk und mit ihm alle seine christlichen Glieder danken Ihnen für diese Ihre Tat. […] Die DEK gedenkt in dieser Stunde der baltischen evangelischen Märtyrer vom Jahre 1918, sie gedenkt des  namenlosen Leids, das der Bolschewismus, wie er es den Völkern seines Machtbereichs zugefügt hat, so allen anderen Nationen bereiten wollte, und sie ist mit allen ihren Gebeten bei Ihnen und bei  unseren unvergleichlichen Soldaten, die nun mit so gewaltigen Schlägen daran gehen, den Pestherd zu beseitigen, damit in ganz Europa unter lhrer Führung eine neue Ordnung erstehe und aller inneren  Zersetzung, aller Beschmutzung des Heiligsten, aller Schändung der Gewissensfreiheit ein Ende gemacht werde.”
Telegramms vom 30. Juli 1941, mit dem der Mitbegründer der Bekennenden Kirche und Vorsitzende des Geistlichen Vertrauensrates der Deutschen Evangelischen Kirchen, Bischof August Marahrens, Adolf Hitler zum Überfall auf die Sowjetunion beglückwünschte. Quelle: Evangelisches Zentralarchiv l11662 Blatt 211,212; zitiert nach Karsten Krampitz, “Jedermann sei untertan”- Deutscher Protestantismus im 20. Jahrhundert, Alibri Verlag, Erste Auflage 2017

“Es muß nicht nur auf den Koppelschlössern der Soldaten, sondern in Herz und Gewissen stehen: Mit Gott! Nur im Namen Gottes kann man dies Opfer legitimieren.”
Hanns Lilje, der spätere Landesbischof und stellvertretende Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche Deutschlands, in seiner Schrift “Der Krieg als geistige Leistung” (1941);
zitiert nach Karlheinz Deschner, Kriminalgeschichte des Christentums – Band 1, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Februar 1996, Seite 483 (Lilje war 1933-1936 Herausgeber der „Jungen Kirche”, des zentralen Publikationsorgans der Bekennenden Kirche. Hanns Lilje war elffacher Ehrendoktor. 1954 erhielt er das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband des Bundesverdienstkreuzes, 1957 die Niedersächsische Landesmedaille und das Großkreuz des Bundesverdienstkreuzes. (Wikipedia u.a.))

Hitlers Russlandüberfall gab der ganze deutsche Episkopat als den »heiligen Willen Gottes« aus. Und gleichzeitig rief der protestantische Bischof Lilje: »Mit Gott! Nur im Namen Gottes kann man diese Opfer legitimieren.«
Karlheinz Deschner, ‘Opus diaboli’, Neuauflage 2016 im Alibri-Verlag, S. 109

Der  katholische  Bischof  von  Eichstätt, Michael  Rackl, begrüßte  den  Russlandfeldzug als einen „Kreuzzug, einen heiligen Krieg  für  Heimat  und  Volk, für  Glauben und  Kirche, für  Christus  und  sein  hochheiliges Kreuz“.

“[…] Es fällt deswegen uns Katholiken auch keineswegs schwer, die neue starke Betonung der Autorität im deutschen Staatswesen zu würdigen und uns mit jener Bereitschaft ihr zu unterwerfen, die sich nicht nur als eine natürliche Tugend, sondern wiederum als eine übernatürliche kennzeichnet, weil wir in jeder menschlichen Obrigkeit einen Abglanz der göttlichen Herrschaft und eine Teilnahme an der ewigen Autorität Gottes erblicken (Röm. 13, 1 ff.) […]”
Hirtenbrief der deutschen katholischen Bischöfe vom Juni 1933; zitiert nach Karlheinz Deschner, ‘Abermals krähte der Hahn’, Neuauflage 2015 im Alibri-Verlag, S. 693

“Gott ist mein Zeuge, dass ich mit heißem Herzen dem Kampf der deutschen Heere gegen den gottlosen Kommunismus vollen Erfolg wünsche und täglich im Gebet von Gott, dem Lenker der Schlachten, erflehe.”
Papst Pius XII. am 2. Juni 1940 vor dem Kardinalskollegium; zitiert.

Zitate von Militärgeistlichen im zweiten Weltkrieg:

Alle nachfolgenden Texte stammen aus Karlheinz Deschners Buch “Die Politik der Päpste im 20. Jahrhundert”. Es werden ganze Passagen aus diesem Buch wiedergegeben, in denen Deschner die Zitate von Geistlichen eingebaut hat.

