Artjom Drabkin über die Rekonstruktion der Schlacht um Berlin, das Ende der deutsch-russischen Versöhnung und die globale Machtprobe bis 2030.
Schluss mit der verklärten Harmonie: Die Großmächte vereinte 1945 nie ein gemeinsames Gedächtnis, sondern nur das pragmatische Interesse der Nachkriegsordnung. Der russische Militärhistoriker durchleuchtet die Instrumentalisierung der Geschichte, zieht neue Erkenntnisse aus den digitalisierten Archiven der Ostfront und seziert messerscharf, warum der Bruch zwischen Berlin und Moskau auf eine fundamentale Neugestaltung der Weltordnung zusteuert. Mit Artjom Drabkin sprach Éva Péli in Moskau.
Éva Péli: Herr Drabkin, die Geschichte des Zweiten Weltkriegs dient heute als zentrales Instrument zur Deutung der Gegenwart. Wie ist ein Dialog über die Vergangenheit noch möglich, wenn Begriffe wie „Befreiung“, „Kriegsverbrechen“ oder „Genozid“ in verschiedenen politischen Räumen mit entgegengesetzter moralischer Bedeutung aufgeladen werden?
Artjom Drabkin: Man muss es offen sagen: Ein einheitliches Gedächtnis an den Zweiten Weltkrieg hat es selbst unter den Großmächten nie gegeben. Nehmen wir die USA, Großbritannien, die Sowjetunion oder China — von Anfang an stützte sich dieser Diskurs überall auf völlig unterschiedliche Grundlagen.
Für die Sowjetunion war und ist dies vor allem ein Gespräch über die kolossalen Opfer, die für das Überleben gebracht wurden. Für China über die eigenen nationalen Opfer. Jede Seite erhob ihr eigenes opfervolles Wirken zum Fundament ihres nationalen Narrativs. Für Großbritannien wurde der Zerfall ihres Empires zum Hauptopfer und Preis des Sieges. Und für Washington waren die Verluste auf dem pazifischen Kriegsschauplatz ausschlaggebend, der geopolitisch für die USA schon immer mehr bedeutete als Europa.
Die Großmächte einigten sich von Anfang an lediglich auf die wichtigsten Leitlinien – darauf, was das absolute Böse (der deutsche Faschismus) und wer sein absolut wichtigstes Opfer (die Juden) war. Dies bildete die Basis der kollektiven Erinnerung der Sieger, die aufrechterhalten wurde, solange die Welt von Jalta und Potsdam existierte.
Parallel dazu existierte in jedem Land immer eine ganz eigene, nationale Erinnerung. Die Verbündeten vereinte einzig die Erkenntnis, dass sich eine solche Katastrophe nicht wiederholen darf. Deshalb waren sie bereit, Differenzen nicht zu instrumentalisieren, sondern nach Gemeinsamkeiten zu suchen.
Dieses pragmatische Gleichgewicht hielt bis zum Ende des Kalten Krieges — bis zu dem Moment, als der Westen entschied, er habe endgültig gesiegt und sei nun im Recht, seine eigenen Regeln zu diktieren. Aus Moskauer Sicht stellt sich das genau so dar: „Wir haben gesiegt, und ihr müsst euer bisheriges Narrativ ablegen und euch in das unsere einfügen.“
Für uns ist das prinzipiell inakzeptabel – angesichts der staatsbildenden Bedeutung des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg. Das gesamte russische Narrativ baut genau darauf auf. Dieses Ereignis einigte das Land und schuf eine neue historische Gemeinschaft: das sowjetische Volk. Die Idee des „sowjetischen Volkes“, formuliert Mitte der 1930er-Jahre, wurde im Grunde genau im Moment des Sieges von 1945 geboren. Der Versuch, uns zu zwingen, dieses Fundament aufzugeben, ist gescheitert.
Heute zeigt sich dieser Prozess in voller Schärfe: Jede Nation stellt ihr eigenes Opfer in den Vordergrund. Doch während die Welt an der Schwelle zu einer neuen globalen Spaltung steht, wird der Streit um die Vergangenheit erneut zur politisch hochaufgeladenen Machtfrage.
