BRICS und der schwierige Weg in die multipolare Welt (Teil 2)

BRICS und der schwierige Weg in die multipolare Welt (Teil 2)

BRICS und der schwierige Weg in die multipolare Welt (Teil 2)

Ein Artikel von Nel Bonilla

Mit der Neu-Delhi-Erklärung 2026 haben die BRICS-Staaten einen weiteren Schritt hin zu einer multipolaren Weltordnung unternommen. Doch wie weit trägt dieses Projekt – und wo stößt es an die Grenzen der bestehenden, westlich dominierten Finanz- und Wirtschaftsordnung? In unserer neuen dreiteiligen Reihe analysiert Nel Bonilla Strukturen, Möglichkeiten und Grenzen von BRICS. Teil 2 untersucht, was der Gipfel von Neu-Delhi 2026 konkret erreicht hat – und warum das Konsensprinzip des BRICS, nationale Eigeninteressen und fehlende Verbindlichkeit dennoch weiterhin den Aufbau einer schlagkräftigen Alternative zur westlich dominierten Weltordnung bremsen. Ein Artikel von Nel Bonilla.

Teil 2: BRICS zwischen Anspruch und Wirklichkeit – was Neu-Delhi verändert hat

Wenn wir die konkreten Ergebnisse des Neu-Delhi-Gipfels 2026 bewerten, können wir erkennen, wo das BRICS-System seine bestehende Koordinationsarchitektur gezielt verdichtet. Hinsichtlich des Arbeitsplans organisierte der indische Vorsitz Hunderte von Treffen, die zu mehr als fünfzig dokumentierten praktischen Initiativen führten. Das heißt, der Gipfel in Neu-Delhi konnte die technische Zusammenarbeit selbst inmitten geopolitischer Spannungen – auch zwischen den BRICS-Mitgliedern selbst – aufrechterhalten.

Auf diplomatischer Ebene spiegelt die Neu-Delhi-Erklärung eine gemeinsame Verhandlungsposition wider. Das ist keine geringe Leistung, wenn man bedenkt, dass BRICS durch seine Erweiterung nun Länder mit stark divergierenden Interessen umfasst, etwa Saudi-Arabien und den Iran, um nur zwei Beispiele zu nennen. Dennoch konnten sie alle eine einheitliche Forderung nach Multipolarität und Reform der globalen Governance bekräftigen, wobei sie insbesondere Institutionen wie den IWF, die Weltbank und die UNO ins Visier nahmen. (Anm. d. Red.: Governance bezeichnet die Art und Weise, wie politische, wirtschaftliche oder gesellschaftliche Angelegenheiten gesteuert und geregelt werden. Der Begriff ist damit weiter gefasst als „Government“ (Regierung) und umfasst auch Formen der Regelsetzung und Koordination jenseits nationaler Regierungen, etwa durch internationale Organisationen, Verträge und Vereinbarungen.)

Ich möchte hier kurz auf einen Punkt (Punkt 13) bezüglich der UNO aus den 140 Punkten der Erklärung verweisen, um diesen Anspruch auf größere Repräsentation in der globalen Governance zu veranschaulichen:

„[…] wir bekräftigen unsere Unterstützung für eine umfassende Reform der UN, einschließlich ihres Sicherheitsrates, mit dem Ziel, sie demokratischer, repräsentativer, effektiver und effizienter zu machen und die Repräsentation von Entwicklungsländern in den Mitgliedschaften des Rates zu erhöhen, damit er auf die vorherrschenden globalen Herausforderungen angemessen reagieren und die legitimen Bestrebungen der Schwellen- und Entwicklungsländer aus Afrika, Asien und Lateinamerika, einschließlich der BRICS-Staaten, unterstützen kann, eine größere Rolle in internationalen Angelegenheiten zu spielen, insbesondere in der UN, einschließlich ihres Sicherheitsrates.“

Somit sind die BRICS zugleich Förderer der Multipolarität und Reformer der bestehenden globalen Governance-Strukturen.

