Documenta 15 oder Die Demontage von Reisscheunen
Documenta 15 oder Die Demontage von Reisscheunen

Documenta 15 oder Die Demontage von Reisscheunen

Rainer Werning
Ein Artikel von Rainer Werning

Die documenta 15 in Kassel läuft Gefahr, die letzte Kunst- und Kulturausstellung ihrer Art zu sein. Sie geriet bis dato dermaßen tief ins Räderwerk ätzender und verletzender „Antisemitismus“-Kritik, dass als vorläufig letzter Akt Sabine Schormann als Generaldirektorin der documenta einvernehmlich mit dem Aufsichtsrat der Weltkunstschau am 16. Juli zurücktrat. Dabei hätten die diesmal von indonesischen Künstlern kuratierte Ausstellung und das von ihnen präsentierte Konzept „lumbung“ eigentlich gute Chancen haben können, auf vielfältige Weise die interkulturelle Kommunikation zwischen dem „Westen“ und dem „globalen Süden“, der vormals auch als „Dritte Welt“ oder „Trikont“ (Asien, Afrika, Lateinamerika) bezeichnet wurde, zu beleben und zu bereichern. „Lumbung“ bezeichnet ja die Reisscheune als gemeinsamen (H)Ort des Verwaltens und Teilens einer lebenswichtigen Ressource. Stattdessen sind Scheunen niedergerissen worden – mit nicht absehbaren Konsequenzen. Und: Letztlich in und mit welchem Interesse? Ein unaufgeregter Zwischenruf [1] in aufgeheizter Stimmungslage von Rainer Werning.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Nur „ein typisch deutscher Eklat“?

„Diese documenta 15 wird sehr wahrscheinlich in die Geschichte eingehen als ‚documenta des Antisemitismus‘. Mehr noch: Der Ruf der documenta ist international mittlerweile so stark beschädigt – dass er es wahrscheinlich noch über Jahre hinweg sein wird.

Vor allem auf der nächsten documenta-Ausgabe in fünf Jahren lastet nun eine große Bürde. Sie wird beweisen müssen, dass dann alles anders sein wird: Die Strukturen und Zuständigkeiten klar und die ausgestellte Kunst unverfänglich. Vielleicht müssen die Kuratorinnen und Kuratoren zukünftig sogar alle Kunstwerke vor dem Ausstellen Experten vorlegen und auf Antisemitismus, Postkolonialismus, Rassismus oder Diskriminierung überprüfen lassen.“ [2]

Diese Sicht der Dinge widerspiegelt die (vor-)herrschende Meinung im sogenannten Mainstream der bundesrepublikanischen Medien. Eine sehr begrenzte Sicht, die sich überdies augenfällig mit der Lust paart, unbedingt „Köpfe rollen zu sehen“ und/oder einschneidende (Ver-)Änderungen im hiesigen Kunst- und Kulturbereich herbeizusehnen. Die dann gefälligst auch stubenrein und sanitär zu sein haben, um ja nicht Nähen zum „Antisemitismus“ aufkommen zu lassen oder gar zu befördern.

In einem kürzlichen Interview mit dem Publizisten Florian Rötzer merkte zum Thema „Antisemitismus auf der documenta 15“ der israelische Historiker Moshe Zuckermann Folgendes an:

„In Israel wurde es bis dato so gut wie gar nicht wahrgenommen. Nur diejenigen, die sich mit Kunst beschäftigen und von der documenta überhaupt wissen, haben etwas davon gehört. Es ist ein typisch deutscher Eklat und es ist klar, dass es ein deutsches Phänomen ist, wie jetzt damit umgegangen wird. Aber in Israel selber ist das kein Thema. Israel hat seine eigenen Sorgen mit seiner zusammengebrochenen Regierung. Von daher ist Antisemitismus auf der documenta für Israel kein Thema im Moment.“ [3]

Kern des Anstoßes sind und bleiben zwei inkriminierte Ausschnitte aus dem Riesengemälde „People’s Justice“ der indonesischen Künstlergruppe Taring Padi. Dazu schrieb mir kürzlich im Rahmen einer ausgiebigen Korrespondenz der ausgewiesene Indonesienkenner Dr. Ingo Wandelt:

