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Man sollte die Fähigkeit der Guttenbergs und ihrer Hintermänner zum strategischen Denken und zur Mobilisierung von Manipulationspotenzial nicht unterschätzen

Verantwortlich:

Als Ende letzter Woche Umfragen bekannt wurden, wonach 74% (ARD/Infratest dimap) bzw. 68% (RTL/Forsa) der Befragten für den Verbleib Guttenbergs im Amt votiert hätten, erhielten wir einige Mails von NachDenkSeiten-Nutzern, die die Korrektheit dieser Befragungen in Zweifel ziehen. Es ist zwar sehr wahrscheinlich, dass die Formulierung der Fragen und auch die Erhebung selbst im Sinne eines guten Ergebnisses für Guttenberg angelegt wurden. Aber die erstaunlichen Ergebnisse können dennoch tendenziell der Realität entsprechen. Guttenberg und seine Leute haben ihre Strategie zur Verteidigung clever angelegt und sie verfügen über ein großes publizistisches und finanzielles Potenzial, allem voran über die Bild-Zeitung. Albrecht Müller.

  1. Zu den Elementen ihrer Strategie:

    Vermutlich haben sich die für Guttenberg und seine politische Richtung arbeitenden Stäbe in und außerhalb von Bundesregierung und CDU/CSU schnell und umfassend mit den möglichen Strategien der Verteidigung beschäftigt; vermutlich geschieht dies auch arbeitsteilig zwischen Union, den eingeschalteten PR-Agenturen und den Machern in den unterstützenden Medien, vor allem bei Springers Bild. Weil sich die Ereignisse überstürzen, müssen die Strategien des Öfteren angepasst werden.

    Hier sind ein paar der erkennbaren strategischen Linien:

    1. Guttenberg hat Fehler gemacht. Aber die passieren immer, wenn man viel beschäftigt ist und so viele wichtige Baustellen unterhält (so oder ähnlich zum Beispiel bei Gottlieb in den Tagesthemen, bei der ARD/Infratest dimap und in vielen anderen Medien).
    2. Gegen ihn wird eine Kampagne geführt, er wird verfolgt, von solchen, die ihm seine Erfolge und seine Beliebtheit neiden.
    3. Guttenberg hat es schwer mit den Medien. Der in Ziffer 6 zitierte Hefty von der FAZ begann in seinem Artikel schon eine Art von Medienbarriere gegen Guttenberg zu konstruieren. Guttenberg habe die medialen Meinungsmacher gegen sich aufgebracht. Guttenberg hat in Kelkheim diese Linie vertieft. Obwohl Guttenberg und sein Aufstieg vor allem ein Ergebnis der Unterstützung wichtiger Medien ist, wird jetzt also konstruiert, er werde von den Medien verfolgt. Das ist schon die hohe Schule des Haltet den Dieb Tricks.
    4. Die Kampagne kommt von links, sie hat parteipolitische Hintergründe. – Hier werden tief sitzende Vorurteile gegen alles Linke und der alte Antikommunismus mobilisiert. Nebenbei: jene Sozialdemokraten, die so besonders eifrig die Linken-Verfolgung betreiben, merken vermutlich gar nicht, wie sehr sie damit das Geschäft der Union betreiben.
    5. Keine Zweifel aufkommen lassen. Affirmativ auftreten.
    6. „Gutenbergs Ansehen und Überleben ist auch zu einer Zukunftsfrage der Union geworden“. Das ist wörtlich aus der FAZ und geschrieben von einem engen Freund der Union bei der FAZ: Georg Paul Hefty. Damit wird zumindest bei konservativen und der Union nahestehenden Wählern der Vorgang überhöht. Sollten diese Kreise gegen Guttenberg Bedenken entwickeln, weil sie das Abschreiben von anderen ohne Quellenangabe für unanständig halten, dann wird Ihnen nahe gelegt, den Machtverlust ihres politischen Lagers zu bedenken.
    7. Zeit gewinnen. Das ist erkennbar eine zentrale Überlegung.
    8. Ist der Ruf erst ruiniert, dann lebt sich’s völlig ungeniert. Nach diesem Motto überlebten schon Franz Josef Strauß und Helmut Kohl und Roland Koch harte Zeiten.
    9. Die Umfragen und ihrer Veröffentlichung spielen eine wichtige Rolle bei der Festigung der Popularität und der Position Guttenbergs als Politiker.
    10. Die Strategen setzen zynisch darauf, dass es in Deutschland wie in früheren Zeiten ausreichend Menschen gibt, die ihrem Idol blind vertrauen. Diese werden entsprechend gefüttert. Das „Schweiz Magazin“, ein offensichtlich sehr christliches Organ, hat unter dem Titel „Die Hitler-Guttenberg Parallelen“ unter anderem folgendes geschrieben:

