BRICS und der schwierige Weg in die multipolare Welt (Teil 3)

BRICS und der schwierige Weg in die multipolare Welt (Teil 3)

BRICS und der schwierige Weg in die multipolare Welt (Teil 3)

Ein Artikel von Nel Bonilla

Mit der Neu-Delhi-Erklärung 2026 haben die BRICS-Staaten einen weiteren Schritt hin zu einer multipolaren Weltordnung unternommen. Doch wie weit trägt dieses Projekt – und wo stößt es an die Grenzen der bestehenden, westlich dominierten Finanz- und Wirtschaftsordnung? In unserer dreiteiligen Reihe analysiert Nel Bonilla Strukturen, Möglichkeiten und Widersprüche von BRICS. Teil 3 zeigt am Beispiel des Iran, warum BRICS einem eigenen Mitglied bislang kaum Schutz bieten kann – und was sich ändern müsste, damit aus der Kooperation eine wirksame Solidarität und eine echte Gegenmacht wird. Ein Artikel von Nel Bonilla.

Teil 3: Der Fall Iran – und was BRICS braucht, um zu einer wirklichen Alternative zu werden

Wo genau zeigen sich diese internen Grenzen der BRICS (wie die mangelnde politische Einigkeit) und der Druck von außen? Letzterer zeigt sich im sogenannten „mehrschichtigen Käfig“ – einem US-dominierten Netz aus Finanz-, Technologie- und Logistikmonopolen, das andere Länder strategisch einbinden soll – sowie in einer imperialen hybriden Kriegsführung, die, unterhalb der Schwelle eines offenen Krieges verdeckt, sämtliche Bereiche einer Gesellschaft trifft. Das wohl sichtbarste Zeichen dafür ist die fortschreitende Belagerung des Iran, eines BRICS-Mitglieds. Ein Beispiel hierfür ist das weitreichende Flugverbot, das Washington im September 2026 über die iranische Luftfahrt verhängte. Nach einer kurzen Abwicklungsfrist beugten sich regionale Transitknotenpunkte dem US-Druck, was darin gipfelte, dass die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) am 24. September formell vom Iran betriebene Flüge aussetzten, während andere Länder in der Region, wie der Irak und Oman, folgten. Wie Scott Bessent wenige Tage zuvor in einem Interview erklärte:

„Am 23. September werden alle iranischen Fluggesellschaften auf der ganzen Welt stillgelegt. Wie machen wir das? Wenn sie landen, können Sie ihnen keinen Treibstoff liefern, Sie können ihnen keine Landedienste anbieten, Sie können ihnen keine Tickets verkaufen, oder Sie werden aus dem Dollar-System geworfen.“

Der Iran wird Stück für Stück umzingelt und ihm die Luft zum Atmen entzogen – nicht nur in seinem geografischen Umfeld, selbst im digitalen Raum. So haben Iraner feststellen müssen, dass ihre +98-Telefonnummern plötzlich bei der Verifizierung von Google-Konten abgelehnt werden – eine stille Abtrennung von der globalen Infrastruktur.

Still, da es von Seiten Googles im Moment noch keine Stellungnahme gibt. Indem sie ausländischen Flughäfen und Treibstofflieferanten mit dem Rauswurf aus dem Dollarsystem drohten, demonstrierten die Machteliten der Vereinigten Staaten, wie der Käfig funktioniert. Er stützt sich nicht nur auf militärische Schläge, um eine Wirtschaft zu zerstören. Er kann andere Machthebel nutzen, die er noch immer in der Hand hält, indem er die Fügsamkeit Dritter als Waffe einsetzt, um die Schlinge immer enger zu ziehen.

Beschränkungen für kommerzielle Flüge oder Schifffahrtsrouten sind nicht bloß wirtschaftliche Unannehmlichkeiten, die ein Land irgendwie aussitzen kann. Selbst das souveränste Land wird einen Ausweg aus diesen Zwängen finden müssen. Daher müssen wir begreifen, dass Souveränität nicht etwas ist, das in einem Vakuum in der Welt existieren kann. Sie hängt zwingend von physischen Ressourcen und den eigenen internationalen Netzwerken ab. Ein Staat kann formell seinen Luftraum, seine Grenzen und seinen Staatsapparat kontrollieren und dennoch feststellen, dass sein Handlungsspielraum systematisch erdrosselt wird, wenn der (noch) Hegemon ihm die Verbindungen zur Außenwelt kappt. All diese verschiedenen Maßnahmen lassen nur einen Schluss zu: Es gibt eine übergeordnete Strategie, die darauf abzielt, den Iran derart zu zermürben, dass er am Ende aufgespalten wird und in seine Einzelteile zerfällt, ganz ähnlich wie einst das ehemalige Jugoslawien.

