Ein Montagsspaziergang. Mein Staunen verwandelt sich allmählich in Entsetzen.

Wolfgang Bittner
Ein Artikel von Wolfgang Bittner

Von Wolfgang Bittner. – Am 21. März nahm ich an einem angemeldeten „Montags-Spaziergang“ in Göttingen teil. Den Ausschlag hatte ein Bericht in der Lokalzeitung gegeben, wonach sich Kritiker der Corona-Maßnahmen und „Querdenker“ den Vorwurf gefallen lassen müssten, „Mitläufer bei einer rechtsextremen Kampagne zu sein“. Zitiert wurde ein Politologe der Universität, der unter anderem behauptete: „Hier keinen Zusammenhang zu Antisemitismus und Rechtsextremismus zu sehen, ist schon sehr konstruiert“, eine „klassisch rechte Diskursstrategie“ sei, „rechtsextreme Bezüge zu verneinen“. Ich wollte mir ein Bild davon verschaffen, wer an diesen Veranstaltungen teilnahm, wie sie abliefen und was propagiert wurde.

Der Versammlungsort und Ausgang des Demonstrationszuges befand sich am Rande der Innenstadt. Wie den Transparenten und Schildern zu entnehmen war, sollte gegen nicht mehr und nicht weniger als die Impfpflicht sowie eine Ungleichbehandlung Geimpfter und Ungeimpfter demonstriert werden. Slogans waren: „Autonome Impfentscheidung!“, „Schluss mit den spaltenden Maßnahmen“ oder „Nein zur Impfpflicht!“ Ein Plakat hatte die Aufschrift: „Wird der Bürger unbequem, nennt man ihn gleich rechtsextrem“.

Göttingen zählt etwa 120.000 Einwohner, aber es waren trotz schönen Wetters lediglich ca. 250 Protestierende zusammengekommen. Mehrere waren mir bekannt, ganz normale, unverdächtige Bürger unterschiedlicher Herkunft und Profession. So verlief die Demonstration dann auch vollkommen ruhig und ohne Zwischenfälle. Abgeschirmt gegen lautstarke, aggressive Antidemonstranten wurde sie von einem übermäßig großen Polizeiaufgebot, das dann auch den gegen 18.00 Uhr beginnenden „Spaziergang“ begleitete. Durchgesagt wurde, man solle eine FFP2-Maske tragen.

Mir fiel auf, dass die Teilnehmer des Demonstrationszuges von der Polizei, die sich ansonsten zurückhielt, fotografiert wurden. Der Zug wurde durch die Vorstadt geleitet, nichts Aufregendes also, alles blieb ruhig. Ich ging mit Freunden in der Mitte des Zuges und wir unterhielten uns, als sich urplötzlich zwei junge martialisch wirkende Polizisten vor mir aufbauten und mir erklärten, ich hätte mich ordnungswidrig verhalten, weil ich die FFP2-Maske nicht über die Nase gezogen habe.

In der Tat hatte ich die Gesichtsmaske hin und wieder ein wenig heruntergezogen, um durchzuatmen. Sie sei mir wohl heruntergerutscht, erwiderte ich verblüfft und auch etwas erschrocken. Daraufhin sagte einer der Polizisten in barschem Ton: „Reden Sie nicht, wir haben Sie die ganze Zeit beobachtet!“ Bevor ich zu weiteren Einlassungen kam, sprang mir ein Freund bei. Er entschuldigte sich für mich und versicherte, wir würden nun auf den vorgeschriebenen Sitz der Maske achten.

Damit gaben sich die beiden Beamten vorerst zufrieden und beließen es bei einer mündlichen Verwarnung, nicht ohne mir zu drohen: „Wir werden Sie im Auge behalten.“ Ich war bestürzt und wunderte mich über diesen Zugriff, weil andere „Spaziergänger“ ihre FFP2-Masken auch nicht immer über die Nase gezogen hatten. Offenbar sollte an mir ein Exempel statuiert werden. Warum, weiß ich nicht, konnte auch nicht sehen, ob andere Demonstranten angegangen wurden. Mein Freund sagte mir, ich sei glimpflich davongekommen, einige Wochen zuvor sei eine Demonstrantin, die sich nicht gleich devot verhalten habe, so sehr geschubst worden, dass sie gestürzt war.

Der „Montagsspaziergang“ wurde weiter von einer großen Zahl Polizisten eskortiert, fotografiert und beobachtet. Mir ging die Konfrontation mit der Staatsgewalt noch einige Zeit nach, und mein anfängliches Erstaunen darüber verwandelte sich allmählich in Entsetzen.

Der Schriftsteller und Publizist Dr. jur. Wolfgang Bittner lebt in Göttingen. Von ihm erschien 2021 im Verlag zeitgeist das Buch „Deutschland – verraten und verkauft. Hintergründe und Analysen.“

Die NachDenkSeiten sind für eine kritische Meinungsbildung wichtig, das sagen uns sehr, sehr viele - aber sie kosten auch Geld und deshalb bitten wir Sie, liebe LeserInnen, um Ihre Unterstützung.
Herzlichen Dank!