Auf der anderen Seite wieder „feiern wir als christgläubige deutsche Soldaten schon das zweite Osterfest auf russischem Boden“. „Und das ist der Sieg, über alle Gewalt der Finsternis.“ „Gott hat dem deutschen Volk in diesem Krieg eine höchste Sendung gegeben. Neuordnung Europas. Dieser Neubau stehe im Zeichen Christi. Bolschewismus bedeutet Europa ohne Gott, ohne und gegen Christus. Die Front der jungen Völker unter Führung Deutschlands will ein Europa mit Gott, mit Christus.“ „Für diesen Kampf ist es wert, das Beste, alles einzusetzen, um die christlichen deutsche Werte unseres Volkes zu erhalten.“
Band 2, Seite 67, angegebene Quelle: Missalla, Für Volk und Vaterland

„Die Kraft zu den hervorragenden, ja manchmal einzigartigen Leistungen und Heldentaten schöpften unsere Brüder, wie wir alle aus den unversiegbaren Quellen unserer hl. Religion. Unser Christentum ist ja die Religion des höchsten Heldentums, weil es die Religion des Opfers ist …“. „Wir werden unsere Soldatenpflicht gewissenhaft und treu bis zum letzten erfüllen … Heldenhaft und stark werden wir tragen, was an Opfern gefordert wird. Uns ist Opfer und Tod fürs Vaterland ein Opfern und Sterben für ewige Werte, für die ewige Aufgabe, die Gott jedem Volke in seinem ewigen Reich zugeteilt hat. …“    
Band 2, Seite 67, angegebene Quelle: Missalla, Für Volk und Vaterland

„Wie viele Soldaten gehen auf dem Schlachtfeld in ihrem Blute lächelnd ein in die Ewigkeit … Diese Verklärung liegt als schönster und unverwelklicher Kranz auf dem einsamen Grab des Gefallenen“; es ist das „Hereinbrechen der ewigen Verklärung“.
Band 2, Seite 68, angegebene Quelle: Missalla, Für Volk und Vaterland

„Wir alle, die wir den schwarzen Rock des Theologen vertauscht haben mit dem Soldatenkleid, wir sind ja so froh, dass auch wir dabei sein dürfen. Mehr als manches Studiensemester macht uns diese Zeit reif und weit …“. „Das ist das Großartige, dass wir jetzt Kamerad unter Kameraden sind, denen wir täglich und stündlich Modell stehen müssen für ihr geistiges Bild unserer Kirche und ihrer Priester“.
Band 2, Seite 70, angegebene Quelle: Missalla, Für Volk und Vaterland

Schließlich musste jeder den „heiligen Eid“ leisten, der auch im Katholischen Feldgesangbuch stand: „Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid, dass ich dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler, dem Oberbefehlshaber der Wehrmacht, bedingungslos gehorchen werde und dass ich als tapferer Soldat bereit bin, jederzeit mein Leben für diesen Eid zu wagen“.   
Band 2, Seite 71, angegebene Quelle: Katholisches Feldgesangbuch, Berlin 1939

„Du sollst vor Gott treten und auf die Fahne deinem Führer Treue schwören. Bist du dir klar, was es heißt, vor dem Angesicht des allmächtigen Gottes zu stehen? Weißt du, was dieser Schwur für dich im Frieden und im Kriege bedeutet? Große Stunden fordern innerer Bereitung!“
Band 2, Seite 72, angegebene Quelle: H. Bethke, Dokumente zur Eidesdiskussion                                                     

Weitere Informationen:

„Wenn aber Christus, der gesagt hat: »Du sollst nicht töten!«,
an seinem Kreuz sehen muss, wie sich die Felder blutig röten;
wenn die Pfaffen Kanonen und Flugzeuge segnen und in den Feldgottesdiensten beten, dass es Blut möge regnen;
und wenn die Vertreter Gottes auf Erden Soldaten-Hämmel treiben, auf dass sie geschlachtet werden;
und wenn die Glocken läuten: »Mord!« und die Choräle hallen:
»Mord! Ihr sollt eure Feinde niederknallen!«
Und wenn jemand so verrät den Gottessohn –:
Das ist keine Schande. Das ist Religion.“
Kurt Tucholsky (1890 – 1935)

„Tretet aus der Kirche aus. Tretet aus der Kirche aus. Tretet aus der Kirche aus. Wir sind aus der Kirche ausgetreten, weil wir es nicht länger mit ansehen konnten.“
Kurt Tucholsky (1890 – 1935)


6. Leserbrief

Sehr geehrter Herr Riegel,

“Doch diese Milderung ist eine Illusion. Durch diese Irreführung als soziale Pseudo-Puffer helfen die Kirchen aktiv beim Abbau des Sozialstaats, obwohl sie sich doch verbal hin und wieder dagegen aussprechen.”

