Die „taz“ gegen die Alten: Junge Menschen sind gleicher als die anderen
Die „taz“ gegen die Alten: Junge Menschen sind gleicher als die anderen

Die „taz“ gegen die Alten: Junge Menschen sind gleicher als die anderen

Ein Artikel von: Tobias Riegel

Den Entzug des Wahlrechts für ältere Bürger fordert ein infamer Text in der „taz“. Man könnte den Artikel ignorieren – doch er ist Zeichen einer bedenklichen Entwicklung, die über den Einzel-Beitrag hinausgeht. Von Tobias Riegel.

In der Demokratie sind alle Menschen gleich – aber „die jungen Menschen“ sind gleicher. Darum dürfen sie wählen gehen, während „den Alten“ das Wahlrecht entzogen werden sollte. Einen die Demokratie und das Prinzip der Gleichheit der Menschen verachtenden Text hat die Tageszeitung „taz“ veröffentlicht. Darin wird der Entzug des Wahlrechts für ältere Bürger gefordert. Dieses „Vorrecht“ der Jugend und die darauf beruhende anti-demokratische Forderung speist sich aus einer Überzeugung von einem eigenen moralischen und intellektuellen Vorsprung. Man könnte den Text als schrille und unbedeutende Einzelmeinung abtun – doch so einfach scheint es nicht zu sein.

Den Alten das Wahlrecht wegnehmen wie den Führerschein

In der Kolumne „Der rote Faden“ vom Wochenende schreibt die Redakteurin Johanna Roth unter dem Titel „Rentner, gebt das Wahlrecht ab!“:

„Führerscheine sollte man im Alter abgeben. Warum nicht auch das Wahlrecht? Ja, ich weiß – ein Menschenrecht. Aber es sollte doch auch für uns Junge ein Menschenrecht darauf geben, mindestens Ende siebzig zu werden wie der durchschnittliche Mensch in Europa heute, und das, ohne abwechselnd von Sturmfluten und Waldbränden heimgesucht zu werden.“

Roth fügt an:

„Liebe Mitwählende über 60, wir unter 30 hätten ja auch gerne was von diesem Wohlstand, nicht zuletzt weil wir schon jetzt ärmer sind, als unsere Elterngeneration es je war (…).“

Der Text ist keine schrille Nischen-Meinung

Der Text ist von A bis Z abzulehnen: Er beinhaltet keinen einzigen fortschrittlichen Gedanken, sondern ist durchdrungen von unbegründeter Arroganz und Demokratie-Feindlichkeit. Man könnte diese Kolumne darum einerseits mit der Missachtung strafen, die sie verdient. Andererseits ist der Text und seine Veröffentlichung aber keine Petitesse: Der Beitrag ist nicht auf einem persönlichen und abseitigen Blog erschienen. Dass diese Kolumne die Überprüfungs-Instanzen einer sich nicht als extremistisch einordnenden Zeitung passieren kann, ist sehr bedenklich. Das spricht dafür, dass die hier geäußerten Gedanken in der „taz“ keine schrille Nischen-Meinung einer isolierten Autorin darstellen, sondern sie sich anscheinend im Zeitgeist einer „linken“ Lifestyle-Zeitung spiegeln können. Das wiederum nährt den Verdacht, dass die in der Kolumne geäußerte Verachtung des Prinzips der Gleichheit in Teilen der Gesellschaft mehr (stille) Akzeptanz erfährt, als man annehmen könnte.

Ein Gradmesser für diese nur vermutete Akzeptanz kann nun die Reaktion der „taz“-Redaktion sein: Wird es wahrnehmbare Gegenreden zu dieser Kolumne geben? Traut sich einer von Johanna Roths Untergebenen, der Ressort-Leiterin öffentlich Kontra zu geben? Denn das kommt noch erschwerend hinzu: Die Verfasserin ist keine freischaffende Autorin, sondern Johanna Roth leitet bei der „taz“ derzeit das Ressort „Meinung+Diskussion“. Damit sind nun (mindestens) zwei wichtige Ressorts der „taz“ in umstrittenen Händen, denn die Auslands-Redaktion wird bereits von Dominic Johnson geleitet. Johnsons problematische Standpunkte nicht nur zum Komplex Krieg und Frieden haben die NachDenkSeiten bereits hier oder hier oder hier thematisiert.

Was sind schon Krieg und Frieden und das Soziale?