Wirtschaftlich ist ein bemerkenswerter Fortschritt die Strategie für die wirtschaftliche BRICS-Partnerschaft 2030, die als unverzichtbarer Schirm dient und Handels-, Investitions- und Industrieinitiativen verbindet, die zuvor isoliert operierten. Sie fasst hochspezifische Projekte unter einem Dach zusammen, wie etwa die Anbindung von Kleinunternehmen an den grenzüberschreitenden Handel und die Lösungsfindung, wie nationale digitale Zahlungssysteme nahtlos interagieren können.

Anders gesagt bedeutet dies, dass BRICS aktiv die alltägliche wirtschaftliche Klempnerei aufeinander abstimmt, die die Bürger der Mitgliedsstaaten benötigen, um miteinander Geschäfte zu machen.

Weiterhin wurde in Neu-Delhi als Antwort und Abwehr gegen den wirtschaftlichen Angriff durch Sanktionen und Sekundärsanktionen ein institutioneller Mechanismus der NDB (New Development Bank, siehe Teil 1) zur Priorität erhoben. Dabei geht es um das Mandat zum Aufbau der technischen Interoperabilität auf Logistikebene. Nun wurde das BRICS-Sondergremium für den Zahlungsverkehr, die sogenannte BRICS-Arbeitsgruppe für Zahlungsverkehr (BRICS Payment Task Force), offiziell angewiesen, die Verknüpfung inländischer Zahlungsnetzwerke voranzutreiben, sodass Transaktionen nicht länger über das Nadelöhr westlicher Institutionen fließen müssen. Flankiert wird dies durch die klare Direktive an die NDB, ihre Kreditvergabe in Lokalwährungen strategisch auszuweiten.

An der Handelsfront brachte der Gipfel einen freiwilligen Rahmen zur Zusammenarbeit bei Logistik-Lieferketten sowie einen Aktionsplan für globale Wertschöpfungsketten (2026 – 2030) für den Rest des Jahrzehnts voran. Diese Pläne und Rahmenwerke sollen die Industrien des erweiterten Bündnisses physisch miteinander verbinden. Nach Jahren einseitiger Sanktionen und Unterbrechungen der Schifffahrt sind die BRICS-Staaten in Bezug auf die Realität der US-geführten Instrumentalisierung von Nadelöhren als Waffe aufgewacht, die die Fähigkeit besitzen, Lieferketten als Geisel zu nehmen. Durch die Festlegung klarer Zeitpläne und gemeinsamer Datenverfolgung wären diese freiwilligen Kooperationsrahmen die ersten Schritte zum Aufbau einer dauerhaften, alternativen Handelsarchitektur.

Jenseits der hohen Politik spornte der Gipfel auch Dutzende ziviler Ministerien – wie für Arbeit, Justiz und Bildung – an, ihre eigenen Spezialistennetzwerke aufzubauen. Während diese Gruppen zumeist beratender Natur sind, liegt ihr wahrer Wert im Aufbau des Bindegewebes des Globalen Südens: Sie etablieren regelmäßige, alltägliche Kontakte und gemeinsame technische Agenden zwischen Beamten, die zuvor in Silos agierten.

Abschließend möchte ich ein Projekt hervorheben, das sich noch in der Entwicklungsphase befindet. Eine überaus aufschlussreiche Initiative ist der Vorschlag, eine spezielle BRICS-Online-Archivdatenbank aufzubauen. Diese Datenbank würde endlich ermöglichen, die Fortschritte und Kontinuitäten der BRICS auf einen Blick zu sehen.