„Taring Padi (TP), Indonesisch für das ungeschälte Reiskorn, das ausgeprägte Zacken (taring) aufweist und beim Pflücken des Reises (padi) Verletzungen hervorrufen kann, wollte stechende und das Regime (Suhartos in Indonesien von 1965/66 bis 1998 – RW) verletzende Kunst und schuf bewusst abstoßende Formen, die sich dem herrschenden Diktat der das Regime schönfärbenden ‚guten Kunst‘ niemals unterworfen haben. Bis heute wollen sie mit ihrer Kunst provozieren und die herrschende Macht aufzeigen und entblößen. (…) Erst nach dem Rücktritt von Suharto im Mai 1998 verbanden sie sich öffentlich zu Taring Padi, wobei das tatsächliche Geburtsjahr unbekannt und auch nicht von Interesse ist. Als eigentliches Jahr der Neuformierung gibt TP selbst das Jahr 2006 an. Das Werk ‚People’s Justice‘ entstand bereits 2002 als eine Art Rückschau auf die eigene Entstehungsgeschichte. Es handelt sich bei ihm also um eine Art von Museums- oder Archivexponat, das bereits zwei Jahrzehnte vor seiner Aufstellung auf der documenta entstanden und entstehungsgeschichtlich rein auf Indonesien bezogen ist.“

Wandelt fügte in dieser Korrespondenz hinzu:

„Zu fragen wäre durchaus, warum das Künstlerkollektiv mit einem zeitgeschichtlich eindeutig auf die 1990er Jahre in Indonesien verortetem Objekt (…) antritt und dies offenbar unerklärt dem Publikum zur Ansicht vorstellt. Wäre nicht eine erklärende Erläuterung/Tafel angebracht gewesen oder vielleicht gar ein neues Werk mit einem aktuellen und ganz anderen Thema? (…) Es kann sich entstehungsgeschichtlich nicht um ein antisemitisch intendiertes Werk speziell für die documenta handeln. War es überhaupt antisemitisch konnotiert in der Zeit seiner Entstehung? War es nicht eher anti-suhartoistisch intendiert? Für die spezifische Intention der Aufstellung von ‚People’s Justice‘ in Kassel wären TP und die Kuratoren zu befragen. Das Werk aus sich selbst heraus rekurriert auf das vergangene Suharto-Indonesien – und auf nichts anderes und niemand anderen.“

Eine treffliche „Intervention“, geht es doch darum, Texte, Kontexte sowie Subtexte in ihrer Gesamtheit und wechselseitigen Wirkung zu betrachten. Taring Padi versteht „People’s Justice“ ausdrücklich als kollektives Unterfangen, wo keiner deren Mitglieder und/oder aktiv involvierten Sympathisanten in der Lage ist, zu sagen, wer genau für welchen Bildausschnitt verantwortlich ist.

Was ist, wenn alles ganz anders ist?

In seinem am 5. Juli verfassten Aufsatz für die Berliner Zeitung konstatiert Michael Rothberg:

„Die Mossad-Figur gehört eindeutig zu einer Reihe fast identischer militärischer Figuren mit verzerrten Gesichtern und Uniformen. Der Hauptunterschied liegt in der Aufschrift: anstelle von ‚Mossad‘ tragen die anderen Figuren Aufschriften wie ‚007, ‚KGB‘, ‚Intel‘ und dergleichen. Die Mossad-Figur in dieser Serie scheint somit wenig damit zu tun zu haben, eine jüdische Figur ‚gesondert‘ hervorzuheben. Die Serie wirkt vielmehr wie ein Kommentar zu Geheimdienstoperationen westlicher Staaten in Indonesien.

In Anbetracht des Werks, das Taring Padi als Reaktion auf das drei Jahrzehnte andauernde Militärregime in Indonesien und die Weise, wie es von westlichen Mächten gestützt wurde, beschreibt, kann man mit Fug und Recht behaupten, dass das Bild Israel meint, nicht ‚die Juden‘. Und dass Israel eben nicht als hervorgehobene Ausnahme behandelt wird, sondern als Teil einer Gruppe von Mächten.

