Selbstinszenierung und Misstrauen
Selbstinszenierung und Misstrauen

Selbstinszenierung und Misstrauen

Emran Feroz
Ein Artikel von Emran Feroz | Verantwortlicher: Redaktion

Kurz vor dem Jahrestag der Anschläge des 11. Septembers hat Donald Trump die Friedensgespräche mit den Taliban via Twitter stillgelegt. Dieser Schritt war fatal und macht mehrere Tatsachen deutlich: Einerseits ging es Trump nicht um Frieden, sondern um Selbstinszenierung. Andererseits kann man Washington einfach nicht vertrauen, und zwar absolut zu Recht. Von Emran Feroz.

Nach neun Gesprächsrunden mit der politischen Delegation der Taliban im Golfemirat Katar waren sich viele Afghanistan-Beobachter einig: Der Friedensdeal steht vor der Tür, und er wird bald abgesegnet werden. Doch kurz darauf wurde abermals deutlich, wie unvorhersehbar die US-amerikanische Politik dank Donald Trump geworden ist. Via Twitter meldete sich der US-Präsident kurz vor der Absegnung des Friedensdeals zu Wort und blies jegliche Gespräche mit den afghanischen Aufständischen ab. Als Grund nannte er einen Taliban-Anschlag in Kabul, bei dem ein US-Soldat und „elf weitere Menschen“, wie Trump schrieb, getötet wurden.

Dass der genannte Grund als Vorwand diente, war klar. Immerhin ist es – leider – nichts Neues, dass während der Friedensverhandlungen weiter Krieg geführt und Menschen, darunter auch mehrere US-Soldaten, getötet werden – und zwar von allen Seiten. Wer in diesen Tagen etwa meint, auf die Gewalt der Extremisten aufmerksam machen zu müssen, sollte nicht vergessen, dass laut UN im ersten Halbjahr 2019 mehr Zivilisten am Hindukusch durch US-Militär, afghanische Armee und CIA-Milizen getötet wurden als von den Taliban. Auch die Anzahl von Luftangriffen und Drohnen-Operationen, die seit jeher hauptsächlich Zivilisten treffen, haben immens zugenommen. In diesem Kontext sollte abermals unterstrichen werden, dass betroffene Afghanen nicht nur einen Taliban-Anschlag in der Kabuler Innenstadt als Terrorismus wahrnehmen, sondern auch die konstante Bombardierung abgelegener Dörfer oder die brutalen Razzien durch amerikanische und afghanische Spezialeinheiten, die oftmals in Massenhinrichtungen enden.

Donald Trump wollte mit den Taliban verhandeln, doch zeitgleich ließ er auch die Gewalt im Land eskalieren. Die Opfer dieser Gewalt kümmerten den amerikanischen Präsidenten wenig bis gar nicht. Dass er sich nun darüber echauffiert, ist deshalb mehr als nur unglaubwürdig. Dabei sollte allerdings auch die Tatsache in den Vordergrund gestellt werden, dass Trumps Gewalteskalation am Hindukusch als eine Fortführung der Politik seines Vorgängers, Barack Obama, betrachtet werden kann. Es ist richtig, dass Trump Obama in mehrfacher Hinsicht wortwörtlich überschattet hat. Er hat mehr Drohnen-Angriffe abgesegnet und warf mehr Bomben ab. Doch all dies, allen voran etwa die sogenannte Kill List, auf der die Namen von potenziellen Drohnen-Zielen landen, waren „Errungenschaften“ der Obama-Administration und wurden Trump auf dem Silbertablett serviert. Hinzu kommt, dass alle US-Administrationen vor Trumps Machtübernahme kein Interesse an Friedensverhandlungen mit den Taliban hatten. Bereits kurz nach dem Einmarsch, im Jahr 2002, plädierten die massiv geschwächten Taliban für Gespräche und standen praktisch vor dem Eingeständnis ihrer Niederlage. Auch auf lokaler Ebene traten immer wieder verhandlungsbereite Taliban-Kommandanten in den Vordergrund – bis sie durch den nächsten NATO-Luftangriff getötet wurden. Die Folgen davon waren eine zunehmende Radikalisierung sowie das Erstarken der Hardliner, die sich bestätigt sahen.

