Das Corona-Jahr – ein verlorenes Jahr für Frauen und Familien
Das Corona-Jahr – ein verlorenes Jahr für Frauen und Familien

Das Corona-Jahr – ein verlorenes Jahr für Frauen und Familien

Ein Artikel von Sandra Reuse | Verantwortlicher: Redaktion

Die Corona-Politik verlangt vor allem den Müttern und den Frauen in Care-Berufen viel ab. Der erste Schritt in eine frauen- und familiengerechtere Zukunft wäre, dass Kinder und ihre Bedürfnisse aus dem öffentlichen Diskurs nicht mehr wegorganisiert werden dürfen. Von Sandra Reuse.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) veröffentlichte am 17. März 2020 eine Studie zum Lebenserwerbseinkommen nach Geschlecht. Demzufolge verdienen Frauen in Deutschland über das ganze Berufsleben hinweg gerade mal halb so viel wie Männer (in absoluten Zahlen und Preisen von 2015 ca. 830.000 € gegenüber rund 1,5 Mio. € bei Männern). Besonders wenig verdienen Frauen, wenn sie Kinder kriegen und fortan versuchen, sich auch noch um diese zu kümmern. Für Männer hingegen ändert sich durch Nachwuchs quasi nichts. Und auch erwerbstätige Frauen, die kinderlos bleiben, stehen im Lebensverlauf mehrheitlich finanziell gut da.

Am 16. März, also einen Tag zuvor, hatten Kitas und Schulen in Berlin das letzte Mal für lange Zeit geöffnet. Bundesweit startete der Lockdown zur Eindämmung oder gar Bekämpfung der Corona-Pandemie. Hinzu kamen umfassende Kontaktbeschränkungen, die ein Treffen zwischen Erwachsenen mit Kindern, zwischen mehreren Kindern sowie praktisch alle bis dahin gängigen Betreuungsarrangements strengstens untersagten. In der bis heute nicht belegten Befürchtung, Kinder würden das Virus stark verbreiten, wurden diese aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens eliminiert; sogar die Spielplätze wurden abgeriegelt. Vorschläge zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf, zum Aufrechterhalten der kindlichen Psyche oder der elterlichen Contenance gab es wenig, bis auf: „Geht ins Homeoffice.“

Manche Medien priesen sogar die neue Zeit als Gewinn für Frauen und Familien: Endlich sei sie da, die geschlechtergerechte Sorge- und Erziehungsarbeit. Vielschreiber in Leserforen (dem Namen oder Duktus nach offensichtlich überwiegend Männer) lobten Papis, die mit ihren Sprösslingen im Park gesichtet wurden. Warum allerdings zusätzliche unbezahlte Arbeit für Eltern, auch wenn sie vollkommen gerecht aufgeteilt wird, eine Verbesserung für die Mütter darstellen soll, wurde nicht erklärt. Genausowenig, welche Arbeitsteilung denn berufstätige Alleinerziehende wählen sollten.

Um genauer zu sein, es wurde gar nicht gefragt, jedenfalls nicht im öffentlichen, teilweise gebührenfinanzierten Mediendiskurs. „Bleibt gesund! Ihr macht das schon!“, schrieben die Journalistinnen und Journalisten: Eine familienpolitische Grabesstille legte sich über das Land. Kinder wurden zur Privatangelegenheit umdeklariert und das Private ist eben schon lange nicht mehr politisch.

Stiller Rückzug vom Arbeitsmarkt

Es folgte zunächst einmal ein stiller Rückzug in die stille Reserve derjenigen mit den prekärsten Jobs – und das sind nun mal überwiegend Frauen. Zwischen März und Juni 2020 meldete sich eine halbe Million Menschen vom Arbeitsmarkt ab oder machte einfach nicht mehr weiter, darunter viele geringfügig Beschäftigte. Zum ersten Mal nach fast eineinhalb Jahrzehnten nahm das Erwerbspersonenpotenzial in Deutschland wieder ab. Ein wichtiger Grund für die lange und stetige Zunahme war der Anstieg der Frauenerwerbstätigkeit.