      „Doch aber gibt es Parallelen und die finden sich bei den Anhängern. Die Verehrer Hitlers waren blinde Gefolgsleute die ihr Idol anhimmelten und sich bedingungslos unterwarfen. Sie liessen keine Kritik an ihrem Helden zu und waren bereit jede Schlechtigkeit zu ignorieren oder als gerechtfertigt anzusehen.“

      (Nachbemerkung: ich weiß, dass es unter NachDenkSeiten Lesern wie überall viele gibt, die nicht schätzen, dass man mit der Hitlerzeit vergleicht. Das will ich, so es geht, gerne beherzigen. Im konkreten Fall sind es aber leider ähnliche Gefühlslagen beim angesprochenen Publikum.)

    11. In Anlage 3 folgt ein Nachtrag zur Strategie, formuliert von jenem freundlichen NachDenkSeiten-Leser, der uns die Wette angeboten hatte, dass Guttenberg seinen Doktor behalten kann. Siehe hier. Sein Text ist interessant. Kernthese zur Strategie: Den Betrug in einen “Fehler” zu verwandeln und diesen von der Frage des Rücktritts zu entkoppeln.

    Ich bin dessen sicher, dass auf Seiten Gutenbergs und seiner politischen Freunde intensiv an den Strategien zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung und der veröffentlichten Meinung gearbeitet wird. Bei einem Kunstprodukt wie Guttenberg sind die Strategien der Meinungsbildung besonders wichtige Stützen des politischen Erfolgs.
    Eine Methode sich dagegen zu wehren, ist es, die Strategien zu analysieren und sie öffentlich zu machen. Deshalb dieser Beitrag. Er gründet auf einer konkreten Erfahrung. Wir haben 1972 systematisch über die teils infamen Attacken gegen Willy Brandt informiert und so die zunächst hilflosen Sympathisanten und neutralen Beobachter gegen den Einfluss solcher Strategien der Manipulation immunisiert. (Zur Dokumentation und Analyse siehe hier) Das ist ein wichtiger Schritt zum Aufbau einer Gegenöffentlichkeit. Es ist gut, sich das immer wieder klarzumachen. Es ist gut, die strategischen Elemente zu beobachten. Und es ist gut, mit Freunden, Nachbarn und Kollegen über diese Strategien zu sprechen. Die meisten Menschen haben davon keine Ahnung. Sie machen sich nicht klar, wie sehr sie täglich Opfer der strategischen Überlegungen Dritter sind. Deshalb ist es wichtig, die Menschen um uns herum auf solche Planungen aufmerksam zu machen. Dies rechtzeitig zu tun, ist die beste Methode zur Immunisierung in gegen solche Machenschaften.
    Es ist auch wichtig zu erklären, wie Teile der Medien einen solchen Menschen wie Guttenberg zum Star machten und wie sie ihn in einer solchen Turbulenz begleiten.
    Im Forum von Spiegel Online hatte übrigens einer unserer Zeitgenossen verdienstvoller weise ebenfalls einen Versuch der Analyse der Strategie zu Guttenbergs gemacht. Man muss das immer wieder tun. Die Strategien variieren.

  2. Zum publizistischen Potenzial:

    Clever ausgedachte Strategien alleine helfen nicht, um die Entscheidungen über das politische Personal und die Sachentscheidungen zu bestimmen. Bei weitem nicht jede Partei kann diesen Weg gehen. Guttenberg und seine Hintermänner und -Frauen können dies, weil sie die Unterstützung wichtiger Medien haben, allen voran der Bild-Zeitung. Die Bild-Zeitung ist auch in der gegenwärtigen leichten Krise von Guttenberg das Rückgrat seiner Kampagne. Sie hat lange Zeit die Mehrheit der Medien mitgezogen. Ob das weiter gelingt, ist zur Zeit nicht ganz gewiss aber wahrscheinlich.

