G7-Gipfel in Elmau – der Westen gegen den Rest der Welt
G7-Gipfel in Elmau – der Westen gegen den Rest der Welt

G7-Gipfel in Elmau – der Westen gegen den Rest der Welt

Jens Berger
Ein Artikel von: Jens Berger

Während die Führer der G7-Staaten im bayerischen Elmau Einigkeit demonstrierten, steht der von ihnen repräsentierte Westen mittlerweile im globalen Maßstab isoliert da. Kecke Fotos in schöner Alpenkulisse können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Zeiten vorbei sind, in denen die sieben mehr oder weniger wichtigen Nationen des Westens der Welt ihre Regeln diktieren konnten. Das gilt nicht nur für die Fragen des Ukraine-Kriegs und der Sanktionen gegen Russland. Rund um das Staatenbündnis der BRICS entsteht aktuell ein Gegenblock, der nicht nur die Mehrheit der Weltbevölkerung umfasst, sondern durch seine Wachstumsdynamik das 21. Jahrhundert eher charakterisiert als die stagnierenden Mächte der G7. Von Jens Berger.

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In Deutschland sind zwei Denkfehler sehr populär, wenn es um den aktuellen G7-Gipfel geht. Zum einen wird immer wieder behauptet, die G7 seien die „wichtigsten Industrieländer“ und damit auch generell die wichtigsten Länder der Welt. Das ist jedoch bestenfalls Wunschdenken. Man muss schon sehr viel Fantasie haben, Ländern wie Italien oder Kanada eine größere Wichtigkeit als China, Indien oder auch Russland zuzuschreiben. Zum anderen wird beim aktuell alles andere überlagernden Thema Ukraine-Krieg und der Sanktionspolitik stets suggeriert, Russland sei isoliert und fast die gesamte Welt stünde auf der Seite der Ukraine und des Westens. Doch dieser Eindruck ist falsch. Kein einziger südamerikanischer oder afrikanischer Staat und mit Ausnahme von Japan und Südkorea auch kein einziger asiatischer Staat hat sich den Sanktionen angeschlossen. Auch Staaten, in denen die USA eigentlich einen großen Einfluss haben, wie Israel, Saudi-Arabien, Mexiko, Kolumbien oder Pakistan, sind nicht mit im Boot. Der westliche Wirtschaftskrieg gegen Russland ist eine reine NATO- und EU-Angelegenheit, der sich lediglich Australien, Neuseeland und die zwei genannten ostasiatischen Länder anschließen wollten, und selbst die NATO steht dank der Türkei nicht geschlossen hinter dieser Politik.

Länder, die Sanktionen gegen Russland verabschiedet (blau) und Länder, die keine Sanktionen gegen Russland verabschiedet haben (orange).

So war das Treffen im Elmau allen voran ein Treffen, bei dem der Westen unter sich blieb und sich durch neue Sanktionsdrohungen gegen Russland weiter international isolierte. Diesen Umstand wollten die G7 dadurch kaschieren, dass sie mit Indien, Südafrika, Indonesien, Argentinien und dem Senegal fünf Gaststaaten einluden, die nicht zu den westlichen Industrieländern gezählt werden. Doch dieses Manöver kann getrost als kompletter Reinfall gewertet werden. Indien und Südafrika gehören zusammen mit Brasilien, Russland und China der „konkurrierenden“ Staatengemeinschaft BRICS an, die nichts von Sanktionen gegen ihr Mitglied Russland wissen will. Der Senegal und Indonesien kämpfen auf diplomatischem Parkett nicht gegen Russland, sondern für ein Ende der westlichen Sanktionen gegen Russland. Und Argentinien zeigte kurz nach seinem „Gastspiel“ in Elmau, wo es künftig stehen will. Zusammen mit Iran beantragte das Land heute eine Mitgliedschaft bei den BRICS. Mittelfristig wollen auch noch Indonesien, die Türkei und sogar Mexiko den BRICS beitreten bzw. sich an dem Staatenbündnis assoziieren. Das BRICS+ würde dann fast zwei Drittel der Weltbevölkerung repräsentieren, während die G7 inkl. der EU nur auf 12 Prozent kommen.

Der Westen hat mit seinem anmaßenden Gehabe, seiner Sanktionspolitik und seiner aggressiven Haltung gegen den Rest der Welt seine Anziehungskraft verloren. Und wir dürfen auch nicht vergessen, dass viele der Staaten, die sich nun dem Tandem Russland-China annähern, früher als Kolonien von den G7-Staaten unterdrückt und teils heute noch von westlichen Konzernen ausgebeutet werden. Die „regelbasierte Weltordnung“, von der Präsident Biden schwärmt, ist die Weltordnung der USA, die deren Regeln bestimmt. Es ist kein Wunder, dass dies außerhalb des Westens bestenfalls auf Unverständnis, mittlerweile aber oft sogar auf offene Ablehnung stößt.

Die Welt des 21. Jahrhunderts will sich den USA nicht mehr unterwerfen. Nahezu unbemerkt von unseren Medien trafen sich – wenn auch virtuell – die Führer der wichtigsten Schwellen- und Entwicklungsländer vor zwei Wochen beim internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg und letzte Woche beim BRICS-Gipfel in Beijing. Dort wurden die Weichen für eine Zukunft gestellt, in der der Westen seine globale Hegemonie verliert. Es ging um Handelswege, Freihandel, eine Wirtschaftsunion, alternative Banken- und Zahlungssysteme und last but not least um die Frage der Energieversorgung. Während Europa die Primärenergie ausgeht und der gesamte Westen seinen Wohlstand durch die aus den Sanktionen resultierende Inflation aufs Spiel stellt, profitieren vor allem Indien und China von der neuen Situation.

All dies ist die Begleitmusik zum Treffen in Elmau – einem Treffen von Riesen auf tönernen Füßen, die in ihrer ganzen Arroganz nicht erkennen, dass die Welt nicht mehr nach ihren Regeln tanzen will.

Titelbild: Screencap Kremlin.ru


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