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6. Dezember 2016
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Die 5+ Unwahrheiten und Zumutungen des Professor Un-Sinn

Veröffentlicht in: Generationenkonflikt, Kampagnen / Tarnworte / Neusprech, Rente, Riester-Rürup-Täuschung, Privatrente

BILD setzt seine Kampagne gegen die Gesetzliche Rente und für private Vorsorge unentwegt fort. Heute mit „5 Wahrheiten über die Rente“ von Prof. Hans-Werner Sinn, Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung.
Ich kommentiere anhand des Originaltextes von Professor Sinn. Albrecht Müller.

Hier der Originaltext mit meinen Kommentaren in kursiver Schrift:

Zahlt die junge Generation für die Rentenerhöhungen drauf?

5 Wahrheiten über die Rente

Von Prof. Hans-Werner Sinn , Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung

München – Die Politik greift in unser Rentensystem ein und will eine spürbare Erhöhung der Altersbezüge ermöglichen (+ 1,1 %)! Aber: Der Eingriff geht klar zulasten der jüngeren Generationen.

Kommentar: Bei einer Preissteigerung von 2,8% im Februar 2008 gegenüber Februar 2007 (Quelle: Statistisches Bundesamt) und erwarteten Preissteigerungen 2008 von weit über 2% ist eine Erhöhung der Altersbezüge um 1,1% alles andere als eine „spürbare Erhöhung“. Real sinken die Renten auch bei einer nominellen Erhöhung von 1,1%.

Auch wenn es die Politik nicht wahrhaben will: Das sind fünf bittere Wahrheiten über unsere Rente:

– Wahrheit 1: Wir können uns keine kräftigen Renten-Erhöhungen leisten!

Die Rentenversicherung lebt von der Hand in den Mund – der Deckungsstock reicht nur für wenige Tage. Alles, was jetzt zusätzlich ausgezahlt wird, muss den Arbeitnehmern postwendend über höhere Beiträge aus der Tasche gezogen werden!

Kommentar: Die Nachhaltigkeitsrücklage, wie es offiziell heißt, von Sinn Deckungsstock genannt, beträgt 10,875 Milliarden € und reicht für 0,67 der Monatsausgaben, also mindestens für 20 Tage. Die Reserve wird übrigens nach Prognosen der Bundesregierung bis zum Jahr 2011 auf über das Doppelte steigen.

– Wahrheit 2: Der Generationenvertrag funktioniert nicht mehr!

Es werden zu wenig Kinder geboren, gleichzeitig gibt es immer mehr Rentner. Folge: In die gesetzliche Rente einzuzahlen lohnt sich kaum noch – eine private Versicherung würde doppelt so viel Rente ergeben.

Kommentar:

  1. .Wir haben heute eine glänzende demographische Relation. Knapp unter 53 Millionen Menschen sind im arbeitsfähigen Alter. Die Zahl der über 65 jährigen beträgt 15 Millionen. Unsere Probleme sind also nicht die demographische Relation, sondern die hohe Arbeitslosigkeit, der große Verlust an sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnissen und die Umschichtung zu prekären Arbeitsverhältnissen. Von 1990 rund 30 Millionen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnissen ging die Zahl zurück auf etwas über 26 Millionen heute. Die Arbeitseinkommen sind seit 1995 real um 0,9% zurückgegangen. Auch das schlägt sich in stagnierenden Beitragszahlen nieder. Immer dann, wenn die Konjunktur besser läuft, werden auch die Rentenfinanzen besser. Das weiß der Ökonomieprofessor aus München nicht und reduziert das Problem auf die Demographie.
  2. Dass eine private Versicherung doppelt so viel Rente bringt, ist frei erfunden. Wo bleibt denn der Beleg des Herrn Professor Sinn? Außerdem verschweigt er, dass die von ihm propagierte Riester-Rente von uns als Steuerzahler hoch subventioniert werden muss. Wenn wir diese Doppelrolle, einerseits Riester- Rentner und andererseits Steuerzahler, miteinbeziehen, dann kapieren wir sehr schnell, welches schlechte Geschäft wir mit der privaten Vorsorge machen.
  3. Der Generationenvertrag funktioniert immer Immer muss die arbeitsfähige Generation für die Rentner und für die Kinder und Jugendlichen aufkommen. Dies gilt übrigens auch für Systeme, die nur auf privater Vorsorge aufbauen. Den Menschen etwas anderes zu erzählen, ist zwar eine gängige Legende, aber dennoch schlicht falsch.

