„Null Covid“-Initiativen ‒ realitätsferne Strategien mit Illusionen in einen autoritären Corona-Staat
„Null Covid“-Initiativen ‒ realitätsferne Strategien mit Illusionen in einen autoritären Corona-Staat

„Null Covid“-Initiativen ‒ realitätsferne Strategien mit Illusionen in einen autoritären Corona-Staat

Ein Artikel von Joachim Guilliard | Verantwortlicher: Redaktion

Seit einiger Zeit geistern Vorstellungen, die sich „NoCovid“ oder „ZeroCovid“ nennen, durch Politik und Medien und es hat sich auch eine Initiative gegründet, deren Webseite technisch gut gemacht ist und so aussieht, als könne sie auf Ressourcen zurückgreifen. Albrecht Müller hat sich am 25. Februar mit diesem Phänomen beschäftigt und der folgende Text von Joachim Guilliard untersucht nun etwas detaillierter, worum es bei diesem Ansatz geht.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

„Null Covid“-Initiativen ‒ realitätsferne Strategien mit Illusionen in einen autoritären Corona-Staat

Forderungen, mit strikteren Shutdowns die Infektionsraten auf null zu drücken, sind realitätsfern, haben autoritäre Züge und missachten die gravierenden Folgen. Beispiele von Ländern mit wenigen Infektionen sind auf unsere Verhältnisse nicht übertragbar.

Mit steigenden Corona-Fallzahlen, nicht zuletzt durch den massenhaften Einsatz von Schnelltests,[1] bekommen auch die “ZeroCovid“- und „NoCovid“-Initiativen wieder Rückenwind, die sich für einen noch strengeren Lockdown engagieren. Die Initiatoren des „NoCovid“-Appells sitzen dabei bereits im wissenschaftlichen Beraterstab der Bundesregierung und kommen in den Mainstreammedien häufig zu Wort. Die ZeroCovid-Aktivisten bemühen sich, ihr Anliegen kampagnenartig weiterzuverbreiten. Sie haben Ortsgruppen gebildet, verteilen eine Zeitung und organisierten am 10. April einen „ZeroCovid ActionDay“. Sie stützen so die Bestrebungen der Corona-Hardliner in Bund und Ländern nach Fortsetzung des seit über vier Monaten andauernden Lockdowns, der nun über eine Verschärfung des Infektionsschutzgesetzes bundesweit festgezurrt werden soll.

„ZeroCovid“ ‒ die Idee eines „solidarischen“ Shutdowns …

Die ZeroCovid-Kampagne fordert, die Covid-19-Neuinfektionen nicht nur unter eine bestimmte Grenze zu drücken, sondern durch einen vollständigen Shutdown faktisch auszumerzen. Um Neuinfektionen vollständig zu unterbinden, sollen gleichzeitig in allen europäischen Ländern alle Kontakte zwischen Menschen einige Wochen lang auf ein Minimum reduziert werden ‒ auch am Arbeitsplatz.

Die bisherige Strategie, die Pandemie durch Lockdowns zu kontrollieren, sei gescheitert. Sie habe „das Leben dauerhaft eingeschränkt und dennoch Millionen Infektionen und Zehntausende Tote gebracht.“ Rücksicht auf Wirtschaftsinteressen hätten wirksamere Maßnahmen verhindert. Manche Protagonisten reduzieren dabei die Debatte über die massivsten Grundrechtseingriffe der bundesdeutschen Geschichte auf die Parole „Menschenleben retten statt Profit“. Übersehen wird dabei, so der Sozialwissenschaftler Alex Demirović, dass die „Kapitalinteressen wesentlich vielschichtiger sind“.[2] Zudem zeigen bisherige Erfahrungen, dass große Konzerne ‒ im Gegensatz zu kleinen Gewerbetreibenden wie Freiberuflern oder Gastwirten ‒ auch durch schärfere Maßnahmen wenig zu befürchten hätten.

Zum attraktiven antikapitalistischen Touch kommt eine Reihe unstrittig sinnvoller Forderungen, die den relativ großen Zuspruch von linker Seite erklären. Wer wäre hier nicht für einen Ausbau der sozialen Gesundheitsinfrastruktur oder eine „solidarische Finanzierung“ der Maßnahmen durch eine europaweite Covid-Solidaritätsabgabe auf hohe Vermögen und Gewinne?