Ein zentrales Feld dieses Perspektivwechsels ist die Schlacht um Berlin. Für den zweiten Band Ihrer Großstudie „Berlin 1945. Der letzte Kampf“ haben Sie das Manuskript kurz vor dem Druck noch einmal komplett verworfen. Was hat diesen radikalen Schritt erfordert – und wie sieht Ihre simultane Auswertung sowjetischer und deutscher Archive in der Praxis aus?
Man muss hier den Maßstab der Aufgabe verstehen. Der Fonds „Я помню“ hat sich ein strategisches Ziel gesetzt: Bis zum Jahr 2045, zum 100. Jahrestag des Sieges, die Geschichte der Kampfhandlungen des Großen Vaterländischen Krieges an der Ostfront völlig neu zu durchdenken und umzuschreiben.
Warum entstand eine solche Notwendigkeit? Das sowjetische Narrativ stützte sich äußerst spärlich auf Archivdokumente – selbst auf eigene, sowjetische – und ignorierte die Dokumente des Gegners nahezu völlig. Das nach 1991 entstandene antisowjetische Narrativ wiederum war keine wissenschaftliche Untersuchung, sondern das Produkt einer Transformation des historischen Gedächtnisses und der politischen Konjunktur.
Heute, da die Generation der Kriegsteilnehmer abgetreten ist, sich aber die Archive beider Seiten geöffnet haben und digitalisiert wurden – so stehen auf dem russischen Portal „Memory of the People“ (Память народа) und in den NARA-Beständen der US-amerikanischen Archivbehörde, wo nach 1945 riesige Mengen erbeuteter deutscher Wehrmachtsakten mikroverfilmt wurden, enorme Dokumentenmassen frei zur Verfügung –, ist eine einzigartige Situation entstanden. Wir können die Geschichte der Kampfhandlungen rekonstruieren, indem wir die Dokumente beider Seiten abgleichen. Das ergibt ein volles Bild: wie die Entscheidungen der einen Führung die Handlungen der anderen beeinflussten, wie die Logistik aufgebaut war und wie sich Krisen in der Realität entwickelten.
Wir erheben keinen Anspruch auf eine sterile „absolute Objektivität“. Ich bin der Meinung, dass ein Historiker aufgrund seiner kulturellen Prägung und Ausbildung gar nicht objektiv sein kann. Unser Forscherkollektiv steht auf dem Standpunkt, den Wjatscheslaw Molotow am 22. Juni 1941 formulierte: „Unsere Sache ist gerecht, der Feind wird zerschlagen, der Sieg wird unser sein.“ Dementsprechend betrachten wir die Ereignisse aus der Perspektive der sowjetischen Seite, die zum Sieg geführt hat.
Aber wir befreien die Geschichte von ideologischen Klischees. Das sowjetische Narrativ vermied das Thema Verluste, Fehler und erzwungene Entscheidungen. Wir hingegen legen diese Mechanismen durch den Quellenabgleich offen: Wie hoch war der reale Preis von Entscheidungen, warum blieben die Deutschen stecken, wie stand es um ihre Treibstoffkrise?
Wir schaffen dieses faktenbasierte Fundament jetzt, damit wir bei künftigen politischen Wendungen die Orientierung in unserer eigenen Geschichte nicht verlieren. Der Grund für das komplette Neuschreiben des Berlin-Buchs liegt genau hier: Seit wir vor zwei Jahrzehnten mit unserer Arbeit begannen, haben sich Forschungssprache, Methodik und das Niveau der Quellenarbeit grundlegend verändert. Was vor 20 Jahren – als wir die ersten Materialien sammelten – als Durchbruch galt, entspricht heute schlicht nicht mehr den wissenschaftlichen Standards.
Können Sie das an einem konkreten Beispiel festmachen? Worin liegt der entscheidende Durchbruch Ihres methodischen Ansatzes?