– Wahrheit 3: Wir brauchen neue Korrekturen!

Wir dürfen nicht einfach abwarten, bis das System kollabiert. Selbst eine Rente mit 70 würde das Problem nicht lösen. Deshalb sollte jeder Arbeitnehmer zum Riester-Sparen verpflichtet werden. Es kann nicht sein, dass nur ein Drittel mitmacht und sich darauf verlässt, dass der Staat einen im Alter schon nicht hängen lässt. Ausnahmen sollte es nur für Familien mit Kindern geben, da der Nachwuchs die Renten der Kinderlosen mitfinanzieren muss. Sie sollten sogar Renten-Zuschläge bekommen.

Kommentar: Hier lässt Professor Sinn die Katze aus dem Sack. Die private Vorsorge, die unter dem großen Etikett „Eigenverantwortung“ propagiert worden ist, soll zur „Pflicht“ gemacht werden. Den Versicherungsgesellschaften sollen nicht nur Steuergelder in Milliardenhöhe (mindestens 12 Milliarden) in den Rachen geschoben werden, ihnen soll auch noch die Vertriebsarbeit abgenommen werden durch eine gesetzliche Verpflichtung. Das ist ein Vorschlag aus dem Tollhaus.

Warum sollen wir ein System zur Pflicht machen, das um vieles teurer arbeitet als das System der gesetzlichen Rente. Für Riester-Renten fallen mindestens 10%, häufig bis zu 20% Kosten an. Im Durchschnitt sind es ungefähr 15 Prozent. So viel kosten Verwaltung und Vertrieb der privaten Vorsorge im Durchschnitt. Diese Kosten werden vom angesparten Kapital erst einmal abgezogen. Der Rest muss dann die angeblich höhere Rendite erarbeiten. Diese ist aber nicht höher, weshalb die Privatvorsorge-Renten in der Regel ein ganz schlechtes Geschäft sind.

Das hat sich übrigens auch in Ländern gezeigt, die vor uns auf private Vorsorge umgestellt haben. Chile zum Beispiel, das von den Neoliberalen zu einer Art von Experimentierfeld in der Zeit von Pinochet auserkoren worden ist. Einen Auszug aus einem Interview des späteren Präsidenten Chiles finden Sie hier und hier noch weitere Informationen zu den Machenschaften von Sinns Gesinnungsgenossen in Chile, José Piñera

– Wahrheit Nr. 4: Viele werden von der Rente nicht mehr leben können!

In 30 Jahren droht Millionen Menschen Altersarmut, weil sich die Zahl der Rentner im Verhältnis zu den Arbeitenden fast verdoppelt. Eine Gesellschaft, die nicht spart und keine Kinder hat, muss im Alter hungern – auch das muss dem Bürger schonungslos gesagt werden.

Kommentar: Auch das stimmt nicht. Deutschland hat eine der höchsten Sparquoten der Welt – über 10%. Zum Vergleich: USA gleich null. Außerdem stimmt es nicht, dass hier keine Kinder geboren werden. Seit dem Pillenknick zwischen 1965 und 1975 hat sich an der Geburtenrate im Westen Deutschlands nichts Wesentliches geändert. Sie schwankt um 1,4 Kinder pro Frau. Einmal, beim Wechsel von Schmidt zu Koh,l sank sie auf den Tiefststand von 1,28 im Jahre 1985. In Ostdeutschland allerdings ist sie abgesackt. Schon das spricht dafür, dass auch die Geburtenrate wie vieles andere von der beruflichen Perspektive, von der wirtschaftlichen Lage und von der Zuversicht der Menschen abhängt. Kluge Menschen wissen das schon aufgrund ihrer Lebenserfahrung.

