Es ist zynisch, den Bürgern die Verantwortung für eine mögliche Gasmangellage zuzuschreiben

Es ist zynisch, den Bürgern die Verantwortung für eine mögliche Gasmangellage zuzuschreiben

Es ist zynisch, den Bürgern die Verantwortung für eine mögliche Gasmangellage zuzuschreiben

Jens Berger
Ein Artikel von: Jens Berger

Kaum haben wir in diesem Winter die erste richtig kalte Woche, leeren sich die Gasspeicher. Das war zu erwarten. Wenn es kalt wird, müssen wir heizen, was denn auch sonst? Nichtsdestotrotz nutzt Bundesnetzagenturchef Klaus Müller die Situation, um abermals die Bürger in die Verantwortung zu nehmen. Die sparten zu wenig und heizten „immer noch“ zu viel. Was für ein Zynismus. Herr Müller sollte eigentlich wissen, dass sicher niemand bei den horrenden Preisen für Erdgas aus Jux und Tollerei die Thermostate aufreißt. (Er)frieren will jedoch auch niemand. Aber darum geht es eigentlich ja gar nicht. Mit dem Verschieben der Verantwortung auf die Bürger lenkt Müller von einem ganz anderen Zusammenhang ab – nicht die Bürger, sondern die Bundesregierung trägt durch ihre kopflose Sanktionspolitik die Verantwortung für eine mögliche Gasmangellage. Und wenn am Ende der Industrie das Gas abgedreht werden muss, ist dies einzig und allein die Schuld dieser Politik. Von Jens Berger.

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Mit Sinken der Temperatur zeigt sich, dass die Prognosen der Bundesnetzagentur im wahrsten Sinne des Wortes Schönwetterprognosen sind. An den letzten beiden Tagen sank der Speicherstand in den deutschen Gasspeichern jeweils um mehr als ein Prozent. Das ist nicht verwunderlich und auch überhaupt nicht außergewöhnlich. Nach den Daten des AGSI betrug die sogenannte „Ausspeicherung“ am Montag 2.700 GWh. Das ist viel, aber nicht dramatisch viel. Auch in den letzten Jahren gab es bei ähnlichen Kälteeinbrüchen vergleichbare Werte. Die Gründe dafür sind einfach. Einerseits verbrauchen die Haushalte natürlich mehr, andererseits kann jedoch ohne die stetige Versorgung aus Russland auch nur weniger Gas importiert werden, da die wichtigen Lieferanten in Belgien und den Niederlanden selber mehr Gas benötigen, denn auch dort ist es kalt. Und auch in den Ländern, in die Deutschland Gas exportiert, das sind vor allem die Schweiz, Österreich und Tschechien, drei Länder ohne Zugang zu einem Seehafen, ist es kalt und so steigen die Exporte.

Sollte die Ausspeicherung in dem Tempo weitergehen, wären die Speicher in 91 Tagen, also Mitte März, komplett leer. Wieder einmal zeigt sich, dass die gesamte Gasstrategie der Bundesregierung auf tönernen Füßen steht. Der entscheidende Faktor ist das Wetter. Verläuft der Winter mild, sinkt nicht nur der Verbrauch. Deutschland kann dann auch mehr Gas importieren und exportiert gleichzeitig weniger Gas, da auch die Schweizer, Österreicher und Tschechen weniger heizen müssen. Bekommen wir jedoch einen echten Frostwinter in Mitteleuropa, helfen auch die Heiztipps von Müller und seinen Parteifreunden Kretschmann und Habeck nichts – dann muss die Bundesregierung ab einem bestimmten Punkt den Gasnotstand ausrufen und wie geplant 40.000 mittelgroßen und kleinen Unternehmen sowie einem Teil der 2.500 industriellen Großverbraucher das Gas rationieren. Wenn das mal reicht.

Als kleine Rechenhilfe: Haushalte und Gewerbe verbrauchten in der noch milderen letzten Woche zusammen im Schnitt 1.652 GWh/Tag, die Industrie verbrauchte im Schnitt 1.769 GWh/Tag. Das übersteigt die Summe der Ausspeicherung vom Montag, die bei 2.700 GWh lag, bei weitem und zeigt, wie prekär die Lage bei wirklich kalten Temperaturen ist. Wenn man diese – zugegebenermaßen extremen – Werte als Basis nimmt, würden die Speicher sich auch dann leeren, wenn die deutschen Haushalte die Heizung ganz ausließen. Es ist also die Versorgungsstrategie, die bei wirklich kalten Temperaturen unzureichend ist und es liegt nicht am Heizverhalten der Haushalte, dass die Speicher gegen Ende des Winters bei durchgehend kalten Temperaturen leer sein könnten.

Dafür nun, wie Bundesnetzagenturchef Müller, das Heizverhalten der Haushalte verantwortlich zu machen, ist unverschämt und realitätsfern. Nicht die Rentnerin, die ohnehin nicht weiß, wie sie die horrenden Heizkosten überhaupt bezahlen soll, oder die Familie, die wegen der Zusatzkosten für die Heizung ihren Jahresurlaub ausfallen lassen muss, tragen die Verantwortung. Und nein, auch wenn dies unter anderem von der Linkspartei gern populistisch in den Raum gestellt wird: Die paar Villenbesitzer, die im Winter ihren Pool heizen sollten, machen mangels Masse den Kohl auch nicht fett und stellen ebenfalls ein Ablenkungsmanöver dar.

Verantwortlich für die Misere sind diejenigen, die fahrlässig oder gar vorsätzlich die russischen Gasimporte durch ihre kopflosen Sanktionen zum Erliegen gebracht haben. Dass ein Klaus Müller dies nicht öffentlich sagt, ist verständlich – schließlich ist Bundeswirtschaftsminister Habeck nicht nur sein Dienstherr, sondern auch sein alter politischer Freund, der ihn im Februar dieses Jahres erst für diese Position ernannt hat.

Titelbild: Screencap Hart aber Fair

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