Um das Ausmaß zu begreifen: Die Berliner Operation ist eine gigantische Schlacht mit über zwei Millionen Menschen auf unserer und rund eineinhalb Millionen auf deutscher Seite. Zum ersten Mal seit 80 Jahren haben wir eine Arbeit vorgelegt, in der die Chronik der Kampfhandlungen jeder einzelnen Armee taggenau erfasst ist. Für jeden Tag der Operation wurde detailliert rekonstruiert, wo sich jede Armee befand und welche Aufgaben sie erfüllte.
Darüber hinaus haben wir den Verlauf der militärischen Operation erstmals in den globalen geopolitischen Kontext eingebettet. Die Einnahme Berlins war stets hochgradig politisiert: Einerseits das Symbol des geschlagenen Feindes, andererseits ein komplizierter Knotenpunkt der Beziehungen zu den Verbündeten, Separatverhandlungen und der Frage, ob anglo-amerikanische Truppen die Stadt einnehmen würden.
Eine weitere mythologisierte Schicht sind die Beziehungen zur lokalen deutschen Bevölkerung, die Versorgung der Stadt, der Status der Gefangenen sowie der reale Einfluss der Spezialpropaganda beider Seiten auf die Truppen.
Und schließlich haben wir Makro- und Mikrogeschichte verknüpft. Neben Stabsdokumenten haben wir in breitem Umfang persönliche Quellen herangezogen — Tagebücher, Briefe und Erinnerungen. Wir sehen nicht nur das Verschieben strategischer Pfeile auf Landkarten, sondern auch, wie der Mensch im Schützengraben die Ereignisse erlebte.
Ein faszinierendes Detail aus Ihren Forschungen: In manchen Berliner Randbezirken erwachte schon am Tag nach den Kämpfen wieder der zivile Alltag. Wie erlebten die Soldaten der Roten Armee diesen abrupten Wechsel vom Häuserkampf zur zivilen Normalität inmitten der Trümmer?
In den Außenbezirken blieb Berlin relativ intakt. In den Vororten öffneten fast umgehend wieder Gaststätten, es wurde Bier verkauft — und dort bildeten sich sofort Schlangen unserer Soldaten.
Daraus ergaben sich spezifische Probleme: Die Soldaten begriffen den realen Wert des Geldwesens nicht. Sie erhielten Besatzungsmark und bezahlten in den Lokalen nach Gutdünken, ohne sich an Marktpreisen zu orientieren.
Aber der entscheidende Punkt ist die Disziplin. Die Hauptaufgabe jeder Führung beim Einmarsch auf feindliches Gebiet lautet: Die eigene Truppe unter Kontrolle zu halten. Alle strengen Befehle gegen Plünderungen, Gewalt und Trunkenheit entsprangen weniger abstraktem Humanismus als knallharten militärischen Notwendigkeiten. Denn ohne Disziplin verkommt eine Armee zur plündernden Bande — und verliert schlicht ihre Kampfkraft.
Der Übergang vom Kampf zum friedlichen Leben vollzieht sich zudem erstaunlich schnell. Sobald die Möglichkeit besteht, sich von der Zone tödlicher Gefahr zu entfernen, setzt ein Entspannungsreflex ein. Bei der Mehrheit entlädt sich das Nachlassen der Anspannung nicht in Rachegelüsten, sondern in dem Wunsch, möglichst schnell zur normalen Existenz zurückzukehren.
Sie haben jahrzehntelang Zeitzeugen befragt. Wie schilderten die Veteranen ihre allerersten Stunden auf deutschem Boden und die ersten Begegnungen mit der Bevölkerung? Was dominierte in ihren Erinnerungen – Erschöpfung, Verwirrung oder das Bedürfnis nach Rache?
Bei Veteranen beider Seiten zeigte sich ein und dasselbe fundamentale Unverständnis. Unsere sagten: „Warum sind diese Reichen zu uns armen Leuten marschiert?“ Und die Deutschen fragten sich: „Warum sind wir bloß in dieses arme Land marschiert?“ Dieses Gefühl einer kolossalen Kluft im Lebensstandard gehört zu den stärksten Eindrücken.
