Syrien aushungern! Und andere Gründe für den Anstieg der Flüchtlingszahl
Syrien aushungern! Und andere Gründe für den Anstieg der Flüchtlingszahl

Syrien aushungern! Und andere Gründe für den Anstieg der Flüchtlingszahl

Albrecht Müller
Ein Artikel von: Albrecht Müller

Die meisten Menschen merken wahrscheinlich gar nicht, wie zynisch sie mit den Berichten über Flüchtlinge und „Machthaber“ Lukaschenko manipuliert werden. Gestern waren die Fernsehprogramme mal wieder voll von Berichten über die Not der Flüchtlinge an der Grenze zwischen Weißrussland und Polen, und heute sind die Zeitungen voll davon. Wie in den letzten Tagen schon mehrmals. Es werden Tränen vergossen, ohne dass man sich auch nur ein bisschen darum bemüht, darüber zu berichten, woher das Flüchtlingselend überhaupt kommt. Es kommt nicht vom Präsidenten Weißrusslands, Lukaschenko, den man übrigens gar nicht anders tituliert als mit „Machthaber“ oder „Diktator“. Das kann man machen, aber man sollte wenigstens endlich einmal die Fakten darstellen. Die Flüchtlinge kommen nicht wegen Lukaschenko, sondern wegen der großen Not in ihren Heimatländern. Albrecht Müller.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Vorweg noch: Was hier geschieht, ist ein Musterbeispiel für die Anwendung der Manipulationsmethoden, die in „Glaube wenig. Hinterfrage alles. Denke selbst“ beschrieben werden.

Glaube wenig, hinterfrage alles, denke selbst

Hier wird vor allem die Nr. 3 angewandt: „Geschichten verkürzt erzählen.“ – Das ist eine ungemein oft eingesetzte Methode der Manipulation.
Im konkreten Fall lässt man weg, davon zu berichten, warum die vielen Flüchtlinge nach Weißrussland und an die Grenze nach Polen, Europa und Deutschland drängen. Sie machen das ja nicht aus Lust und Dollerei. Sie machen das, weil sie zu Hause nicht mehr leben können.

Zum Beispiel: Weil der Westen 20 Jahre Krieg in Afghanistan geführt und Millionen Menschen ins Unglück gestürzt hat und ihnen die Lebensgrundlage genommen hat. Auch wir Deutschen haben daran mitgewirkt.

Zum Beispiel: Sie können im Irak nicht mehr leben, weil der Westen 2003, gegründet auf einer Lüge über die Politik Saddam Husseins, dieses Land überfallen hat.

Zum Beispiel: Syrien – ein Leben ohne Strom, Licht und Heizung. Das ist die Folge der westlichen Sanktionen. Und es ist vom Westen auch offen erklärt worden, dass dies gewollt ist, dass man dieses Land aushungern will. Und dann jammern jene, die diesen zynischen Umgang mit dem syrischen Volk eingeleitet haben und pflegen, über das schreckliche Los der Flüchtlinge an der weißrussisch-polnischen Grenze. Natürlich darf in den Berichten unserer Medien nicht fehlen, dass hinter den Machenschaften des Machthabers Lukaschenko Putin bzw. Moskau stecke. Gelegentlich variiert man die manipulierenden Schuldzuweisungen. Und man kommt dabei in der Regel ohne Belege aus.