Und wie haben die BRICS auf diese systematische Abschnürung ihres neuesten Vollmitglieds reagiert? Sie haben sich in ihrer Erklärung auf die diplomatische Floskel der „tiefen Beunruhigung“ zurückgezogen – ohne den Iran auch nur namentlich zu erwähnen.

Natürlich ist der Iran seit 2024 ein vollwertiges Mitglied der BRICS, aber das Land wird nicht als Mitglied der New Development Bank anerkannt, obwohl es sich dafür beworben hatte. Die offizielle Begründung lautet, der Beitritt erfordere eine gesonderte rechtliche und finanzielle Prüfung.

Dass dies ein bloßer Vorwand ist, bestätigte kürzlich der ehemalige NDB (National Development Bank)-Vizepräsident Paulo Nogueira Batista Jr. aus erster Hand in einem Interview. Wie er verriet, stellte der Iran bereits 2015 als erstes Land einen formellen Aufnahmeantrag. Die restliche NDB-Führung lehnte diesen jedoch ab, weil sie, wie Batista erklärt, „die Auswirkungen auf das Kreditrating und die Reaktionen der Ratingagenturen auf den westlichen Märkten, wo wir Anleihen begeben wollten, fürchteten.“

Letzten Endes wurde die NDB in einer Zeit vor der heutigen geopolitischen Zuspitzung gegründet und ist nicht darauf vorbereitet, wirklich unabhängig zu agieren. Sie steckt in der Abhängigkeit von amerikanischen Ratingagenturen wie Fitch, S&P und Moody’s fest. Aus Angst vor Sekundärsanktionen sanktioniert sich die NDB also selbst – was sich eindrücklich zeigte, als sie alle neuen Geschäfte mit ihrem Gründungsmitglied Russland auf Eis legte.

Und wie bringt uns das zurück zur Erklärung von Neu-Delhi?

Zwar äußert die Erklärung in Absatz 29 eine „große Besorgnis über gezielte Angriffe auf zivile Infrastrukturen und friedliche Atomanlagen unter den umfassenden Sicherheitskontrollen der IAEO“. Doch durch den Zwang zur Einstimmigkeit werden weder Aggressor noch Opfer beim Namen genannt: Die USA werden nicht erwähnt, Israel wird nicht erwähnt, und bemerkenswerterweise fällt nicht einmal der Name Iran. Auch praktische Lösungen kann das Forum seinem Mitglied Iran nicht anbieten: weder alternative Logistikrouten noch ein eigenes, staatlich gedecktes Versicherungssystem noch ein unabhängiges Abrechnungszentrum für die Luftfahrt.

Das ist nichts anderes als die imperiale Großstrategie der Zerstückelung, Isolierung und Strangulierung. Sie vollzieht sich Schritt für Schritt, geografisch wie militärisch: in der Luft, auf dem Meer und im Finanzsektor – weitere Bereiche werden unweigerlich folgen. Das BRICS-Forum kann hier nicht mehr bieten, denn echte Solidarität würde in diesem Fall bedeuten, dass die Mitglieder die Risiken gemeinsam tragen. Eine Luftfahrt- oder Seeblockade in der Praxis zu durchbrechen hieße nämlich, sich dem imperialen Kontrollregime offen zu widersetzen, eigene staatliche Versicherungen aufzubauen und die eigenen nationalen Unternehmen der Gefahr amerikanischer Vergeltungsmaßnahmen auszusetzen.

Da sie nicht bereit sind, ihren eigenen Zugang zu den globalen Märkten und all ihren Komponenten zu riskieren, ziehen sich die Mitgliedsstaaten auf diplomatische Risikominimierung zurück. Sie geben nicht-bindende Erklärungen „tiefer Besorgnis“ ab, während sie ihre eigenen Positionen innerhalb des mehrschichtigen Käfigs wahren. Die Tragödie des modernen BRICS-Projekts ist, dass sich der Käfig durch tausend kleine, technische, administrative Würgegriffe schließt. Und eine BRICS-Erklärung, die niemanden zu kollektiver Solidarität verpflichtet, kann ihn nicht öffnen.