Die BRICS haben in Neu-Delhi die Realität der imperialen hybriden Kriegsführung anerkannt und sich ein Schutzschild aus Arbeitsgruppen, Zahlungsnetzwerken und Entwicklungsinitiativen aufgebaut. Doch dieser Schutzschild kann nur effektiv wirken, wenn die BRICS es schaffen, den gemeinsamen politischen Willen aufzubringen, um ihn auch zu schmieden. Das würde bedeuten, die benötigten Werkzeuge in die Hand zu nehmen und die Risiken miteinander zu teilen. Andernfalls wird dieser Schutzschild löchrig bleiben. Und solange der Schild Löcher hat, bleiben die einzelnen Mitgliedsstaaten verwundbar.

Was weiterhin brachliegt

Die BRICS haben ein transformatives Potenzial, das die Rolle eines Gegengewichts gegenüber dem transatlantischen System spielen könnte. Doch das dichte institutionelle Netzwerk, das auf freiwilliger Koordination und Kooperation beruht, bedeutet auch, dass die Durchsetzungskraft und die Ausweitung dieser oder jener Pläne gedämpft werden.

Der heutige geopolitische Kontext ist geprägt davon, dass die gegenseitige globale Abhängigkeit jedes Landes von den US-geführten Funktionseliten als Waffe ausgenutzt wird. Unter solchen Bedingungen benötigt die globale Mehrheit eine alternative, schützende Infrastruktur, die ihr das Überleben ermöglicht – und zwar mit ihrer Souveränität und ihrer territorialen Integrität.

Die heutige Ära braucht einen kollektiven Schutzschild gegen Sanktionen, also eine einsatzfähige Alternative zu SWIFT, sowie einen unabhängigen Krisenreservemechanismus, der auch genutzt werden kann. Und die BRICS verfügen über diese Werkzeuge. Doch sie liegen als Saatkörner noch brach. Vorschläge und Koordinationsgruppen gibt es, doch in der Praxis sind die Ziele noch unerreicht. Da die BRICS durch Konsens funktionieren und die Wahrung der nationalen Souveränität über alles stellen (verständlicherweise), hat das Forum noch nicht die verbindlichen gemeinsamen Systeme etabliert, die zu ihrem Schutz notwendig wären.

Folglich bleibt ein Großteil der potenziellen Macht, die wir auf BRICS projizieren wollen, vorerst in der Entwicklung oder im Vorschlagsstadium und hängt – was noch wichtiger ist – vom politischen Willen jedes einzelnen Mitglieds ab. Es existiert kein tragfähiger Vorschlag für eine BRICS-Währung, und das Bündnis hat noch kein einheitliches Zahlungsnetzwerk auf den Weg gebracht. Außerdem gibt es weder eine Institution noch einen Vertrag, die die Umsetzung des Vereinbarten erzwingen können.

Selbst das Contingent Reserve Arrangement (CRA) (siehe Teil 1) muss seine Wirksamkeit in einer echten Krise erst noch beweisen und bleibt dabei an die IWF-Konditionalität gefesselt. Die schützenden Architekturen, die die moderne Ära erfordert, sind in Arbeitsgruppen skizziert und warten auf eine kritische Masse an politischem Willen, gegenseitigem Vertrauen und Solidarität, die das aktuelle Design des Bündnisses bislang nicht zu schmieden vermochte.

Die alternative Architektur des Möglichen

Die Achtung der nationalen Souveränität und das daraus resultierende Bekenntnis zu einer flexiblen Integration in die BRICS sind natürlich auch eine Stärke.

Denn die Weigerung, Souveränität in einer Organisation zu bündeln oder eine Exekutive zu schaffen, stellt sicher, dass kein Land das Forum dominieren kann. Dieses konsensbasierte und lose Modell ist ja genau das, was Nationen aus aller Welt anzieht.

Zudem ermöglicht es sogar Ländern in geopolitischen Konflikten wie z.B. Iran und Saudi-Arabien, einen neutralen diplomatischen Raum zu teilen. Und es erlaubt auch Staaten wie Indien oder den Golfmonarchien, sich zu beteiligen, ohne ihre wirtschaftlichen und diplomatischen Bindungen an den US-geführten Block zu kappen. Und dieses Modell funktionierte während des Übergangs von einer unipolaren zu einer multipolaren Ära.

