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Unsere Aufklärungsarbeit ist offensichtlich ziemlich wirkungslos. Weil auch das gebildete Bürgertum den größten Unsinn glaubt.

Veröffentlicht in: Audio-Podcast, Demografische Entwicklung, Medien und Medienanalyse, Rente

Am vergangenen Mittwoch hat ein Blick in das Feuilleton der FAZ den Eindruck bestätigt, dass unsere Aufklärungsversuche oft folgenlos bleiben. Da erschien auf Seite 10 über eine zwei Drittel Seite die Besprechung des neuen Buches von Thomas Straubhaar: „Der Untergang ist abgesagt. Wider die Mythen des demografischen Wandels“. Der Rezensent Schwägerl schreibt, der Ökonomieprofessor habe „als einer der ersten Autoren gewagt, den breiten Konsens zum unvermeidlichen demographischen Niedergang infrage zu stellen.“ – Was Sie also seit 2004 auf den NachDenkSeiten lesen können, was ich als Autor schon früher und dann umfassend in „Die Reformlüge“ belege, und auch Autoren wie Gerd Bosbach immer wieder beschrieben haben, dass nämlich die demographischen Veränderungen kein ernstes Problem darstellen und die ständig zitierten Bevölkerungsprognosen ohnehin fraglich sind, wird von der FAZ wie offensichtlich auch vom Autor Straubhaar als neu verkauft. Eigentlich müsste das Buch von Straubhaar und die Rezension bundesweit Gelächter auslösen. Albrecht Müller.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Als einen Beleg für die frühe Darstellung des Problems nenne ich die Denkfehler Nr. 5 („Wir werden immer weniger“), Denkfehler Nr. 6 („Wir werden immer älter. Der Generationenvertrag trägt nicht mehr“) und Denkfehler Nr.7. („Jetzt hilft nur noch private Vorsorge“). Den Text zu diesen drei Mythen, der auch vor zehn Jahren schon in den NachDenkSeiten zu finden war, habe ich hier als PDF zusammengefasst. Schon fünf Jahre vorher hatte ich in einer Serie für das Kritische Tagebuch des WDR die Dramatisierung des demographischen Wandels widerlegt.

Wenn Sie den Text aus der „Reformlüge“ lesen, dann werden Sie verstehen, dass man auf eine Buchbesprechung wie in der FAZ vom 20.4.2016 und auf das Buch von Professor Straubhaar nur sarkastisch reagieren kann. Und Sie werden vermutlich verstehen, warum die Überschrift dieses Artikels ziemlich pessimistisch klingt. Dafür gibt es gute Gründe.

Der Professor müsste eigentlich des vielfältigen Plagiats angeklagt werden – des Klauens von Gedanken und Beobachtungen. Nichts davon geschieht. Autor und Rezensent können sich dessen sicher sein, dass nicht nur die Bild-Zeitungsleser, sondern auch die Gebildeten im Land – das sogenannte Bildungsbürgertum – die Horrorszenarien zum angeblich aussterbenden und vergreisenden Volk glaubten und bis heute glauben.

Die Tatsache, dass offensichtlich eine Mehrheit der Deutschen jahrelang Mythen hinterherlief und sich Sorgen machte, wo auch nach der Neuentdeckung von Professor Straubhaar Optimismus angezeigt wäre, ist nicht zum Lachen. Der Irrglaube, die üblichen „Denkfehler, Mythen und Legenden“ (= Untertitel von „Die Reformlüge“ 2004) hatten und haben große gesellschaftspolitische Bedeutung: die Sorge um die demographische Entwicklung, reduziert auf den Glaubenssatz „immer mehr Alte müssen von der schrumpfenden Zahl von Arbeitsfähigen ernährt werden“, wurde zum Beispiel dazu benutzt, um die Leistungsfähigkeit der bisherigen Form der Altersvorsorge privaten Interessen der Finanzwirtschaft auszuliefern. Dazu sind auf den NachDenkSeiten gerade in den letzten Tagen mehrere Beiträge erschienen. (Siehe hier und hier.)

