Das Blutbad an der Thammasat-Universität
Das Blutbad an der Thammasat-Universität

Das Blutbad an der Thammasat-Universität

Ein Artikel von Jinthana Sunthorn | Verantwortlicher: Redaktion

Am vergangenen Dienstag jährte sich das Massaker an den Studentinnen und Studenten der Thammasat-Universität im Zentrum Bangkoks zum 44. Mal. Wie heute im Jahre 2020 waren auch damals die Studenten dieser Universität die Vorreiter für Forderungen nach Demokratie und Freiheit in einem Land, das seit der Umwandlung der absoluten in eine konstitutionelle Monarchie im Jahr 1932 die meiste Zeit von einer Militärregierung beherrscht wurde. Die Ereignisse vom 6. Oktober 1976 sind wie mit einem Brandeisen in die Geschichte Thailands und in das Gedächtnis der Zeitzeugen eingebrannt. Dieses Jahr kam dem Gedenktag an die damaligen Opfer angesichts der erneut aufgeflammten Protestbewegung gegen die Militärdiktatur von General Prayut Cha-Oncha eine besondere Bedeutung zu. Von Jinthana Sunthorn, Hongkong. Übersetzung aus dem Englischen durch die NachDenkSeiten-Redaktion.

Lesen Sie dazu bitte auch: Unruhen in Thailand: Was will die Protestbewegung?

Um die Bedeutung des 6. Oktober sowohl für die moderne thailändische Geschichte wie auch für die heutige Protestbewegung zu verstehen, müssen wir ein paar Jahrzehnte zurückgehen. 1971 übernahm Feldmarschall Thanom Kittikachorn in einem erneuten Putsch die Macht in Thailand und setzte wieder einmal die Verfassung außer Kraft. Zusammen mit seinem Sohn Narong und seinem Stellvertreter Phrapas Charusathien regierten sie Thailand mit brutaler Gewalt. Sie waren alle drei stramm pro-amerikanisch und antikommunistisch eingestellt. Und, so kann man mit Fug und Recht behaupten, sie waren Banditen. Sie waren alle drei so korrupt, wie es nur geht, bereicherten sich hemmungslos, machten alle möglichen legalen und illegalen Geschäfte und hatten private Beteiligungen an über 170 Firmen. Sie waren am internationalen Drogenhandel mit Heroin aus dem Goldenen Dreieck und an der Prostitution in Bangkok beteiligt. Phrapas als Polizeipräsident und Narong als Heeresführer hielten schützend die Hand über diese Geschäfte. Thailand wurden sie bekannt als die drei Tyrannen. Phrapas verdiente sich zudem noch den zweifelhaften Titel als „Schlächter von Bangkok“, weil er alle Gegner und Konkurrenten einfach ermorden ließ.

Der 14.-Oktober-Aufstand 1973

Am 14. Oktober 1973 wurde diese Militärjunta durch einen Volksaufstand gestürzt, nachdem das Militär am selben Tag bereits 77 Teilnehmer an einer Demonstration erschossen hatte. Am Aufstand hatten sich breite Bevölkerungsschichten beteiligt, sogar Teile der Oberschicht von Bangkok, der Staatsbürokratie und der Streitkräfte. Alle hatten die drei Tyrannen satt. Auch König Bhumipol unterstützte das Volk in seinem Verlangen nach einem Ende der Militärherrschaft und entzog der Militärjunta seine Unterstützung. Thanom, Narong und Phrapas flohen, wie Bhumipol es ihnen ans Herz gelegt hatte, ins Ausland. Eine Zivilregierung übernahm nach 26 Jahren Militärherrschaft, welche nur von einer kurzen Periode von 1968 bis 1971 unterbrochen wurde, wieder die Macht.

Die Protestbewegung war 1973 von der Studentenbewegung ausgegangen, deren militanteste Aktivisten, wie heute wieder, die Studenten an der Thammasat-Universität waren. Der kommende 14. Oktober wurde deshalb symbolisch auch als der nächste große Protesttag der Bewegung ausgewählt. Es ist der Tag, an dem das Volk erstmals nach langer Zeit wieder einen Sieg gegen seine Unterdrücker verbuchen konnte.