Daher rührten auch die ersten Gewaltausbrüche und Zerstörungswut: Die Soldaten sahen einen Lebensstandard, der ein Vielfaches über ihrem eigenen lag. Das erzeugte Unverständnis nach dem Motto: „Ach, so lebt ihr also? Nun, dann brennen wir das alles nieder!“
Was die Zivilbevölkerung betrifft: Die deutsche Propaganda hatte die Menschen so sehr vor den „Horden aus dem Osten“ eingeschüchtert, dass Ostpreußen und die Gebiete bis zur Oder nahezu menschenleer waren.
Natürlich gab es Gewalt, Härte und Rache – das streitet niemand ab. Aber als unsere Soldaten nach Deutschland kamen, überwogen zwei andere Eindrücke: zum einen das Staunen über den Reichtum des Landes, zum anderen das stolze Bewusstsein der eigenen militärischen Überlegenheit.
Der Respekt vor dem deutschen Gegner war absolut. Der Deutsche verkörperte eiserne Disziplin und höchste militärische Professionalität. Umso stärkere Genugtuung empfanden die Rotarmisten: „Ja, ihr seid reich – aber wir haben euch im Kampf gebrochen!“
Auch die Sprache der Erinnerungskultur wird zunehmend polarisiert: In Russland spricht man heute vom „Völkermord an den Völkern der UdSSR“, in Deutschland stehen Begriffe wie „Kriegsverbrechen“ und „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ im Vordergrund. Dahinter verbergen sich grundverschiedene Moral- und Zukunftsvorstellungen. Wie erklären Sie diese Entfremdung?
Man muss sehen: Bis zu einem gewissen Zeitpunkt waren unsere Staaten bereit, scharfe Kanten zu glätten und Kompromisse einzugehen. Doch 2022 ist diese Epoche endgültig abgelaufen.
In Deutschland herrschte jahrzehntelang eine bequeme Doppelgleisigkeit: Auf offizieller Ebene gab es den starren, geläuterten Diskurs über den Holocaust und Verbrechen gegen die Menschlichkeit — während im Privaten, in den Bundesländern und Veteranenverbänden eine ganz andere Schicht der Erinnerung gepflegt wurde, die das eigene Leid in den Vordergrund rückte.
Heute geht Russland dazu über, sein eigenes, souveränes Narrativ zu formieren. Die rechtliche und politische Einordnung der NS-Verbrechen als Völkermord an den Völkern der Sowjetunion erlaubt es uns, den aufgezwungenen Defätismus der 1990er-Jahre abzulegen. Denn dieser Begriff bringt das Wesentliche auf den Punkt: Er erklärt, warum wir damals siegen mussten und was bei einer Niederlage die Folge gewesen wäre – die physische Auslöschung. Wir wechseln damit vom Narrativ der Reue zum Narrativ des Siegers.
Dabei ist terminologische Präzision entscheidend: Es geht juristisch exakt um den Völkermord an den einzelnen Völkern der Sowjetunion – und nicht an einem abstrakten „sowjetischen Volk“, das es damals als Rechtssubjekt gar nicht gab. Genau das macht die Wurzeln unseres Sieges klar: Der feindliche Vernichtungswille galt uns allen konkret, und dieser Kampf ums nackte Überleben hat uns zusammengeschweißt.
In Deutschland hingegen wächst derzeit wieder das Konzept des eigenen „Opfervolkes“. Wir werden uns in unseren Vorstellungen über den Zweiten Weltkrieg nicht mehr annähern — das ist weder möglich noch notwendig. In fünf bis zehn Jahren wird diese Phase der extremen Zuspitzung abebben, und man wird unweigerlich wieder neue Beziehungen aufbauen müssen. Die entscheidende Frage wird dann sein: Auf welche gemeinsame Sprache können wir uns überhaupt noch verständigen?
Sie ziehen direkte Parallelen zwischen dem Großen Vaterländischen Krieg und der aktuellen politischen Lage und haben dazu Zeitzeugen-Interviews veröffentlicht. Wie wahren Sie bei einer so emotionalen Thematik die Balance zwischen eigener staatsbürgerlicher Haltung und wissenschaftlicher Distanz? Wo verläuft für Sie die rote Linie, die ein Historiker nicht überschreiten darf?
