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Albrecht Müller Wolfgang Lieb
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20. Dezember 2014
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Occupy WDR? Nein danke!

Verantwortlich:

Das ist schon ein Kunststück, das Ihrer Autorin gelungen ist: Über zweitausend Wörter formte sie zu einem Artikel, in dem keine einzige Behauptung stimmt, kein lustvoll ausgebreitetes Gerücht einer Überprüfung auf seinen Wahrheitsgehalt standhielte. Das mag damit zusammenhängen, dass man Erika Fuchs eher in Entenhausen kennt als im seriösen Medienjournalismus, der beispielsweise seine Quellen benennt, aber sei’s drum. Von Wolfgang Schmitz, WDR-Hörfunkdirektor

Anmerkung: Dieser Beitrag stellt eine Erwiderung zum Artikel „Occupy WDR“ der NachDenkSeiten-Autorin Erika Fuchs dar. Frau Fuchs hat – ebenso wie die NachDenkSeiten-Redaktion – diese Erwiderung mit einigem Erstaunen und Unverständnis zur Kenntnis genommen. Da die NachDenkSeiten jedoch – anders als der WDR – eine offene Debattenkultur pflegen, veröffentlichen wir auch das Schreiben von Herrn Schmitz, distanzieren uns jedoch in aller Form von dessen Inhalt. Erika Fuchs hat bereits ihrerseits auf das Schreiben von Herrn Schmitz geantwortet.

Der Reihe nach: Der WDR wird erfreulicherweise von einer leidenschaftlichen Journalistin geleitet, die mit Entschiedenheit dafür eintritt, dass im WDR, aber auch in der ARD, die Angebote von Hörfunk, Fernsehen und Internet deutliches öffentlich-rechtliches Profil zeigen, dass sie – wie es dem Programmauftrag entspricht – mit Information, Bildung und Unterhaltung alle Gruppen unserer Gesellschaft erreichen. Eine Intendantin, die, was der Autorin Ihres Beitrags offenbar ein Gräuel ist, sogar mit Verlegern spricht, statt mit ihnen zu prozessieren, weil sie eine Verständigung für die journalistische Landschaft der Zukunft sinnvoller findet als einen Dauerkonflikt, den niemand gewinnen kann.

Unser Programmauftrag wird täglich von Redakteurinnen und Redakteuren und vielen freien MitarbeiterInnen umgesetzt. Das können sie um so erfolgreicher, je genauer einzelne Angebote definiert sind. Dazu gibt es Unterstützung aus der Medienforschung, aber natürlich auch aus dem Marketing: Wir wollen wissen, was unser Publikum bewegt, wie es lebt, welche Medienangebote es nutzt, damit wir nicht an den Menschen vorbei senden. Beispiel Radio: Unsere sechs UKW-Programme sind so aufeinander abgestimmt, dass sie insgesamt eine möglichst breite Hörerschaft erreichen. Dazu ist es sinnvoll, für jede einzelne Welle zu bestimmen, welche Gruppen sie in erster Linie erreichen soll und welche Vorraussetzungen erfüllt werden müssen, dass dies gelingt. Daraus entwickelt sich der “Markenkern”; die Konstruktion von “MusterhörererInnen” macht das Ergebnis eines solchen Prozesses anschaulich.

Das alles ist seit langem kleines Einmaleins der Marktforschung und hat nichts mit Stromlinienförmigkeit und Gleichmacherei zu tun. Wohl aber mit dem, was Ihr Beitrag polemisch mit “Durchhörbarkeit” und “Quotendenken” diffamiert. Ja, ich will, dass möglichst viele Menschen “ihr” WDR 2, WDR 3 oder “Funkhaus Europa” möglichst viele Stunden am Tag durchhören und ihnen so zu einer hohen Akzeptanz verhelfen. Erfreulicherweise gelingt uns das ja auch: Über die Hälfte aller Menschen in Nordrhein-Westfalen schaltet jeden Tag ein Radioprogramm des WDR ein. Und dafür sollten sich Redakteurinnen und Redakteure schämen? Deshalb sollte es “gären” im Sender?