In den nachfolgenden drei Jahren bis Oktober 1976 waren Parteien wieder zugelassen und es wurde eine Zivilregierung gebildet. Allerdings traf die Ölkrise von 1973 auch Thailand schwer und die Wirtschaft kam in Turbulenzen. Der breite Konsens in der Bevölkerung, der zum Sturz von Thanom und seiner Clique geführt hatte, zerfiel allmählich wieder. Die progressiven Ideen der Studenten deckten sich nicht mehr mit den Vorstellungen der Geschäftswelt. Es kam zu Streitereien zwischen verschiedenen Fraktionen der Regierung, es folgten mehrere Regierungsumbildungen und es kam zu zahlreichen Arbeiterstreiks. In der Zeit nach Oktober 1973 bis zu jenem schicksalhaften 6. Oktober 1976 blieb die Studentenbewegung aber ein wesentlicher Mitspieler in der thailändischen Politik und war für den ärmeren Teil der Bevölkerung auch die Hoffnung auf eine gerechtere Zukunft.

Die frühen 70er Jahre und die Studentenbewegung

Es war die Zeit des Vietnamkrieges, bei dem Thailand fest aufseiten der USA standen und es war die Zeit der Post-68er-Bewegung, der Flower-Power-Bewegung und der Proteste gegen den Vietnamkrieg, die auch die thailändischen Studenten unterstützten. Manche Studenten hatten im Ausland studiert und kamen mit den Ideen und Idealen der europäischen und amerikanischen Studentenbewegungen in ihr Land zurück. Eine neue, freie Gesellschaft sollte geschaffen werden, ein neues Lebensgefühl hatte auch die thailändische Studentenschaft erreicht und durchdrungen. Die Thammasat-Universität war das Zentrum dieser neuen Bewegung und dieses neuen Lebensgefühls geworden. Politische Diskussionen wurden dort geführt, die klassischen marxistischen Werke wurden dort gelesen und öffentlich diskutiert. Oft war das Studium selbst für die Studenten nur Nebensache und die in der Freizeit geführten Diskussionen über eine neue Gesellschaftsform waren für die jungen Leute wichtiger.

Mitte der 60er Jahre erlebte die Kommunistische Partei Thailands (nachfolgend CPT) einen neuen Aufschwung. Die CPT war eine maoistisch-stalinistische Partei, die von China unterstützt wurde. Natürlich war sie illegal und verboten. Ihre militanten Anhänger lebten meist in Dschungelcamps, im Norden und im Nordosten, im Isan, an der laotischen Grenze und hielten mit kleinen Guerillaattacken das Militär in Atem. Zahlenmäßig dürfte die CPT selbst auf ihrem Höhepunkt nie mehr als zehntausend aktive Kämpfer gehabt haben und war dem thailändischen Militär zahlenmäßig und in ihrer Ausrüstung weit unterlegen. Aber sie konnte nie besiegt werden, so viele Soldaten das Militär auch immer in den Dschungel schickte, um sie zu bekämpfen. Wer politisch auffällig geworden war und wem die Verhaftung drohte, schloss sich den Guerillagruppen der CPT an. Ins Gefängnis zu wandern oder gar ermordet zu werden, was nicht selten geschah, war die andere Alternative. So züchteten die aufeinanderfolgenden Militärregierungen sich ihre Gegner quasi selber.