Sehen Sie: Ich beziehe eine klare Position. Wenn wir über den Großen Vaterländischen Krieg sprechen, lautet meine Basis unmissverständlich: „Unsere Sache ist gerecht, der Feind wird zerschlagen, der Sieg wird unser sein.“ Steht man auf dieser Plattform, kann man danach absolut alles erforschen: Wlassow [Anm. d. Red.: Andrei Wlassow, sowjetischer General, der 1942 zur Wehrmacht überlief], den Kollaboratismus und sämtliche tragischen Seiten.
Was die Gegenwart betrifft, habe ich am 24. Februar 2022 für mich formuliert: Was auch immer geschieht, ich stehe zu meiner Armee und zu meinem Volk. Genau deshalb bin ich im August 2022 nach Donezk gefahren, um Teilnehmer der Ereignisse zu befragen — um aus erster Hand zu verstehen, was ihre Motivation ist.
Natürlich existiert der Faktor der Zensur. Ich frage mich stets: Dient das, was ich tue, meinem Vaterland oder schadet es ihm? Konstruktive Kritik ist notwendig, pauschales Verleumden unzulässig.
Ein weiterer entscheidender Punkt ist der Schutz der menschlichen Würde. In meinen Archiven liegen Geschichten von Veteranen, die ich niemals veröffentlichen werde, weil sie dem Bild des Helden einen reißerischen Anstrich geben würden, ohne wissenschaftlichen Nutzen zu bringen. Wenn man jahrzehntelang mit Menschen arbeitet, kann das Hauptmotiv nur Respekt und Liebe zum Menschen sein.
(Fegt im Eifer des Gefechts sein Glas Kljukwennyj Mors um — der dunkelrote Moosbeersaft schießt quer über meine Mappe. Wir sitzen in einem Moskauer Café. Drabkin lächelt verlegen)
„Ach, verzeihen Sie bitte! Ich habe mich gerade etwas in Rage geredet …“
Sie betonen immer wieder die menschliche Dimension Ihrer Arbeit. Wie bewahren Sie sich dieses Prinzip in der Praxis – insbesondere im Umgang mit Berichten der Gegenseite und bei Gesprächen mit Kriegsgefangenen?
Das Wichtigste, was mich antreibt, ist der Respekt vor dem Individuum. Als ich in den Lagern mit ukrainischen Kriegsgefangenen sprach, sah ich vor allem Menschen vor mir – unglückliche Menschen, die in diesen schrecklichen Fleischwolf geraten sind. Drei Jahre lang in Isolation zu sitzen, ohne nennenswerte Kontakte zu Angehörigen, nur weil man mobilisiert wurde: Das wünscht man niemandem.
Genau deshalb habe ich diese Interviews nicht für billige Effekthascherei missbraucht. Natürlich hätte man eine reißerische Schlagzeile bringen können: „Seht her, ich habe Exklusivinterviews mit ukrainischen Soldaten geführt!“ Aber wozu? Ich bin mir stets im Klaren darüber, welche gesellschaftliche Verantwortung jede Veröffentlichung trägt. Das ist für mich nicht nur eine methodische Frage des Forschers, sondern eine zivile und menschliche Haltung.
Im Jahr 2022 hat die Eskalation der Kämpfe in der Ukraine die russische Gesellschaft aus der gewohnten Bahn geworfen. Viele suchten nach Halt in historischen Analogien. Sehen Sie hier welche?
Die Suche nach Halt in der Vergangenheit ist in Momenten katastrophalen Wandels eine völlig natürliche Reflexhandlung. Mit der Zeit wird jedoch offensichtlich: Das aktuelle Geschehen besitzt keine direkten Parallelen zum Großen Vaterländischen Krieg mehr. Der Prozess hat eine ganz eigene, spezifische Dynamik entwickelt. Es ist das bestimmende Ereignis für die Geschichte Russlands in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts — und künftige Historiker werden es in ganz eigenen Begriffen beschreiben müssen.
