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6. Dezember 2016
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Eine interessante Methode der Manipulation (6): Verkürzung der Geschichten

Veröffentlicht in: Außen- und Sicherheitspolitik, Audio-Podcast, Aufbau Gegenöffentlichkeit, Strategien der Meinungsmache

Hiermit setze ich die Serie der Methoden der Manipulation fort. Bisherige Erörterungen dazu siehe hier und hier und hier und hier. Die Methode, von der ich heute berichten will, ist mir in letzter Zeit ein paar Mal begegnet, auch auf dem SPD-Parteitag, und durchaus nicht nur angewandt von Menschen, die man ins Lager der Neoliberalen oder der Freunde militärischer Interventionen packen müsste. Ein erstes Beispiel: Wir sprechen über den neuen West-Ost-Konflikt. Der Tenor: Putin und die Russen sollen sich nicht wundern. Sie haben mit der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim die neue Konfrontation „angefangen“. – Die gesamte Vorgeschichte spielt bei der Urteilsbildung keine Rolle – nicht die Ausdehnung der NATO bis an die Grenze Russlands und die damit gebrochenen Versprechen, nicht die 5 Milliarden US-Dollar, die von der US-Regierung und NGOs in der Ukraine „investiert“ worden sind, nicht die Tätigkeit der NATO an den Ukrainischen Schulen, nicht die erkennbare Destabilisierungsabsicht des Westens sogar in Russland selbst. Die Geschichte beginnt mit der Annexion der Krim. Die Verkürzung entfaltet bei diesem Beispiel wie anderswo dann ihre propagandistische Wirkung, wenn die Aussagen verschiedener Absender gleich lauten. Albrecht Müller

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Orwell ist allgegenwärtig:

Orwell ist allgegenwärtig

Alle relevanten Personen des Westens – der deutsche Außenminister, die Bundeskanzlerin, zum Beispiel bei den Feiern zum Kriegsende in Moskau am 10. Mai 2015 („verbrecherische Annexion der Krim“), und der US Präsident äußern sich ähnlich. Hier wird die Methode „Verkürzung der Geschichte“ verbunden mit der gängigsten Methode der Manipulation, der Wiederholung. Das erinnert an Orwells Feststellung.

Drei weitere Verkürzungen kann man im Umfeld der Problematik des Islamischen Staates, des Konfliktes in Syrien und der Ursachenforschung zu den Flüchtlingen beobachten. Da wird gleich mehreres verkürzt und die Absicht ist leicht erkennbar:

  1. Zum Syrien-Konflikt fängt die Geschichte damit an, dass man empört erzählt, der syrische Diktator werfe Fassbomben auf syrische Kinder. Die Vorgeschichte der bewussten Destabilisierung, der Lieferung von Waffen an die Opposition in Syrien, die Missachtung des Versuchs des UNO-Beauftragten, durch Gespräche den Frieden wiederherzustellen, dies alles wird weggekippt.
  2. Entsprechend einseitig wird dann der Flüchtlingsstrom vor allem mit Syrien und damit auch mit Assad verbunden. Dass viele Flüchtlinge aus Libyen kommen und aus dem Irak und aus Afghanistan und vom Balkan verschwindet damit oft aus dem Blick.
  3. Auch der Islamische Staat wird bei vielen, die darüber sprechen, vor allem mit Syrien verbunden – und dann letztlich mit dem dortigen Regime. Der irakische Teil der Entstehung und die Rolle der Türkei, der Saudis und anderer Golfstaaten verschwinden in den jetzt gängigen Erzählungen.
    Nicht überall sind diese Verkürzungen gängig. Es gibt differenzierte Analysen. Aber dem aufmerksamen Beobachter fällt die Tendenz zur Verkürzung auf.
  4. Eine bemerkenswerte Verkürzung machen nahezu alle bei der Diskussion von Freihandelsabkommen (TTIP, CETA) mit. Dass die weitere Erweiterung des Welthandels sinnvoll sei, wird von vornherein als richtig unterstellt. Dabei wird unterschlagen,
    • dass wir jetzt ja schon einen beachtlichen Grad an Welthandel haben und die viel beschworene Globalisierung bei weitem nicht so neu ist, wie behauptet wird,
    • – dass der nationale und internationale Verkehr immer größere Probleme bringt, dass er eine ökologische Belastung ist, dass wir der Lkw-Flotten schon gar nicht mehr Herr werden und dass der Verkehr darüber hinaus oft subventioniert ist, jedenfalls nicht die vollen Kosten trägt, also nicht nur ökologisch sondern auch ökonomisch fragwürdig ist. Wo ist denn die Diskussion um Verkehrsvermeidung geblieben? Und wo die Diskussion um die Dezentralisierung der Wirtschaftsräume? Sind das alles irrelevante Gedanken gewesen?

Was ist Ihr Eindruck? Vielleicht finden Sie noch andere gute Beispiele. Oder Sie machen die Erfahrung, dass meine Analyse nicht ganz stimmt. Ich würde mich der Kritik stellen.

Falls Sie Eindrücke haben, wie sie hier beschrieben sind, wäre es gut, Sie würden die „Verkürzer“, wenn Sie sie in flagranti erwischen, darauf aufmerksam machen und zur Rede stellen.

Und machen Sie bitte wie immer in Ihrem Freundes und Bekanntenkreis auf Manipulationen und die dabei angewandten Methoden aufmerksam. Jede und jeder ist Teil des Versuchs zur Aufklärung.

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