Auch die Frage, ob wir mit Altersarmut rechnen müssen, hängt im wesentlichen an der wirtschaftlichen Entwicklung und dann auch noch an politischen Entscheidungen.

Wenn wir für wirtschaftliche Belebung sorgen und damit für eine bessere Auslastung unserer Kapazitäten, also von Arbeitskräften und industrieller Kapazität, und wenn wir gleichzeitig damit wieder investieren und die volkswirtschaftliche Produktivität steigern, dann wird sich das gemeinsam erarbeitete Bruttoinlandsprodukt spätestens in 50 Jahren verdoppeln. Und selbstverständlich kann dann jede Gruppe, die Arbeitenden, die Alten und die Kinder, mindestens so gut leben wir heute. Ein größerer Kuchen wird unter weniger Menschen aufgeteilt. Schon das zeigt, dass Altersarmut nicht nötig ist.

So genannte Wissenschaftler wie Prof. Sinn dramatisieren das Problem, weil sie in Diensten der Versicherungs- und Finanzwirtschaft stehen; wie übrigens BILD nachweisbar auch mit der Allianz AG kooperiert und im redaktionellen Teil Reklame für private Vorsorge macht. Das können Sie zum Beispiel allein schon daran erkennen, dass der Text von Professor Sinn mit dem Hinweis auf eine Anzeige endet. Siehe unten.

– Wahrheit Nr. 5: Die Politik verharmlost das Problem!

Noch heute wird behauptet, dass die Rente sicher sei. Das ist eine Lebenslüge, mit der niemand mehr hausieren gehen darf. Fakt ist, dass wir das System endlich radikal umbauen müssen, damit die Rente nicht zur politischen Zeitbombe wird.

Kommentar: Das ist überhaupt kein Fakt, sondern reine Propaganda. Siehe oben.

Sonst droht wegen der Überalterung und Kinderarmut der Gesellschaft entweder ein halbiertes Rentenniveau oder ein verdoppelter Beitragssatz.

Kommentar: der Professor aus München verschweigt, dass wir heute schon Dank der Privatvorsorge enorm zuzahlen:

  1. Wir Steuerzahler zahlen die Subventionen und Steuervergünstigungen für die Riester-Rente und die Rürup-Rente zum Beispiel – übrigens auch dann, wenn wir diese so genannte Förderung nicht in Anspruch nehmen.
  2. Wer riestert, zahlt Prämien. Das sind in der Regel 4% des Einkommens. Damit erhöht sich der Rentenversicherungsbeitrag tatsächlich von 19,9 (gesetzliche Rente) auf 23,9%. Wenn dieser Beitrags- und Prämienzahler ehrlich rechnet, dann muss er noch einmal 4% dazu zählen, weil er für die Riester Rente keinen Arbeitgeberbeitrag erhält. Damit kommt dieser Privatvorsorger auf einen Beitrags- und Prämiensatz von 27,9%. Das sind die Fakten. Aber dies wird Ihnen von der gesamten Versicherungswirtschaft und der Finanzindustrie, für die einige Herren Professoren arbeiten und daran verdienen, nicht gesagt. Und ehrlich gesagt: ich wundere mich manchmal, dass gerade junge Leute unfähig sind, 19,9 plus vier plus vier zu addieren.

Anzeige: Alles was Sie über Rente wissen sollten gibt’s hier!

Schlusskommentar: Ich schäme mich allmählich dafür, mein Diplom als Volkswirt an der gleichen Fakultät und noch dazu beim Vorgänger von Herrn Sinn gemacht und dort als wissenschaftlicher Assistent gearbeitet zu haben. Er schadet dem Ruf meiner Wissenschaft außerordentlich, auch wenn die Bild-Zeitung ihn zum besten Ökonomen Deutschlands erklärt.

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