Jetzt erfuhren die Frauen, dass das Versprechen, ach was, das Recht auf Betreuung von Kindern unter zwölf Jahren von heute auf morgen wieder zurückgenommen werden kann. Oder mal eben auf Pause gesetzt wird. Dabei war ja genau dieses Recht mit dem politischen Argument eingeführt worden, man müsse die Chancen der Frauen auf Berufstätigkeit, idealerweise sogar existenzsichernde Arbeit, steigern.

Erst im zweiten Lockdown wurde genauer erfasst, wie sehr berufstätige Mütter und Väter aufgrund von Elternverpflichtungen eingeschränkt wurden: 37,4 Millionen Arbeitstage betrug der Arbeitsausfall aufgrund von Kita- und Schulschließungen von Oktober 2020 bis Mitte Februar 2021 laut einer Schätzung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Hier eingerechnet waren auch die Tage, die Eltern mit ihren Kindern gemeinsam in Quarantäne verbringen mussten und deswegen nicht arbeiten konnten.

Scheinlösung Homeoffice

Einer der Gründe für die hohen Ausfälle dürfte sein, dass Homeoffice eben doch nur für eine Minderheit der erwerbstätigen Eltern funktioniert – laut IAB ist das Arbeiten von zu Hause aus für gerade mal für 43 Prozent der Beschäftigten in Deutschland „prinzipiell“ möglich. Darunter waren interessanterweise mit 57 Prozent deutlich mehr Väter als Mütter (49 Prozent) – was unter anderem den hohen Anteil systemrelevanter Mütter, die in Care-Berufen arbeiten, widerspiegeln dürfte.

Vor allem aber ist es ein bequemer, weltfremder Irrglaube, Homeoffice steigere die Vereinbarkeit von Familie und Beruf so sehr, dass sich alle betreuungs- oder gar erziehungsbedingten Probleme in Wohlgefallen auflösen. In Ruhe und konzentriert arbeiten, wenn die Kinder im Nachbarzimmer sind, bei einem Vollzeitjob? Das geht nur unter einer Bedingung: Man setzt die lieben Kleinen zwischendurch vor irgendwelche Medien. Und zwar allein, ohne Begleitung, und nicht zu kurz.

Es sei darauf verwiesen, dass diese Broschüre des Bundesfamilienministeriums dringend von einem solchen Vorgehen abrät. Erschienen ist sie im Sommer 2020, also nach dem ersten Lockdown und zu einer Zeit, in der es hieß, einen zweiten werde es nicht geben. Bei Kindern im Homeschooling wiederum hing es stark von der Schule ab, wie oft im Verlauf eines Vor- oder Nachmittags der Nachwuchs etwas wissen, gedruckt oder hochgeladen haben will.

Eltern wurden zum Technik-Admin, Materialbeschaffer und Ersatzlehrer – nicht selten aber auch zum Tröster und Motivator, denn das Alleine-vorm-Bildschirm-Sitzen macht Kinder traurig, müde oder wütend. Zahlreiche Studien und Äußerungen von Fachärzten und Fachgesellschaften belegen das. Wer konnte, und das waren vermutlich mehrheitlich Mütter in Paarbeziehungen, hat deshalb seine bzw. ihre Erwerbstätigkeit reduziert.

Exponentielles Wachstum unbezahlter Arbeit

Und das ist das andere Problem, das im Corona-Jahr, natürlich aber auch bereits davor, nie wirklich gesellschaftlich verhandelt worden ist: Wer erledigt eigentlich all die unbezahlte Arbeit in den Haushalten, wenn beide Eltern erwerbstätig sind oder überhaupt nur ein Elternteil da ist? Und wo soll eigentlich die- oder derjenige, der diese zusätzliche Arbeit erledigt, die Kraft, die Zeit und die Motivation dafür hernehmen? Und wie geht es dabei den armen Kindern, wenn es zur dauerhaften Überforderung eines oder beider Partner kommt, oder des alleinerziehenden Elternteils?

