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Kanzlerinnensturz durch russische Hacker? Was haben unsere lieben Qualitätsjournalisten nur jetzt schon wieder geraucht?

Veröffentlicht in: Audio-Podcast, Kampagnen / Tarnworte / Neusprech, Medienkritik, Wahlen

Zugegeben – wenn man sich den blut- und inhaltsleeren Wahlkampf so anschaut, mag man sich glatt wünschen, dass „der Russe“ endlich mal eingreift und uns mit seiner ominösen Hackermeute und deren Hackerbeute aus dem Halbschlaf reißt. Und wenn das nichts wird, soll doch das Monster von Loch Ness die Kanzlerin verspeisen oder der Yeti als letzte Geheimwaffe der SPD den Schulz-Zug auf der Zielgeraden anschieben. Mythen und Märchen sterben nie, nur dass die „russischen Hacker“ anders als Nessie und der Yeti einen Stammplatz bei SPIEGEL Online und Co. haben. Nachdem die Süddeutsche nun gaaaaaanz vorsichtig entwarnt, „analysiert“ SPIEGEL Online nun in einem kruden Text, der dem Postillion alle Ehre machen würde, ob, wie, wann und warum nicht russische Hacker nun doch oder doch nicht noch die Bundestagswahlen manipulieren. Sogar von einem „Kanzlerinnensturz“ ist da die Rede. Da mag man „dem Russen“ ja beide Daumen drücken, doch wie er schaffen soll, woran nicht nur das Who is Who der ehemaligen Sozialdemokraten, sondern auch die gesamte Riege aufstrebender CDU-Talente wie Wulff, Koch, Wissmann, Oettinger, Jung und Merz sowie das gesamte politische Bayern gescheitert sind, behält SPIEGEL Online leider für sich. Schade. Eine Glosse von Jens Berger.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Die Gottkanzlerin kann aufatmen. Nach Einschätzung der investigativjournalistischen Lichtgestalten Hans Leyendecker und Georg Mascolo kann man nun doch eine „leise Entwarnung“ aussprechen – Experten halten es mittlerweile „überwiegend nicht mehr für wahrscheinlich“, dass der Russe die Wahlen noch stören wird. „Die deutsche Strategie sei aufgegangen“, schreibt die SZ. SPON kommentiert dies sogar mit dem vor Eigenlob und Hybris nur so triefenden Satz: „Politik und Bürger seien für die Gefahren sensibilisiert und das Mediensystem sei ein Schutzschild gegen Desinformationskampagnen“. Wow! In einem Hollywood-Streifen würde der Held jetzt wohl mit Tränen der Rührung in den Augen die Hand aufs Herz legen und aus dem Hintergrund würde ein „Glory, Glory, Hallelujah“ erklingen. Die tapferen Recken der schreibenden Zunft haben unsere Demokratie noch einmal gerettet. Die Desinformanten inszenieren sich als Schutzschild vor Desinformationskampagnen. Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei, Unwissenheit ist Stärke und der SPIEGEL ist das Sturmgeschütz der Demokratie.

Doch die Gefahr aus dem Osten ist noch nicht gebannt. Die „leise Entwarnung“ der Süddeutschen geht dem SPIEGEL nämlich zu weit. „Ist Entwarnung angesagt? Eher nicht“, so SPON-Nachwuchstalent Fabian Reinbold, Arthur-F.-Burns-Fellowship-Stipendiat und bei SPON als Reporter für „Hintergrund und Recherche” tätig. Der Russe könne schließlich noch „Zweifel am Wahlergebnis“ säen, wie es die Grünen-Politikerin Jill Stein in den USA vorexerziert hätte. Ok, Stein hat sich vor allem als Fürsprecherin der LGBT-Community einen Namen gemacht und gehört damit – zumindest dem Klischee nach – nicht unbedingt zu den üblichen Verdächtigen in Sachen Putin-Versteherei. Aber Stein hat auch – ei der Daus! – schon mal auf einer Gala neben Putin gesessen, wie das Investigativteam von SPON zu berichten weiß. Klarer Fall. Die Frau gehört zu Moskaus fünfter Kolonne. Welche deutschen Politiker haben eigentlich schon mal neben Putin gesessen? BKA, BND und SPON nehmen sachdienliche Hinweise, die zur Ergreifung der Verdächtigen führen, dankbar entgegen.

Fragt sich nur, wie der Russe eigentlich konkret „Zweifel am Wahlergebnis“ säen will? Meldet RT Deutsch dann, dass man Insiderinformationen habe, dass Serdar Somuncu in Wahrheit die meisten Stimmen bekommen hat und der echte Kançler ist? Und dann ziehen Hunderttausende Deutsche mit Mistgabeln und Fackeln vor das Kanzleramt und stürzen unsere Gottkanzlerin? Die Vorstellung ist ja amüsant. Aber mal ernsthaft – was will SPON eigentlich damit andeuten?

Es gäbe ja – so raunt Reinbold leicht verschwurbelt – sehr wohl auch in Deutschland Kräfte, die für einen „russlandfreundlichen Kurs stehen“, wie „AfD, Linke und Teile der SPD“. Bestreben des Russen sei es also, „Spaltungen in der Gesellschaft zu befördern“ und eben diese Kräfte zu pushen. Putin will also unsere Gottkanzlerin stürzen, um eine rot-rot-braune Koalition zu inthronisieren? Und Räuber Hotzenplotz wird dann neuer Kanzler? „Es kann nicht ausgeschlossen werden“. Na dann.

Die NachDenkSeiten bleiben weiter aufmerksam – seien auch Sie auf der Hut! Wenn Sie in den kommenden Tagen auf Artikel stoßen, die irgendwie keinen Sinn ergeben und wirre Thesen enthalten, dann handelt es sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um Manipulationen russischer Hacker, um die Wahlen doch noch im letzten Moment zu sabotieren … oder um die kruden Fantasien deutscher Qualitätsjournalisten, die sich wahrscheinlich selbst langweilen und über ihre eigenen Artikel totlachen.

p.s.: Ich hatte – cross my heart and hope to die – eigentlich vor, mich ernsthaft mit den Artikeln von Leyendecker/Mascolo und Reinbold auseinanderzusetzen. Beide Artikel sind aber so unsäglich – entschuldigen Sie bitte – dämlich, dass ich die Form der Glosse gewählt habe. Hoffentlich nehmen Sie mir dieses, für die NachDenkSeiten ja eher ungewohnte – Format nicht krumm ;-)

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