Außenpolitisches Umfeld und Wende nach rechts

In der Zeit zwischen 1973 und 1976 machte König Bhumipol eine politische Kehrtwende nach rechts. Es zeichnete sich ab, dass die Amerikaner den Krieg in Vietnam nicht gewinnen konnten und Bhumipol befürchtete, dass sich nach der damals vorherrschenden Domino-Theorie die Revolution früher oder später auch auf Thailand ausbreiten würde. Im Januar 1973 war das Pariser Abkommen unterzeichnet worden, das die USA zu einem kompletten Truppenabzug aus Vietnam verpflichtete. Die USA unterhielten aber weiterhin militärische Stützpunkte in Thailand und bombardierten von dort aus auch noch immer Kambodscha und den Ho-Chi-Minh-Pfad. Zudem waren weiterhin „Militärberater“ der USA in Vietnam tätig. Ende April 1975 nahm die Nationale Volksarmee Nordvietnams Saigon ein und Südvietnam kapitulierte. Am 2. Juli 1976 wurden Nord- und Südvietnam wiedervereint und die sozialistische Volksrepublik Vietnam ausgerufen. Im April 1975 eroberten die roten Khmer Phnom Penh. Und am 2. Dezember 1975 übernahm die Phatet Lao die Macht in Vientiane und rief die Demokratische Volksrepublik Laos aus. All diese Ereignisse in den Nachbarländern waren kein gutes Omen für den Fortbestand der thailändischen Monarchie, die stets treu aufseiten der USA gestanden hatte, die 10.000 eigene Soldaten nach Südvietnam zur Unterstützung der USA entsandt hatte und die den USA militärische Stützpunkte, allen voran den Flughafen in Udon Thani und die Militärbasis und den Hafen in U-Tapao zur Verfügung gestellt hatte, von denen aus die meisten Angriffe auf die Nachbarländer Vietnam, Laos und Kambodscha geführt wurden.

Im Jahr 1971 waren von der für die Grenzsicherung Thailands zuständigen Militärabteilung (BPP) die „Dorfpfadfinder“ gegründet worden. Das Ziel war, der CPT Einhalt zu gebieten und Umsturzversuche zu verhindern. Es muss allerdings an dieser Stelle gesagt werden, dass die CPT einerseits nie eine echte Gefahr für die Regierung dargestellt hatte, noch den Sturz der Monarchie verlangt hatte. Die CPT konzentrierte sich gemäß der maoistischen Theorie mehr auf die Landbevölkerung im Norden, als dass sie überhaupt nur in Betracht gezogen hätte, Bangkok zu erobern und eine Republik auszurufen. Sie beschränkten sich darauf, einige abseits gelegene Polizeiposten oder Polizeireviere anzugreifen, um sich dann schnell wieder zurückzuziehen.

Die Dorfpfadfinder, denen keinesfalls, wie der Name vielleicht vermuten ließe, hauptsächlich Kinder und Jugendliche angehörten, wurden systematisch in antikommunistischer Ideologie gedrillt. Im Gegenteil, das Konzept war, aus jedem Dorf ein paar Erwachsene zu rekrutieren und somit die Kontrolle über auch die entlegensten Dörfer zu erhalten. Die Dorfpfadfinder sollten die „Augen und Ohren“ der Regierung sein. Sie waren stramm rechts und fanatisch royalistisch gedrillt und mit der Zeit fand auch König Bhumipol Gefallen an ihnen. Er wohnte oft zusammen mit Königin Sirikit und seinen Töchtern Sirndhorn und Ublorat ihren Festen und Zeremonien bei und schenkte ihnen gesegnete Halstücher, die ihre „Uniform“ und ihr Erkennungszeichen waren. So wurde König Bhumipol schnell zum Schirmherrn der Dorfpfadfinder. Die Dorfpfadfinder waren bald überall öffentlich sichtbar und wurden zu einer paramilitärischen Truppe nach faschistischem Vorbild. Etwa 10 Prozent aller Thailänder hatten bis zum Schluss einen 5-tägigen „Ausbildungslehrgang“ absolviert.