Der Käfig reproduziert sich selbst

Wir könnten die Grenzen der BRICS als technische Wachstumsschmerzen in einer Ära der Multipolarität verstehen, und vielleicht sind sie das auch. Im heutigen Kontext stellen sie allerdings Hürden dar, die es zu überwinden gilt.

Was das Forum daran hindert, einen funktionierenden Schutzschild – geschweige denn eine emanzipatorische Alternative – aufzubauen, ist darin begründet, dass die dafür nötigen Mechanismen frontal mit den materiellen Interessen und dem politischen Weltbild einiger Mitgliedsstaaten kollidieren. Mehrere Hürden machen die sonst so übliche, freiwillige Koordination der BRICS unter dem heutigen hegemonialen Druck ungleich schwieriger:

Die BRICS-Staaten sind von Zentralbanken, Finanzministerien, Staatsunternehmen, privaten Oligarchien und Exportkonglomeraten durchzogen, die in transatlantische Kapitalkreisläufe eingebettet bleiben. Die Technokraten, die diese Institutionen leiten – viele davon in der Orthodoxie westlicher Wirtschaftswissenschaften, des Handelsrechts und der Entwicklungsfinanzierung ausgebildet –, suchen einen besseren Platz am bestehenden Tisch. Aufgrund ihres Bildungshintergrunds und ihres Habitus sorgen sie sich um den Erhalt von Bonitätsratings, die Aufrechterhaltung des Korrespondenzbankzugangs, die Sicherung von Dollar-Liquidität sowie die Vermeidung von Kapitalflucht. Diese technokratische Fraktion sitzt an den Ursprüngen und an den Schalthebeln des BRICS.

Daher gibt es bei diesen Staaten keine Absicht, eine alternative Infrastruktur zu schaffen. Vielmehr geht es ihnen um nationale Risikoeindämmung. Sie wollen sich bestmöglich nach allen Seiten absichern, sobald das US-geführte Imperium droht. Eine Alternative ist derzeit auch weniger realistisch, denn den BRICS fehlt dafür die politische Geschlossenheit. Es gibt keine gemeinsame Erzählung mit einem positiven politischen Ziel, auf die sich diese Länder einigen könnten, und auch keine weltweite, tragende Massenbewegung. Ohne einen solchen Rückhalt in der Bevölkerung und ohne ein klares politisches Fundament ließe sich eine alternative Struktur nur schwer aufbauen. Sie wäre sofort Angriffen des Hegemonen und seiner Verbündeten ausgesetzt, und die damit unweigerlich verbundenen Entbehrungen ließen sich ohne sozialen Kitt im Inland nicht durchstehen.

Gäbe es jedoch einen solchen gemeinsamen politischen Horizont mitsamt einer starken Bewegung, würde diese auch den Charakter der Alternative bestimmen. Es wäre dann keine Infrastruktur, die mit allen Mitteln der Kapitalakkumulation und endlosen Ressourcenextraktion dient. Sie würde vielmehr einer anderen Logik folgen, einer Logik der sozialen Reproduktion – also dem Schutz, Erhalt und der Pflege von Gesellschaft und Lebensgrundlagen. Etwas konkreter liefe so eine Alternative womöglich auf Mischwirtschaft hinaus. Die öffentliche und die soziale Sphäre würden die Wirtschaftsordnung vorgeben und gestalten und der Sphäre der Privatwirtschaft übergeordnet sein.

Ein weiteres Hindernis ist das Quasi-Monopol der US-geführten Funktionseliten, wenn es um die physische und rechtliche Kontrolle des Welthandels geht. Auf der einen Seite stehen global operierende Kriegsflotten, die alle strategischen maritimen Nadelöhre überwachen (wie z.B. die Straße von Hormus), begleitet von einem grenzüberschreitenden Sanktionsapparat und weltweit agierenden Geheimdienstnetzwerken.

Auf der anderen Seite stehen die westlichen Versicherungskartelle wie die meist in London ansässigen P&I Clubs. Ohne deren Haftpflichtschutz darf heute nämlich kaum ein Frachtschiff internationale Häfen anlaufen. In der Konsequenz bedeutet das, dass diese Kartelle imstande sind, die Flotte eines Landes vom internationalen Seehandel abzuschneiden. Hierfür genügt es schon, dass sie einer Nation den Versicherungsschutz entziehen, sobald deren Ölexporte von Washington und den transatlantischen Eliten sanktioniert werden.