Die Verortung der ‚SS‘-Figur im größeren Kontext des Banners ist ebenfalls aufschlussreich: Die stereotype jüdische Figur steht in einer Reihe mit monströsen und kaum als menschlich zu entziffernden Kreaturen. Ihre Positionierung neben dämonischen, zombieähnlichen Kreaturen mit ähnlichen Reißzähnen verstärkt den antisemitischen Tenor des Bildes. Auch wenn nicht klar ist, ob ‚der Jude‘ hier als besondere Form des Bösen isoliert – oder vielmehr als Teil einer Kohorte gezeigt wird.“ [4]

Taring Padi ist in seiner Bildsprache derb, agitatorisch und nennt die Dinge ungeschminkt aus seiner Sicht beim Namen: Ein „Schwein“ ist ein Schwein, eine „Ratte“ ist eine Ratte … und eine „SS-Figur“ eine SS-Figur?! Das muss nicht der Fall sein, doch in diesem Fall sprechen starke Indizien dafür, dass es ein hartgesottener Nazi, SS-Obersturmbannführer und Kriegsverbrecher war, der wegen seiner intimen Nähe zum ausgesprochenen Darling des „Westens“, eben des Putsch-Generals und gleichermaßen hartgesottenen Antikommunisten General Suharto, extraterritoriale Immunität genoss – Rudolf Oebsger-Röder. Darüber hinaus zählten zu Suhartos Helfershelfern seitens der Bundesrepublik nicht nur der Bundesnachrichtendienst (BND), der die indonesischen Militärs mit Logistik und Waffen unterstützte, sondern dazu gehörten auch die Bundeswehr und der Bundesgrenzschutz. Letztere lieferten für die fernen Freunde Hilfestellung in Form von Ausbildungskursen für Offiziere an der Bundeswehr-Akademie in Hamburg-Blankenese sowie Spezialtrainings bei der Elitetruppe GSG 9 in Hangelar bei Bonn. [5]

Für die eigentliche in- wie ausländische Imagepflege Suhartos als stets „lächelnden General“ aber zeichnete ausgerechnet der SS-Mann Röder verantwortlich. Nach dem Krieg war Röder unter anderem hauptberuflich für die Organisation Gehlen, dem Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes (BND), tätig. Später arbeitete er in Jakarta unter dem Namen O. G. Roeder sowohl für den BND als auch als Korrespondent für die Süddeutsche Zeitung und die Neue Zürcher Zeitung. In der indonesischen Metropole gelang es ihm, Zugang zu Suharto zu finden und sich ihm als enger Berater und Biograph anzudienen.

Roeders umtriebige Vita ist auch aufgrund mittlerweile de-klassifizierter CIA-Quellen dokumentiert, worüber auf diesen Seiten unter Hinzuziehung und Auswertung indonesischer Quellen künftig noch einiges zu berichten sein wird. [6]

Wohl größter Massenmord seit Hitlers Tagen“

Peter Christian Hauswedell hatte bereits am 3. November 1967 in der Zeit geschrieben:

„Die rächende Armee hat nicht gezögert, die einmalige Chance zur Vernichtung ihres einzigen Rivalen wahrzunehmen. Mit offizieller Billigung, ausgeführt von der Armee, von militanten Jugendgruppen der Moslems und der PNI (Partai Nasional Indonesia), begann dann der wohl größte Massenmord seit Hitlers Tagen. Er kam einem Pogrom der PKI-Anhänger (der seinerzeit weltweit drittstärksten Kommunistischen Partei Indonesiens – RW) gleich und wurde schließlich – außer Kontrolle geraten – zu einem nationalen Amoklauf, wobei Privatfehden und allgemeine soziale Konflikte unter dem bequemen Deckmantel des Antikommunismus bereinigt wurden.“

Erst knapp fünf Dekaden nach den blutigen Ereignissen in dem südostasiatischen Inselstaat rückte Indonesien partiell und auch nur kurz ins Blickfeld der Berliner Politik. Dazu beigetragen hatte eine kleine Anfrage von Mitgliedern der Fraktion Die Linke im Bundestag. In der Antwort auf diese Anfrage [7] äußerte sich die Bundesregierung beispielsweise zum Themenkomplex der militärischen Zusammenarbeit mit Indonesien wie folgt:

„Die Bundesregierung unterstützt im Rahmen der bilateralen Beziehungen den indonesischen Transformationsprozess hin zu einem demokratischen Rechtsstaat. Dazu gehört auch die militärische Kooperation der Bundeswehr mit den indonesischen Streitkräften. Sie ist ein Instrument präventiver Sicherheitspolitik.“

Laut Ausführungen der Bundesregierung hielten sich zwischen 1960 und 1998 im Rahmen der Militärischen Ausbildungshilfe (MAH) insgesamt 122 indonesische Soldaten als Lehrgangsteilnehmer an Ausbildungseinrichtungen der Bundeswehr in Deutschland auf. Auf solche Fragen wie „Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung über die direkte oder indirekte Unterstützung der Massaker durch ausländische Regierungen, Geheimdienste oder andere Organisationen?“ oder zur Rolle des BND während dieser „Geschehnisse“ fielen die Antworten stets schmallippig aus beziehungsweise schob man zur Begründung die Wahrung staatlicher Sicherheitsinteressen vor:

„Die Bundesregierung ist nach sorgfältiger Abwägung zu der Auffassung gelangt, dass eine Beantwortung nicht offen erfolgen kann. Die erbetenen Auskünfte sind geheimhaltungsbedürftig, da sie Hinweise zu nachrichtendienstlichen Quellen enthalten.“

Erstaunlich, wie schwer sich doch gleichsam beide Seiten – die BRD und die Republik Indonesien – tun, ausgerechnet 70 Jahre nach der Aufnahme bilateraler diplomatischer Beziehungen dunkle Flecken in der jeweiligen Vergangenheit zu erhellen. In Jakarta bleiben die Geschehnisse 1965 ff. [8] strikt tabuisiert. Und in Berlin, wo sich Politiker und Diplomaten gern als Sendboten „der westlichen Wertegemeinschaft“ verstehen, die andernorts schnell und laut auf „freedom and democracy“ pochen, wäre die Öffnung entsprechender Archive längst überfällig.

„Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind. Wir sehen sie so, wie wir sind“, schrieb einst trefflich die Schriftstellerin Anaïs Nin. [9] Deshalb sollte man vorsichtig sein, letztlich „dahergelaufenen indonesischen Antisemiten“ vorschnell den Schwarzen Peter unterzuschieben und sie für das Debakel in Kassel verantwortlich zu machen. [10] Es sei denn, alles eskaliert selbst nach dem Ende von documenta 15 dermaßen, dass Jakarta wegen seiner Gastgeberrolle des Mitte November auf der indonesischen Insel Bali stattfindenden G20-Gipfels inklusive der Teilnahme von Russlands Präsident Putin gehörig in die Parade gefahren werden soll. Honi soit qui mal y pense – ein Schelm, wer Schlechtes dabei denkt.

Titelbild: Screenshot Hessenschau


[«1] Nach diesen beiden auf den NDS publizierten Beiträgen des Autors und von Werner Ruf: nachdenkseiten.de/?p=85666 & nachdenkseiten.de/?p=85790

[«2] Tanja Küchle: hessenschau.de/kultur/die-documenta-muss-sich-grundlegend-erneuern,kommentar-documenta-100.html

[«3] Florian Rötzer: overton-magazin.de/krass-konkret/moshe-zuckermann-zum-documenta-skandal-jemand-hat-kurz-geruelpst-und-das-erschuettert-das-ganze-land/

[«4] Michael Rothberg: berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/antisemitismus-als-bumerang-was-die-documenta-debatte-verschleiert-li.243351

[«5] Siehe zu diesem Themenkomplex meine ausführlichen Beiträge in der Tageszeitung junge Welt (Berlin): Gepanzerte Freundschaften vom 21.05.2013; Putsch nach »Pütschchen« vom 01.10.2015; Kartell des Schweigens vom 23.07.2020 & Präventive Konterrevolution vom 24.07.2020, die leider nur Abonnenten zugänglich sind.

[«6] archives.gov/iwg/declassified-records/rg-263-cia-records/second-release-name-files [OEBSGER-ROEDER RUDOLF – 095 – 230/86/23/07]

[«7] Deutscher Bundestag Drucksache 18/1554, 18. Wahlperiode 27.5.2014: Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Andrej Hunko, Jan van Aken, Sevim Dagdelen, weiterer Abgeordneter und der Fraktion Die Linke, dipbt.bundestag.de/doc/btd/18/015/1801554.pdf

[«8] Anett Keller (Hg.) für die Südostasien-Informationsstelle: Indonesien 1965ff. – Die Gegenwart eines Massenmordes. Ein politisches Lesebuch. Berlin 2015 (regiospectra Verlag)

[«9] de.wikipedia.org/wiki/Ana%C3%AFs_Nin

[«10] siehe auch: Norman Paech: ossietzky.net/artikel/raeumt-die-documenta-ab/

Die NachDenkSeiten sind für eine kritische Meinungsbildung wichtig, das sagen uns sehr, sehr viele - aber sie kosten auch Geld und deshalb bitten wir Sie, liebe LeserInnen, um Ihre Unterstützung.
Herzlichen Dank!