Weniger öffentlich sichtbar waren die „roten Büffel“, die hauptsächlich aus altgedienten Soldaten, Söldnern und sonstigen Schlägern und Banditen zusammengesetzt waren. Sie waren 1974 vom „Kommando für Operationen der inneren Sicherheit“ (ISOC) der Streitkräfte gegründet worden. Sie kämpften nicht nur gegen kommunistische Aufständische, sondern verfolgten und verprügelten auch kritische Studenten, schlugen Arbeiterstreiks nieder und wurden als Streikbrecher eingesetzt. So wurde z. B. 1975 bei einem Streik der Beschäftigten im bekannten Hotel Dusit Thani in Bangkok die gesamte Belegschaft entlassen und durch „rote Büffel“ ersetzt. Die Streikführer flohen aus Angst vor Verhaftung in den Dschungel zu den Guerillas der CPT. Auf das Konto der roten Büffel gehen zudem zahlreiche Morde an unliebsamen politischen Gegnern, an Bauern im Norden und Nordosten und an Gewerkschaftern, von denen manche auch einfach spurlos verschwanden oder deren verstümmelte Leichen man Tage oder Monate später auffand. Allein im Jahr 1976, von Januar bis Oktober, ermordeten sie mehr als 30 Menschen, alles Linke oder Bauern, von denen sie annahmen, mit der CPT zu sympathisieren.

Wenn man die Dorfpfadfinder in ihrer Struktur mit der Hitlerjugend vergleichen kann, so fungierten die roten Büffel wie die Schlägertrupps der SA.

Schlussendlich gab es noch die Navapol, bestehend aus reichen Geschäftsleuten und einflussreichen rechten Politikern und Militärs. Die Navapol kann man mit einer Freimaurerloge vergleichen, die die Fäden im Hintergrund zieht. Zur Navapol gehörten auch ein paar hohe royalistische buddhistische Mönche, wie z. B. der notorische Mönch Kittivudho Bhikku, der predigte, das Töten von Kommunisten sei zwar schlecht für das Karma des Mörders, dafür werde er aber tausendmal dadurch belohnt, dass er der Gesellschaft einen Dienst erwiesen habe.

Zur Rettung der Ehre der Mönche muss an dieser Stelle jedoch gesagt werden, dass man solche Elemente wie Bhikku an einer Hand abzählen kann und die Mönche sich in aller Regel aus der Politik heraushalten und schon gar nicht öffentlich zum Mord aufrufen.

Leider nahmen die Studenten den Sinneswandel des Königs nicht richtig wahr. Die meisten wähnten ihn wie 1973 immer noch auf ihrer Seite.

Die Tragödie nimmt ihren Lauf

Drei Jahre nachdem Feldmarschall Thanom Kittikachorn, der frühere Premierminister und Chef der drei Tyrannen, durch einen Volksaufstand ins Exil geschickt worden war, kehrte er am 19. September 1976 nach Thailand zurück. Er entstieg dem Flugzeug in safranroter Mönchsrobe und wurde von dort zum Tempel Wat Bowonniwet Vihara gebracht, einem bedeutenden Tempel für die zurzeit herrschende Chakri-Dynastie, die mit dem Königshaus eng verbunden ist. Dort wurde auch König Bhumipol zum Mönch ordiniert, dorthin ging er oft zum Beten und dort hat er auch seine letzte Ruhestätte gefunden. Wat Bowonniwet ist der Tempel der Chakri-Dynnastie seit seinem Vorgänger, König Mongkut, RamaIV, der dort im Tempel als Mönch lebte, bevor er die Regentschaft übernahm.

Thanom wurde, im Tempel angekommen, sofort zum Mönch geweiht und wurde wenige Tage später von König Bhumipol und Königin Sirikit dort besucht. Die Thailänder waren entsetzt und nicht nur die Studenten demonstrierten und forderten seine sofortige Wiederausweisung aus dem Land. Die Anwaltsvereinigung Thailands verfasste eine Resolution und forderte, Thanom sofort wieder des Landes zu verweisen.