Aber in der jetzigen Ära, in der der Hegemon die Unipolarität verloren hat und die Multipolarität zwar als Faktum akzeptiert, aber immer noch durch hybride Kriegsführung dominieren will, ist diese historische Stärke der BRICS auch zu einer Schwäche geworden.

Genau jenes Design, das eine breite Inklusion ermöglicht, verhindert aktiv eine kollektive Verteidigung (und ich spreche hier nicht zwangsläufig von militärischer Verteidigung).

Weil BRICS auf Konsens und nicht-bindende Koordination setzt, ist das Forum oft durch jene internen Fraktionen innerhalb jedes Mitgliedsstaates gelähmt, deren materielle Interessen weiterhin an den mehrschichtigen Käfig gebunden bleiben. Wie fast jedes Land auf der Welt sind auch die ins Visier genommenen Staaten des Globalen Südens keine Monolithen; sie sind von internen Klasseninteressen durchzogen. Die Mitgliedsstaaten beherbergen integrationistische Funktionseliten – oft Zentralbanker, Finanzminister und Wirtschaftsführer –, deren Verständnis von Sicherheit und wirtschaftlichem Überleben auf dem Zugang zu westlichen Finanzmärkten, Dollar-Liquidität und globalen Kreditratings beruht. Diese Realität fasste der ehemalige Vizepräsident der New Development Bank (NDB), Paulo Nogueira Batista Jr., kürzlich in einem Interview zusammen:

„Das war ein großes Problem für die BRICS. Unsere Zentralbanken […] sind sehr engstirnig, was die BRICS-Kooperation angeht. Sie sind ängstlich. Sie haben ein westliches Mindset. Ihre Teams wurden im Westen ausgebildet. Sie imitieren gerne die Zentralbanken der entwickelten Länder. Ihr wichtigstes Forum ist das BIZ-Forum in Basel. Diese Zentralbanken […] sind also sehr westlich orientiert.“

Wenn das US-Imperium einen Wirtschaftskrieg führt, können diese Funktionseliten die Konsensregel nutzen, um jede bedeutende anti-imperialistische Schutzmaßnahme mit einem Veto zu belegen. Das ist der Grund, warum die Erklärung von Neu-Delhi immer noch für eine tiefere Integration in den IWF und die WTO lobbyiert, während sie dazu schweigt, ins Visier genommenen Mitgliedsstaaten wie dem Iran verbindliche materielle Solidarität anzubieten. Diese Dynamik fängt BRICS in einem Paradoxon ein. Das Forum strebt nach geopolitischer Souveränität, aber weil die Umsetzung dieser Souveränität teilweise an eine integrationistische Verwaltungsklasse delegiert wird, wird sie ständig von innen heraus überwacht und reglementiert.

Wir können dieses Paradoxon anhand von fünf strukturellen Pfeilern abbilden.

Der Erste ist die nationale Souveränität, die die größte Stärke der BRICS für eine breite Inklusion ist, zugleich aber auch ihr primärer limitierender Faktor. Die Mitgliedsstaaten wollen einen kollektiven Schutzschild, aber dessen Schmieden erfordert die Bündelung von Souveränität – ein Schritt, der gegenseitiges Vertrauen und verbindliche Solidarität erfordert. In einem freiwilligen Forum ist keine Nation bereit, ihre Autonomie aufzugeben und einfach darauf zu vertrauen, dass die anderen ihre eigenen Volkswirtschaften riskieren, um sie unter Beschuss zu schützen.