Bernd Duschner, der in Pfaffenhofen an der Ilm mit anderen zusammen eine Organisation auf die Beine gestellt hat, die in Syrien konkret mit der Unterstützung eines Krankenhauses hilft, hat die Zustände in diesem Land für die NachDenkSeiten aufgeschrieben. Er bittet zugleich um Unterstützung für dieses Hilfsprojekt:

Syrien: Ein Leben ohne Strom, Licht und Heizung
Mit unserer Solidarität die Sanktionen zu Fall bringen

Von Bernd Duschner

Die Zahl der Flüchtlinge steigt wieder. 100.278 Erstanträge auf Asyl vermeldet das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge für den Berichtszeitraum Januar-September 2021, eine Zunahme von 35,2% gegenüber dem Vorjahr. Auf Platz 1 stehen Flüchtlinge aus Syrien mit 40.472 Erstanträgen und einem Anstieg um 57,1%.[1] Das sollte nicht verwundern, hat sich doch die Not der syrischen Bevölkerung in diesem Jahr nochmals verschärft. Laut dem Welternährungsprogramm der UNO leiden inzwischen fast 60% der Bevölkerung in Syrien, 12,4 Millionen Menschen, Hunger [2]. Es gibt keinen Strom, keinen Treibstoff, kein Heizöl und die Lebensmittelpreise explodieren. Carol Tahhan, Leiterin des „Italienischen Krankenhauses“ in Damaskus, das wir als lokale Friedensgruppe seit 5 Jahren finanziell unterstützen, ist in Sorge um seine weitere Existenz. Ohne ausreichenden Diesel für die Notstromaggregate müsse das Krankenhaus schließen. Sie möchte zudem wieder mit unserer Hilfe Stoffe einkaufen, damit wie in den letzten Jahren Schneider vor Ort beauftragt werden können, Winterkleidung zur Verteilung an Bedürftige herzustellen.

(Kinder in Damaskus mit den geförderten Winterjacken)

Wir hatten dafür bereits die Ausbildung von 40 Schneiderinnen und ihre Ausstattung mit jeweils einer Nähmaschine finanziert.
Rechtzeitig vor dem Winter bitten wir deshalb um Spenden auf das Konto unseres Vereins „Freundschaft mit Valjevo“ bei der Sparkasse Pfaffenhofen, IBAN DE06 7215 1650 0008 0119 91, Stichwort „Krankenhaus Damaskus“.

Wie einem Volk die Lebensgrundlagen zynisch entzogen werden

Für unsere Medien ist der weißrussische Präsident Lukaschenko der Schuldige für die wachsende Zahl Flüchtlinge aus dem Nahen Osten.[3] Kein Wort verlieren sie über die Sanktionen, mit denen USA und EU seit über einem Jahrzehnt (!) die Wirtschaft Syriens zum Erliegen gebracht haben und bis heute jeden Wiederaufbau verhindern [4]. Seit dem Herbst 2019 halten US-Truppen zusätzlich die wichtigsten Ölfelder im Nordosten Syriens besetzt, wohl wissend, dass die syrischen Kraftwerke für die Stromversorgung ihres Landes auf dieses Öl angewiesen sind [5]. Die Folgen für die syrische Bevölkerung und Wirtschaft sind verheerend: Auf 2 Stunden Strom, so Carol Tahhan, folgen derzeit jeweils 6 Stunden Stromausfall. Zwar verfügt das Italienische Krankenhaus im Gegensatz zu der breiten Mehrheit der privaten Haushalte über eigene Stromgeneratoren. Der erforderliche Diesel ist jedoch genauso wie Heizöl für den kommenden Winter nur schwer zu bekommen und kaum zu bezahlen. Der Mangel an Treibstoff, Heizöl und Strom hat innerhalb der letzten 12 Monate zu einer Verdoppelung der Lebensmittelpreise geführt [6].

Die Regierung lässt eine streng rationierte Menge an Grundnahrungsmitteln wie Zucker, Reis und Fladenbrot in staatlichen Geschäften zu subventionierten Preisen an ihre Bürger ausgeben. Die Menge sei jedoch bei weitem nicht ausreichend, um den Hunger zu stillen. Geld für den Kauf von Gemüse, Obst oder gar Fleisch haben die meisten Menschen schon lange nicht mehr, berichtet Tahhan.