Und natürlich wäre es sinnvoll, Lockdown-Maßnahmen stärker auf die Wirtschaft auszudehnen, statt vorwiegend private Kontakte, Kultur, Sport und Freizeit einzuschränken oder gar ‒ wie bei Aufständen oder Krieg ‒ nächtliche Ausgangssperren zu verhängen. Während Ordnungshüter sogar Jagd auf Schlittenfahrer ohne Masken machten, werden Schutzmaßnahmen in Betrieben kaum kontrolliert.[3] Da zu Hause und am Arbeitsplatz die Ansteckungsgefahr am größten ist, wäre es sicherlich effektiver, größere Firmen oder Abteilungen in „nicht dringend erforderlichen Bereichen der Wirtschaft“ für ein paar Wochen zu schließen, als Museen, kleine Läden oder Fitnessstudios. Allerdings würde auch dies vor allem auf Kosten derer gehen, die in diesen Bereichen ihren Lebensunterhalt verdienen.

… soziale Hoffnungen in einen „autoritären Covid-19-Staat“

Um die sozialen Folgen abzufedern, fordert der Aufruf daher eine vollständige soziale Absicherung gegen die Shutdown-Folgen. Ein „umfassendes Rettungspaket für alle“ sei nötig. Die Menschen, die von den Auswirkungen besonders hart betroffen würden, „wie Menschen mit niedrigen Einkommen, in beengten Wohnverhältnissen, in einem gewalttätigen Umfeld, Obdachlose“, sollen besonders unterstützt werden. Wer im Shutdown „besonders viel Betreuungs- und Sorgearbeit“ leiste, „soll durch gemeinschaftliche Einrichtungen entlastet werden.“

Das Forderungspaket für den „solidarischen Shutdown“ lässt kaum etwas aus, was schon lange wünschenswert wäre. Der Aufruf zeuge damit „von gutgläubigem Vertrauen, dass die Regierenden es schon richten werden, wenn wir ihnen nur die richtigen Ratschläge erteilen“, so der Soziologe Rudolf Bauer in seiner Kritik an dem Aufruf. Doch warum sollte nun plötzlich durchsetzbar sein, was in einem ganzen Pandemie-Jahr nicht gelungen ist? Viel wahrscheinlicher ist doch, dass die Corona-Hardliner in Bund und Ländern die Unterstützung für einen längeren und strengeren Lockdown gerne annehmen, die sonstigen Forderungen aber weiterhin ignorieren und sich die Lage der ohnehin schon Gebeutelten noch weiter verschärfen würde.

Unberücksichtigt bleibt ohnehin eine Vielzahl weiterer Probleme, die Shutdowns mit sich bringen können, darunter schwerwiegende soziologische, psychologische und verfassungsrechtliche Folgen. Letztlich erhält „der autoritäre Covid-19-Staat“, wie Karl Reitter in Telepolis feststellte, auf diese Weise nur eine „linke Flankendeckung“. Schleierhaft ist auch, woher die Initiatoren die Illusion nehmen, es könnte „eine gemeinsame Strategie in Europa“ ‒ bzw. in der hier wohl gemeinten Europäischen Union ‒ geben. Dies geht schließlich völlig an der realen Verfassung des Staatenbündnisses vorbei.

Regierungsberater drängen auf „NoCovid“-Strategie

ZeroCovid orientiert sich an der europaweiten Initiative „Contain COVID-19“. Zu deren Unterstützerkreis gehört das Gros der Wissenschaftler, die die Bundesregierung als Berater ausgewählt hat. Ihr Aufruf zu einer „europäischen Strategie zur raschen und nachhaltigen Reduktion der COVID-19-Fallzahlen“, der am 18.12.2020 in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet erschien, wurde u.a. von den Virologinnen Melanie Brinkmann und Sandra Ciesek und den Physikern Viola Priesemann und Michael Meyer-Hermann verfasst.[4] Christian Drosten war einer der ersten Unterzeichner. Einen Monat später legten die deutschen Autoren noch eine „No-Covid-Strategie“ nach.[5]

