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3. Dezember 2016
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G36-Affäre – Nichts ist so, wie es scheint

Veröffentlicht in: Aktuelles, Audio-Podcast, Aufrüstung, Medienkritik, Strategien der Meinungsmache

Gestern gab Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen bekannt, dass ihr Ministerium das G36 als Standardgewehr der Bundeswehr aussortiert und nun eine europaweite Ausschreibung für ein Nachfolgemodell startet. Öffentliche Kritik an dieser Entscheidung blieb aus. Kein Wunder, schließlich gilt das G36 seit zwei Jahren in der öffentlichen Wahrnehmung als „Pannengewehr“. Eine Neuausschreibung scheint somit begründet. Doch das ist nicht einmal die halbe Wahrheit. Sobald man ein wenig hinter die Kulissen schaut, stößt man auf einen undurchdringlichen Nebel aus Medienkampagnen, Täuschungen, Halbwahrheiten und Lügen. Die Story hinter der Story ist brisant. Doch leider sieht es nicht so aus, dass wir die Hintergründe je erfahren werden. Die G36-Affäre ist vor allem ein Musterbeispiel für kollektives Medienversagen. Von Jens Berger.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Fassen wir zunächst einmal die „offizielle Version“ der G36-Affäre zusammen. Medienberichten zufolge gab es beim Bundeswehreinsatz in Afghanistan Probleme mit „Überhitzungsschäden“ beim Sturmgewehr G36, das als Standardgewehr der Bundeswehr in einer Auflage von 175.000 Stück in der Truppe im Einsatz ist. Daraufhin startete die Bundeswehr interne Prüfungen, die zu einem vernichtenden Urteil kamen – bei hohen Außentemperaturen und hoher Belastung durch schnelle Schussfolge soll das Trefferbild des G36 so miserabel ausgefallen sein, dass es als Einsatzwaffe untauglich erscheint. Eine Nachbesserung würde kaum Abhilfe verschaffen, daher sei das Verteidigungsministerium im Grunde gezwungen, das nun schon 20 Jahre alte Modell auszumustern und ein neues Standardgewehr auszuschreiben. Von der Leyen präsentiert sich in dieser Version als harte Aufklärerin, die alte Seilschaften zwischen dem Ministerium und dem G36-Hersteller Heckler & Koch offenlegt und im Sinne des Steuerzahlers und der Bundeswehrsoldaten neue Wege geht. So „schön“ sich diese Geschichte anhört, sie scheint von vorne bis hinten erfunden zu sein.

Die Story hinter der Story

Wer sich Aufklärung bezüglich des Sachverhalts erhofft, ist bei den deutschen Medien jedoch rettungslos verloren. Im Gegenteil – die hier geschilderte „offizielle Version“ ist auch gleichzeitig das Narrativ fast aller Medienberichte zum Thema. Wer sich genauer informieren will, muss schon in (meist englischsprachigen) Fachforen für Waffentechnik recherchieren, sich die teils harsch formulierten Pressemitteilungen des Herstellers Heckler & Koch zu Gemüte führen oder aber ein vertrauliches Schreiben des Bundesverteidigungsministeriums mit dem Titel „Gewehr G36 – Genese“ [PDF – 1.8 MB] lesen, das auch den meisten Medien vorliegt. Die Erkenntnisse aus dieser internen Untersuchung in der Kurzübersicht:

  • Der „Überhitzungsschaden“ aus Afghanistan wurde durch unsachgemäßen Gebrauch der Waffe verursacht
  • Die folgende Untersuchung des G36 wurde offenbar mit dem Ziel verfolgt, das Gewehr als untauglich dastehen zu lassen
  • Bei der Untersuchung wurde ausschließlich eine bestimmte Munition eines einzigen Herstellers verwendet, die im spezifischen Testaufbau (schnelle Feuerstöße, hohe Temperatur) zu schlechten Ergebnissen (Streuungen im Schussbild) führen muss
  • Sowohl das Ernst-Mach-Institut (EMI) der Fraunhofer Gesellschaft als auch das Kriminaltechnische Institut des Bundeskriminalamts haben die Tests reproduziert und sind zum Ergebnis gekommen, dass die (falsche) verwendete Munition die kausale Ursache für die beschriebenen Probleme sei
  • Der Hersteller der Munition kam zum selben Ergebnis
  • Sämtliche Tests und Gutachten weisen dem G36 eine vollumfängliche Eignung aus und stellen fest, dass die Forderungen und technischen Lieferbedingungen des Ministeriums eingehalten wurden

Das ist mehr als erstaunlich, widerspricht dieser Bericht, der sich mit den Einschätzungen neutraler Experten und der Truppe selbst deckt, doch diametral den Medienberichten. Auch darauf geht der Bericht des Verteidigungsministeriums in aller Deutlichkeit ein:

Die öffentliche Meinungsbildung und Berichterstattung wurde offensichtlich durch mehrere Journalisten gesteuert. Grundlage dieser Berichterstattung waren auch interne, teils als VS-NfD eingestufte Dokumente der Bundeswehr. Seit 2013 berichtet vornehmlich ein klar erkennbarer Kreis deutscher Medien mit wiederkehrender Regelmäßigkeit über Heckler & Koch, nämlich „Die Zeit“, „Der Spiegel“, „tageszeitung“ und „Bild am Sonntag“. […] [Es ist] eindeutig erkennbar, dass die laufende Thematisierung des G36 Teil einer gesteuerten Kampagne gegen den Hersteller Heckler & Koch und gegen die Bundeswehr ist.