Unruhe gäbe es, und das zu Recht, wenn wir mit den uns anvertrauten Gebührengeldern nicht versuchten, möglichst viele Menschen von unserer journalistischen und künstlerischen Arbeit zu überzeugen. Oder, wenn die Erfindung von “Markenkernen” und “Musterhörern” Alibi dafür wäre, Qualität und Vielfalt zu Gunsten einer flächendeckenden Boulevardisierung aufzugeben. Dies ist aber, davon hätte sich eine seriös recherchierende Autorin ohne besondere Mühe überzeugen können, nicht der Fall. Nicht im WDR-Fernsehen, wo die von Ihnen gescholtene “Aktuelle Stunde” in den letzten Jahren ihre landespolitische Berichterstattung sogar ausgeweitet hat, und auch nicht im Radio.
Das wäre übrigens einer kundigen Medienjournalistin aufgefallen, dass das, was sie als im Rückzug begriffen beklagt, dem WDR gar nicht erlaubt ist: Eine flächendeckende lokale Berichterstattung. Der WDR unterhält keine Lokal-, wohl aber elf Regionalstudios und damit das teuerste und differenzierteste regionale Netz aller Landesrundfunkanstalten. Und hier wird auch nicht abgebaut, im Gegenteil: Auf WDR 2 ist seit Anfang des Jahres mehr Platz für eine formal abwechslungsreiche Berichterstattung über die wichtigen Themen der Regionen.

Und die hochwertige Kulturberichterstattung im Radio? Verschwindet? Natürlich nicht. Genau so wenig, wie die Fachkompetenz von Redakteurinnen und Redakteuren überflüssig wird. Richtig ist, dass WDR 3, das Musik geprägte Kulturprogramm, einer Organisationsreform unterzogen wird. Dabei soll zusammenwachsen, was schon lange zusammen gehört hätte: RedakteurInnen von Wort und Musik, die gemeinsam Programm machen, finden sich endlich in einer Abteilung wieder. Sie werden unterstützt von einer kleinen Planungsredaktion, die dafür sorgen soll, dass die Koordination von langfristiger Planung und Tagesprogramm besser funktioniert. Es passiert nichts, was nicht in jeder Redaktion, auch außerhalb des WDR, state of the art wäre.
Und das Programm WDR3? Ändert sich grundsätzlich weder in seiner Struktur noch in seinem Auftrag. Es gibt Kürzungen, aber es gibt auch neue Angebote. Und versprochen ist: Mit WDR 3 und WDR 5 wird es – wie nirgendwo sonst – weiterhin zwei Programme geben, die die besonderen Interessen einer Minderheit von HörerInnen an kritischer und reflektierender Begleitung der gesellschaftlichen Entwicklung auch aus ungewöhnlicher Perspektive, an wortkünstlerischer Avantgarde, an tief- und hintergründigen Features, an Neuer Musik oder an einem attraktiven Angebot von vier hochwertigen Klangkörpern in großer Fülle und Qualität bedienen werden.
Zwei anspruchsvolle Radioprogramme, für die mehr Geld ausgegeben wird als für alle anderen Wellen zusammen, die sehr viel mehr Publikum erreichen.

Das war übrigens, liebe Frau Erika Fuchs, auch schon so, als die angeblich „intellektuellenfeindliche, auf Quoten fixierte“ Intendantin Monika Piel als Hörfunkdirektorin amtierte – auch wenn es vermutlich nicht in die von lauter Vorurteilen verengte Optik dieses Beitrags der “Nachdenkseiten” passt.
Und, liebe Frau Fuchs, im WDR ist das Murren nicht größer als anderswo. Was es allerdings gibt, ist eine entfaltete Diskussionskultur, die von vielen klugen und selbstbewussten Kolleginnen dazu genutzt wird, kritischen und gestaltenden Anteil zu nehmen an der Entwicklung von Radio, Fernsehen und Internet.

Occupy WDR? Danke für das Angebot. Die Besetzer sind schon da – in unseren Redaktionen arbeiten sie an einem zukunftsfähigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk für alle. Dabei ist kritische Begleitung von außen ausdrücklich erwünscht. Die vorgebliche Solidarität aber, in der sich dieser Artikel gefällt, hilft niemandem, sondern spielt nur denen in die Hände, die dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk von Herzen alles Schlechte wünschen.

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