Als Nächstes kommt der Pfeiler des Konsenses. Die BRICS und jede ihrer Komponenten, Arbeitsgruppen und Netzwerke funktionieren auf Basis von Konsensfindung. Es stellt sicher, dass kein Mitglied irgendeinen Prozess oder irgendeine Struktur der BRICS dominieren kann. Zur selben Zeit führt es jedoch auch dazu, dass, wenn die BRICS eine kollektive Antwort auf einen irgendwie gearteten Angriff geben wollen, ein einzelnes Mitglied dies blockieren kann. Mit anderen Worten: Egal, worum es bei den BRICS geht, wird der kleinste gemeinsame Nenner das Ergebnis diktieren – mit einer Einschränkung: Nicht jedes Mitglied muss an jeder Initiative oder jedem Prozess teilnehmen, wenn es dies nicht möchte. Und dennoch: Wenn wir uns dann die Deklarationen der elf Vollmitglieder anschauen, so erklärt das auch, wieso diese den Dialog zwar ermöglichen, aber niemanden schützen und für niemanden einstehen können.

Drittens haben sie nicht-bindende Vereinbarungen. Diese Flexibilität ist notwendig, damit sich Staaten an BRICS beteiligen können, ohne befürchten zu müssen, in eine Falle zu geraten. Dies bedeutet jedoch auch, dass die Umsetzung vieler Maßnahmen nicht erzwungen werden kann. Einige materialisieren sich vielleicht gar nicht, andere nur in sehr kleinem Maßstab.

Dann haben wir auch den Pfeiler der Marktintegration. Diese Integration in den Weltmarkt ist das größte Kapital des Blocks, das Zugang zu lebenswichtigem Handel und Technologie gewährt. Aber sie ist auch sein Käfig. Der Markt diszipliniert seine Mitglieder durch Kreditratings, Sanktionen und Zentralbank-Orthodoxie. Sie können den Käfig nicht verlassen, weil ihre eigenen Volkswirtschaften aus dessen Gitterstäben gebaut sind.

Zuletzt fehlt es den BRICS an einer epistemischen Ebene. Was meine ich damit? Weil BRICS es vermeidet, einen gemeinsamen politischen Horizont zu schaffen, bleibt es maximal inklusiv. Aber das Fehlen eines gemeinsamen Horizonts übersetzt sich auch in einen Mangel an Artikulation zwischen den Mitgliedern und zwischen den Projekten. Es gibt keine gemeinsame Theorie der Macht, keine gemeinsame Geschichtserzählung und kein vereinigendes Projekt der gesellschaftlichen Transformation. Stattdessen gibt es Souveränität, Entwicklung und geopolitische Zögerlichkeit. Obwohl dies notwendige Überlebensstrategien für den einzelnen Nationalstaat sind, reicht der Versuch, auf nationaler Ebene zu überleben, angesichts eines aggressiv integrierten imperialen Systems nicht mehr aus, um die Autonomie zu sichern. Das ist ein Paradoxon an sich, dessen ich mir bewusst bin.

Die Realität dieser strukturellen Obergrenze wurde in Washington ziemlich unverblümt ausgesprochen. Während seiner Bestätigungsanhörung im September 2025 bemerkte Sergio Gor, der US-Botschafter in Indien, vor dem außenpolitischen Ausschuss des Senats:

„Trotzdem standen die Inder bei verschiedenen Themen innerhalb der BRICS auf unserer Seite. Einige Akteure innerhalb von BRICS – Brasilien, China – drängen seit Jahren darauf, sich vom US-Dollar zu lösen. Indien war dafür der Bremsklotz.“ (Anhörungsprotokoll des außenpolitischen Ausschusses, 11. September 2025)

Neu-Delhi charakterisiert seine Haltung, mit allen Staaten zu reden und in Verbindung zu treten, als strategische Autonomie.