Dieser Logik muss man sicher nicht folgen: Also sind soziale Parteien wie die SPD oder die Linken auch nur ein Pseudo-Puffer, der die Auswirkungen des Kapitalismus abmildert, und damit den Weg zu einer wirklichen Lösung (besitzlose Gesellschaft, Kommunismus, Anarchie? ) versperrt. Für meine Begriffe ist das totalitäres Denken.

Ausserdem verkennen Sie in wievielen Stellen, die Kirche positiv wirkt, z.B. gerade in der Kinder- und Jugendarbeit. Sie fördert die Begegnung von Menschen, und bietet damit auch außerhalb von Sportvereinen Gelegenheiten für Alte, Behinderte, Einsame und Asylbewerber mit anderen in Kontakt zu kommen. Nicht zuletzt werfen Sie katholische und Evangelische Kirche in einen Topf, obwohl die Bedingungen sehr unterschiedlich sind (Zölibat ). Sie vergessen auch, dass sich die parallelen Strukturen der Kirche zu denen des Staats positiv auf die Meinungsvielfalt auswirken und nicht zuletzt Opposition ermöglichen, wenn sich der Staat in die falsche Richtung entwickelt (Stichwort: Kirche im 3. Reich, friedliche Revolution in der DDR ). Parallelstrukturen sind Teil des Pluralismus.

VG
Rolf Gerdes


7. Leserbrief

Liebe Nachdenkseiten-Redaktion,
 
ich bin wirklich entsetzt, dass sich jetzt auch die Nachdenkseiten einem so undifferenzierten “Kirchenbashing” anschließen.
 
Wenn sich also kirchliche Gruppen (wie bei uns in Münster) mit sehr viel ehrenamtlichem Engagement um die Schwächsten in der Gesellschaft kümmern und denen helfen, dann helfen sie damit beim Abbau des Sozialstaats? So ein Unsinn! Dann helfen vermutlich auch die Ärzte ohne Grenzen bei der Ausbeutung der Dritten Welt und die Seenotretter im Mittelmeer bei der Abschottung gegen Flüchtlinge?
 
Es gibt an den Kirchen vieles zu kritisieren. Man kann sich auch mit Recht fragen, ob bestimmte Privilegien heute noch gerechtfertigt sein können. Aber wenn hier von einem ganz offensichtlichen Kirchenhasser, der die Kirchen allen Ernstes für ein neoliberales Verbrechersyndikat hält, in dem höchstens “individuelle Gläubige” aus den besten Beweggründen mal etwas (aber “nur scheinbar”!) Sinnvolles tun, dazu aufgerufen wird, den fürchterlichen Missbrauchsskandal zu instrumentalisieren, dann bin ich wirklich wütend. Ich hoffe sehr auf eine Entschuldigung der Redaktion.
 
Mit freundlichen Grüßen
Lars Brennicke


8. Leserbrief

Guten Tag, Herr Riegel,

als mündiger Staatbürger lese ich die Nachdenkseiten gerne, weil sie zum Nachdenken anregt. Einen Beitrag mit ausschließlich billiger Polemik und Hetze gegen Andersdenkende zu finden, hätte ich bei den Nachdenkseiten allerdings nicht erwartet.

Aber zum Thema:

Fest steht, dass von den Eltern vernachlässigte Kinder besonders anfällig sind gegenüber Menschen, die es verstehen, das kindliche Bedürfnis nach Nähe und Anerkennen als Köder für ihre sexuellen Perversitäten zu benutzen. Als nachdenkender Mensch ist mir bewusst, dass bei im Schnitt 50-55 Fällen pro Jahr in der Kirche seit 1946 die Anzahl der Fälle in der Gesamtbevölkerung um ein mehrfaches größer ist.

