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Der Charme des Drohnenkriegs: Krieg zu führen wird leichter, das eigene Volk spürt ihn nicht.

Veröffentlicht in: Audio-Podcast, Aufbau Gegenöffentlichkeit, Friedenspolitik, Militäreinsätze/Kriege, Wertedebatte

Normale Kriegseinsätze haben die unschöne Nebenwirkung für die kriegführenden Regierungen, dass die eigenen Soldaten tot oder als Krüppel in die Heimat zurückkehren. Das kann die Kriegsmoral stören. Und hier kommen die Drohnen ins Spiel. „Die US-Regierung setzt Drohnen ein, um das Risiko für ihre Soldaten und damit die innere Opposition gegen den Krieg zu minimieren.“ Das ist die Einschätzung des ehemaligen US-Geheimdienstmitarbeiters Ray McGovern. Sie leuchtet ein. Deshalb hat Josefa Zimmermann für die Leserinnen und Leser der NachDenkSeiten den einschlägigen Beitrag von McGovern übersetzt. Siehe A. Gleichzeitig informieren wir in B. über Vorbereitungen und Programm des Protestes in Ramstein am 8. und 9. 9. 2017 gegen den Drohnenkrieg.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

  1. Drohnenkrieg als moralischer Niedergang

    von Ray McGovern
    erschienen am 16.07.17 auf consortiumnews.com
    Übersetzung: Josefa Zimmermann

    Die US-Regierung setzt Drohnen ein, um das Risiko für ihre Soldaten und damit die innere Opposition gegen den Krieg zu minimieren. Das aber erhöht die moralische Notwendigkeit, die ferngesteuerten Tötungen auszudehnen, sagt der Ex-CIA-Analyst Ray McGovern.

    Die Jerry Berrigan Brigade, der ich angehöre, wurde durch eine gerichtliche Verfügung aufgefordert, am 12. Juli vor einem Richter in Syracuse, New York, zu erscheinen. Einige Auswärtige waren bereits angereist, als das Gericht dem Antrag des Staatsanwaltes auf eine Terminverschiebung stattgab, weil er mehr Zeit zur Vorbereitung der Anklage gegen die Jerry Berrigan Brigade wegen unseres gewaltlosen Protestes gegen den Dohnenkrieg am 28. Januar 2016 benötigte. Wahrscheinlich wird die Verhandlung in einem oder zwei, vielleicht auch erst in drei Monaten stattfinden. (So viel zu dem im 6. Amendment garantierten Recht auf einen schnellen Prozess)

    Im Januar 2016 standen wir hinter 30 überlebensgroßen Holzsilhouetten des Syrakuser Friedensaktivisten Jerry Berrigan, der am 26. Juli 2015 im Alter von 95 Jahren gestorben war.

    Als ein von vielen geschätzter und respektierter Lehrer war Jerry selbst, genau wie seine Brüder Dan und Phil, größer als das Leben. Noch mit über 90 Jahren konnte man ihn beobachten, wie er allen Elementen trotzte, um Zeugnis abzulegen gegen die illegalen Tötungen, die von der Drohnenbasis in Hancock ausgehen.

    Jerry wurde einmal gefragt, ob es irgend etwas in seinem Leben gibt, das er heute anders machen würde. „Ich wünschte, ich hätte öfter Widerstand geleistet und wäre häufiger verhaftet worden“, war seine Antwort.

    Am 28. Januar 2016 brachten wir, die Jerry-Berrigan-Brigade, Bilder von Jerry zu den Toren von Hancock als sichtbares Zeichen, dass er an diesem Tag an diesem Ort gestanden hätte, um mit seiner körperlicher Präsenz NEIN zum Töten zu sagen. Jerrys Witwe und seine Tochter waren auch dabei und unterstützten uns.

    Die meisten Amerikaner sind völlig ahnungslos, dass von staatlichen Drohnenbasen wie Hancock aus Drohnen-“Piloten“ mit dem Joystick, einem Mausklick oder einfach einem Tastendruck „Menschen, die unter Terrorismusverdacht stehen“ innerhalb von drei Sekunden auf der anderen Seite des Erdballs auslöschen.

    Dank der Medien, die unter dem starken Einfluss derer stehen, die Papst Franziskus bei seiner Rede vor dem Kongress 2015 die „blutbefleckten Waffenhändler“ nannte, entwickelt sich diese Tatsache zu einem Fall von „Aus den Augen, aus dem Sinn“. Doch je mehr das Töten im Verborgenen stattfindet, um so mehr fühlen wir uns moralisch verpflichtet, es an die Öffentlichkeit zu bringen und an das Gewissen der US-Bürger zu appellieren und auch an das der Drohnen-„Piloten“. Viele von ihnen sind von moralischen Skrupeln geplagt wegen der Befehle, die sie ausführen müssen, und erkranken schließlich am Posttraumatischen Belastungssyndrom (PTBS).