Viele Analytiker gehen davon aus, dass Moskau ursprünglich von einer kurzen, begrenzten Operation ausging, die schlussendlich in eine umfassende Konfrontation mündete. Wie bewerten Sie diesen Wendepunkt aus militärischer Sicht?
Mitten im historischen Prozess ist eine akademische Endbewertung schwierig. Aber es ist offensichtlich: Die Führung hatte ursprünglich auf das Szenario einer schnellen, begrenzten Operation gesetzt. Als die Realität diese Berechnungen zunichtemachte, musste sich das System schlagartig neu ausrichten.
Hier zeigt sich eine rein militärhistorische Analogie – wohlgemerkt keine politische oder moralische, sondern eine logisch-strukturelle: Als Deutschland 1941 den Feldzug im Osten begann, kalkulierten die Stäbe ausschließlich mit einem Blitzkrieg. Erst Anfang 1942 setzte die Erkenntnis ein, dass das Land in einen totalen Zermürbungskrieg hineingezogen worden war.
Die Logik der Systemanpassung ist verblüffend ähnlich: Die Kalkulation eines raschen Szenarios wird von der Einsicht in einen langwierigen Konflikt abgelöst, und die Reaktion des Apparats erfolgt mit unvermeidlicher Verzögerung. Die erzwungene Teilmobilmachung im Herbst 2022 war das direkte Resultat dieser Umstellung auf einen Abnutzungskrieg.
Was die ideologische Begründung betrifft, stützt sich das Narrativ vom „Kampf gegen den Nazismus“ auf die Handlungen der Gegenseite selbst. Die ukrainische Führung hat alles getan, um dieses Bild in Moskau zu zementieren: Sie hat das Erbe des Großen Vaterländischen Krieges demontiert und Heldenfiguren installiert, die direkt mit der Kollaboration der 1940er-Jahre verbunden sind. Damit liefert die offizielle Politik Kiews diesem Narrativ selbst die stärkste Nahrung.
Manche trauern den einstigen Hoffnungen auf eine deutsch-russische Aussöhnung nach, während andere behaupten, diese Versöhnung sei stets eine Illusion gewesen. Wie blicken Sie als Historiker auf dieses Verhältnis?
Sagen wir es offen: Die Angst vor den „Barbaren aus dem Osten“ ist ein fast konstantes Motiv der deutschen Denktradition. Blicken wir zurück auf den Livländischen Krieg im 16. Jahrhundert: Schon damals genügten europäische Flugblätter, um das Bild vom mörderischen Moskowiter zu verbreiten. Die Wurzeln dieser Dämonisierung reichen tief in die Jahrhunderte zurück.
Von russischer Seite gab es dazu eine spiegelbildliche Bewegung. Hunderte Jahre lang versuchten wir zu beweisen: „Wir sind genauso wie ihr, nehmt uns in euren Kreis auf!“ Und als Antwort hieß es stets: „Nein, ihr bleibt moskowitische Barbaren.“ Wir in Russland waren allzu anfällig für diese naive Sehnsucht nach westlicher Anerkennung.
Und schließlich darf man die Rolle der „dritten Kraft“ — Großbritanniens und der USA — nicht übersehen. Ein dauerhaftes Bündnis deutscher Technologie und russischer Ressourcen (noch dazu gekoppelt an das Industriepotenzial Chinas) bedeutet das direkte Ende der anglo-amerikanischen Hegemonie. Deshalb gehört es seit über einem Jahrhundert zur fundamentalen Aufgabe anglo-amerikanischer Geopolitik, Deutschland von Russland loszureißen.
Wladimir Putin ging zu Beginn seiner Regierungszeit von einer rein rationalen Logik aus: Die Europäer würden sich nicht selbst ins Bein schießen und auf die billigen, lebensnotwendigen Ressourcen ihres direkten Nachbarn verzichten. Doch es zeigte sich, dass ideologische Dogmen schwerer wiegen als wirtschaftlicher Nutzen. Die heutigen europäischen Politiker verhalten sich absolut fahrlässig – sie agieren wie Statisten auf Zeit, die keinerlei historische Verantwortung für ihren Kontinent empfinden.