Zahlen relativiert oder beschönigen keine Taten- aber sie verdeutlicht die verlogene Scheinheiligkeit all derer, die – statt gegen sexuelle Übergrifflichkeiten im allgemeine zu agieren- sich in Wirklichkeit an der Kirche abarbeiten wollen.

Sie selbst verhehlen ihre Abneigung gegen die Kirche nicht. Und sie verhehlen auch nicht ihre Intension. Aber ihre billige Polemik läst mich zu deren Anwalt werden. Das, was sie mit ihrem Artikel da anleiern wollen, ist unwürdig, auf den Nachdenkseiten stehen zu bleiben.

Erwin Betz


9. Leserbrief

Sehr geehrte Macher der Nachdenkseiten,

als linker Christ (ja, auch das soll es geben – siehe den Ministerpräsidenten von Thüringen) hat mich der Beitrag „Eine schrecklich schweigsame Familie: Die Kirchen sollten jetzt massiv zurückgedrängt werden“ von Tobias Riegel einigermaßen befremdet. Und zwar nicht etwa, weil ich gut finden würde, wie die Kirche(n) mit dem Problem Missbrauch durch einige Amtsträger umgeht (umgehen), sondern wegen der Schlussfolgerungen des Autors.

Zuvor: Ich denke, wir sind uns einig, dass der Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch wen auch immer gesetzlich geahndet und hart bestraft werden muss. Und ich glaube auch, dass der Staat bzw. seine Justizorgane in dieser Hinsicht den Kirchen zu viel durchgehen lassen. Offensichtlich gibt es Kräfte in Staat und Gesellschaft, die diese schrecklichen Verfehlungen gerne kleinhalten bzw. unter den Teppich kehren wollen. Denen sollte man in Gottes Namen ruhig mal auf die Finger klopfen!

Dass man aber endlich mal Staat und Kirche sauber trennt, kann ich nur unterstützen! Kreuze haben weder in Klassenzimmern, noch in Amtsstuben etwas zu suchen, und Religionsunterricht gehört in die Kirchen und nicht in die Schulen. Aber sonst …? Ich freue mich, dass ich morgens im öffentlich-rechtlichen Radio eine mehr oder weniger gute Morgenandacht oder Sonntags einen Gottesdienst anhören kann, was ich Freitags oder Samstags gerne auch meinen jüdischen und islamischen Mitbürgern zugestehen würde. Gut finde ich überdies, dass man die eine oder andere kulturhistorisch wertvolle Kirche auch mit öffentlichen Geldern saniert hat. Außerdem bin ich froh, dass es auch Krankenhäuser und Kindergärten in kirchlicher Trägerschaft gibt. Ich bin Ostdeutscher aus Dresden, und es ging zu DDR-Zeiten das Gerücht um, dass sich sogar einige Parteifunktionäre der SED lieber in kirchlichen Krankenhäusern behandeln ließen, als dem staatlichen Gesundheitswesen zu vertrauen …

Was mir als Ossi und Demokrat sauer aufstößt, sind einige Sätze des Autors, die ich so nicht unwidersprochen stehen lassen möchte. Er schreibt unter anderem: „Die Gelegenheit ist aktuell günstig und sie kommt nicht alle Tage: Das Empörungspotenzial der Missbrauchs-Untersuchung sollte politisch über das Thema hinaus genutzt werden: um die Institution katholische Kirche allgemein (auch politisch) zurückzudrängen und auf ihren Platz im Privatleben zu verweisen.“ Wissen Sie, was das ist? – Das ist der Populismus, der den Rechtsstaat bedroht. Und dabei ist es erst einmal egal, ob er von rechts oder links kommt. Wir Christen, ganz gleich, was Herr Riedel persönlich von uns hält, sind Teil dieser Gesellschaft und wollen auch entsprechend wahrgenommen und einbezogen werden. Ich wünsche mir ernsthaft, dass wir die Kirche einfach im Dorfe lassen. Auch und gerade als „Linke“ (was immer das auch sein mag)! Denn im Namen (angeblich) linker Idee wurden schon einmal in verschiedenen „sozialistischen“ Ländern Kirchen und ihre Repräsentanten verfolgt oder gedemütigt. Von wegen „Opium fürs Volk“ usw. Diesen Fehler sollte eine linke Bewegung nicht noch einmal machen. Unser Religionsstifter, um das hier noch einmal ins Bewusstsein zu rufen, war kein Geldsack oder Herrscher über andere, sondern der Sohn einfacher Leute. Deshalb haben urchristliche Vorstellungen durchaus auch etwas mit marxistischen Ideen zu tun. Vielleicht werden das die Leitungsgremien der Amtskirchen etwas anders sehen; ich jedenfalls leite daraus meine linke Einstellung ab.

