Ein Wochenende tumber Meinungsmache zur Bundestagswahl
Ein Wochenende tumber Meinungsmache zur Bundestagswahl

Ein Wochenende tumber Meinungsmache zur Bundestagswahl

Albrecht Müller
Ein Artikel von: Albrecht Müller

Am Samstag empfing die CSU den gemeinsamen Kanzlerkandidaten Laschet mit arrangiertem Applaus. Dementsprechend wurde dann Laschets Rede als der große Durchbruch gefeiert. Basis des Laschet-Wunders von Nürnberg war ein fundamentaler Angriff auf die SPD wegen angeblichen Totalversagens in der Vergangenheit und auf die mögliche Beteiligung der Linkspartei an einer künftigen Koalition. An diesem seidenen Faden hängt das Schicksal unserer Nation! Diesen Eindruck musste man auch beim Einstieg in das sogenannte Triell von gestern Abend gewinnen. Albrecht Müller.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Neun Minuten lang ging es am Anfang dieser von Maybrit Illner für das ZDF und von Oliver Köhr für die ARD moderierten Sendung mit den 3 Kanzlerkandidaten um die mögliche Koalitionsbildung und vor allem um die Beteiligung der Linkspartei an einer künftigen Koalition. Die Linkspartei war an dieser Debatte nicht beteiligt. Trotzdem wurde von beiden Moderatoren diese harmlos gewordene Partei zunächst einmal zum großen Thema dieser Sondersendung zur Bundestagswahl gemacht. Illner wollte von Annalena Baerbock sogar wissen, ob die Linke eine demokratische Partei sei.

Der Kanzlerkandidat der SPD und die Kanzlerkandidatin der Grünen erteilten einer Beteiligung der Linken an einer künftigen Regierung zwar keine Absage. Und Annalena Baerbock bekundete sogar, die Linkspartei sei eine demokratische Partei. Aber Scholz und Baerbock nutzten die Fragen, um sich gegenüber der Linkspartei abzugrenzen und insbesondere zu feurigen Bekenntnissen zum transatlantischen Bündnis; die NATO sei unverzichtbar und militärische Auslandseinsätze auch, meinten sie. – Das muss man sich einmal vorstellen: Das Militärbündnis, das in Afghanistan gerade den Beweis dafür abgeliefert hat, dass militärische Interventionen keine Lösung bringen, wird zu einem Kern eines potentiellen rot-grünen Bündnisses nach der Wahl hochstilisiert. Von den Moderatoren wurde diese Festlegung mit Zustimmung zur Kenntnis genommen.

So sind die tonangebenden Journalistinnen und Journalisten: Sie machen Stimmung gegen alles Linke und für das Militär und die NATO.

Im Zusammenhang mit der Debatte um Rot-Rot-Grün verweise ich auf diesen Artikel auf den NachDenkSeiten vom 02. September 2021: Schon wieder “Rote Socken“ – zieht diese üble Agitation noch einmal? Das ist offensichtlich das große Thema von Laschet. Siehe dazu auch den Anhang, einige der Berichterstattungen und Kommentare zum Auftritt von Laschet auf dem CSU-Parteitag.

Ein wahres Highlight im Triell war die Debatte um die Steuerpolitik, insbesondere um die von Scholz vertretenen Steuererhöhungen für Vielverdiener. Davor haben beide Moderatoren, also nicht nur Laschet, gewarnt. Illner: Die Unternehmer verlassen das Land. Oliver Köhr: Unternehmer werden aus dem Land getrieben. – Es ist ja insgesamt eine Zumutung – auch für uns Macher der NachDenkSeiten – eine solche Sendung anzuschauen und zuzuhören und sich darüber Gedanken zu machen. Aber dann kommt eben eine solche Überraschung des Wegs, dass zwei von Deutschlands großen Journalistinnen und Journalisten allen Ernstes glauben, ein Politiker wie Scholz dürfe nicht für höhere Steuern für ganz hohe Einkommen eintreten, weil diese Einkommensbezieher damit zur Steuerflucht getrieben würden. Von kundigen Journalisten hätte man an dieser Stelle erwarten können, dass sie stattdessen darauf hinweisen oder jedenfalls sich dessen erinnern, dass es gerade in der letzten Zeit wieder reiche und gut verdienende Personen gab, die für ihre Kreise höhere Steuern forderten. Siehe hier.

Im Anschluss an die Sendung Triell wurde im Heute Journal – wie das üblich zu werden scheint – die vorige Sendung, also das Triell behandelt. Beide Sender, ZDF und ARD, hatten während der Sendung Umfragen machen lassen. Der Ergebnisse dieser Umfragen bestätigten im großen Ganzen den Eindruck der sonstigen Wahlumfragen.

Infratest dimap hatte für die ARD gefragt, wer am sympathischsten und wer am kompetentesten erschienen ist. Siehe hier:

Baerbock wird als am sympathischen eingestuft, Scholz führend als der Kompetenteste.

Das ist einmal mehr ein Musterbeispiel dafür, wie mit Umfragen Meinung gemacht wird.

Anhang:

Stimmen zu Laschet und zum CSU-Parteitag vom 11.9.2021

  • Parteitag der CSU: Gestern noch Klotz am Bein
    Auf dem CSU-Parteitag liefert ausgerechnet Armin Laschet, was der Union fehlte: die große Erzählung. Die Zweifel am Kanzlerkandidaten scheinen plötzlich ausgeräumt.
    Von Mariam Lau, Nürnberg
  • Laschet hat geliefert

    Stand: 11.09.2021 17:51 Uhr

    Nach den Sticheleien aus der CSU hat Unions-Kanzlerkandidat Laschet mit seiner Rede auf dem CSU-Parteitag die Delegierten überzeugt. Die CSU-Spitze muss sich zurücknehmen, wenn sie die Wahl noch gewinnen will.

    Ein Kommentar von Kirsten Girschick, ARD-Hauptstadtstudio

    Es sei die “letzte Chance, noch die Trendwende zu schaffen”: So hatte Markus Söder die Messlatte für das Wochenende hochgelegt. Die Trendwende sollte gelingen mit einem Dreiklang – ein CSU-Parteitag im Kampfmodus, eine starke Rede von Armin Laschet und ein guter Auftritt beim Triell von ARD und ZDF am Sonntag. Damit verlagert Söder vorsorglich die Last der Verantwortung für die Trendwende auf die Schultern von Armin Laschet. …

  • FAZ
    CSU-PARTEITAG: Laschet hat den Saal auf seiner Seite
    Die Delegierten empfangen Armin Laschet mit Begeisterung. Dabei waren die vergangenen Wochen durchsetzt von skeptischen Signalen aus Bayern. Wie passt das zusammen?
  • Und nach der gestrigen Sendung stand im heutigen Handelsblatt Morning Briefing:
    Armin Laschet, Kandidat ohne Vertrauen

So schnell kann eine gemachte Stimmung verfliegen.