Doch Krieg und Frieden oder die soziale Frage sind nicht die Schwerpunkte, die Roth einfordert – in dieser Praxis deckt sie sich mit einem mächtigen, auf die Klimapolitik fixierten Zeitgeist, den die NachDenkSeiten gerade hier beschrieben haben. Auch für Roth ist das Klima anscheinend das alles bestimmende Thema. Dementsprechend ist die Zustimmung einer Altersgruppe zur grünen Partei Roths Gradmesser für den moralischen Entwicklungsstand jener Gruppe:

„Anderer Leben gefährden ist das eine. Das andere: anderer Zukunft gefährden. Am Sonntagabend, als die Europawahl-Hochrechnungen kamen, zeigte sich: Unter 60 wurde hierzulande mit Blick auf die Straße gewählt, über 60 mit Blick in den Rückspiegel. Die Zustimmung für die Grünen – die bei den unter 60-Jährigen vorne lagen und bei den Erstwähler*innen so viele Stimmen holten wie Union und SPD zusammen – sank antiproportional zum Alter der Wählenden. Bei der CDU verhielt es sich genau andersherum.“

Wahl der Grünen als moralischer Akt

Nur sehr halbherzig schränkt die Autorin ein: „Man kann gute Gründe haben, sie (die Grünen) nicht zu wählen.“ Aber welche? Da Roth diese Gründe nicht nennt, sei hier auf Oskar Lafontaine verwiesen, der den wahren Charakter der grünen Partei gerade auf den Punkt gebracht hat:

„Erstaunlich ist das starke Abschneiden der Partei ‚Die Grünen‘, da sie in den vergangenen Jahren für Waffenexporte in Spannungsgebiete, eine Beteiligung der Bundeswehr an den Rohstoff-Kriegen und eine Verstärkung der Konfrontation gegenüber Russland ebenso Verantwortung trug wie die Parteien der ‚großen Koalition’. Und beim Sozialabbau waren sie eifrig dabei. Darüber hinaus sind die Grünen dort, wo sie regiert haben oder regieren, mitverantwortlich für unter Umweltgesichtspunkten zweifelhafte Vorhaben wie das Großprojekt Stuttgart 21, den Ausbau des Frankfurter Flughafens, die Abholzung des Hambacher Forstes, oder die Elbvertiefung. Sie profitieren darüber hinaus als Befürworter der bestehenden Wirtschaftsordnung und damit der geltenden Besitz- und Herrschaftsstrukturen ebenso wie die übrigen Regierungsparteien von Spenden der Banken und Konzerne.“

Der Lauf der Welt ist gnadenlos: Wir werden alle älter

Die „taz“-Kolumne lenkt den Blick auch auf einfachste Tatbestände: Wir werden alle älter – in dieser Hinsicht ist die Konsequenz des Laufs der Welt gnadenlos. Denn eines Tages wird die Autorin ihre hier formulierte Botschaft gegen “die Alten“ von ihren eigenen Kindern zu hören bekommen. Doch bis dahin hat sie mutmaßlich Begründungen parat, warum die einst selber geforderte Demütigung der Alten auf sie als alte Frau nicht angewendet werden soll.

Roths Kolumne weist den Blick auch auf Charakteristika des aktuellen Jugend-Hypes, die kritisch und mit Distanz verfolgt werden müssen. So sympathisch vielen Menschen „Fridays for Future“ oder YouTuber wie Rezo sein mögen: Man sollte möglichst versuchen, zum in dieser Altersgruppe teils verbreiteten emotionalen Sog und zu ihrer teils schrecklichen moralischen Eindeutigkeit gebührende Distanz zu halten.

Wie man die Generationen gegeneinander aufhetzt

Roths Argumentationen münden in der Forderung: „Was wir brauchen, ist eine Epistokratie der Jugend: das Wahlalter herabsenken und nach oben begrenzen.“ Zugespitzt bedeute das, „Unschuldige vor einer in fundamentalen Fragen inkompetenten Wählerklientel zu schützen“, so Roth, die folgert: „Das kann man jetzt demokratiefeindlich finden, ich finde es nur vernünftig, sich darüber zumindest mal Gedanken zu machen.“

Ja: Man kann sich über alles Mögliche öffentlich Gedanken machen – auch als Verantwortung tragende Ressort-Chefin. Und auch über demokratie- und verfassungs-feindliche Thesen, die zu neuen gesellschaftlichen Spaltungen führen werden. Aber sonst hat die „taz“ für „extreme“ Gedankenspiele eigentlich einen anderen Namen parat: „Hasssprache“.

Titelbild: mrmohock / Shutterstock

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