Im Unterschied zu ZeroCovid wollen die Autoren, zu denen mit Clemens Fuest auch der Chef des wirtschaftsnahen „ifo Instituts für Wirtschaftsforschung“ zählt, die Wirtschaft möglichst wenig belasten. Sofern Schutzmaßnahmen getroffen werden können, sollen Unternehmen des produzierenden Gewerbes geöffnet bleiben. „Wegen der hohen volkswirtschaftlichen Kosten von Lockdown-Maßnahmen dürfen Schließungen von industriellen Produktionsstätten nur als letztes Mittel dienen“, heißt es in Teil 2 des Strategiepapiers zu „Handlungsoptionen“.[6]

Durch einen rigiden, flächendeckenden Lockdown müsse die Zahl der wöchentlichen „Neuinfektionen“ zunächst auf weniger als 10 pro 100.000 Einwohner gedrückt werden. Ab dann könne ein Zonenkonzept greifen, wonach in einzelnen Zonen bei weiterem Sinken der Infektionszahlen die Restriktionen stufenweise entfallen würden. Nach 14 Tagen ohne einen neuen Fall dürfte in diesen, dann als „Grüne Zonen“ geltenden Gebieten der Lockdown vollständig aufgehoben werden. Durch konsequente „Mobilitätskontrollen, Tests und Quarantäneregelungen“ müsse vermieden werden, dass wieder neue Infektionen in bereits virusfreie Gebiete eingeschleppt werden. Die „Grünen Zonen“ würden sich dadurch, so die Theorie, immer weiter ausbreiten.

Die Pandemie könne viel leichter mit „Testen, Kontaktnachverfolgung und Quarantänisierung“ unter Kontrolle gehalten werden, so das zentrale Argument der „NoCovid“-Protagonisten, wenn es nur noch sehr wenige Infektionen gäbe. Es habe „klare Vorteile, wenn man das Virus komplett los“ sei. Dem würde wohl niemand widersprechen. Die Frage ist nur, wie man dies in Ländern, in denen sich der neue Erreger längst flächendeckend ausgebreitet hat, erreichen kann. Der überwiegende Teil von Fachleuten geht davon aus, dass das neuartige Coronavirus endemisch wird, wir also dauerhaft mit ihm leben müssen.[7]

„NoCovid“-Illusion: Infektionen in wenigen Wochen auf null

Den Autoren zufolge scheint „NoCovid“ jedoch nur eine Frage des Willens zu sein. Die politischen Verantwortlichen wie auch die Bevölkerung müssten sich nur dazu verpflichten.[8] Mit „verstärkten und v.a. konsequenter umgesetzten Maßnahmen“ könne man, so ihre mutige Prognose, „in wenigen Wochen auf 10 pro 100.000“ kommen.[9] Im australischen Melbourne z.B. seien es von da ab nur noch weitere vier Wochen bis zu einer „stabilen „Inzidenz von 0“ gewesen.

Ihre Strategie sei daher letztlich verhältnismäßiger und schonender als dauernd wiederkehrende oder verlängerte Lockdowns. Sie würde zwar noch schärfere Restriktionen erfordern, jedoch nur für kurze Zeit. Dass so etwas in auch Deutschland möglich wäre, habe sich im Sommer gezeigt, wo ja auch „bereits eine Inzidenz von 2,5 erreicht“ worden sei. Die aktivistischen Wissenschaftler übersehen dabei aber geflissentlich, dass die niedrige Zahl im Wesentlichen der warmen Jahreszeit zu verdanken war. Im Herbst konnte sie trotz Kontaktnachverfolgung, Quarantäne etc. nicht gehalten werden.

