Lieber dazugehören, als aufgeklärt sein

Anette Sorg
Ein Artikel von Anette Sorg | Verantwortlicher:

In vielen kritischen Analysen zum Zeitgeschehen und zur Meinungsbildung wird Sprache als Manipulations-Instrument dargestellt. Dazu wird sie leider auch häufig genutzt. Hier und hier und an vielen weiteren Stellen haben die NachDenkSeiten sich damit beschäftigt. Sprache hat aber auch noch andere wichtige Funktionen. Das wurde mir bewusst, als ich darüber nachdachte, warum wir mit unserer Aufklärung nicht wirklich vorwärtskommen und das Gefühl haben, auf der Stelle zu treten. Sprache schafft Identität in und für Gruppen, dient sozusagen als deren Klebstoff. Anette Sorg.

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Das Miteinander-Sprechen hat also nicht nur die Funktion, Informationen zu übermitteln. Es ist darüber hinaus eine Form des sozialen Handelns und Verhaltens. Friedemann Schulz von Thun, ein bekannter Kommunikationswissenschaftler, hat die vier Ebenen der Kommunikation anschaulich mit dem 4-Ohren-Modell beschrieben.

In der Alltagssprache verwenden wir alle – je nachdem, in welcher Gruppe wir uns gerade befinden – eine bestimmte Art der Kommunikation, manchmal mehr als das: wir nutzen bestimmte Codes. Auszubildende in einem Betrieb sprechen untereinander anders als sie mit ihren Vorgesetzten und Ausbildern sprechen; mit ihren Kumpels im Sportverein unterhalten sie sich anders, als mit ihrem Hausarzt. Eine Verkäuferin spricht mit ihren Kunden anders als mit ihren Kindern. Unzählige Bücher und fast ebenso viele Comedians befassen sich auf mehr oder weniger humorvolle Weise mit den Unterschieden zwischen Frauensprache und Männersprache. Unsere regionalen Dialekte sind im Berufsalltag nicht angebracht, im privaten Kontext nutzen wir sie häufiger. Die Sprache von Experten untereinander verstehen die jeweiligen Nicht-Experten nur in Ansätzen. IT-Spezialisten, Mitarbeiter eines Forschungslabors, Manager, Behördenmitarbeiter: alle jonglieren mit vertrauten Begriffen und Abkürzungen, die andere von der Kommunikation weitestgehend ausschließen, die Kommunikation untereinander allerdings erleichtern. Darüber hinaus ist diese Gruppensprache geeignet, eine Zugehörigkeit, eine Verbindung darzustellen, die nicht explizit erwähnt werden muss. Sie wird durch die gemeinsame Sprache manifestiert.

Sprache schafft eine Gruppenidentität.

Dieser kurze theoretische Abriss erhebt keinerlei wissenschaftlichen Anspruch. Er ist jedoch hoffentlich hilfreich, wenn ich Sie auf folgende Beobachtungen und Erlebnisse hinweise:

Immer wieder höre ich in unterschiedlichen Kontexten von unterschiedlichen Personen dieselben Begriffe. Ich nenne sie Signalwörter. Gelegentlich werden sie nur ganz nebenbei eingeworfen und widersprechen manchmal sogar der eigentlichen Botschaft: Da wurde lange von „Fassbomben, die auf die eigenen Kinder abgeworfen werden“ gesprochen, da wird Putin wiederholt als „homophober Autokrat“ bezeichnet, gewählte Präsidenten werden mit „Machthaber“ tituliert und der Begriff „Populismus“ wird ausschließlich und inflationär für Parteien rechts und links der CDU/SPD/Grüne/FDP benutzt.

Möglich, dass manche Menschen einfach nur – ohne nachzudenken – wiedergeben, was sie immer wieder gehört und gelesen haben. Meine ernüchternde Analyse lautet jedoch: Diese Menschen, egal ob sie dies im privaten Umfeld, im beruflichen oder im politischen Kontext äußern, tun dies nicht notwendigerweise, weil sie nicht ausreichend nachdenken oder weil sie damit andere beeinflussen möchten. ie tun es häufig, um zu signalisieren: „Ich gehöre dazu“ oder „Ich möchte dazugehören“ oder „Ihr, die ihr diese Begriffe auch verwendet, dürft euch meiner Zugehörigkeit, meiner Loyalität vergewissert fühlen.“

Man kann das auch nachvollziehen: Der US-amerikanische Psychologe Abraham Maslow (1908–1970) hat in seiner Bedürfnispyramide die sozialen Bedürfnisse (u.a. Beziehungen eingehen, eine soziale Rolle erfüllen, Liebe erfahren/geben) als Defizitbedürfnisse klassifiziert, also solche, die Zufriedenheit verhindern, solange sie nicht erfüllt sind.