Am 24. September wurden in Nakhon Pathom, in der Nachbarprovinz von Bangkok, die erhängten Leichen von zwei Beschäftigten der Elektrizitätswerke aufgefunden, beide Sympathisanten der Studentenbewegung, die Plakate gegen Thanom aufgehängt hatten. Wie oben erwähnt gab es zwischen Oktober 1973 und Oktober 1976 verstärkt Repressionsmaßnahmen und Morde an linken politischen Aktivisten und Gewerkschaftern. Das war aber nicht neu, linke Aktivisten schwebten seit jeher und bis heute noch in Thailand in Lebensgefahr. Der Mord an den zwei Aktivisten in Nakhon Pathom konnte zweifelsfrei zwei Polizisten zugeordnet werden, die die Tat auch gestanden, nach dem 6. Oktober aber wegen „Mangel an Beweisen“ freigesprochen wurden. Natürlich löste die Mordtat neue Unruhen aus und sollte letztendlich in den blutigen Ereignissen zwei Wochen später auf dem Campus der Thammasat-Universität gipfeln.

Am 25. September stellten die Studentenführer zwei Forderungen: Thanom wieder ins Exil zu schicken und die Mörder vor Gericht zu stellen. Am 29. September versammelten sich mehr als 20.000 Studenten auf dem Sanam Luang in der Nähe der Thammasat-Universität, um erneut zu protestieren. Auch in anderen Teilen des Landes kam es zu massiven Protesten und zu Auseinandersetzungen mit den „roten Büffeln“. Am 4. und 5. Oktober demonstrierten die Studenten erneut auf dem Sanam Lung, verlegten jedoch am 5. Oktober abends ihre Versammlung auf den Campus der Universität.

Die Ermordung der beiden Aktivisten aus Nakhon Pathom wurde am 4. Oktober von den Studenten in einem Theaterstück nachgespielt. Eine rechte Zeitung druckte daraufhin ein Foto mit einem der Studenten, der einen der Erhängten gespielt hatte, und behauptete, dieser sehe Vajiralongkorn, dem damaligen Kronprinzen und heutigem Monarchen, ähnlich und behauptete, die Studenten hätten die Ermordung des Kronprinzen inszeniert und wollten die Monarchie stürzen. Rechte Radiosender verbreiteten daraufhin die Nachricht in Windeseile weiter und riefen zu Gegendemonstrationen der „Patrioten“ vor dem Campus der Universität auf. Polizei und Armee wurden zusammengezogen, um die Schauspieler zu verhaften und dem behaupteten Umsturzversuch der Studenten ein Ende zu bereiten.

So aufgehetzt von den Medien versammelten sich in der Nacht vom 5. auf den 6. Oktober Hunderte Dorfpfadfinder, rote Büffel und sonstige „Patrioten“ vor den Toren der Universität. Sie skandierten während der Nacht hasserfüllte Parolen und forderten den Tod der „Kommunisten“.

Um 5.30 Uhr, kurz vor dem Morgengrauen, wurden Sprengsätze und Handgranaten auf das Campusfeld geworfen. Ab 6 Uhr eröffneten Scharfschützen das Feuer und ab 7.30 Uhr stürmte die Polizei das Feld, in ihrem Gefolge die „Patrioten“, rote Büffel und Dorfpfadfinder, die, beschützt von der Polizei, nun ihrer Mordlust nachkommen und ungehindert Lynchjustiz üben durften. Offiziell wurden 46 Studentinnen und Studenten getötet, Leichenbestatter dagegen sprechen von über hundert Toten. Frauen wurden vergewaltigt, Leichen wurden geschändet. Fast 3.000 Studenten wurden verhaftet. Das ganze Blutbad dauerte bis zum Mittag.

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Das geht so ...

Wir stellen hier, für Leser mit starken Nerven, den Link von zwei Originalvideos ein, damit Sie sich selber ein Bild machen können:

Ein Foto des Pressefotografen Neal Ulevich, der an diesem Tag auf dem Campus war, wurde mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet. Es zeigt einen gelynchten Studenten, dessen Leiche an einem Baum aufgehängt wurde und von einem der „Patrioten“ mit einem Klappstuhl geschlagen wird, während die Menge dabei zuschaut. Das Foto ging, ähnlich dem Foto von Seymour Hersh über das Massaker im vietnamesischen My Lai von 1968, damals um die Welt. Hier ein Link zum Foto von Ulevich mit einem Interview von ihm selber dazu: AP Photographer Reflects on 1976 Lynching Photo.