Mit freundlichen Grüßen
Ihr Rainer Baumgärtel


10. Leserbriefe

Sehr geehrter Herr Riegel, sehr geehrte Redaktion,

mit großem Interesse habe ich oben genannten Beitrag gelesen. Herzlichen Dank dafür. Auch Ihrer Forderung nach Zurückdrängung der Religion in den Bereich des Privaten kann ich nur zustimmen. Angesichts derzeitiger gesellschaftlicher Entwicklungen ist es dringend nötig, mit anderen ins Gespräch zu kommen.

Es scheint an der Zeit für einen „Offenen Brief an die Abgeordneten von Bund und Ländern“. Wenngleich wir uns im 21. Jahrhundert wähnen, einigermaßen auf- und abgeklärt, geht doch ein Gespenst um. Ein Gespenst aus alter Zeit, sehr alter Zeit, ein Wüstenmärchen, genannt Religion. Und diese Religion, nicht allein die christliche, sucht vermehrten Einfluß zu erlangen. Diese Religionen gebärden sich zunehmend konservativer, fundamentalistischer, aggressiver,missionierender. Willfährige (C-)Politiker stehen zu Diensten, die bayerischen im besonderen Maße. Nicht zuletzt das Kreuz, mithin ein Folterinstrument, soll Zeichen europäischer Kultur sein. Ich denke, die „europäische Kultur“ hat keinen Grund, auf dieses Symbol, wie überhaupt auf Religion, stolz zu sein. Wissenschaft, Kultur, Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung, Menschenrechte … sind den Kirchen und religiösen Vorstellungen abgerungen, gegen sie durchgesetzt.

100 Jahre der politischen Unfähigkeit ein Verfassungsgebot umzusetzen, nämlich das, der konsequenten Trennung von Staat und Kirche, scheinen genug. Millionen um Millionen Steuergelder für archaische und blutgetünchte Hirtenphantasien zu verschwenden, damit eine zweite Macht im Staat (Körperschaft öffentlichen Rechts) zu hofieren, zu befördern, erscheint – nicht nur mir – unzeitgemäß. Sich obendrein in eine multireligiöse Ecke zu verkriechen, Toleranz und Entgegenkommen den Intoleranten zu erweisen, erscheint ebenso unangebracht. (Das liebende Gesicht des Islam zeigte sich Europa ja nun auch deutlichst.)

Es ist somit höchste Zeit, unsere Volksvertreter, hinsichtlich ihrer Rolle in einer demokratisch-aufgeklärten Gesellschaft, zu befragen. Ich würde mich freuen, wenn mein Text als Ergänzung zu Ihrem Beitrag Aufnahme finden könnte.

Mit freundlichen Grüßen verbleibend
Ralf Rosmiarek


11. Leserbrief

Guten Tag,

leider gehen sie hier dem libertär-liberalen Zeitgeist auf den Leim!!

Da die Linie von Papst Franziskus streng antikapitalistisch und ökologisch ist,wird medial aufgerüstet!!

Die skandalösen Missbrauchsfälle sind die Spitze des Eisbergs der Gesamtentwicklung ,welche Ihren Höhepunkt in den gleichen Jahren hatte ,in welcher diese über 3000 Missbrauchsfälle stattgefunden haben,in allen Institutionen!!!

Die Missbrauchsfälle intrafamiliär und im stattlichen Erziehungsbereich waren und sind viel höher!

Somit ist die Schlussfolgerung abwegig ,man kann für Trennung von Staat und Kirche sein,aber nicht aus diesem Grunde.

Persönlich kann Ich ,welcher in einem linkskatholischen Milieu aufgewachsen bin ,durchaus zwischen den Vor -und Nachteilen dieser Trennung abwägen,aber der Werteverlust unseres Gemeinwesens wäre vor allem wegen dieses Papstes noch viel größer!

Dieter Scheuer

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