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Keine Brücke zwischen dem „Pöbel“ und den etablierten Politikern und Medien. Eine Nachlese

Veröffentlicht in: Audio-Podcast, Gedenktage/Jahrestage, Innen- und Gesellschaftspolitik, Strategien der Meinungsmache
Albrecht Müller

Gebrauchen Sie das Wort Pöbelei? Pöbel? Ich erschrak, als ich gestern meine Zeitung aus dem Kasten holte. „Feiern der Einheit durch Pöbeleien gestört“ stand da. Am Tag der Deutschen Einheit sind der Bundespräsident, die Bundeskanzlerin, der Bundestagspräsident und andere Prominente von Demonstranten hart kritisiert und beschimpft worden. Das ist unschön gewesen. Aber der Gebrauch des Wortes Pöbelei erinnert an Pöbel und damit klingt es nach dem in manchen Kreisen üblichen herablassenden und abwertenden Umgang mit Menschen aus einer anderen, aus einer unteren „Schicht“, wie die Betrachter von oben meinen. Albrecht Müller

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Selbst wenn es mehrheitlich Rechtsradikale waren, die da aufgetreten sind, ist der Gebrauch des Begriffes Pöbelei und Pöbel nicht zielführend. Er führt dort allenfalls dazu, die Reihen enger zu schließen.

Mit Sicherheit waren unter den Protestierenden auch Menschen, denen es nicht um die Verbreitung rechten Gedankenguts geht, sondern vor allem darum mitzuteilen, dass sie die heute Regierenden für Versager halten und dass sie beklagen, dass die Verantwortlichen sich nicht um die Belange des Volkes kümmern. „Volksverräter“ kann auch jemand rufen, wenn er Walter Riester begegnet und daran denkt, was dieser ehemalige Vize-Vorsitzende der IG Metall und Sozialdemokrat mit seiner Riester-Rente und dem zum Zwecke ihrer Ausbreitung abgesenkten Leistungsniveau der Gesetzlichen Rente angestellt hat. Bundesarbeitsminister Riester hat die „kleinen Leute“ zugunsten der sprudelnden Gewinne der Finanzdienstleister vom Schlage Maschmeyer verraten.

Und die große Koalition der Befürworter der Agenda 2010 und eines großen Niedriglohnsektors hat die Unterschicht der Arbeitenden und Arbeitslosen verraten.

Der heute zu den Etablierten gehörende Spitzenpolitiker Joschka Fischer und auch der Altkommunist Kretschmann haben in ihrer aktiven Zeit des Straßen-Protestes vermutlich sehr viel Unflätigeres vom Stapel gelassen als die Demonstranten von Dresden.

Mit Etiketten wie Pöbelei und Pöbel verstärkt man die Distanz zwischen oben und unten. Das ist kein nützlicher Beitrag im Kampf gegen Rechtsradikalismus. Damit werden keine Brücken zu den Mitläufern geschlagen.

Angela Merkel hat vielleicht noch am besten reagiert, als sie anmerkte, sie wünsche sich persönlich, dass wir die „neuen Probleme“ im Einigungsprozess gemeinsam und in gegenseitigem Respekt auch bei unterschiedlichen politischen Meinungen lösen.

Lammerts „Ruck-Rede gegen Unzufriedenheit und Schwarzmalerei“

Ganz anders der Bundestagspräsident Lammert in seiner Festrede. Von ihm wird berichtet, er habe eine „Ruck-Rede gegen Unzufriedenheit und Schwarzmalerei“ gehalten. Er habe von den Deutschen vor allem mehr Selbstbewusstsein, Optimismus und Zufriedenheit mit dem Erreichten verlangt, schreibt meine Regionalzeitung, Die Rheinpfalz. Lammert monierte, dass die Deutschen das Bild ihres eigenen Landes viel zu negativ zeichneten. Deutschland könne sich durchaus eine kleine Dosis Zufriedenheit erlauben, wenn nicht sogar ein Glücksgefühl.

Da ist es wieder. Dieses gängige Reden der Etablierten davon, dass es uns gut gehe. Uns! Uns allen?

Der Mann hat völlig verpeilt, dass unter den Protestierenden von Dresden viele Menschen waren, denen es nicht gut geht, die arbeitslos sind, nur Leiharbeit haben, wirtschaftliche Sorgen haben, verschuldet sind.

Solange die Etablierten nicht lernen, die Lebenslage einer großen Zahl von Menschen in Deutschland wahr und ernst zu nehmen, wird es immer wieder neue Demonstrationen und Sprüche wie in Dresden geben.

Unter den Demonstranten von Dresden waren Menschen, die unter der Lohnpolitik und der damit verbundenen Verschlechterung der Einkommensverteilung und unter der Agenda 2010 der großen Koalition aus CDU, CSU, SPD, FDP und Grünen leiden. Sie leiden weiter darunter, dass die Versorgung der Menschen mit öffentlichen Einrichtungen und öffentlichen Leistungen in den letzten Jahren zusammengestrichen worden ist.

Im gleichen Exemplar meiner Zeitung, die auf der ersten Seite die Pöbeleien plakatierte, war dann auf der dritten Seite ein halbseitiger Artikel mit der Überschrift „Schlicht kaputt gespart“. Dort wird berichtet, dass der „rigorose Sparkurs“ der vergangenen Jahre in Berlin in vielen Bereichen tiefe Spuren hinterlassen habe. Allein der Sanierungsbedarf an den Schulen der Hauptstadt werde auf 5 Milliarden € beziffert. Und unter einem Foto mit dem übel aussehenden Treppenhaus einer Berliner Grundschule steht geschrieben, es fehlten „Plätze in Kitas und in absehbarer Zeit auch in Schulen, und es fehlt an Lehrern und Erziehern. Viele Schulen und Turnhallen sind marode.“

Das ist die Lebenswelt vieler Menschen. Sie leiden direkt unter jener Sparpolitik, die sich die Etablierten so gern als Federn an den Hut stecken

Was hier für Berlin geschildert worden ist, gilt für viele andere Städte und das flache Land auch. Es gibt abgehängte Regionen in Deutschland. Es gibt abgehängte Menschen. Wenn die Eliten, wenn die politischen Eliten und die Medienmacher, die Menschen erreichen wollen, dann müssen sie aufhören, ihre eigene Lebenswelt und ihr eigenes Wohlergehen als Beleg für die Lebensumstände der Mehrheit der Menschen zu betrachten. Dann müssten sie einsehen, dass die von Ihnen gefeierte Schwarze Null des Herrn Schäuble und die ganze Agitation und die Entscheidungen für Schuldenbremse und dergleichen verheerende Auswirkungen für die Versorgung sehr vieler Menschen im Land hat und unser Land in einen schlechten Zustand versetzt hat.

Wer dann sagt: uns geht es gut, muss sich nicht wundern, wenn ihm die Worte „Volksverräter“ und „Lügenpresse“ entgegengeschleudert werden. Hier der Pöbel, dort die Volksverräter und die Lügenpresse. Das ist keine gute Ausgangskonstellation.

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