Rückblick

Natürlich war das Blutbad am 6. Oktober nicht von vornherein so geplant. Aber es war vorherzusehen und es kam, wie es kommen musste. Auch König Bhumipol musste das wissen und er hat es willentlich in Kauf genommen.

Die oben erwähnten paramilitärischen Strukturen waren, wenn nicht nachweislich auf seine Initiative, so doch mit seinem Wissen und Wohlwollen aufgebaut worden. Die faschistischen Äußerungen ihrer Führer waren Bhumipol nicht verborgen geblieben, er hat sich jedoch nie davon distanziert, er hat sie dafür aber stillschweigend in ihrem Fanatismus bestärkt. Die Hetze war jeden Tag im Radio zu hören. In den Jahren 1973 bis 1976 wurde eine regelrechte Hysterie gegen alles linke Gedankengut aufgebaut. Die Dorfpfadfinder und die roten Büffel waren Fanatiker und voller Hass gegen „Kommunisten“, was auch immer sie darunter verstehen mochten.

Obwohl der oben erwähnte faschistische Mönch Kittivudho, um nur dieses Beispiel zu nennen, predigte, man werde wohl 50.000 Studenten erschießen müssen, um die Monarchie zu retten, hat Bhumipol ihn nicht zur Mäßigung angehalten, sondern hat sich mit ihm sogar privat getroffen.

Auch die Rolle von Vajiralongkorn, dem damaligen Kronprinzen, bei den Ereignissen am 6. Oktober ist mehr als mysteriös. Zeugen wollen ihn in der Nacht zum 6. Oktober in der Nähe der Universität in Uniform und in Begleitung von roten Büffeln gesehen haben, die Pistole am Gürtel. Fest steht jedenfalls, dass Vajiralongkorn in jenen Tagen seine Ausbildung an der Militärakademie in Australien unterbrochen hatte und nach Bangkok zurückgekehrt war. Als allererstes besuchte er den Tyrannen Thanom im Tempel Wat Bowonniwet Vihara. Am Abend des 6. Oktober, nach dem Blutbad, dankte er einer Versammlung von etwa 30.000 „Patrioten“, die in aller Eile nach Bangkok beordert worden waren, für ihre Unterstützung und sagte, sie könnten jetzt wieder nach Hause fahren. In den nächsten Tagen sah man Vajiralongkorn noch ständig, meist in Uniform und mit Pistole, bei verschiedenen Veranstaltungen der roten Büffel und der Dorfpfadfinder, bevor er wieder nach Australien zurückflog.

Monarchie ist immer reaktionär, egal wie „aufgeklärt“ der Monarch auch sein mag. Im Zweifelsfall wird er immer die Interessen und die Sicherung des Fortbestandes seiner Dynastie über alles andere stellen und sich mit den Kräften der Reaktion verbünden.

Die Folgen des Massakers und die Studentenbewegung heute

Noch am Abend des Massakers übernahm erneut eine Militärregierung die Macht in Thailand. Für die nächsten 12 Jahre sollte das Land wieder vom Militär regiert werden, die Verfassung wurde wieder einmal außer Kraft gesetzt. Viele der Überlebenden schlossen sich, um Repression und Verhaftung zu entgehen, der CPT an und gingen in die Dschungelcamps. Es dauerte bis 1988, bis wieder eine Zivilregierung gewählt wurde. 1982 machte die Regierung Thailands der CPT, deren Anhänger inzwischen immer desillusionierter geworden waren, ein Angebot über eine Amnestie. Viele nahmen das Angebot an und kehrten wieder nach Hause zurück. Seit Anfang der 1990er Jahre hat man von der CPT nie mehr gehört. Für das Blutbad an den Studenten im Oktober 1976 wurde bis heute niemand zur Rechenschaft gezogen, das Blutbad ist bis heute ungesühnt geblieben.