Trump wollte den Friedensstifter spielen

In den USA wurde besonders die Tatsache kritisiert, dass Trump mit den Taliban in Camp David den Friedensdeal absegnen wollte – und das auch noch drei Tage vor dem 18. Jahrestag der Terroranschläge des 11. Septembers. Für weite Kreise der US-Öffentlichkeit wäre dies ein Skandal gewesen. Immerhin wird – entgegen aller bekannten Fakten – den Taliban bis heute eine Mitbeteiligung an den Anschlägen vorgeworfen. Fakt ist allerdings weiterhin, dass kein einziger Afghane an den Anschlägen des 11. Septembers beteiligt gewesen ist. Ob dies einem gefällt oder nicht: Dies betrifft auch die Taliban. Diese waren nach den Anschlägen sogar bereit, Osama bin Laden auszuliefern, was von George W. Bush abgelehnt wurde – ein Umstand, der bis heute vergessen, verdrängt und wohl teilweise auch mit voller Absicht ignoriert wird. Laut US-Regierung waren die Mehrheit der Täter Saudis, doch der wichtigste US-Verbündete im Nahen Osten blieb in jeglicher Hinsicht vollkommen verschont. Stattdessen fungierte das absolutistische Königreich als eine der Schaltzentralen des Krieges am Hindukusch.

Doch Trump hatte bezüglich Afghanistans etwas gänzlich anderes im Sinn. Er wollte den längsten Krieg, den das US-Militär je geführt hat, beenden und sich als Friedensstifter, der einen Nobelpreis verdient hat, stilisieren. Schauplatz hierfür wäre natürlich Camp David gewesen, wo sich einst auch Menachem Begin und Anwar as-Sadat mit Jimmy Carter trafen und versöhnten. Trump dachte, dass sein Plan perfekt gewesen sei. Er bemerkte zu spät, dass genau das Gegenteil eintreten könnte und er aufgrund des 9/11-Jahrestages womöglich zum Buhmann geworden wäre. Trump ging es dabei nur um sich selbst. Seine Soldaten interessierten ihn dabei so wenig wie all jene Afghanen, auf die er – ohne zu zögern – nur wenige Monate nach seiner Machtübernahme die „Mutter aller Bomben“ abwarf.

Für Afghanistan ist alles, was zu einer Fortführung oder Eskalation des Konflikts beiträgt, schlecht. Während die Taliban-Diplomaten in Katar verhandelten, fühlen sich nun ihre Hardliner an der Front bestätigt und werden Washington wohl nie wieder trauen, und zwar völlig zu Recht. „Der Deal war praktisch so gut wie abgesegnet. Nun müssen wir schauen, wie es weitergeht. Wir gehen allerdings davon aus, dass die Gespräche bald wieder aufgenommen werden“, meint etwa der Taliban-Sprecher in Doha, Mohammad Suhail Shaheen, gegenüber den NachDenkSeiten. Währenddessen kündigte Trump, der noch vor wenigen Wochen vor versammelter Presse mit der Fantasie spielte, zehn Millionen Afghanen auslöschen zu können, mehr Gewalt an. Und auch die Gewalt der Taliban hat nach dem Abbruch der Gespräche zugenommen. Am vergangenen Dienstag wurde in der Provinz Parwan eine Wahlkampagne von Präsident Ashraf Ghani angegriffen. Getötet wurden afghanische Zivilisten, die beim besten Willen nichts für das Handeln der USA können.

„Wir haben die Afghanen nicht verstanden“

Trumps Twitter-Tirade endete übrigens mit einer Frage: „Wie lange wollen die Taliban noch kämpfen?“ Die Antwort ist einfach: Länger als das US-Militär. Dieses muss nämlich, so wie die Bundeswehr und alle anderen fremden Armeen, die in Afghanistan einmarschiert sind, irgendwann abziehen. „Ihr habt die Uhren, wir haben die Zeit“, lautet ein afghanisches Sprichwort, das von manchen westlichen Beobachtern den Taliban zugeordnet wird. In diesem Fall beschreibt es allerdings sehr gut die Realität am Hindukusch.

Hinzu kommt, dass der längste Krieg des US-Imperiums auch in der amerikanischen Öffentlichkeit extrem unbeliebt geworden ist. Ein aktuelles Beispiel hierfür ist etwa ein Text des „New York Times“-Journalisten Thomas Gibson-Neff. Dieser schrieb nämlich vor wenigen Tagen Folgendes:

„Wir haben die Afghanen nicht verstanden. Sie haben uns meistens dafür gehasst, dass wir ihre Häuser zerstört und sie unbeabsichtigt getötet haben, oder dass wir mit Helikoptern auftauchten und ihnen vorschrieben, eine Regierung in Kabul zu respektieren, sie sich nur wenig für sie interessiert.“

Gibson-Neff diente vier Jahre lang bei den US-Marines und war unter anderem auch in Afghanistan stationiert. Seine Worte beschreiben nicht nur eine lang ignorierte Realität, mit der sich am Ende alle Besatzer in Afghanistan auseinandersetzen mussten, sondern könnten heute – im Jahr 18 des Afghanistan-Krieges der USA – gar nicht wahrhaftiger sein.

Titelbild: danielo/shutterstock.com