Welche Entwicklung in der heutigen deutschen Erinnerungskultur bereitet Ihnen derzeit die größte Sorge?
Mir bereitet die schleichende Rehabilitierung einzelner Elemente des deutschen Militarismus Sorge – sei es die Verklärung preußischer Traditionen oder der Versuch, vermeintlich „positive staatliche Leistungen“ der 1930er-Jahre herauszuarbeiten.
Ich war vor Kurzem in Deutschland. Auf der menschlichen Alltagsebene gibt es keinerlei Probleme: Meine Frau und ich haben überall völlig ungestört Russisch gesprochen und sind nur auf Respekt und Wohlwollen gestoßen. Das Problem existiert ausschließlich auf der Ebene der Außenpolitik und der Symbole. Und der Schlüsselfaktor für die Zukunft wird schlicht sein, wie dieser Konflikt ausgeht: Mit einem Sieger spricht man völlig anders als mit einem Besiegten.
Die angedrohte Schließung des Russischen Hauses in Berlin, die Schließung von Konsulaten und die spiegelbildlichen Antworten aus Moskau markieren einen Tiefpunkt. Ist das ein endgültiger Abschied oder nur eine Phase der Entflechtung?
Manchmal muss man hart auseinandergehen, um danach auf einer völlig neuen Grundlage wieder zusammenzukommen. Die Beziehungen, die nach dem Zerfall der UdSSR aufgebaut wurden, waren ungesund und für Russland unvorteilhaft. Nun findet eine schmerzhafte, aber natürliche Entflechtung statt.
Unter welchen Prämissen wir wieder zusammenfinden, hängt vom Ausgang der Krise ab. Aber dass wir früher oder später zum Dialog zurückkehren werden, ist ebenso unvermeidlich wie der gegenwärtige Bruch. Das ist die unerbittliche Gesetzmäßigkeit der Geschichte – vorausgesetzt, wir verhindern die globale nukleare Selbstvernichtung.
Denn man muss der Realität ins Auge sehen: Alle Großmächte betrachten den Horizont um das Jahr 2030 offen als kritische Grenze für eine globale Machtprobe. Das wird kaum ein totaler Nuklearkonflikt sein, aber wir steuern zweifellos auf eine massive Neugestaltung der Weltordnung zu. Die aktuellen diplomatischen Brüche sind lediglich die Vorbeben dieses Prozesses.
Wo sehen Sie heute noch Fundamente für einen künftigen Dialog – insbesondere mit Blick auf die jüngere Generation?
Was die Jugend betrifft, so sollte sie sich mit ihren ureigenen Aufgaben beschäftigen – mit Kultur, Wissenschaft und Innovation statt mit politisierter Geschichte. Ein tiefes historisches Bewusstsein stellt sich erst später ein – meist ab dem 40. oder 50. Lebensjahr, wenn der Mensch beginnt, die Komplexität der Welt zu erfassen und zu begreifen, dass er in große historische Zusammenhänge eingebettet ist. Ich habe diesen Weg selbst beschritten: Ich habe ursprünglich in den Biowissenschaften promoviert und bin erst über diesen Hintergrund zur professionellen Geschichtswissenschaft gelangt. Genau das verleiht einen sehr nüchternen Blick.
Ein ernsthaftes Gespräch über Geschichte muss auf der Ebene der Entscheidungsträger stattfinden, gewissenhaft vorbereitet von Historikern. Die Aufgabe der Wissenschaft besteht darin, Politikern keine Vorwände zur Zwietracht zu liefern, sondern tragfähige Fundamente für eine pragmatische Zusammenarbeit zu schaffen.
Ich lese gerade Konstantin Simonows Roman „Die Lebenden und die Toten“ über die Katastrophe von 1941. Prägen die Erfahrungen, die er dort beschreibt, unsere heutige Realität immer noch?