Zahlreiche Betriebe hätten in den vergangenen Monaten schließen müssen. Die Arbeitslosigkeit sei spürbar angestiegen und auf den Straßen könne man viele Bettler und Obdachlose sehen. Für die Bevölkerung sei das tägliche Leben unerträglich geworden: In den wenigen Stunden, in denen es Strom gäbe, müssen elektrische Geräte, Handys, Laptops usw. aufgeladen und die Arbeit in kürzester Zeit erledigt werden. Die Heimfahrt nach der Arbeit sei gefährlich, weil Ampeln und Straßenlaternen ausgeschaltet und die Straßen nicht beleuchtet sind.

Zu Hause haben die meisten syrischen Familien am Abend kein Licht. Wie sollen Schüler und Studenten unter diesen Bedingungen lernen? Sich nach Feierabend beim Lesen, Fernsehschauen oder Radiohören zu erholen, ist für die Familien nicht möglich.

Ein solcher Alltag ohne Strom, Licht und Heizung zermürbt. Auch ihr Krankenhaus, so Tahhan, haben kürzlich drei Ärzte verlassen, um im Ausland für sich und ihre Familien eine Zukunft zu finden. (Ergänzende Anmerkung Albrecht Müller: „Recht so, prima“, werden unsere Politiker und die meisten Medien sagen, „wir brauchen ja Fachkräfte. Warum nicht auch von Syrien!“)

Die Sanktionen werden ihr politisches Ziel nicht erreichen

Im Herbst 2012 war sich Heiko Wimmen von der „Stiftung Wissenschaft und Politik“, die die Bundesregierung in Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik berät, sicher, man könne Syrien mit Sanktionen in die Knie zwingen, weil „das Land ökonomisch schwach“, seine Wirtschaft „wenig diversifiziert und damit leicht angreifbar“ sei. Dabei machte er deutlich, dass Eile notwendig sei, und warnte, „dass in Zukunft eine zunehmend multipolare Ausrichtung der Welt und ein neues ökonomisches Machtgefüge die Durchsetzungskraft von Sanktionen aushöhlen könnten: Kriselt die Wirtschaft in der EU und den USA weiter, während einige Schwellenländer ihre ökonomische Blüte entfalten, könnte es für den Westen zunehmend schwierig werden, durch Sanktionen nicht nur an Werte wie Demokratie und Menschenrechte zu appellieren, sondern ihre Ziele auch tatsächlich durchzusetzen.“ [7]. (Beachten Sie diesen Zynismus.)

Es ist offensichtlich: Die Zeit, in der die USA mit ihren Verbündeten Länder der Dritten Welt aushungern und ihnen ihren Willen aufzwingen konnten, läuft ab. Das zeigt der Aufstieg Chinas, das Erstarken der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit, zu deren Mitgliedern jetzt der Iran gehört, die Niederlage und der Rückzug der USA aus Afghanistan. Auch die politische und wirtschaftliche Isolierung Syriens bröckelt: Immer mehr arabische und europäische Staaten, darunter Länder wie Serbien und Ungarn, normalisieren ihre Beziehungen mit Damaskus. Der für den Handel wichtige syrische Grenzübergang Jasib-Jaber nach Jordanien ist vor kurzem wieder geöffnet worden.

Humanitäre Hilfe verstärken, Beendigung der Sanktionen durchsetzen

Für die Friedensbewegung und jeden Humanisten gilt es in dieser kritischen Phase, die materielle Solidarität und die humanitäre Hilfe für das syrische Volk zu verstärken. Es gilt zu zeigen, dass auch bei uns in Deutschland mehr und mehr Menschen die Politik des Aushungerns und der politischen Erpressung ablehnen und sich von ihr distanzieren. Überall müssen wir die Forderung nach umgehender Aufhebung der menschenverachtenden und völkerrechtswidrigen Sanktionen erheben und mithelfen, sie nach 10 Jahren (!!!) endlich durchzusetzen.

Titelbild: Syrische Jungs mit spendenfinanzierter Winterkleidung


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