Bislang haben die BRICS weder einen Mechanismus noch eine Infrastruktur aufgebaut, um den physischen Warentransit abzusichern, maritime Haftung zu übernehmen oder ausländische Vermögenswerte vor Beschlagnahme zu schützen. Der Aufbau einer parallelen Durchsetzungsebene würde höchstwahrscheinlich eine sofortige, riskante Konfrontation mit der imperialen Macht oder Sanktionen in irgendeiner Form auslösen.

Daher flüchten sich die Mitgliedsstaaten in die Passivität. Der imperiale Käfig bleibt intakt, weil seine Kontrollmechanismen allgegenwärtig sind. Jedes Land ist durch Tausende Fäden – ob über den Dollar, das SWIFT-System, Technologie, Versicherungen oder westliche Institutionen – an dieses System gebunden. Diese Abhängigkeit und Verflechtung sind der Kern der imperialen Macht. Mit anderen Worten: Zieht ein Land nicht mit, kappt der Hegemon einfach diese lebenswichtigen Verbindungen. Und wenn all diese zivilen Zwangsmittel nicht ausreichen, um einen Staat auf seinen Platz zu verweisen, sichert das US-geführte Imperium diese Ordnung durch die Androhung militärischer Gewalt ab.

Ein weiteres Hindernis liegt jedoch in den Köpfen selbst. Antonio Gramsci und Karl Marx beschrieben einst, wie sich eine herrschende Klasse ihre Macht durch kulturelle Hegemonie sichert. Sie macht ihre eigene Weltsicht für alle anderen zum unhinterfragten „gesunden Menschenverstand“. Genau dieses Phänomen sehen wir hier, wenn die Maßstäbe, nach denen die Technokraten der BRICS-Staaten ihre wirtschaftliche Lage bewerten – Kreditwürdigkeit, Investitionsklima und Marktdisziplin –, dem Denkrahmen jener dominanten Ordnung entspringen, vor der sie sich schützen wollen.

Der imperiale Käfig reproduziert sich also durch das Vokabular genau derer, die eigentlich mit der Suche nach Alternativen betraut sind. Natürlich gelten diese Begriffe als die entscheidenden Gradmesser für die kurz- und mittelfristige Überlebensfähigkeit eines Landes. Das mag pragmatisch sein, doch wer hauptsächlich in diesen Kategorien denkt, verengt unweigerlich seinen Vorstellungshorizont und beraubt sich seines eigenen Handlungsspielraums. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass die Vorstellungskraft des Forums an jenes System gekettet bleibt, das die Souveränität jedes einzelnen Mitglieds bedroht.

Wie fast alle Länder der Welt sind auch die BRICS-Staaten in den globalen Finanz- und Wirtschaftsmarkt integriert. Das macht sie verwundbar, denn Integration bedeutet auch, dass man ausgeschlossen werden kann. Das zwingt sie zu einer Art Absicherungspolitik: Sie streben nach einem gewissen Handlungsspielraum, lassen ihre Vermögenswerte aber weiterhin an das westliche Zentrum gekoppelt. Diese Verflechtung in die globale Infrastruktur – verstärkt durch das Wissen, dass der BRICS-Architektur eine verbindliche Schutzstruktur fehlt – wirkt auf den Hegemonen wie eine offene Einladung, jedes Mitglied einzeln zu isolieren und unter Druck zu setzen.

Wenn dann auch noch einige Mitglieder versuchen, mit der US-geführten transatlantischen Sphäre auf bilateraler Ebene zu interagieren, um sich zu retten und abzusichern, so läuft das Forum Gefahr, schwächer zu werden. Der Wunsch, im Käfig zu bleiben, treibt letztlich die Zersplitterung voran, und die Zersplitterung droht den Käfig weiter zu verriegeln.

Das Kerndilemma: Autonomie ohne Horizont

Diese Dynamik offenbart die ungleichen Realitäten innerhalb der BRICS. Da ist zum einen Chinas wirtschaftliches Gewicht– der eigentliche Grund für die Existenz des Konsensprinzips – und die damit einhergehende Gefahr einer einseitigen Abhängigkeit für kleinere Staaten; oder Indien, das seine strategische Eigenständigkeit durch enge Beziehungen zum Westen wahrt; sowie die Golfmonarchien, die fest an den Petrodollar und den transatlantischen Machtblock gebunden bleiben. Und das sind nur einige Beispiele.