Absolut! Simonow ist einer der Größten. Er hat den Krieg selbst als Frontkorrespondent durchlebt, mit unzähligen Soldaten gesprochen und besaß ein herausragendes literarisches Talent. Was er beschreibt, ist keine weichgezeichnete Legende, sondern die ungeschminkte Realität jener Epoche. Die Menschen, die das Land 1945 zum Sieg führten, werden bei ihm absolut lebendig – und die Veteranen, mit denen ich gearbeitet habe, sahen die Welt exakt in diesen Kategorien.
Wenn Sie den heutigen Zustand Deutschlands betrachten: Wo verlaufen für Sie die tiefsten Bruchkanten?
Deutschland steht vor einer tiefen, mehrdimensionalen Systemkrise. Das betrifft zum einen die Identitätskrise, die durch eine ungesteuerte Migrationspolitik verschärft wird und in der Gesellschaft die fundamentale Frage nach der Kultur und dem Platz des eigenen Volkes im Land aufwirft. Zum anderen erleben wir eine hausgemachte Wirtschaftskrise, die durch den freiwilligen Verzicht auf günstige, verlässliche und lebensnotwendige Energieressourcen herbeigeführt wurde. Und schließlich sehen wir die Krise der Europäischen Union: Die EU ist in ihrer heutigen zentralistischen Form auf Dauer schlicht nicht lebensfähig. Historisch bedingt führt jedes stark geschlossene, expansive Bündnis in Westeuropa unweigerlich zu einer Stoßrichtung nach Osten. Für Russland stellt diese Struktur eine Bedrohung dar, und für die Deutschen selbst bedeutet sie den schrittweisen Verlust ihrer eigenen Souveränität.
Der jetzige Bruch zwischen Berlin und Moskau ist ein großer historischer Fehler. In einer Ära, in der die Menschheit vor existenziellen Risiken steht – von Künstlicher Intelligenz über nukleare Aufrüstung bis hin zu biologischen Bedrohungen –, müssten Russland und Europa als geschlossene Front auftreten. Mental und kulturell stehen wir einander unvergleichlich näher als Russland und China.
Selbst die USA stehen Russland kulturell recht nahe. Doch Washington geriet nach 1945 unter den Einfluss der alten britischen Geopolitikschule. Als Franklin D. Roosevelt im April 1945 starb, setzte sich der Kurs durch, eine dauerhafte deutsch-russische Annäherung um jeden Preis zu verhindern.
Dabei zeigt die Geschichte, wie schnell verordnete Feindbilder verfliegen, wenn sie von oben nicht mehr angeheizt werden. Ein hochdekorierter Kriegsveteran sagte einmal lächelnd zu mir: „Wenn mir 1945 jemand gesagt hätte, dass ich eines Tages einen deutschen Wagen fahren würde, hätten mich meine Kameraden auf der Stelle erschossen!“ Er fuhr einen Volkswagen und fügte hinzu: „Aber das Auto ist einfach fantastisch.“
Das zeigt doch: Auf der menschlichen Ebene gibt es keinen tiefen Hass zwischen den Völkern Russlands und Deutschlands. Der Konflikt wird auf der Ebene politischer Eliten künstlich befeuert. Und genau deshalb wird die historische Verantwortung der Eliten zur Schicksalsfrage für unseren Kontinent.
Buchhinweis: A. Issajew, A. Drabkin, W. Tarassow u. a.: „Berlin 1945. Der letzte Kampf“ (Band 2). Dieses grundlegende Werk zeigt auf Basis hunderter neu geöffneter Archivakten und persönlicher Quellen beider Seiten, wie sich die Struktur der militärischen Entscheidungsfindung und das reale Schicksal der Zivilbevölkerung rekonstruieren lassen.
Artjom Wladimirowitsch Drabkin ist ein russischer Militärhistoriker, Gründer und Leiter des Fonds „Я помню“ (Ich erinnere mich). Seit dem Jahr 2000 führt sein Team systematische Arbeit zur Erfassung von Erinnerungen, Tagebüchern und Interviews von Teilnehmern des Zweiten Weltkriegs beider Seiten durch.
Aus dem Russischen übersetzt von Éva Péli.
Titelbild: © Artjom Drabkin