Nicht vergessen sollte man auch, dass Brinkmann, Priesemann & Co. Anfang Dezember letzten Jahres in der Leopoldina-Stellungnahme prognostiziert hatten, ein dreiwöchiger Lockdown würde die Infektionsrate wieder auf ein handhabbares Niveau drücken. Viele renommierte, praxis-bezogene Fachleute hatten es damals bereits für illusorisch gehalten, im Winter dauerhaft unter die von der Regierung anvisierte Rate von 50 corona-positiven Fällen pro Woche zu kommen.[10] Sie mitten in Europa sogar unter 10 zu drücken, wäre selbst mit den strengsten vertretbaren Kontaktbeschränkungen nicht zu schaffen. Man kann die zwischenmenschlichen Kontakte einfach nicht so stark minimieren ‒ nicht zu Hause und auch nicht bei der Arbeit. Dazu bleiben in einem modernen Staat zu viele Bereiche für die Grundversorgung zwingend nötig.[11]

Wirkung strenger Lockdowns gering

Der geringe Einfluss der bisherigen, teilweise schon sehr rigiden und lange anhaltenden Lockdowns auf das Infektionsgeschehen in den europäischen Ländern spricht ebenfalls nicht dafür, dass eine weitere Verschärfung die erhoffte Wirkung zeigen würde. Vergleiche zwischen Regionen einzelner Länder mit nahezu gleichen Maßnahmen oder zwischen Ländern mit unterschiedlichen lassen mehreren Studien zufolge kaum einen Zusammenhang zwischen der Verhängung strenger Lockdowns und der Entwicklung der Fallzahlen erkennen. Staatlich verordnete rigide Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen, Ausgangssperren und Schließungen haben offenbar keine Wirkung, die nennenswert über die gängigen milderen hinausgeht, die fast überall angewandt werden: Verbot großer Veranstaltungen, Kontaktnachverfolgung und mehr Homeoffice sowie freiwillige Regeln, wie bei ersten Anzeichen einer Krankheit zuhause bleiben, ggf. Selbstisolierung und Verständigung eigener Kontakte.[12] Tatsächlich hat Schweden ohne Lockdown seit langem prozentual weniger Corona-Tote pro Woche zu beklagen als Italien, Frankreich oder Deutschland. In Texas sind die Zahlen der Neuerkrankungen, Todesfälle, Krankenhausaufenthalte und Belegung der Intensivstationen unter die der meisten anderen US-Bundesstaaten gefallen, obwohl dort Anfang März alle Corona-Anordnungen aufgehoben wurden.

Infektionsschutz durch rigides Kontrollsystem

Auch die Prognose, die Infektionsraten könnten, sobald sie nahe null gedrückt wurden, problemlos und ohne größere Einschränkungen für die Bevölkerung unten gehalten werden ‒ ungeachtet sonstiger Umstände wie saisonale Einflüsse ‒ ist ziemlich gewagt. Sorgfältige Kontaktverfolgung würde dafür nicht reichen. Nötig wären auch rigide Kontrollen an den Zonengrenzen. Die Menschen in „Grünen Zonen“ könnten zwar vor Ort wieder weitgehend in die Normalität zurück, dürften diese aber kaum verlassen. Besuche von außerhalb würden dann wohl, wie Andreas Rosenfelde in „Die No-Covid-Dystopie“ (Welt, 21.01.2021) ausführt, von einer Art Grenzpolizei abgefangen, die an den Ausfallstraßen Kontrollpunkte errichten müsste. Außengrenzen, Häfen und Flughäfen müssten weitgehend geschlossen bleiben, Polizei und Kontrollbehörden massiv ausgebaut werden.

#ZeroCovid könnte nur mit einem gnadenlosen Polizeistaat durchgesetzt werden“, so Karl Reitter auf Telepolis[13] und Thomas Gerlach spricht in der taz daher auch von einer „halbtotalitären Fantasie“. „Der Big Brother, also der Präventionsstaat, der sich zuvor mit Video- und Kommunikationsüberwachung, Vorratsdatenspeicherung und Gen-Dateien bei vielen verdächtig gemacht hatte“, werde nun, wie Heribert Prantl feststellte, von den Null-Covid-Protagonisten als „Freund und Partner“ gesehen und viele „schauen mit sehnsüchtigen Augen nach Fernost“, wo er „noch viel bigger ist“.