    Viele von uns, die Widerstand leisten – Mitglieder der Catholic Worker ebenso wie jüdische Großmütter – übernehmen das Stichwort von dem Friedenskämpfer Rabbi Heschel, der uns allen die Mahnung mitgab: „Wo Unrecht geschieht, sind wenige schuldig, aber viele verantwortlich. Gleichgültigkeit gegenüber dem Bösen ist schlimmer als das Böse selbst.“

    Rabbi Henschel hatte Recht. Und Martin Luther King versicherte: „Der Bogen des moralischen Universums ist weit, aber er neigt sich hin zur Gerechtigkeit.“ Es stellt sich die Frage, wie weit er sich spannt und was ihn veranlasst, sich zu neigen.

    Mehr als siebzehn Monate nach der Protestaktion unserer Brigade in Hancock kommen wir nicht umhin uns zu fragen, wie lange es dauert, bis unser Fall Gerechtigkeit erfährt. Auch sind wir nicht sicher, wie diese Gerechtigkeit aussehen wird. Wie auch immer, der Preis ist gering im Vergleich zu dem, den die Familien zahlen, die zur Zielscheibe der von Drohnen abgefeuerten Hellfire-Raketen werden.

    Ein wohlmeinender Mensch schlug vor, wir sollten uns entschuldigen, doch das liegt uns fern. Eine Entschuldigung könnte bestenfalls so aussehen wie die von Jerry Berrigans Brüdern Dan und Phil und den anderen Mitgliedern der Catonsville Nine, die vor 50 Jahren auf dem Höhepunkt des Vietnamkrieges ihre Einberufungsschreiben mit selbst hergestelltem Napalm verbrannten.

    „Liebe Freunde, wir entschuldigen uns für den Bruch der guten Ordnung, für das Verbrennen von Papier anstelle von Kindern, für das Verärgern der Ordonnanz im vorderen Salon des Beinhauses. Gott helfe uns, wir konnten nicht anders. Denn unsere Herzen sind krank und lassen uns keine Ruhe finden bei dem Gedanken an das Land der brennenden Kinder.“

    Karfreitagsprotest 2017

    „Gerechtigkeit“ wird vielleicht denen von uns schneller widerfahren, die entschieden haben, dass der Karfreitag diesen Jahres der passende Tag ist, um die unschuldigen Opfer des Imperiums zu ehren und ihrer zu gedenken, in Erinnerung an das, was mit Jesus von Nazareth geschah, als er das Römische Imperium herausforderte. Diesmal waren es neun Aktivisten, darunter Mitglieder der Upstate Drone Action und der Catholic Worker, die am Eingang der Drohnenbasis in Hancock verhaftet wurden, wo sie gegen die Rolle Hancocks im Drohnenkrieg protestierten.

    Drei von ihnen hingen an großen Holzkreuzen, stellvertretend für die Opfer der Drohnenanschläge in sieben muslimischen Ländern. Elf weitere hielten kleinere Drohnenkreuze in die Höhe, mit der Aufschrift „Drohnen kreuzigen…“, gefolgt von den Wörtern: Familien, Kinder, Liebe, Frieden, Gemeinschaft, die US-Verfassung, Gesetze, UN Charta, US-Verträge, Rechtsstaatlichkeit, Diplomatie, also die 14 Stationen des Kreuzweges. Alle Kreuze wurden von Mitarbeitern der Drohenbasis beschlagnahmt.

    In der Annahme, dass eine Erklärung zu unserer Aktion notwendig ist, gaben wir eine Stellungnahme heraus, die folgende Sätze enthält: „Karfreitag erinnert an die Kreuzigung Christi. Ausgehend davon, dass sich 70 Prozent der amerikanischen Bevölkerung zum Christentum bekennt, kommen wir zu den Toren der Drohnenbasis Hancock, um die Kreuzigung nachzustellen. Wie Jesus vom Römischen Imperium gekreuzigt wurde, werden vom US-Imperium Drohnen in vergleichbarer Weise eingesetzt.“

    „Zu Zeiten des Römischen Reiches überragten Kreuze die Gemeinwesen als Warnung, dass jeder sterben kann, wenn das Imperium es so entscheidet. Ebenso fliegen unsere Drohnen über viele Länder und bedrohen jeden mit dem Tod, der sich zufällig in der Nähe befindet. An diesem Karfreitag erinnern wir an Jesus, der für Liebe und Gewaltlosigkeit eintrat. Wir fordern diese Luftwaffenbasis und diese Nation auf, die moderne Kreuzigungspolitik zu beenden. Was wäre, wenn unser Land ständig von Drohnen ausgespäht und einige „Terrorverdächtige“ von Drohnen getöten würden? Was wäre, wenn zufällig Anwesende und Kinder den Drohnen zum Opfer fielen? Wenn so etwas geschähe, würden wir hoffen, dass in dem angreifenden Land Menschen aufstehen und sich für das Ende des Mordens einsetzen.“

