Black Rock statt Peking: Staatskrise in Sri Lanka und wieso der Verweis auf „chinesische Schuldenfalle“ in die Irre führt
Black Rock statt Peking: Staatskrise in Sri Lanka und wieso der Verweis auf „chinesische Schuldenfalle“ in die Irre führt

Black Rock statt Peking: Staatskrise in Sri Lanka und wieso der Verweis auf „chinesische Schuldenfalle“ in die Irre führt

Florian Warweg
Ein Artikel von: Florian Warweg

Sri Lanka mit seinen rund 22 Millionen Einwohnern durchlebt derzeit eine der schwersten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Krisen seiner Geschichte. Im bankrotten und von massiven Protesten erschütterten Inselstaat südlich von Indien mangelt es an allem: Treibstoff, Gas zum Kochen, Medikamenten und Lebensmitteln. Zahlreiche westliche Politiker und Medien machen eine vermeintliche chinesische “Schuldenfalle” dafür verantwortlich. Doch 81 Prozent der Staatsschulden sind im Besitz des Westens und seiner Verbündeten. Von Florian Warweg.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Die Lage Sri Lankas ist fatal: Mehr als 50 Milliarden US-Dollar Auslandsschulden, die Inflation liegt derzeit bei rund 60 Prozent, Tendenz steigend. Das Land musste sich für zahlungsunfähig erklären und lebensnotwendige Güter sind Mangelware. Aufständische stürmten den Präsidentenpalast, Präsident und Regierung traten zurück.

In der westlichen Berichterstattung war der Schuldige schnell ausgemacht: China hätte Sri Lanka mit einer angeblichen „Schuldenfallen-Diplomatie“ in diese Situation gebracht. So zum Beispiel der staatliche US-Auslandssender „Voice of America“, der unter der Überschrift „Sri Lanka steht vor der Schuldenfalle: Chinas globales Image leidet“ erklärt:

„China wird von den USA beschuldigt, eine Art “Schuldenfalle-Diplomatie” zu betreiben, um wirtschaftlich schwache Länder in die Knie zu zwingen, die auf Chinas Unterstützung angewiesen sind.“

Einen ähnlichen Eindruck versuchte auch der Indo-Pazifik-Analyst der US-Denkfabrik Rand Corporation zu erwecken, der CIA-Veteran Derek J. Grossman, der versuchte, die Proteste als „anti-chinesischen Aufstand“ zu porträtieren:

Auch die BBC schlägt in eine ähnliche Kerbe und veröffentlicht einen Beitrag unter dem Titel, immerhin noch als Frage formuliert:

„Ist Sri Lanka ein Opfer der chinesischen Schuldenfalle?“

AP, eine der weltweit größten Nachrichtenagenturen, brachte bereits im Mai eine Meldung unter der Überschrift „China wird zum Joker in der Schuldenkrise Sri Lankas“, die von vielen Medien weltweit aufgegriffen wurde und in der China die Hauptschuld für die Schuldenkrise des Inselstaates zugeschrieben wird.

Ähnliche Ausrichtung beim Wallstreet Journal. Dort titelt man:

„Chinas Kreditvergabe gerät angesichts der Verschärfung der Schuldenkrise in Sri Lanka unter Beschuss“

Doch schaut man sich die realen Zahlen und Verhältnisse der Auslandsverschuldung Sri Lankas an, wird schnell klar, der überwiegende Teil der Auslandsschulden (81 Prozent) des südasiatischen Landes befindet sich in den Händen des Westens und seiner Verbündeten. China, im Vergleich, hält lediglich zehn Prozent. Die wichtigsten Inhaber der Auslandsschulden des srilankischen Staates in Form von internationalen Staatsanleihen (ISB) sind laut Nikkei Asia und Reuters die folgenden westlichen Banken, Unternehmen und Investmentfirmen:

  • BlackRock (USA)
  • Ashmore Group (Großbritannien)
  • Allianz (Deutschland)
  • UBS (Schweiz)
  • HSBC (Großbritannien)
  • JPMorgan Chase (USA)

Diese halten laut der offiziellen Statistik des srilankischen Ministeriums für externe Ressourcen rund die Hälfte (47 Prozent) aller internationalen Staatsanleihen des Inselstaates.

Die Asiatische Entwicklungsbank und die Weltbank, die beide nachweislich von den Vereinigten Staaten dominiert werden, besitzen ergänzend 13 bzw. 9 Prozent der Auslandsschulden Sri Lankas.

Die Hegemonie Washingtons über die Weltbank ist allgemein bekannt, und die US-Regierung ist der einzige Aktionär der Weltbankgruppe mit Vetorecht. Weniger bekannt ist allerdings, dass, wie Ben Norton in einem aktuellen Beitrag für Multipolarista ausführt, auch die Asiatische Entwicklungsbank (ADB) ein Softpower-Instrument der USA ist. Die neokonservative, in Washington ansässige Denkfabrik Center for Strategic and International Studies (CSIS) bezeichnet die ADB zum Beispiel geradezu liebevoll als “strategischen Aktivposten für die Vereinigten Staaten” und als entscheidenden Herausforderer der von China geführten Asiatischen Infrastrukturinvestmentbank.

Ein weiteres Land, das erheblichen Einfluss auf die ADB hat, ist Japan, das ebenfalls wie China zehn Prozent der Auslandsschulden Sri Lankas besitzt.

Weitere zwei Prozent der Auslandsschulden Sri Lankas entfielen im April 2021 auf Indien, wobei diese Zahl seither stetig gestiegen ist. Anfang 2022 war Indien sogar der wichtigste Kreditgeber für Sri Lanka. Allein zwischen Januar und April 2022 zahlte Neu-Delhi 550 Prozent mehr Kredite als Peking an Sri Lanka aus.

Sowohl Japan als auch Indien gelten als wichtige Mitglieder von Washingtons Anti-China-Militärbündnis in der Region, dem sogenannten „Quad“.

Zusammen besitzen die genannten westlichen Investmentfirmen und Banken sowie mit den USA verbündete Staaten und US-dominierte Institutionen 81 Prozent aller Auslandsschulden Sri Lankas.

Während der Westen und seine Verbündeten also mehr als drei Viertel der internationalen Verpflichtungen Sri Lankas in den Händen halten, besitzt China lediglich ein Zehntel der Auslandsschulden Sri Lankas. Wie kann man angesichts dieser Zahlenverhältnisse als westlicher Journalist oder Analyst ohne zu erröten von einer angeblichen „Schuldenfallen“-Diplomatie“ Chinas gegenüber Sri Lanka fabulieren und zugleich komplett die Augen vor den 81 Prozent Staatsanleihen in den Händen von BlackRock & Co verschließen?

Titelbild: Natanael Ginting / shutterstock

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