Dieser Eindruck ist schlüssig, vor allem, wenn man bedenkt, dass das nämliche Schreiben medial äußerst selektiv aufgegriffen wurde. Im Schreiben ist an späterer Stelle nämlich auch davon die Rede, dass der Militärische Abschirmdienst (MAD) in der Sache eingeschaltet werden sollte. Dies war natürlich ein gefundenes Fressen für die genannten Medien. Über die – inhaltlich natürlich indiskutable – Forderung wurde dann auch ausführlich berichtet – sämtliche inhaltlichen Kritikpunkte des Berichts wurden jedoch gänzlich unkritisch unter den Tisch fallen gelassen. An der „offiziellen Version“ sollte nicht gerüttelt werden.

Die Frage nach dem „Warum“?

Da stellt sich natürlich die Frage nach dem „Warum“? Warum versuchen einzelne offenbar einflussreiche Personen innerhalb der Verteidigungsministeriums das alte Standardgewehr in einer gezielten Kampagne schlecht zu machen? Warum lassen sich einige Journalisten gezielt in diese Kampagne einspannen? Warum will das Verteidigungsministerium überhaupt ein neues Standardgewehr? Auf diese Fragen kann man ohne weitere Recherche keine eindeutigen Antworten geben. Man kann jedoch zwei Sachverhalte aufzeigen, die möglicherweise eine Erklärung geben könnten:

  1. Das G36 und das „Aufgabenspektrum“ der Bundeswehr

    Das G36 ist eine Entwicklung der 70er und 80er und wurde 1995 als Standardgewehr für eine Wehrpflichtigenarmee eingeführt, die nach den Buchstaben des Grundgesetzes eine Verteidigungsarmee war. Die Spezifikationen waren daher auch vergleichsweise gering. Ausgelegt ist das Gewehr für Einzelfeuer und kurze Feuerstöße bei einem Tagesmunitionsverbrauch von 100 Schuss bei einer Lebensdauer von 10.000 Schuss. Es war schon immer bekannt, dass das G36 nach 150 Schuss Dauerfeuer überhitzt und erst einmal abkühlen muss. Beim G36 handelt es sich schließlich um ein „Standardgewehr“ und nicht um eine teure Spezialwaffe für Spezialeinsatzkräfte. Das G36 sollte möglichst preiswert und einfach in der Handhabung sein und im Ernstfall in heimischen Regionen auch funktionieren. Nach diversen Experteneinschätzungen erfüllt das Gewehr diese Anforderungen auch.

    Die aktuelle Bundeswehr ist – das konnte vor 20 Jahren noch niemand ahnen – jedoch nach dem Willen einiger Politiker eine internationale Einsatzarmee. Eine solche Armee braucht jedoch kein „Standardgewehr“, sondern wesentlich anspruchsvollere und damit auch teurere Waffen. Offenbar haben die Politiker und Politikerinnen, die ständig fordern, Deutschland müsse weltweit Kriege führen, jedoch nicht die Traute, 175.000 teure Gewehre zu ordern, die für diese Anforderung konstruiert wurden. Ein gesellschaftliche Debatte, warum ein Bundeswehrsoldat ein „Standardgewehr“ benötigt, mit dem er in der heißen Wüste im Dauerfeuer Hochleistungsmunition verfeuern kann, ist offensichtlich politisch nicht gewollt. Was liegt da näher als „Mängel“ beim alten G36 zu erfinden und einen Austausch der Bewaffnung als Reaktion auf diese „Mängel“ zu verkaufen?

  2. Heckler & Koch

    Der deutsche Rüstungskonzern Heckler & Koch gilt als massiv überschuldet und wird seit Jahren als Übernahmekandidat betrachtet. Die schlechte Presse der letzten Jahre und die gestern verkündete Neuausschreibung sind ein harter Schlag für Heckler & Koch. Sicher gibt es zahlreiche Rüstungsmultis und Finanzkonzerne, die Heckler & Koch gerne zu einem niedrigen Preiss übernehmen würden. Die Medienkampagne gegen Heckler & Koch könnte ein gezielter Schachzug sein, um genau dieses Ziel zu erreichen. Welche Journalisten wurden denn da von wem gezielt mit „Informationen“ angefüttert? Sind diese Journalisten Mitglieder transatlantischer Interessennetzwerke? Auf welcher Payroll stehen sie? Und wer ist in der Bundeswehr und im Ministerium für die Kampagne verantwortlich? Einige Beamte wurden ja bereits entsorgt oder ersetzt. Wer übernahm die Posten und wessen Interessen vertreten diese Personen? Welche Rolle spielt dabei die von Frau von der Leyen eingesetzte Staatssekretärin Katrin Suder, die zuvor Direktorin des Beratungsunternehmens McKinsey war?

All diese Fragen könnte ein funktionierendes Medienumfeld aufklären und ich bin mir sicher, dass dann einige Köpfe rollen würden. Die G36-Affäre hat einiges an Brisanz und Potential. Leider werden diese Fragen in den Medien jedoch noch nicht einmal angesprochen. Stattdessen wird eine „offizielle Version“ verbreitet, die ganz offensichtlich eine Kampagne ist. Vielleicht haben Sie, liebe Leser und Leserinnen, ja weiterführende Informationen, die hier zweckdienlich sind. Wenn ja, dann schreiben Sie bitte an [email protected]gerne auch verschlüsselt.

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