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Befriedungsverbrechen – Über die Psychologisierung und Medizinisierung sozialer Konflikte

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In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 13. Januar 2013 stieß ich auf einen Artikel, der unter der Überschrift „Der Notarzt“ von einem psychologischen Beratungsdienst für Unternehmen berichtet. Die Mitarbeiter der Firmen, die mit diesem Beratungsdienst namens „Insite Interventions“ zusammenarbeiten, können dort anrufen, wenn ihnen die Arbeit über den Kopf wächst, das Privatleben aus den Fugen gerät, sie sich elend fühlen – erschöpft, ausgebrannt, arbeitsmüde. Wenn jemand mitten in der Nacht anruft, „muss man sofort einen Hoffnungsschimmer wecken“, erklärt Hansjörg Becker, der als Psychiater Ende der 90er Jahre die Arbeitswelt als Marktlücke entdeckte. „Employee Assistance Programm“ heißt der Service, den Becker und seine Kollegen den Unternehmen anbieten. Von Götz Eisenberg

Beckers Team ist inzwischen auf zwölf feste und siebzig freie Mitarbeiter angewachsen. Zu seinen Kunden gehören Firmen wie Continental, Procter & Gamble oder Henkel. Die Firmen zahlen Becker eine Art Pauschale – je 1000 Mitarbeiter zwischen 20 000 und 30 000 Euro im Jahr. „Die Belastungen im Job nehmen in unserer Leistungsgesellschaft seit den 90er Jahren unentwegt zu“, sagt Becker. Die Auswirkungen bekämen die Unternehmen zu spüren, denn „immer mehr Mitarbeiter fallen wegen geistiger und körperlicher Erschöpfung aus“. Jeder fünfte Deutsche klagt über Stress. Stress wiederum ist Hauptauslöser für zahlreiche psychische Erkrankungen. Und die nehmen von Jahr zu Jahr zu – die Zahl der Fälle hat sich seit der Jahrtausendwende verdoppelt. Mittlerweile sind sie die viertgrößte Ursache für Fehlzeiten. In Kanada hat die Regierung Burnout bereits als Epidemie eingestuft. „Die Arbeitgeber heuern deshalb Burnout-Experten wie Becker an. Lieber Psychologen bezahlen als Fehlzeiten finanzieren. Hoher Krankenstand heißt hohe Kosten. Die gilt es zu reduzieren“, resümiert die FAS.

Der Bericht ist ein Lehrstück über die Aufgabe, die der Psychologie im Zeitalter des „flexiblen Menschen“ (Richard Sennett) zugewachsen ist. Menschen, die mehr und mehr nur noch als Mittel fremder Zwecke fungieren und sich dabei psychisch und körperlich derart verausgaben, dass sie zu zerbrechen drohen, sollen bei der Stange gehalten werden. Statt in ihrem drohenden Kollaps ein stummes Nein gegen unzumutbare und unmenschliche Arbeits- und Lebensverhältnisse zu sehen und den Menschen dabei zu helfen, ihre unbewusst-psychosomatische Revolte auf den „politischen Begriff“ zu bringen und in bewussten Widerstand zu transformieren, wird das Rad, das abgesprungen ist, wieder an den Wagen montiert. Dessen Fahrtrichtung und Tempo werden nicht in Zweifel gezogen, die Zumutungen der im Namen des Shareholder Value deregulierten und zur Kostensenkung verschlankten Arbeitswelt werden nicht hinterfragt.

Thema der Psychologie ist das drohende Scheitern des einzelnen und dessen mangelhafte „Resilienz“. Resilienz ist ein relativ neuer Begriff und meint – etwas salopp gesagt – die Fähigkeit eines Menschen, mit allen Widrigkeiten und Schlägen, die ihm das Leben zufügt, umgehen und alles aushalten zu können. Es ist ein Durchhalte-Begriff, der dem einzelnen als Versagen anrechnet, was doch einem kompakt falschen gesellschaftlichen Ganzen geschuldet ist. „Unsere moderne Leistungsgesellschaft“ ist nun einmal so, sagt Herr Becker und tut so, als sei sie das Resultat eines unabwendbaren Naturprozessen und nicht das Produkt zunehmender psychischen Ausbeutung. Eine Kette von Spezialisten umspannt die Gesellschaft, deren Aufgabe es ist, Konflikten vorzubeugen, Unruhe abzuwenden, Dissens zu entschärfen und die an den Verhältnissen verzweifelnden Menschen ins System zurückzubetrügen.

Flankenschutz erhält das psycho-sozialen Helfer- und Kontrollsystems durch die Pharmaindustrie, die sich an der pharmakologischen Moderation menschlicher Gefühle und der Bekämpfung von Dysfunktionen bereichert. Die Medizinisierung sozialer Konflikte schreitet scheinbar unaufhaltsam voran und erweist sich als ein riesiges Feld der Bereicherung. ADHS, Burnout, Depression, Stress sind im Kern soziale Leidenserfahrungen, die zu individualpsychologischen oder medizinischen Problemen umetikettiert werden. Als solche erscheinen sie ungefährlich und handhabbar.

Der italienische Anti-Psychiater Franco Basaglia hat von „Befriedungsverbrechen“ gesprochen, wenn Pfleger und Ärzte sich dazu hergeben, psychisch kranke Menschen all ihrer bürgerlichen Rechte zu berauben, sie zu fesseln und abzuspritzen, bis sie sich vollständig unterwerfen, weil ihre Widerstandskräfte gelähmt sind. Die Kritik Basaglias, die sich in den 1960er und 70er Jahren auf die Zustände in italienischen „Irrenhäusern“ bezog, können und müssen wir heute auf die Gesamtgesellschaft und das Spinnennetz des psycho-sozialen Helfer- und Spezialistentums ausweiten, das seine subtiler gewordenen Befriedungsverbrechen an all jenen begeht, die von einer gnadenlosen sozialdarwinistischen Leistungskonkurrenz als untauglich ausgespuckt werden.

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