Aber US-Strategen des militärischen Apparats sehen hier dagegen eine Möglichkeit, die es ihnen erlaubt, das BRICS-Konsensmodell für ihre Zwecke auszunutzen – natürlich nicht direkt, sondern auf indirektem Wege über Indien oder andere Mitgliedsstaaten, die es aus verschiedenen Gründen zulassen oder nicht verhindern können. Schließlich erlauben die dezentrale Struktur und Funktionsweise der BRICS es den Mitgliedern mit starker westlicher Verflechtung, als interne Bremsklötze für die gegenhegemonialen Fraktionen des Forums zu fungieren. Der rotierende Vorsitz und die Expansion der Kern-BRICS verstärken diesen Effekt; während frühere Erklärungen ins Visier genommene Nationen verteidigten, zog sich der Text von Neu-Delhi 2026 in eine konstruktive Zweideutigkeit zurück.

Wir können das durch ein Beispiel deutlich machen. Im Jahr 2025 in Brasilien hieß es in der Rio-de-Janeiro-Deklaration im Paragraphen 21, der auch tiefe Besorgnis über Angriffe auf zivile Infrastruktur und friedliche Atomanlagen erwähnt, wie folgt:

„Wir verurteilen die Militärschläge gegen die Islamische Republik Iran seit dem 13. Juni 2025, die einen Verstoß gegen das Völkerrecht und die Charta der Vereinten Nationen darstellen, und äußern unsere große Besorgnis über die darauffolgende Eskalation der Sicherheitslage im Nahen Osten.”

In der Neu-Delhi-Deklaration 2026 heißt es dagegen im Paragraphen 29:

„Wir äußern unsere tiefe Besorgnis über gezielte Angriffe auf zivile Infrastruktur und friedliche Atomanlagen, die unter der vollständigen Überwachung der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) stehen; solche Angriffe verstoßen gegen das Völkerrecht und einschlägige Resolutionen der IAEO.“

In der Rio-de-Janeiro-Erklärung wird der Angriff der USA auf den Iran verurteilt, wenngleich die USA nicht namentlich genannt werden – während dies in der diesjährigen Erklärung gänzlich fehlt.

Letztlich führt dies zu einer entscheidenden politischen Unterscheidung: Heute ist BRICS in hohem Maße fähig, Optionen für Autonomie zu schaffen, aber bisher hindert es sich selbst daran, Verpflichtungen zur Solidarität zu schmieden.

Die Verwirklichung der BRICS

Wenn die brachliegenden Samen der BRICS aufgehen, wären deren Blüten eine physische Neuverkabelung der Welt. Sollte das Forum endlich seine internen Bremsen überwinden, würde es ein neues transnationales Ökosystem aus Entwicklung, Produktion und Technologie schaffen. So sähe Autonomie im Zeitalter der imperialen hybriden Kriegsführung aus: Sie böte der globalen Mehrheit endlich echte Immunität vor einseitigem Zwang. Endlich gäbe es eine alternative Architektur, ein Netz aus alternativen Kreditgebern, souveränen digitalen Architekturen und regionalisierten Lieferketten.

Eine Verwirklichung der BRICS würde bedeuten, dass die New Development Bank endlich kapitalstark genug wäre, um Infrastrukturprojekte weltweit zu finanzieren. Es würde bedeuten, dass es endlich ein automatisches Sicherheitsnetz für Mitglieder bei Währungsabstürzen gäbe. Es würde endlich die Möglichkeit bieten, grenzüberschreitend in Echtzeit und ohne den Einfluss westlicher Banken und Abrechnungsstellen zu handeln.

Eine gemeinsame Währung wäre hierfür nicht einmal nötig, wenn das Forum es schaffte, die verschiedenen nationalen und unabhängigen Zahlungssysteme miteinander zu verknüpfen. Endlich würde ein finanzieller Schutzschild gegen die imperiale Finanzgewalt bestehen.