    Das uns alle zutiefst betreffende Problem, dass nämlich die Mehrheit in unserem Land wenig bis nichts zu sagen hat, ist in der Vorbemerkung von „Meinungsmache“ zusammenfassend beschrieben. Siehe Ziffer 2, hier.

    „Viertens: Wer über viel Geld und/oder publizistische Macht verfügt, kann die politischen Entscheidungen massiv beeinflussen.
    Die öffentliche Meinungsbildung ist zum Einfallstor für den politischen Einfluss der neoliberalen Ideologie und der damit verbundenen finanziellen und politischen Interessen geworden.
    In einer von Medien und Geld geprägten Gesellschaft ist das zum Problem der Mehrheit unseres Volkes geworden, zum Problem des sogenannten Mittelstands und vor allem der Arbeitnehmerschaft
    und der Gewerkschaften, denn diese Mehrheit und ihre Interessen werden zunehmend kaltgestellt. Das erklärt die breite und wachsende Kluft zwischen den Interessen der Mehrheit und den von oben eingeleiteten politischen Entscheidungen.“

    Zur Zeit gibt es eine Chance, sich dagegen zu wehren. Nicht nur in den arabischen Ländern.

Anlage 1:

Verteidigungsminister zu Guttenberg
Im Ausnahmezustand

Guttenbergs politisches Schicksal ist auch zu einer Zukunftsfrage der Union geworden; sie berührt das ganze Land sowie das Stärkeverhältnis aller Bundestagsparteien. Ein blamabler Rücktritt des Verteidigungsministers hätte weitreichende Folgen.

Von Georg Paul Hefty

Anlage 2:

Die Hitler-Guttenberg Parallelen

Der Vergleich dieser beiden gegensätzlichen Figuren der Zeitgeschichte mag zunächst abstrakt wirken aber angesichts der derzeitigen Geschehnisse in Deutschland drängt es sich geradezu auf, ein grösseres Augenmerk darauf zu legen.

Hitler und der Freiherr von Guttenberg lassen sich nicht direkt miteinander vergleichen. Hitler war ein Massenmörder, grausamer Verbrecher und ein Diktator wie er im Buche steht. Guttenberg hingegen ist ein überzeugter Demokrat der fest zur Freiheitlichen demokratischen Grundordnung steht und dem Verbrechen gegen die Menschlichkeit absolut fern sind. Er ist intelligent, charmant, gutaussehend, weiss sich zu verkaufen, wirkt sympathisch und nationalsozialistisches Gedankengut ist ihm fremd.

Doch aber gibt es Parallelen und die finden sich bei den Anhängern. Die Verehrer Hitlers waren blinde Gefolgsleute die ihr Idol anhimmelten und sich bedingungslos unterwarfen. Sie liessen keine Kritik an ihrem Helden zu und waren bereit jede Schlechtigkeit zu ignorieren oder als gerechtfertigt anzusehen.

Ähnlich verhält es sich dieser Tage mit dem Freiherrn zu Guttenberg. Egal wie falsch Entscheidungen als Wirtschaftsminister gewesen sein mögen, im Krieg gegen Afghanistan oder im Fall des Segelschulschiffes Gorch Fock und zuletzt in der Plagiat-Affäre, seine Anhänger folgen in der gleichen blinden und kritiklosen Verehrung wie sie auch Hitler zuteil wurde. Jede politische Entscheidung wird von ihnen ungeprüft abgesegnet, sie verdrehen Unrechtes ins Gegenteil und verharmlosen das Vorgefallene und vermuten hinter jedem öffentlichen Zweifel an hrem “Führer” geheime Aktionen linker Bünde.

Anlage 3:

Angebot zur Einlösung der Wette

Lieber Herr Müller,
Die Wette um den Doktortitel haben Sie so gut wie gewonnen. Ich habe aus meiner Erfahrung mit der demokratisch-moralischen Qualität des akademischen Betriebes heraus darauf gewettet, dass die Universitätskommission einen Weg finden würde, den Titel nicht aberkennen zu müssen, da sie dem Druck, damit den Superstar der deutschen Politik und die Hoffnung der konservativen Neoliberalen (es gibt ja auch noch die rotgrünen Neoliberalen) vom Sockel zu stoßen, nicht standhalten würde. G. und seine Berater versuchen nun, die Machterhaltung und den vorgezeichneten Weg ins Kanzleramt vom Ergebnis der Plagiat-Untersuchung zu entkoppeln (Motto: “Na und?!”), denn inzwischen sind die Beweise für einen Betrug überwältigend.
Der ertappte Dieb lässt auf der Flucht seine gestohlene Beute fallen. Aber damit bleibt er ein Dieb. Das geradezu groteske Ausmaß und die Dreistigkeit des Textdiebstahls selbst sind beredter Ausdruck einer Bedenkenlosigkeit, wie sie nur aus einem habitualisierten Gefühl gesellschaftlicher Unverwundbarkeit heraus erwachsen kann. Für diese “Elite” ist es von jeher selbstverständlich, zum eigenen Vorteil von anderen zu nehmen, andere zu instrumentalisieren, über andere zu verfügen oder sie wegzuwerfen, wenn es nützt. Der Baron hat in seiner kurzen Karriere jedes Mal, wenn er in Bedrängnis kam Karrieren von Untergebenen zerstört, nur um zu signalisieren, dass er “entschlossen handeln” kann. Ein bewusstes Mitglied dieser Klasse gibt aus freien Stücken keinen Jota einer Beute her, denn die Aneignung von Werten, die andere geschaffen haben (wie von Texten, die andere geschrieben haben) ist ihr ureigenstes moralisches Recht seit Jahrhunderten.
“Verzichtet” hat G. mit dem Eingeständnis, einen “Fehler” gemacht zu haben. Assoziieren soll man: “Fehler macht doch schließlich jeder mal, und irren ist menschlich”. Aber es werden ihm ja keine Fehler vorgeworfen, sondern er ist öffentlich des Betruges überführt worden, wenn auch noch nicht formell.
Die Sprache der Fakten ist derartig deutlich, dass auch die beflissenste Universitätskommission sie nicht im Sinne des Barons interpretieren kann. Käme sie aber formell zu dem Ergebnis, dass hier sich einer den Doktortitel erschlichen hat, wäre der Staatsanwalt nicht mehr weit. Daher muss das jetzt verhindert werden. Ein Doktortitel ist ein – auch geldwerter – Vorteil, er verschafft Zugang zu bestimmten akademischen Berufen, lässt Vortragshonorare steigen, erhöht den sozialen Status usw. Wer sich den Vorteil betrügerisch erwirbt, kommt mit den Strafrecht in Konflikt.
Damit das Kalkül, den Betrug in einen “Fehler” zu verwandeln und diesen von der Frage des Rücktritts zu entkoppeln, aufgehen kann, müssten nun alle mitspielen. Man darf davon ausgehen, dass nichts dem Zufall überlassen wird: Die Universität muss einen Weg finden, der es der prinzipiell geneigten Justiz ermöglicht, passiv zu bleiben. Wahrscheinlich will man mit dem “Verzicht” der Kommission die Möglichkeit geben, sich wieder aufzulösen, da es ja nichts mehr abzuerkennen gibt. Damit wäre wahrscheinlich auch die Justiz ruhig gestellt. Die maßgeblichen  Politiker der Union werden sich ‘loyal’ verhalten und die Medien werden – durchaus pluralistisch und ohne auf kritische Formen (bevorzugt im Feuilleton) zu verzichten – dafür sorgen, dass das Thema recht bald durch ein anderes ersetzt werden kann. Der Ausgang dieses Falles wird Auskunft geben über die Qualität der “Selbstreinigungskräfte”, die in unserer Rest-Demokratie vielleicht noch enthalten sind oder auch nicht.
Und die ‘Opposition’? Die wird ihre verbalen Rollenpflichten auf gewohntem Niveau ableisten. So ist es am Wochenende einem SPD-Sprecher eingefallen, den Schwerpunkt der Attacke auf den Missbrauch von Steuergeldern zu legen, da wohl auch ein Papier eines Bundestagsangestellten zum “summa cum laude” beigetragen haben soll. Das ist so, als würde ein Handtaschenräuber dafür angeklagt, dass er mit einem Dienstwagen zum Tatort gefahren ist. Ist das Komplizenschaft oder nur Dummheit? …
Herzliche Grüße
H. K.
 
PS: ich glaube übrigens nicht, dass ein solcher Karrierist sich die Mühe gemacht hat, die über 50 bisher bekannten geklauten Textstücke selber zu suchen und zusammen zu fügen. Diese Leute “lassen arbeiten”, machen aber wohl “Fehler” beim Personal. Damit ist G. zu einer Figur geworden, die früher beliebter Gegenstand von Komödien war: dem betrogenen Betrüger!
 

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