Trotz all dieser Unterschiede hat BRICS es bis jetzt geschafft, seine Netzwerke und Infrastruktur zu entwickeln, zu erhalten und zu erweitern. Die Entwicklungsbank, die Handelskorridore, die verschiedenen technischen Arbeitsgruppen und die Gipfelkommuniqués sind alle Zeugen dessen, was durch das BRICS-Modell der Konsensfindung und der flexiblen Integration seiner Mitglieder möglich ist. Was diesem Modell jedoch fehlt, ist eine ebenso weit entwickelte politische und ideelle Infrastruktur – also ein gemeinsamer Denkrahmen. Es fehlt ein grundlegender Konsens darüber, welche Strukturen von Abhängigkeit, Schulden und ökologischer Ausbeutung überwunden werden müssen und auf welchem Weg dies geschehen kann, ohne das Überleben der Staaten als souveräne Akteure zu gefährden.

Wir könnten sagen: Eine materielle Infrastruktur und räumliche Konnektivität zu haben, jedoch ohne gemeinsamen politischen Horizont, schafft Autonomie, aber eine Autonomie ohne ausreichende Solidarität – ausreichend für das Überleben und die Schaffung einer friedlichen multipolaren Ordnung, versteht sich.

Man kann freiwillig den raffiniertesten Schutzschild konstruieren, aber was bringt das, wenn er auf keinem transformativen politischen Projekt fußt? Wenn uns der Blick auf den Zusammenbruch und die Fragmentierung von Staaten eines gelehrt hat, dann dies: Nur eine politisch organisierte und kohärente Gesellschaft kann diesen Schutzschild verteidigen und retten. Auf die Makroebene der BRICS übertragen bedeutet das, dass nur ein inhaltlich geschlossener Staatenbund angesichts hybrider Kriegsführung dieselbe Schutzfunktion leisten könnte.

Zweifellos hat das BRICS-Projekt etwas historisch Einmaliges bewiesen: Es ist möglich, die Souveränität einzelner Staaten durch freiwillige Kooperation erfolgreich abzusichern. Was wir heute sehen, ist eine greifbare, funktionierende Autonomie. Der Block webt technische Netzwerke für Handel und Entwicklung, operiert dabei aber weiterhin innerhalb der kapitalistischen Marktlogik – eine bemerkenswerte pragmatische Leistung. Der Haken an dieser individualisierten, transaktionalen Autonomie ist jedoch offensichtlich: Wird dieses lose Geflecht auch dann noch halten, wenn der imperiale Zwang und die Gewalt zunehmen?

Der Imperativ der Benennung

Die Erklärung von Neu-Delhi ist zugleich eine historische Leistung und ein pragmatisches Dokument – eine Leistung, die zeigt, wie sich die globale Mehrheit einen diplomatischen Raum erkämpft und dass der Dialog immer eine Option ist.

Ein pragmatisches Dokument, da sich die BRICS an das US-geführte Imperium richten, die Vereinigten Staaten jedoch nicht benannt werden. Die Autoren der Erklärung schweigen über die konkreten Strukturen des finanziellen und wirtschaftlichen Zwangs sowie über die Realität der Kriege. Wenn überhaupt, werden abstrakte Symptome wie „unilaterale Sanktionen“ oder „Angriffe auf zivile Infrastruktur“ gerügt. Anstatt den Weg aus dem imperialen System zu artikulieren, sucht man lediglich nach einer pluralistischen Nische innerhalb desselben. Aber wer die Struktur nicht beim Namen nennt, wird ihr niemals entkommen. Man kann nicht aus einem Labyrinth entkommen, wenn man nicht mal weiß, dass man in einem ist, es nicht benennt und keine Karte davon aufzeichnen will.

Was auf dem Spiel steht, ist nicht das geopolitische Theater, ob BRICS die USA als neuer globaler Hegemon ablösen kann. Das sage oder deute ich nicht einmal an. Was auf dem Spiel steht, ist die Frage, ob die Menschheit einen Weg aus dem Käfig der ungebremsten kapitalistischen Extraktion und imperialen Gewalt finden kann. Die Aufgabe besteht darin, den Käfig zu erkennen, zu benennen und ihn anschließend hinter sich zu lassen. Und ich sage auch nicht, dass dies allein die Aufgabe der BRICS-Staaten ist. Es ist eine globale Aufgabe. Doch indem wir die Zwänge eines solchen historischen Projekts wie BRICS begreifen, können wir die heute wirkenden imperialen Strukturen besser verstehen.