Beispiele von Null-Covid-Ländern nicht übertragbar

Als Beleg für die Richtigkeit ihrer „No-Covid“-Strategie berufen sich ihre Autoren darauf, dass sie schon in einer Reihe von Ländern erfolgreich angewandt worden sei. Neben den asiatischen Ländern Taiwan, Vietnam und Südkorea werden vor allem Neuseeland und Australien ins Feld geführt. Die Behauptung, die beiden Länder seien, da ebenfalls parlamentarische Demokratien, mit den europäischen sehr gut vergleichbar, entbehrt jedoch jeglicher Grundlage. In der gegenüberliegenden Hemisphäre liegend haben sie nicht nur andere Jahreszeiten und klimatische Verhältnisse, sie sind auch sehr viel dünner besiedelt und haben keine Landgrenzen.[14]

Es ist sicherlich richtig, dass eine Reihe von Ländern auf eine neue Pandemie besser vorbereitet war als die europäischen, und klüger reagierte. Alle, die eine größere Ausbreitung des Virus weitgehend verhindern konnten ‒ neben den aufgezählten auch Kuba ‒ verdankten dies in erster Linie der schnellen Schließung ihrer Grenzen. Die meisten von ihnen waren Inseln und hatten es daher dabei relativ leicht.[15]

Dazu kam bei allen noch das Glück, von einer frühen Ausbreitung des Virus verschont geblieben zu sein. In den europäischen Ländern, die im Frühjahr besonders hart getroffen worden waren, wie Italien, Spanien, Frankreich oder Schweden, hatte sich der Erreger schon sehr früh ausgebreitet, noch bevor die Gefahr überhaupt bekannt war, in manchen Regionen wahrscheinlich schon ab November 2019.[16]

In Neuseeland wurde der erste Fall hingegen erst am 28. Februar 2020 registriert. Als die dortige Regierung Mitte März ‒ gleichzeitig mit den meisten europäischen Ländern ‒ einen strikten Lockdown verhängte, waren nur 3 Wochen vergangen. Bis dahin waren in der abgelegenen Pazifikinsel mit ihren fünf Millionen Einwohnern nur 50 Corona-Fälle, d.h. einer pro 100.000 registriert worden und noch kein Todesfall. Ähnlich war die Situation in Australien, wo die Zahl der gemeldeten Fälle pro Einwohner nur wenig höher war. In Italien hingegen waren zu diesem Zeitpunkt bereits 900 Fälle und 80 Tote pro 100.000 Menschen gemeldet worden und in Spanien 550 Fälle und 30 Tote. Die weitere Ausbreitung des Virus war hier mit vertretbaren Mitteln kaum noch zu stoppen.

In Neuseeland identifizierten Forscher zwar in den ersten Monaten Hunderte von separaten Virus-Einschleppungen. Die meisten hatten aber höchstens eine weitere Ansteckung ausgelöst. In anderen Ländern initiierten oft einige wenige sogenannte „Superspreader“ massenhafte Ausbrüche mit Hunderten von Infizierten. Neuseeland hatte Glück und blieb davon verschont.[17]

Wer auf die niedrigen Infektionszahlen in Neuseeland verweist, sollte nicht unerwähnt lassen, dass die Regierung in Wellington zur Durchsetzung der strengen Beschränkungen ein ziemlich umstrittenes Gesundheitsmaßnahmen-Gesetz verabschiedete. Es ermächtigt die Strafverfolgungsbehörden u.a., Wohnungen jederzeit auch ohne Durchsuchungsbeschluss zu betreten. Die Lockdown-Einschränkungen sind zwar seit September außer Kraft, die Grenzen aber immer noch geschlossen. Auch in Australien gilt noch immer ein Einreiseverbot für Ausländer. (Anmerkung der Redaktion: Am gestrigen 19. April startete der seit Pandemiebeginn erstmalige quarantänefreie Reiseverkehr zwischen Neuseeland und Australien.)

Sehr deutlich zeigt sich dieses grundsätzliche „Null Covid“-Dilemma am Beispiel Kuba. Die Insel konnte durch strikte Einreisebeschränkungen die Zahl der Corona-Fälle bis November letzten Jahres ebenfalls sehr niedrig halten. Es musste sich aber wegen dringend benötigter Devisen wieder vorsichtig für den Tourismus öffnen. Seitdem sind die Neuinfektionen, trotz strenger Schutzmaßnahmen bei der Einreise, deutlich gestiegen.