Auf der Ebene der Industrie, der Logistik und der Technologie würde die Realisierung der BRICS ebenfalls eine Umstrukturierung der Welt auslösen. So z.B. gäbe es koordinierte Lieferketten ohne US- oder europäischen Einfluss. Es würde eine geteilte digitale Infrastruktur geben und die gegenseitige Anerkennung von Regulierungsstandards für einen einfacheren Handel zwischen Staaten. Und sie bräuchten hierfür nicht einmal eine einheitliche Industriepolitik. Endlich würden die infrastrukturellen Angriffe der imperialen hybriden Kriegsführung nicht mehr so schwer auf einem einzelnen Land lasten oder die regionale Infrastruktur ins Wanken bringen.

Die Verwirklichung der BRICS würde es ermöglichen, endlich die Reihen zu schließen, sobald auch nur eines der Mitglieder ins Visier genommen wird. Endlich könnten sie sich gegenseitig vor wirtschaftlichen und finanziellen Angriffen verteidigen. Endlich könnten sie auf dem Parkett der Vereinten Nationen und der WTO als Block abstimmen und für sie schädliche Resolutionen abwehren. Dadurch würden sie etwas historisch Beispielloses erreichen: kollektive Macht zu projizieren, ohne sich jemals einer zentralen, supranationalen Bürokratie beugen zu müssen.

Als solches wäre ein vollständig verwirklichtes BRICS weder die Europäische Union noch eine „Anti-NATO“. Es wäre eine dezentrale, souveränitätserhaltende Infrastruktur aus geteilter Entwicklung, Zahlungssystemen, Produktion, Technologie und Schutzkapazitäten. Würde jeder BRICS-Vorschlag morgen umgesetzt, würde dies zu einem dichteren, pluralistischeren und dezentralisierten Entwicklungsnetzwerk führen, das innerhalb des bestehenden globalen Systems operiert. Es würde einen unbestreitbaren Fortschritt darstellen – und der globalen Mehrheit mehr Optionen, redundante Kanäle und entscheidende Verhandlungsmacht bieten. Es wäre eine dringend benötigte Renovierung des Käfigs.

Hier müssen wir den Kernmythos der multipolaren Romantik zertrümmern, der sich im Glauben manifestiert, dass die Aufteilung des Kapitalismus auf mehrere konkurrierende Mächte – ganz gleich, wie unterschiedlich ihre Weltanschauungen sein mögen – irgendwie zu globalem Frieden führen wird. Das wird es nicht. Wie die Arbeit der Politikwissenschaftlerin Heide Gerstenberger zeigt, institutionalisiert der Kapitalismus organisierte Gewalt. Solange das globale System endlose Extraktion und Akkumulation erfordert, bleibt Gewalt sein permanenter und natürlicher Zustand.

Wenn es BRICS tatsächlich gelingt, diese parallele, größtenteils wirtschaftliche Infrastruktur zu errichten, wird dies die organisierte Gewalt des imperialen Kerns nicht sofort neutralisieren – Washington und seine Verbündeten werden zweifellos versuchen, den Schild zu zerschmettern. Doch tatsächlich würde die Existenz eines solchen Gegensystems bedeuten, dass die BRICS endlich einen solidaritätsstiftenden Horizont für sich entdeckt hätten, der ihnen derzeit fehlt. Durch den Aufbau einer tragfähigen und attraktiven Alternative würden sie eine existenzielle Bedrohung für das transatlantische Monopol darstellen. Dies könnte ein historisches Echo des Kalten Krieges auslösen.

Angesichts eines systemischen Rivalen wären die Erz-Kapitalisten des US-geführten Kerns gezwungen, ihre ungebremste Gewalt einzuschränken. Um zu verhindern, dass die globale Mehrheit überläuft, wäre der imperiale Kapitalismus gezwungen, sein „menschliches Antlitz“ wiederzubeleben und seine eigenen imperialen Exzesse zu regulieren, um schlicht und einfach zu überleben.

Ende Teil 2

Teil 1 finden sie hier.

Titelbild: Foto von Zheng XUE auf Unsplash

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