Um ein Projekt wie BRICS von einem transaktionalen Mechanismus in ein Vehikel für eine friedliche Ordnung zu verwandeln, können wir als vorläufige Koordinaten eine Reiseroute skizzieren:

  • Solidarität muss über leere Gipfelerklärungen hinausgehen und in der Praxis spürbar werden. Letztlich geht es um einen krisenfesten wirtschaftlichen Rettungsanker. Sobald ein Mitgliedsstaat Ziel einer imperialen Blockade wird, muss das Forum fähig sein, einzuspringen, um dessen Schiffe zu versichern, den Zahlungsverkehr aufrechtzuerhalten und die Lieferung von Lebensmitteln und Medikamenten zu sichern. In der Konsequenz würde das den Aufbau eines eigenständigen Sicherheitsnetzes implizieren, das sich dem westlichen Sanktionsdruck widersetzt.
  • Das Contingent Reserve Arrangement (CRA) muss strukturell vom IWF emanzipiert werden, anstatt als Anhängsel des IWF zu fungieren. Um als echte Alternative attraktiv zu sein, müsste es den Teufelskreis aus Schuldenfallen und brutalen Austeritätsdiktaten durchbrechen. BRICS müsste dafür automatische, gegenseitige Nothilfen in lokalen Währungen etablieren, die im Krisenfall sofort greifen. Gelingt es, kleinere Volkswirtschaften davor zu bewahren, ihre soziale Infrastruktur an westliche Gläubiger oder asymmetrisch an größere BRICS-Staaten verpfänden zu müssen, ändert sich die globale Statik: Befreit von erpresserischen Konditionen, würde das CRA den IWF nicht länger nur ergänzen. Es würde ihn ersetzen.
  • Entwicklung kann eine treibende Kraft in dieser neuen Ordnung sein. BRICS müsste ein transnationales öffentliches Gemeingut aufbauen: gemeinsame öffentliche Forschung, offene technische Standards und geteilte digitale öffentliche Infrastruktur. Technologietransfers in Bezug auf erschwingliche Medikamente und die grüne Wende müssen an den Aufbau inländischer Kapazitäten geknüpft werden. Offen gesagt, existieren einige dieser Strukturen auf freiwilliger Basis bereits innerhalb der BRICS, während es bei anderen noch an politischem Willen zur Umsetzung fehlt.
  • Um aus dem mehrschichtigen Käfig auszubrechen, müsste ein multipolares Projekt einen emanzipatorischen Klassenhorizont in Betracht ziehen. Auch wenn wir bisher das transformative Potenzial der BRICS und seine theoretische Fähigkeit gesehen haben, inländisches Kapital vor westlichen Sanktionen abzuschirmen, müsste sich das Forum also dem strukturellen Schutz der Arbeiterschaft zuwenden. Ein transformatives BRICS würde die extraktive Logik des BIP-Wachstums und der endlosen Kapitalakkumulation ablehnen und sich stattdessen dafür entscheiden, sein Überleben und seinen Fortschritt vor allem anhand von Vermögens- und Verteilungsgerechtigkeit zu messen. Dies erfordert, verbindliche Arbeitnehmerschutzrechte und soziale Sicherheit fest in die transnationalen Lieferketten des Blocks zu verdrahten und öffentliche Unternehmen sowie Kooperativen bewusst über Unternehmensmonopole zu stellen.
  • Ein institutionelles Gedächtnis bewahrt die Kultur einer Organisation, ihre Werte, ihr Wissen und ihre ethischen Grundsätze, die sie definieren. Anstatt jedes Jahr die Agenda neu zu erfinden, muss das Bündnis ein unerschütterliches institutionelles Gedächtnis aufbauen – eine Struktur, die das Wissen, die Abwehrmechanismen und die Beschlüsse des Forums dauerhaft verankert.
  • Um zu einer transformativen Kraft zu werden, benötigt das Forum unter anderem ein öffentliches Archiv, klare bürokratische Anlaufstellen und unabhängige Folgenabschätzungen für NDB-Projekte. Dies würde ähnlich wie eine Transparenzplattform funktionieren. Es ist aber auch der einzige Weg, um im Laufe der Zeit kumulative strategische Macht aufzubauen und sicherzustellen, dass der Kurs des Blocks von einer messbaren, rechenschaftspflichtigen Verpflichtung gegenüber der globalen Mehrheit bestimmt wird. Somit würde sichergestellt, dass BRICS weder von den flüchtigen Launen des rotierenden Vorsitzes noch von den stillen Manövern seiner Finanzeliten gesteuert wird.
  • Schließlich müsste ein Forum wie die BRICS – mit all seiner historischen Bedeutung und seinem gegenwärtigen politischen und wirtschaftlichen Gewicht – einen gemeinsamen Denk- und Diskursraum schaffen, der die Zivilgesellschaften miteinander verbindet. Das würde unter anderem bedeuten, dass Übersetzungs- und Publikationsprogramme in den BRICS-Sprachen finanziert werden müssen. Es bräuchte auch die grenzüberschreitende Vernetzung von Gewerkschaften, Bauernorganisationen, Fraueninitiativen und unabhängigen Wissenschaftlern, um über Schulden, Mehrwertverteilung, Entwicklung, Souveränität und Ökologie zu streiten. Das heißt nicht, dass es solche zivilgesellschaftlichen Bande in der BRICS-Welt heute gar nicht gäbe, doch sie fristen ein Nischendasein, wo sie eigentlich das Fundament sein müssten.
  • Ohne soziale Verankerung bleibt Multipolarität das exklusive Projekt von Staatsapparaten, Zentralbankern und Unternehmenskonglomeraten, die bessere Handelsbedingungen anstreben. Mit einer sozialen Verankerung könnte es sich zu einem Projekt entwickeln, das die Bedingungen für demokratische Entwicklung, soziales Wohlergehen und eine friedliche globale Koexistenz grundlegend verbessert. Würde es aufhören, unter Beschuss zu stehen? Würde der imperiale Hegemon seine Kriege und Gewalt einstellen? Nein. (Und diese letzte Frage verlangt eine Antwort des Widerstands innerhalb des transatlantischen Raums selbst.) Aber zumindest, wenn wir uns das transformative Potenzial der BRICS ins Bewusstsein rufen, erkennen wir, dass die Möglichkeiten der Befreiung aus diesem Käfig gar nicht so weit entfernt sind.