Am letzten Dienstag versammelten sich einige Hundert Menschen in der Thammasat-Universität, um den Ermordeten zu gedenken. Es wurde auch eine Ausstellung über die damaligen Ereignisse auf dem Campus eröffnet. Die Sprecher der aktuellen Studentenbewegung waren, so die Direktion der Universität, nicht willkommen. Die Führer Parit “Penguin” Chiwarak, Frau Panusaya “Rung” (Rainbow) Sithijirawattanakul und der Anwalt Arnon Nampa durften auf dem diesjährigen Forum nicht sprechen, was manche Aktivisten dem Rektorat der Uni als Feigheit vorgeworfen haben.

Derweil hat die Bewegung zu einer neuen großen Kundgebung am 14. Oktober in Bangkok am Monument der Demokratie aufgerufen. Vielleicht wird es auch eine mehrtägige Aktion werden, mit Übernachtung draußen im Sanam Luang Park, der an die Uni angrenzt.

Arnon Nampa, Co-Vorsitzender der Vereinigten Front von Thammasat und Demonstrationen (UFTD) und der Free People Group, befürchtete am Dienstag, dass die für den 14. Oktober geplante regierungsfeindliche Kundgebung eskalieren werde. Er wiederholte auch die Forderung seiner Gruppe nach einer Reform der Monarchie.

“Wir haben versucht, unserer Stimme Gehör zu verschaffen, aber sie ist auf taube Ohren gestoßen. Aber am 14. Oktober wird der Protest eskalieren. Demonstranten der Free Student Group und der UFTD werden ebenfalls an der Kundgebung teilnehmen”, sagte Arnon. Und er sagte, dass es von der Teilnahme der Demonstranten bei der Kundgebung abhänge, wie lange der Protest sich hinzieht. “Wenn eine Million Menschen auftauchen, werden die Dinge an einem Tag enden. Aber wenn nur hunderttausend kommen, müssen wir möglicherweise warten, bis sich diejenigen aus den Provinzen anschließen. Ob es sich hinzieht, hängt von der Situation an diesem Tag ab “, sagte Arnon weiter.

Ausblick

Die Studenten der Thammasat-Universität sind nach 44 Jahren wieder auf die politische Bühne zurückgekehrt. Ihre Unterstützung in der Bevölkerung dürfte dieses Mal noch größer sein als in den 1970er Jahren, denn es gibt viele, unter ihnen nicht zuletzt die Rothemden, die noch eine Rechnung mit dem Militär offen haben. Viel Wut hat sich seit dem letzten Militärputsch von 2014 aufgestaut. Noch sind die Kräfteverhältnisse nicht ganz ausgelotet, die Unterstützung für die Forderungen der Studenten aber wächst täglich.

Das Militär kann die Karte Monarchie nicht mehr ausspielen, der Sohn von König Bhumibol ist als königliches Vorbild unglaubwürdig geworden. Er zeigt ausdrückliches Desinteresse am Schicksal seines Landes und führt ein bohèmehaftes Leben im Ausland. Jetzt hat eine Wirtschaftskrise nie gekannten Ausmaßes Thailand schwer getroffen. Die thailändische Bevölkerung leidet schwer unter dieser Krise, während die Monarchie einen obszönen Reichtum angehäuft hat und der vielleicht letzte Monarch gerade dabei ist, das Geld sinnlos zu verprassen. Auch die thailändische Oberschicht, zu denen nicht zuletzt auch die Generäle gehören, hat einen ungeheuren Reichtum angehäuft. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auf. Weder vom Militär noch von der Monarchie können sich die Thailänder eine bessere Zukunft erhoffen. Wenn es nach ihnen geht, dann geht alles so weiter wie bisher. Aber viele Thailänder sind am Ende.

Ein neuer, frischer Wind weht gerade durch die verfaulten politischen Strukturen des Landes. Das Volk will nicht mehr nur gehorchen, sondern mitbestimmen, wohin die Reise geht. Die Tage sowohl der Militärregierung als auch der Monarchie in Thailand scheinen gezählt.

Titelbild: Anton_Medvedev/shutterstock.com