Fehlender Blick auf Verhältnismäßigkeit

Null-Covid-Aktivisten untermauern ihre Forderung nach einem strengeren Lockdown moralisch mit dem Verweis auf die hohe Zahl von Corona-Toten, die die bisherige, zu lasche Politik gefordert habe. Weitere Tote müssten durch rasche Senkung der Infektionszahlen auf null verhindert werden. Mit dem ausschließlichen Fokus auf diese Toten wird dem alles andere faktisch untergeordnet.

In ihrer Fixierung auf die Opfer von Covid-19 verkennen sie das volle Ausmaß gesundheitlicher, psychischer und sozialer Folgen der bisherigen Lockdown-Maßnahmen und Panikmache, die ebenfalls viele Todesopfer und den Verlust von Lebensjahren fordern können ‒ u.a. durch Zunahme von Armut, Depressionen, Drogenkonsum und häusliche Gewalt oder Angst vor Arztbesuchen.[18]

Dabei müsste, so die „COVID-19 Data Analysis Group“ (CoDAG) an der Uni München in ihrer kritischen Stellungnahme zur NO-COVID-Strategie, bei jeder Maßnahme an allererster Stelle sichergestellt werden, dass sie zumindest nicht mehr schadet als nützt. Doch auch die ZeroCovid-Kampagne übernimmt völlig unkritisch das offizielle Narrativ über die Covid-19-Gefahren und unterlässt eine Abschätzung der Verhältnismäßigkeit von Maßnahmen.

Selbstverständlich ist Covid-19 eine gefährliche Krankheit, die in einigen europäischen Ländern zu Übersterblichkeiten im letzten Jahr von über 12 Prozent beitrug. Der neue Erreger ist andererseits aber auch kein Killervirus. In vielen Ländern blieb die Übersterblichkeit glücklicherweise, trotz hoher Corona-Fallzahlen, moderat ‒ zum guten Teil sicherlich aufgrund wirksamer Schutzmaßnahmen. Dem Zentrum für evidenzbasierte Medizin der Universität Oxford zufolge betrug die altersadjustierte Übersterblichkeit im Jahr 2020 in Deutschland 3,3 Prozent, in Schweden, dessen Verzicht auf Lockdowns ständig als verantwortungslos angeprangert wird, sogar nur 1,5%.[19] In absoluten Zahlen waren es in Deutschland ca. 27.400 zusätzliche Sterbefälle, d.h. etwas mehr als die 25.000, die für die schwere Grippesaison 2017/2018 geschätzt wurden. Sie können keineswegs allein auf Covid-19 zurückgeführt werden. U.a. können auch Lockdown-Maßnahmen und Hysterie dazu beigetragen haben. Die Übersterblichkeit von August bis Oktober, als wenige Corona-Tote gezählt wurden, könnte z.B., so die Initiative Qualitätsmedizin, auf verspätete Behandlungen während der vorhergehenden Monate zurückzuführen sein.

Forscher des RKI kommen in einer neuen Studie über die „durch Tod und Krankheit verlorenen Lebensjahre im Verlauf der Pandemie“ zum Schluss, dass der Verlust an Lebensjahren durch COVID-19 „im Jahr 2020 unterhalb des üblichen Verlusts an Lebenszeit durch weitere wichtige Todesursachen“ blieb. „Die Analyse der Übersterblichkeit legt aber nahe, dass die COVID-19-Pandemie am Ende des Jahres 2020 etwa das Niveau schwerer Influenzawellen erreicht hat.“ [20]

Zum Mythos erklärt: Schutz von Risikogruppen

In Deutschland geht die leichte Übersterblichkeit vor allem auf eine starke Zunahme von Todesfällen bei den über 80-Jährigen zurück.[21] Im ZeroCovid-Aufruf ist vom Schutz der Menschen mit einem besonders hohen Risiko, an Covid-19 zu sterben, keine Rede. Im Strategiepapier von Brinkmann, Priesemann & Co. wird er einfach für nicht praktikabel erklärt, indem sie den Umfang der Risikogruppen großzügig auf 40 Prozent der Gesamtbevölkerung schätzen. Die Vorstellung, man könne, wie von vielen Fachleuten seit Monaten gefordert, die vulnerablen Gruppen schützen, sei ein „Mythos“. Der einzig wirksame Schutz könne nur darin bestehen, die Infektionszahlen in der gesamten Bevölkerung gegen Null zu drücken.