    „Wir stehen auf und kämpfen für die Beendigung der illegalen und unmoralischen Drohnenangriffe auf Länder, denen der Kongress keinen Krieg erklärt hat.“

    (Ein fünfminütiges Video der Nativity Scene Hancock mit dem Titel: „Hätte Herodes Drohnen besessen, wären Jesus, Maria und Josef ausgelöscht worden.“)

    Viele von den am Karfreitag Verhafteten, ich selbst eingeschlossen, waren die gleichen „Täter“, die auf ihren Prozess wegen des Protestes der Jerry-Berrigan-Brigade vor eineinhalb Jahren warten. Aber der Richter, der diesen neuen Fall verhandelt, sagte uns bei unserem Termin am 13. Juli, dass er nun einen Prozesstermin für uns Karfreitagsdemonstranten festlegen wird.

    Andere Proteste gegen Drohnen

    Im Verlauf der letzten Jahre gab es viele Protestaktionen und Festnahmen bei einer der wichtigsten Drohnenbasen, Creech AFB in Nevada, wo viele Menschen aus dem In- und Ausland gegen die Brutalität der Drohnenmorde protestierten.

    Weniger bekannt sind Aktionen in anderen Teilen des Landes, die die Aufmerksamkeit auf die Ausweitung der Drohnenstationen an Orten wie Des Moines, Iowa, lenken. Dort haben die örtlichen Catholic Worker und die Veterans for Peace eine Kampagne gestartet, um auf die Drohnenmorde aufmerksam zu machen, in die der 132. Flügel der Iowa National Air Guard verwickelt ist und die ihren Ausgangspunkt am Flughafen von Des Moines haben. Bei diesen Aktionen wurden mehrere Personen verhaftet und verurteilt.

    Die Juliausgabe der örtlichen Zeitschrift der Des Moines Catholic Worker, Via Pacis, bringt auf der Titelseite einen Satz, den der katholische Priester Frank Cordano vor seiner letzten Festnahme Ende Mai beim Drohnenkommando der Nationalgarde in Des Moines aussprach. Cordano bezieht sich auf den Propheten Ezechiel, wenn er von der Notwendigkeit spricht, „die Posaunen zu blasen“.

    „Dieser Protest ist ein Protest der Wächter des Ezechiel. Ezechiel war Priester im Ersten Tempel und wurde erst zum Propheten, als er aus Jerusalem vertrieben wurde und in babylonische Gefangenschaft geriet. Dort hatte er Visionen: ‚Der Herr sagte zu mir, wenn der Wächter das Schwert ins Land kommen sieht, bläst er die Posaune, um das Volk zu warnen‘.“

    Die Gruppe der Des Moines Catholic Worker fungierte in den letzten 40 Jahren als eine Art Wächter für die Stadt in Sachen Krieg und Frieden. Die Catholic Workers protestierten in den letzten 80 Jahren gegen US-geführte Kriege auf nationaler Ebene und seit 40 Jahren in Des Moines selbst. Und das betrifft mich auch persönlich. Ich wuchs im Süden von Des Moines auf und dieser Flughafen ist nur wenige Blocks vom Ort meiner Kindheit entfernt.

    Ray McGovern veröffentlicht Publikationen für die Church of the Saviour in Washington-Stadt. Er publizierte über die moralische Notwendigkeit des Protestes und nimmt sie ernst. Er war Armee-Offizier und danach 30 Jahre CIA-Analyst und ist heute Mitglied der Steuerungsgruppe der Veteran Intelligence for Sanity (VIPS).

  2. Die diesjährige Kampagne gegen den Drohnenkrieg und die Koordinierung dieses Krieges über den amerikanischen Stützpunkt auf deutschem Boden: Ramstein

    Alle friedenspolitisch engagierten und interessierten Menschen sind herzlich eingeladen, vom 7. bis 9. September 2017 zum Protest nach Ramstein und Kaiserslautern zu kommen. Die wichtigen Informationen über die verschiedenen Veranstaltungen finden Sie hier.

    Es gibt dort eine Vortrags- und Diskussionsveranstaltung.

    Und ein Friedenscamp. Dazu erschien eine Pressemitteilung, die wir Ihnen hiermit zur Kenntnis geben.

    Weil leider immer noch aktuell, hier auch der Hinweis auf meinen Redebeitrag im vergangenen Jahr:
    Textfassung des Vortrags von Albrecht Müller bei „Stopp Ramstein“. Und: Ist die Spirale der Eskalation zwischen NATO und Russland vom Himmel gefallen?

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