Schlussbemerkung: Ein souveränes politisches Bewusstsein

Letztlich entstand BRICS nicht aus einer Gruppe von Ländern mit einer Anti-System-Ideologie, sondern aus der handfesten Frustration über das Erpressungspotenzial des IWF und der Weltbank. Es war der Versuch, sich innerhalb der bestehenden Ordnung autonomen Handlungsspielraum zu erkämpfen.

Heute, da das US-Imperium zur offenen hybriden Kriegsführung übergegangen ist, agieren die Mitgliedsstaaten nach der Logik des staatlichen Überlebens. Ihr Absicherungsverhalten– also die Nabelschnur zum westlichen Markt nicht gänzlich zu durchtrennen, während man hastig parallele Logistikrouten zimmert – ist keine Frage fehlender Solidarität. Es ist der strategische Pragmatismus von Akteuren, die einen Frontalzusammenstoß vermeiden wollen.

Das Unglück des derzeitigen BRICS-Projekts besteht darin, dass seine politische Vorstellungskraft stark durch den Klassencharakter der ihn verwaltenden Institutionen erstickt wird. Die Mechanismen der Multipolarität werden in den Entwicklungsbanken von einer administrativen und finanziellen Elite geprägt. Da diese Technokraten in dieselben globalen Kapitalkreisläufe eingebettet sind wie ihre westlichen Pendants, ist ihr epistemologischer Horizont in ähnlicher Weise eingeschränkt. Sie können sich nur schwer eine Welt außerhalb des Käfigs vorstellen; sie besitzen lediglich die Vorstellungskraft, einen gerechteren, bequemeren Platz innerhalb desselben zu fordern.

Dieser nationale Pragmatismus bleibt lebensgefährlich, weil er auf einer fatalen Fehleinschätzung beruht: der Annahme, dass das US-geführte Imperium lediglich kollabieren würde. Das tut es (noch) nicht. Es passt sich an.