Tatsächlich kommen aber fast 70 Prozent aller Covid-19-assoziierten Todesfälle aus der Altersgruppe der über 80-Jährigen.[22] Diese umfasst mit 5,7 Millionen Menschen nur 6,8 Prozent der Bevölkerung. Allein 28 Prozent aller Corona-Toten stammen aus dem kleinen Kreis von 850.000 Senioren und Seniorinnen, die in Alten- und Pflegeheimen wohnen. [23] Ihr Anteil hatte im Laufe des letzten Jahres sogar noch stark zugenommen und lag im November bei zwei Drittel, in Schleswig-Holstein sogar bei fast 90 Prozent.[24]

Melderaten pro 100.000 Personen in der jeweiligen Alterskohorte in den Kalenderwochen 10-53 2020 ‒ Quelle RKI-Berichte/Schrappe et. al, Thesenpapier 7.0

Dies lässt sich nicht einfach auf ihre höhere Sterblichkeit durch das Virus zurückführen. Wenn ausgerechnet die über 80-Jährigen Ende letzten Jahres den höchsten Anstieg an Infektionen verzeichneten, so weist dies eindeutig auf eine sträfliche Vernachlässigung ihres Schutzes hin. Die Lockdown-Maßnahmen nützen den Älteren offensichtlich nichts, konstatierte die CoDAG bereits Anfang Dezember.[25]

Dabei zeigt die Priorisierung bei der Impfreihenfolge, dass durchaus bekannt war, wie begrenzt der Kreis der vulnerabelsten Menschen ist. Und Beispiele wie in Tübingen zeigen, dass ihr Infektionsrisiko sehr wohl durch zielgerichtete Schutzmaßnahmen stark gesenkt werden kann.

Nachdem mittlerweile fast alle Bewohner der Alten- und Pflegeheime und die meisten über 80-Jährigen entweder infiziert waren oder geimpft wurden (viele gar sowohl als auch), ist die Zahl der wöchentlichen Corona-Toten unter ihnen drastisch gesunken und damit auch die gesamte Zahl über alle Altersgruppen. Sie stieg bisher auch ungeachtet der Warnungen vor einer „Dritten Welle“ seit Anfang März nur wenig wieder an.

Durch den Schutz der gefährdetsten Gruppen hat sich die Lage somit generell schon etwas entspannt. Mit der steigenden Zahl von Menschen, die durch Impfung ‒ oder auch einer überstandenen Infektion ‒ vor schweren Erkrankungen geschützt sind, verliert die Zahl der Neuinfektionen an Relevanz. [26] Dies gilt noch mehr für die wöchentliche Melderate der meist symptomlos bleibenden positiv Getesteten, die irreführend als „7-Tage-Inzidenz“ bezeichnet wird. Dennoch droht eine Verschärfung des Infektionsschutzgesetzes, die diese Rate zum Maßstab macht.

Es wäre zu wünschen, dass die ZeroCovid-Aktivisten nicht länger den autoritären Tendenzen der Exekutive durch Forderungen nach schärferem Lockdown und Pochen auf unrealistische Ziele Rückendeckung geben, sondern sich auf ihre sozialen Forderungen konzentrieren. Sie könnten sich so gemeinsam mit Kritikern der Corona-Politik gegen deren soziale Schieflage engagieren, sowie gegen die Missstände im Gesundheitswesen, in der Pflege etc., die in der Pandemie ja besonders deutlich zutage traten.