Wie folgenlos die „Neuentdeckung“ des Professors aus Hamburg auch weiterhin ist, können Sie an der Reaktion von Politik, Wissenschaft und Medien insgesamt sehen. Auf der Basis der falschen Dramatisierung der demographischen Entwicklung wird politisch weitergewurstelt. Siehe dazu auch die Mail von Professor Gerd Bosbach an die NachDenkSeiten mit einem einschlägigen Text zu Schäubles Irrtümern. Sie hängt unten als Anhang an.

Unsere Aufklärungsversuche haben offensichtlich wenig gebracht. Oder sollen wir die Einsicht des Professors aus Hamburg als Erfolg feiern?

Anhang:
Mail von Professor Gerd Bosbach:

Schäubles Denkfehler in der Rentendebatte

Schäuble zelebriert eine Simpellogik: Werden wir älter, müssen wir länger arbeiten. Eingängig, aber falsch.

  1. Ein Blick in das letzte Jahrhundert

    Die Lebenserwartung stieg von 46 auf 78 Jahre, die Lebensarbeitszeit sank von 70 auf 65 Jahre. Gleichzeitig sanken Jahres- und Wochenarbeitszeiten massiv. Und die Arbeitskräfte gingen dabei nicht aus, eher die Arbeitsplätze. Im Jahre 1999 betrug die offizielle Arbeitslosigkeit 4,1 Millionen.

    Der Anteil der über 64 Jährigen stieg in dem Jahrhundert von 4,9 auf 16,7%, der Anteil der Rentner noch stärker. Und trotzdem ging es Allen materiell deutlich besser.

    Schäubles Logik auf das Jahr 1900 angewandt versagt total. Der Grund: Er denkt ohne Wirtschafts- und Produktivitätsentwicklung, also völlig eindimensional!

  2. Verlängerung der Lebensarbeitszeit und Arbeitslosigkeit
    1. Schon jetzt warten knapp 3 Millionen Arbeitslose auf frei werdende Arbeitsplätze. Wenn diese aber erst Jahre später frei werden, …
    2. Schon jetzt sparen Arbeitgeber massiv bei der Ausbildung. In den letzten Jahren gab es immer zwischen Dreißig- und Sechzigtausend mehr Bewerber als Ausbildungsplätze – und das trotz politisch gewollter Erhöhung der Studierendenquote, also Senkung der Bewerberzahlen! Wenn jetzt Arbeitgeber länger auf ausgewählte Arbeitnehmer zugreifen können, wird das die Ausbildungsbereitschaft weiter senken. Arme Jugend!
  3. Lebensarbeitszeitverlängerung und Altersarmut – Schäubles Hintergedanken?
    Natürlich werden viele Leute aus gesundheitlichen Gründen oder weil die Arbeitsplätze fehlen nicht bis 67 oder 70 arbeiten können. Dann wird die Rente noch niedriger ausfallen, Altersarmut (*) droht den Betroffenen.
    Vielleicht will Schäuble ja auch gar nicht die Renten schützen, sondern bei den Rentenzahlungen sparen. Zumindest für den gesamten öffentlichen Dienst würde er bei Lebensarbeitszeitverlängerung viel sparen und seinen Sparwillen umsetzen können.
  4. Bei steigender Produktivität sind steigende Rentenbeiträge leistbar
    Nach Einführung der dynamisierten Rente 1957 stieg der Rentenbeitrag von 7,0 auf 9,75 % in 2000, also um fast 40 Prozent. Das konnten die Arbeitnehmer und die Arbeitgeber wegen steigender Produktivität spielend verkraften. Meine Modellrechnungen belegen, dass auch in Zukunft ausreichend steigende Rentenbeiträge leicht möglich sind, selbst wenn die Produktivitätssteigerungen auf 0,75% zurück ginge.

(*) Irrtümlich wird oft die Quote der Bezieher von Grundsicherung (etwa 3%) als Armutsquote ausgegeben. So wird Armut aber nicht gemessen. Seit Jahrzehnten dient dazu die Schwelle von 60% vom mittleren Einkommen (Median) EU-weit als Maßstab. Und diese Quote steigt für über 64 Jährige seit 2009 kontinuierlich von 11,9% auf 14,4% in 2014 (Daten des Mikrozensus).

Freundliche Grüße aus dem Rheinland
Gerd Bosbach

Remagen/Köln, 22.4.2016

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