Nachlese zur Fastenpredigt: Das Verbot des Nazivergleichs schützt die neuen Faschisten.

Albrecht Müller
Ein Artikel von:

Die Übernahme des Bildes vom Konzentrationslager durch den Fastenprediger Barnabas beim Starkbieranstrich 2010 auf dem Münchner Nockherberg zur Kennzeichnung der Reden und Absichten von Westerwelle hat die übliche Reaktion ausgelöst: So etwas tut man nicht. Man darf weder die heutige Agitation mit Goebbels noch den Umgang unserer so genannten Eliten mit der Unterschicht mit den Verbrechen der Faschisten und Nazis vergleichen. De facto schützt dieses Verbot genau diese schrecklichen Methoden und führt nebenbei zur Zensur der Kritik. Ich plädiere dafür, dieses Verbot künftig zu missachten. Albrecht Müller

Zunächst zur Fastenpredigt:

Wir hatten in den heutigen Hinweisen schon darauf aufmerksam gemacht. Der Bayerische Rundfunk hat in einer Wiederholung der Ausstrahlung den Stein des Anstoßes herausgeschnitten. Es gibt aber die gesamte Sendung noch im Netz. Hier ist der Link noch einmal …
Dort von Minute 23:28 bis Minute 24:06 ist die von Politikern und Medien und der ehemaligen Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Deutschland, Knobloch, kritisierte Stelle anzuschauen und anzuhören.
Dieser Teil der Predigt ist wie andere Passagen hart, aber keinesfalls jenseits des Erlaubten. Die Predigt ist insgesamt hoch politisch, geistreich und witzig. Dass die Münchener Gesellschaft, die politische und Wirtschaftsprominenz einschließlich der Paulaner Brauerei den Fastenprediger Michael Lerchenberg los haben wollten, ist durchaus zu verstehen. Liberalität und Toleranz haben dort ihre Grenze, wo die Wahrheit etwas tiefer angesetzt gesagt wird und nicht nur darüber hinweggespottet wird.
Für den Fall, dass der Bayerische Rundfunk den oben erwähnten Link noch beseitigt, hier noch ein Link zu Youtube mit der entsprechenden Passage ab Minute 2:40.

Die heutigen Machenschaften der Oberschicht muss man mit den Nazimethoden vergleichen dürfen
Dies aus verschiedenen Gründen:

Erstens ist die heute gängige Propaganda in weiten Bereichen ähnlich gemein, Menschen verachtend, umfassend und zerstörerisch wie zu Goebbels Zeiten. Die Agitation gegen Andrea Ypsilanti bei Bild und Spiegel zum Beispiel (die wir ausführlich beschrieben haben) und der Umgang mit einzelnen HartzIV-Empfängern und den Schwachen insgesamt, ihre Bloßstellung und penetrante Diffamierung unterscheidet sich nicht grundsätzlich von der diffamierenden Propaganda der Nazis. Volksverhetzung wird üblich.
Gerade jüdische Mitbürger sollten doch erkennen, dass auch hier wie in der Propaganda der Vergangenheit Schuldige gesucht werden, um von der eigenen Unfähigkeit abzulenken.
Zur zerstörerischen Wirkung: Die fälschende Propaganda gegen die gesetzliche Rente und für die Privatvorsorge z.B. hat eine nachhaltig zerstörende Wirkung. Und Propaganda mit gefälschten Belegen dient auch heute der Vorbereitung von kriegerischen Interventionen.
Die Dimension bei allen diesen Vorgängen mag mehrere Stufe unter der Dimension von Propaganda und Zerstörung durch die Faschisten und Nazis liegen. Aber wer garantiert uns, dass die Stufe von Propaganda und Zerstörung nicht gesteigert wird und ein verheerenderes Niveau erreichen kann?
Wehret den Anfängen. Das ist heute keine gefällige Redensart sondern notwendige Vorsicht. Und die jüdische Gemeinde tut uns und sich keinen Gefallen, wenn sie solche Vergleiche wie jenen von Barnabas auf dem Nockherberg mit Hinweis auf die Einzigartigkeit des Holocaust kritisiert.

Zweitens trägt der Umgang der herrschenden Kreise mit den Schwachen und den unteren Schichten insgesamt deutlich Züge faschistischer Herablassung und Aggression. Auch rassistische Züge.

Die verteilten Etiketten wie „Abzocker“ und „anstrengungsloser Wohlstand“ zeigen einen nicht akzeptablen Hang zur Herablassung. Das leisten sich bei uns Personen, die erkennbar und nachweisbar politisch korrupt sind, die demokratische Willensbildung durch ein LobbySystem ersetzen und damit die Demokratie insgesamt zum Gespött machen. Westerwelle betreibt dieses Geschäft gegen besseres Wissen. Dazu hatten wir heute in den Hinweisen auf einen Beitrag in der Süddeutschen Zeitung aufmerksam gemacht.

Es ist deutlich erkennbar, dass die heute meinungsführenden Kräfte im Kern gar nicht zur Gleichwertigkeit der Menschen stehen und eine Aufteilung in oben und unten für selbstverständlich halten. Die Spaltung unserer Gesellschaft wird nicht bedauert sondern gefördert.

Auf die rassistischen Züge in der jetzigen Debatte hatten wir schon am Beispiel des Bundesbankdirektors Sarrazin verwiesen. Siehe hier:

Gutachten: Sind die Äußerungen von Thilo Sarrazin als rassistisch zu bewerten?
Die Fülle an Vorurteilen und Ressentiments, wie etwa latent antisemitische Zuschreibungen (in „positiver Wendung, Ressentiments gegen sozial Schwache sowie gegen Muslime, in Verbindung mit einem eher respektlosen Blick auf Frauen, der massiven Einforderung von Etabliertenvorrechten sowie weiteren unspezifischen bzw.nicht dem GMF-Syndrom zugehörigen Ressentiments erhöht die Plausibilität des Befunds, da Rassismus entsprechend den Forschungsergebnissen der GMF Surveys häufig in typischer Verbindung mit anderen gruppenbezogenen Vorbehalten auftritt.
Quelle: Gideon Botsch, Gutachten im Auftrg des SPD-Kreisverbandes Spandau [PDF – 292 KB]

Und hier:

Gutachten zu Sarrazin: Eindeutig rassistisch
Quelle: SZ

Das System der Nazis war nicht nur in einer Menschen verachtenden Ideologie begründet. Es war auch ein System der verbundenen wirtschaftlichen Interessen. Die Nazis holten ihre Stärke auch daraus, dass sie ihre Anhänger wirtschaftlich versorgten und bedienten und dazu auch den Staat ausbeuteten. Die Parallelen zu dieser wirtschaftlichen Interessiertheit und gegenseitigen Verknüpfung der Herrschenden sind nicht zu übersehen. Auch das müsste zu denken geben und die schon bisher übliche Zurückweisung des Vergleichs gegenstandslos machen.

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