Verschiedenen Erhebungen zufolge stiegen die Belastungen berufstätiger Eltern während des ersten Lockdowns deutlich an. Gleichzeitig wurde eine „stark geminderte Lebenszufriedenheit in praktisch allen Bereichen“ festgestellt (IAB-Newsletter vom 22.08.20). Entgegen der oben beschriebenen Erwartung jedoch änderte sich an der tatsächlichen Arbeitsaufteilung zwischen den Geschlechtern wenig: Zwar weiteten immerhin 30 Prozent der Väter (in Paarbeziehungen) die Zeit aus, die sie in ihre Kinder „investierten“, bei den Müttern waren es jedoch mit 60 Prozent einfach mal doppelt so viele. Selbst da, wo infolge der Corona-Maßnahmen plötzlich die Mutter zum Hauptverdiener wurde, übernahmen sie häufig den größeren Teil der Mehrarbeit, so eine deutsch-italienische Studie.

Das besondere Leid der systemrelevanten Mütter

Noch unvereinbarer als Homeoffice und Homeschooling waren und sind freilich systemrelevante Sorge- und Pflegeberufe und Homeschooling. Wer in diesen Bereichen arbeitet(e), muss(te) seine Kinder einem Notbetreuungssystem überlassen, das in vielen Fällen diesem Begriff leider Ehre macht(e): Die Kinder waren (und sind) nicht unbedingt überall willkommen, wurden (und werden) teilweise als Ansteckungsherde misstrauisch beäugt, unterliegen vor allem an den Schulen strengsten Hygieneregeln, die kein Erwachsener in diesem Umfang auch nur für einen Tag mitmachen würde. Eine kindgerechte Umgebung, Sport, sozialer Umgang mit Gleichaltrigen: Fehlanzeige.

Schon das möchten viele Eltern ihren Kindern nicht antun, „Systemrelevante“ aber haben keine Wahl. Noch dazu – und das wissen viele gar nicht – gibt es an den meisten Schulen bis heute gar keine wirkliche Unterstützung für notbetreute Schüler beim Unterricht – die Lehrer sind nicht vor Ort und Lerngruppen durften auch aufgrund der Hygieneregeln nicht gebildet werden. Für die systemrelevanten Mütter/Eltern mit Kindern im Homeschooling hieß und heißt das, dass sie am Ende eines langen Tages mit ihren Kindern auch noch Schularbeiten machen müssen. Erholung oder Ausgleich: Fehlanzeige.

Zu diesen massiven Eingriffen in das Privat- und Familienleben von Erzieher/innen, Ärzt/innen und Pflegekräften kommt hinzu, dass entweder sie selbst oder aber ihre Kinder, von jetzt auf gleich, in Quarantäne gesetzt werden können. Hunderttausende von Schülerinnen und Schülern mussten allein im vergangenen Herbst für bis zu 14 Tage zu Hause bleiben, manche sogar mehrmals hintereinander, die allermeisten auf bloßen Verdacht der überlasteten Gesundheitsämter. Die „Systemrelevanten“ aber sollten weiter arbeiten und ihre Kinder sich selbst überlassen. Oder aber sie sollten, wenn sie selbst zum Beispiel in einer Kita arbeiten, allzeit bereit sein, für zehn bis vierzehn Tage in ihrer Wohnung zu verschwinden, nicht mehr einzukaufen, nicht mehr spazieren zu gehen, und nicht mal mehr einzelne Freunde zu treffen oder mit ihren Kindern draußen zu spielen. In nicht wenigen Haushalten haben sich Mütter/Eltern und Kinder mit Quarantänephasen abgewechselt.

Gerade den Kräften, die dringend für die Kinderbetreuung und zum Schutz verletzlicher Gruppen gebraucht werden, wurde und wird das Leben so schwer gemacht, dass man sich fragen muss, wie diese Berufe künftig überhaupt noch Zulauf finden sollen.

Und damit schließt sich der Kreis. Das Corona-Jahr – wann wird es jemals enden? – ist ein verlorenes Jahr für Frauen und Familien sowie für alle Hilfebedürftigen. Wer Kinder hat, kann bei der Arbeit nicht funktionieren wie ein Roboter. Und wer sieht, dass es seinen Kindern schlecht geht, kann nicht auf Dauer guten Gewissens zur Arbeit gehen. Der erste Schritt in eine frauen- und familiengerechtere Zukunft wäre, dass Kinder und ihre Bedürfnisse aus dem öffentlichen Diskurs nicht mehr wegorganisiert werden dürfen.

Titelbild: Ahmet Misirligul / Shutterstock

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