Was wir erleben, ist die Rückkehr zur historischen Normalität des Kapitalismus – der ungebremsten, organisierten Gewalt zur Kapitalakkumulation. Die gezähmte, durch Systemkonkurrenz regulierte Weltwirtschaft des Kalten Krieges war eine historische Ausnahme. Die Norm war stets die brutale Verschmelzung von Gewalt und Profit. Die imperialen „Händlerkrieger“ kreuzen heute lediglich nicht mehr auf Galeonen vor den Küsten; ihre Artillerie besteht aus Sanktionsregimen und SWIFT-Blockaden. Wer glaubt, man könne diese entfesselte organisierte Gewalt ohne Schaden überstehen, indem man sich als Land irgendwie einzeln absichert, irrt. Gegen diesen Apparat gibt es keinen pragmatischen Rettungsweg. Wahre Souveränität erfordert nun, die systemische Transformation ins Auge zu fassen. Und es erfordert das Schmieden eines gemeinsamen politischen Horizonts.

Sollten die BRICS über die reaktive Abschirmung hinausgehen und gar ein autonomes politisches Projekt verfolgen, so kann dieses nicht allein von Zentralbankern und Außenministern gestützt werden. Eine echte Resilienz, ob auf regionaler oder nationaler Ebene, sollte in einem souveränen politischen Bewusstsein verankert sein.

Die Transformation des mehrschichtigen Käfigs, des globalen Marktes, in eine Waffe wird auch von Bürgern an der Basis gespürt – sei es durch Austerität, sei es durch physische Blockaden in ihrem Land. Deshalb sollte die Erschaffung alternativer Infrastrukturen auch in der Gesellschaft und ihrem Wohlergehen verwurzelt sein.

Ohne die soziale Verankerung der Arbeiterklassen und der sozialen Bewegungen gibt es weder ein Mandat noch die Kapazität, die enorme Reibung aufzufangen, die eine Abkopplung vom hegemonialen System unweigerlich mit sich bringen wird.

Multipolarität wird ein Eliteprojekt bleiben. Jegliche Solidarität wird in dem Moment verdampfen, in dem Gewinnmargen bedroht werden. Aber mit dieser breiten Unterstützung wäre eine echte gemischtwirtschaftliche Assoziation möglich. Kurzum: Es braucht ein Bündnis mit einem politischen Projekt, das die Profitlogik umgeht und privates Kapital der Versorgungssicherheit unterordnet.

Sobald man den mehrschichtigen Käfig der globalen Finanzarchitektur als die eigentliche Waffe erkennt, genügt es nicht mehr, die eigene nationale Entwicklung abzusichern. Das Ziel kann dann nur noch lauten, diese Architektur des Zwangs zu ersetzen.

Die Erklärung von Neu-Delhi liefert den Nachweis, dass das institutionelle Monopol des US-geführten Westens einen unübersehbaren Riss erlitten hat. Trotz eskalierender Kriege, Sekundärsanktionen und permanenten hybriden Krieges haben elf Staaten einen eigenständigen Rahmen für multipolare Kooperation geschmiedet – und sie halten stand. Die globale Mehrheit bringt eine immense ökonomische und demografische Wucht auf die Waage. Gepaart mit ihrem historischen Gedächtnis über den Imperialismus und Kolonialismus, verfügen die BRICS-Staaten heute über die Masse, um die Statik dieser Weltordnung dauerhaft zu verschieben. Aber das ist lediglich die eine Seite der Medaille. Multipolarität lässt sich nicht im Alleingang von außen erzwingen. Solange die Gesellschaften im transatlantischen Kern sich ihrer historischen Aufgabe entziehen und die imperiale Maschinerie nicht von innen heraus stören oder demontieren, bleibt jeder Schutzschild des Südens verwundbar.

Bei dieser strukturellen Analyse und Kritik geht es also keineswegs darum, mit dem erhobenen Zeigefinger auf die Funktionseliten des Globalen Südens zu zeigen. Wir legen die Gitterstäbe des mehrschichtigen Käfigs offen, um zu begreifen, wo und wie wir sie durchbrechen können. Letzten Endes hält uns dieser Käfig nämlich alle gefangen.

Die Hoffnung, die wir auf das BRICS-Projekt projizieren, ist in Wahrheit eine universelle Hoffnung: dass Gesellschaften sowohl im Globalen Süden als auch im transatlantischen Kern endlich den solidaritätsstiftenden Horizont finden, der notwendig ist, um gemeinsam aus dem Käfig herauszutreten – und eine Multipolarität zu schmieden, die auf planetarem Frieden gründet.

Ende Teil 3

Hier können Sie den ersten Teil und den zweiten Teil nachlesen.

Titelbild: Foto von Zheng XUE auf Unsplash

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