Titelbild: Black Salmon/shutterstock.com


[«1] CODAG Bericht Nr. 11, COVID-19 Data Analysis Group (CODAG), Uni München,19.03.2021

[«2] Alex Demirović, Warum die Forderung nach einem harten Shutdown falsch ist, AK, 18.1.2021, s. auch Werner Rügemer, Korruption, Ausbeutung und Arbeitsunrecht – die Profiteure der Corona-Krise, RT, 6.4.2021

[«3] Korruption, Ausbeutung und Arbeitsunrecht – die Profiteure der Corona-Krise, Interview mit Werner Rügemer, RT, 6.4.2021

[«4] Melanie Brinkmann, Sandra Ciesek, Viola Priesemann, Wir müssen das Spiel drehen!, DIE ZEIT, Nr. 52/2020, 10.12.2020

[«5] Null-Fälle-Strategie soll Deutschland aus der Corona-Krise führen, Die Zeit, 18.1.2021
No-Covid-Strategie: Ohne das Virus leben ist das Ziel, Die Zeit, 20.1.2021

[«6] Fuest, Clemens et al., Eine neue proaktive Zielsetzung für Deutschland zur Bekämpfung von SARS-CoV-2 2. Teil: Handlungsoptionen, ifo-Institut, 10.2.2021

[«7] s. Umfrageergebnis unter 119 Immunologen, Epidemiologen und Virologen aus 23 Ländern in The Coronavirus will become Endemic, Nature | Vol 590 | 18.2. 2021

[«8] Heinz Bude, Ja zum Nein zum Virus, taz, 21.1.2021

[«9] No-Covid-Strategie: Eine neue proaktive Zielsetzung für Deutschland zur Bekämpfung von SARS-CoV-2, Version 1.0, 18.1.2021,

[«10] Coronavirus: Angela Merkel erntet scharfe Kritik von Virologe Klaus Stöhr – „Zielwert illusorisch“, Merkur, 25.01.2021

[«11] No-Covid: Epidemiologe Gérard Krause, erklärt, warum diese Strategie in Deutschland nicht funktioniert, Welt, 21.01.2021

[«12] CODAG Bericht Nr. 7, 21.1.2021, J. Guilliard, Studie von Ioannidis und Kollegen sieht keine Wirkung von Lockdowns, Nachgetragen, 18.1.2021

[«13] Karl Reitter , #ZeroCovid und der autoritäre Corona-Staat, Telepolis, 16.2.2021

[«14] G. Kauermann, H. Küchenhoff, A. Hoyer, R. Brinks, U. Berger, Stellungnahme zur NO-COVID Strategie, COVID-19 Data Analysis Group, 26.01.2021

[«15] The Zero Covid Countries , Swiss Policy Research, 7.12.2020

[«16] J. Guilliard, Corona-Sterblichkeit: Unterschiede zwischen Ländern zum guten Teil Zufall, Nachgetragen, 8.1.2020

[«17] s. K: The Overlooked Variable That’s Driving the Pandemic, The Atlantic, 30.9.2020

[«18] s. u.a. Christof Kuhbandner, Über die ignorierten Kollateralschäden von Lockdowns , Telepolis, 21.12.2020
Einer Studie von Ari Joffe , klinischer Professor für pädiatrische Intensivmedizin, sind die Schäden 5-10 Mal höher, COVID-19: Rethinking the Lockdown Groupthink, Frontiers in Public Health, 26.2.2021

[«19] Excess Mortality across Countries in 2020, Centre for Evidence-Based Medicine CEBM, 3.3.2021

[«20] COVID-19-Krankheitslast in Deutschland im Jahr 2020, Deutsches Ärzteblatt 9/2021, 5.3.2021

[«21] CODAG Bericht Nr 8, 05.02.20211

[«22] Todesfälle nach Sterbedatum, RKI, Stand 26.3.2021

[«23] Matthias Schrappe et. al, Thesenpapier 7.0 zur Pandemie durch SARS-CoV-2/Covid-19, 10.1.2021

[«24] Zwei Drittel der Corona-Toten im November betreffen Altenheime, Hessenschau, 20.11.20 , Zahlen aus Schleswig-Holstein Fast 90 Prozent der Corona-Toten aus Heimen, n-tv, , 18.12.2020

[«25] s. Marc Schneble, Goeran Kauermann, Problematische Entwicklung der Fallzahlen bei den Hochbetagten – Die bisherigen Corona-Maßnahmen verfehlen notwendigen Schutz der Ältesten, in CoDAG Bericht 4, 11.12.2020

[«26] s. Schrappe et. al., Zentralisierte Willkür: Über den Entwurf eines 4. Bevölkerungsschutzgesetzes, 2. Ad hoc-Stellungnahme zum 4. Bevölkerungsschutzgesetz, 14.4.2021