Afghanistan. 20 Jahre Krieg. „Für die Katz“ und weit über 100.000 Opfer
Afghanistan. 20 Jahre Krieg. „Für die Katz“ und weit über 100.000 Opfer

Afghanistan. 20 Jahre Krieg. „Für die Katz“ und weit über 100.000 Opfer

Albrecht Müller
Ein Artikel von: Albrecht Müller

Der Kriegseinsatz ist abgebrochen worden, von den USA und dann auch von Deutschland. Es wurden Milliarden verpulvert. 12,5 Milliarden waren es allein von deutscher Seite bis April 2021. Ca. 2 Billionen, also 2000 Milliarden US-Dollar – das sind die Kosten der USA. 59 deutsche Soldaten sind umgekommen, 2.442 US-Soldaten, geschätzte 50.000 Taliban-Kämpfer, 111.000 Zivilisten allein seit 2009. Die genannten Zahlen sind Anhaltspunkte. Eine gute Übersicht, auch über Fehlentscheidungen, bot die Deutsche Welle am 30.6.2021 in diesem Artikel. Die Alliierten einschließlich der NATO haben sich ins Zeug gelegt und jetzt erobern die Taliban eine Stadt und eine Region nach der anderen. Um die Afghanen, die für die deutschen Militärs gearbeitet haben und die deshalb jetzt bedroht sind, kümmert man sich halbherzig. Das gesamte Unternehmen ist ein Beleg dafür, dass Auslandseinsätze der Bundeswehr grundsätzlich zur Disposition gestellt werden müssen. Wo ist diese grundsätzliche Diskussion in den deutschen Medien? Albrecht Müller.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Das Gegenteil findet statt: Beschönigung, Verständnis, keine an die Wurzel gehenden kritischen Fragen. Ein Musterbeispiel dafür ist ein Interview des Deutschlandfunks mit der Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer von heute früh. Wenn Sie am Thema interessiert sind, dann sollten Sie sich dieses Interview mal anhören.

Der interviewende Journalist Jörg Münchenberg stellt die Grundsatzfrage nach dem Sinn solcher Auslandseinsätze nicht. Immerhin fragt er: War es das wert? Die Bundesverteidigungsministerin antwortet u.a.,

  1. die Bundeswehr habe ihre Aufgabe erfüllt,
  2. 20 Jahre lang sei kein Terrorismus mehr exportiert worden,
  3. eine Generation sei in Freiheit aufgewachsen.

Die Antwort zu a. ist eine pauschale oberflächliche Beurteilung. Die Antwort zu b. Ist albern. Terroranschläge sind nicht auf ein Land angewiesen; im konkreten Fall reicht schon das Nachbarland Pakistan oder andere Länder wie der Irak. Die Antwort zu c. ist eine löchrige Behauptung. Über 100.000 tote Zivilisten sind ein Opfer, das die Behauptung Lügen straft. Wenn so viele Menschen umkommen, dann sind viele Familien betroffen. Von „in Freiheit aufwachsen“ kann man nur sprechen, wenn man die Sache oberflächlich betrachtet. Der Interviewende hakt nicht nach.

Immerhin fragt er einigermaßen hart nach beim Thema Ortskräfte, die im Stich gelassen worden sind. Die Antworten der Verteidigungsministerin zeugen von einem intakten Verschiebebahnhof der Verantwortung zwischen dem Arbeitgeber Bundeswehr und der afghanischen Regierung wegen nicht ausgestellter Reisepässe.

Zurück zum Kern dieses Beitrags: die Katastrophe von Afghanistan wird weder von der deutschen Politik noch von den Medien dazu genutzt, die Grundsatzfrage danach zu stellen, ob solche militärischen Einsätze überhaupt einen Sinn machen. Vor 20 Jahren Soldaten in die Region zu schicken und jetzt abzuziehen, nachdem sich gezeigt hat, dass sich nichts zum Besseren gewendet hat und offenbar alles versäumt worden ist, was dem Land Frieden hätte bringen können, das ist ein Armutszeugnis für alle in dieser Zeit Verantwortlichen.

Unsere Medien diskutieren diese Grundsatzfragen nicht. Sehr viel mehr haben sie sich dafür interessiert, ob der Empfang der zurückkehrenden Soldaten angemessen war. Siehe beispielsweise hier:

‚Politik habe „so gut wie alles falsch gemacht”.

Kritik wegen mangelnder Würdigung der Afghanistan-Rückkehrer‘

Die Kritik bezieht sich also nicht auf den Afghanistan-Einsatz, was nötig wäre, sondern auf die Würdigung der Heimkehrer.

P. S.: Zur weiteren Information noch dieser Zusammenschnitt verschiedener Meldungen durch den Deutschlandfunk

Vormarsch der Taliban. Kramp-Karrenbauer: „Müssen Lehren aus Afghanistan-Einsatz ziehen“

12. August 2021

Titelbild: udra11 / Shutterstock

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