Wir Menschen sind soziale Wesen und nur in Gemeinschaft überlebensfähig. Der Wunsch, Teil einer Gemeinschaft zu sein und sich dieser jederzeit vergewissern zu können, ist in unserer schnelllebigen und unsicheren Zeit sicher ein großes Bedürfnis.

Stellen Sie sich vor, Sie wären Mitglied einer Gruppe, in welcher die Mehrheit ihre Erkenntnisse aus den Leitmedien (ARD; ZDF; FAZ; Süddeutsche, Spiegel, TAZ und Frankfurter Rundschau) speist und Sie selbst sind seit geraumer Zeit Leser der Nachdenkseiten. Dann haben Sie vermutlich ein kleines Problem. Die weitgehend homogene Gruppe verhindert zwar sicher nicht, dass diskutiert wird, aber die Diskussionen werden sich innerhalb eines engen Korridors bewegen, die Wortwahl wird ähnlich sein, auch beeinflusst von den genannten Medien. Wenn Sie nun mit kritischen Anmerkungen kommen und z.B. erklären, dass die „syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte“ ein Ein-Mann-Unternehmen ist und keinesfalls ein neutraler Berichterstatter, werden Sie mindestens auf große Augen und Unverständnis, eventuell sogar auf die Aussage: „aber trotzdem…“ stoßen.

Wenn Sie solche kritischen Anmerkungen allerdings öfter von sich geben, wird man Ihnen signalisieren, dass Sie nicht (mehr) zur Gruppe passen oder Sie bekommen selbst das Gefühl, ein „Geisterfahrer“ zu sein. Die Konsequenz wäre, die Gruppe zu verlassen. Es gibt Menschen, die sind stark genug, so zu reagieren. Manche haben nicht die Kraft dazu. Sie bleiben und verhalten sich ab sofort „gruppenkonform“. Man muss es nicht verstehen, man darf es aber auch nicht verurteilen.

Es gibt wenige Menschen, die materiell so unabhängig sind, dass sie sich eine Fundamentalkritik gegenüber ihren Arbeitgebern (Medien, Politik, Gewerkschaft, aber auch andere mächtige Arbeitgeber) erlauben können. Hofnarren im Mittelalter wussten sehr genau, wie weit sie ihre humorvoll verpackte Kritik treiben konnten, ohne bei den Herrschenden in Ungnade zu fallen. Vermutlich wissen die heutigen „Hofnarren“, die auf Auftritte im öffentlich-rechtlichen Fernsehen angewiesen sind, das auch sehr genau und versichern jenen, von denen sie wirtschaftlich abhängig sind, durch das dezente Einstreuen gewisser Signalwörter, dass keine echte „Gefahr“ von ihnen ausgeht. Das Gegenteil ist der Fall: durch die geduldete Kritik bleibt die Macht tatsächlich unangetastet. Die tolerierte Kritik dient als Feigenblatt.

All die beschriebenen Zwänge, die materiellen wie die psychologischen, müssen wir beachten, wenn wir versuchen aufzuklären. Manche möchten lieber nicht aufgeklärt werden, weil sie sich dann neu sortieren müssten, Entscheidungen treffen müssten, ihr Leben ändern müssten, Freunde aufgeben müssten, die Komfortzone verlassen müssten.

Die Welt der Aufklärer und Aufgeklärten ist häufig eine andere. Eine freiere. Manche haben vielleicht den Luxus, finanziell unabhängig zu sein, manche tun sich leicht(er), sich umzuorientieren, manche sind stark genug, Anfeindungen (mindestens zeitweise) auszuhalten.

Ein häufig zitiertes indianisches Sprichwort sagt: „Urteile nie über einen Menschen, ehe du nicht 1000 Schritte in seinen Mokassins gelaufen bist“.

Vielleicht hilft es beim Aufklären, wenn wir ohne Verbissenheit, ohne Verurteilungen unterwegs sein können. Vielleicht hilft es den Aufzuklärenden, wenn wir ihnen mit Verständnis begegnen, nicht mit Herablassung. Vielleicht öffnet es Türen, die verschlossen scheinen. Vielleicht.

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