“Neue deutsche Härte” – die Rechten klauen linke Lieder

Albrecht Müller
Ein Artikel von:

Von Brigitta Huhnke

In der musikalischen Mitte der Popmusik ist martialische deutsche Herrenkultur längst angekommen. Dies zeigt unter anderem die ungebrochene Popularität der Gruppe „Rammstein“, richtungsweisend für die leitkulturelle „Neue deutsche Härte“, in der sich etwa 380 Musikgruppen[1] tummeln. Mit ihrem Amalgam aus in gleißendes Licht getauchter „Ästhetik“ der NS-Schranze Leni Riefenstahl, tumbem Mummenschanz von NPD-Umzügen und gerolltem „R“ in prallen Versen aus hohlem Pathos, füllt die Frontband „Rammstein“ seit mehr als zehn Jahren ungebrochen die größten Säle. Anfang des neuen Jahrhunderts wurde sie sogar zum Exportschlager deutscher Kultur, besonders beim weißen, kriegsbegeisterten Mann in den USA. Da hatte sich das dortige Milieu des „Neo-Macho Man“ gerade mit George W. Bush ihre tollste männliche Ikone an die Spitze gesetzt. Besonders gut kam hüben und drüben das Music Video „Die Sonne“ an. In dieser Adaption des deutschen Märchens Schneewittchen bieten die „Radaubrüder“, wie sie sich auch gern nennen, alle Zutaten versiffter Bordellkultur: Sadomasochismus, abgetakelten Heroismus in Feinripp-Unterhemden und – in Anlehnung an die Landserromantik der SS- geschwärzte Gesichter, geschorene Schädel, trifft auf Zuchtrituale einer somnambulen Domina, mit Strapsen und Mieder ums aufgespritzte Dekolleté, sich zwischendurch eine Linie Koks einverleibend. Im Windschatten dieser „Radaubrüder“ betreiben seitdem auch andere Gruppen wie „Böhse Onkelz“, „Joachim Witt“, Josef Klumb (Ex- „Weissglut“), „Landser“, „Zillertaler Türkenjäger“ sowie unzählige weitere Truppen das schmutzige Geschäft des mehr oder weniger offenen Nazismus, Sexismus, Rassismus oder Antisemitismus.[2] Soweit, so leider seit langem „normal“.

Doch seit einigen Jahren ist in der musikalischen Neonaziszene noch eine weitere Entwicklung zu beobachten: ob auf NPD Demonstrationen, Kameradschaftsabenden, esoterischen Events: neben völkischen Mythen tauchen vermehrt nun auch Plagiate auf: Lieder aus der linken Liedermacherszene. So ist „Allein machen sie dich ein”, von „Ton, Steine, Scherben“, regelmäßig bei neonazistischen Aufmärschen zu hören. Die rechtsradikale Band „Landser“, 2005 vom BGH endlich als terroristische Vereinigung eingestuft, hat ebenfalls Stücke von Ton Steine Scherben im Repertoire. Auch der alte linke Demo-Song „Was wollen wir trinken“ der holländischen Gruppe „Bots“ ist in solchen Zusammenhängen häufiger zu hören.

„Rechts denken und links singen“ – „Neonazis singen meine Lieder“, unter diesem Titel berichtete am letzten Februarwochenende in Berlin, im Rahmen des „Festivals Musik und Politik“, der Musiksoziologe Lutz Neitzert in einem von der Musikzeitschrift „Folker!“ unterstützen Vortrag ausführlich über neuere Umtriebe von Neo-Nazis in den verschiedenen Musikszenen. „Gestohlen wird, was das Zeug hält, besonders gern auch Lieder aus der Vormärz-Revolution 1848 oder aus der Wendezeit 1989“, sagt Neitzert. „Die Gedanken sind frei“, dieses während der (misslungenen) deutschen Revolution von 1848 in vielen Teilen des Deutschen Bundes damals als zu aufrührerisch verbotene Lied, „gehört mittlerweile zum Soundtrack der Kameradschaftsabende“, so Neitzert[3]. Von solchem Liederklau sind aber auch die bekanntesten Sänger der siebziger und achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts betroffen: Hannes Wader, das ehemalige Duo Zupfgeigenhansel oder auch Walter Moßmann.

Vor einigen Jahren war Hannes Wader nach einem seiner Konzerte von einem ihm unbekannten Mann um ein Autogramm gebeten worden, der ihm danach eine CD mit einer eigenen Version des von Wader vertonten und bekannt gemachten „Bürgerliedes“ aus der 1848er Revolution in die Hand gedrückt hatte. Später realisierte Wader, wer ihn da beehrt hatte: Frank Rennicke, der Hausbarde der NPD. Das sei für ihn noch heute ein “Stiefeltritt ins Gesicht, Neonazis singen meine Lieder“ und 2005 schrieb sich Wader mit dem Lied „Stellungnahme“ seine Fassungslosigkeit von der Seele.

„Die Alarmglocken klingeln eigentlich viel zu spät“, erklärt Lutz Neitzert. Beim Festival in Berlin stellte er eine Reihe weiterer Titel vor, die sich Rennicke, der beim Betonen seiner holprig dargebotenen Verse gern auch Reinhard Mey nachäfft, sonst noch von links „angeeignet“ hat. Rennicke, für den Polen „Beschmutzer deutscher Erde“ sind, hat sich auch an Arbeiten von Zupfgeigenhansel, also von Erich Schmeckenbecher und Thomas Fritz, vergriffen, die von 1974 bis 1986 jiddische und deutsche Lieder populär gemacht haben. So musste Schmeckenbecher entsetzt feststellen, wie Theodor Kramers „Andere, die das Land so sehr nicht liebten“ und das lange verschollene Volkslied „Ein stolzes Schiff“, die er beide vertont hat, plötzlich für rechtsextremistische Propaganda ausgebeutet werden. In besonders perfider Weise verhunzt der mehrfach wegen Volksverhetzung vorbestrafte Rennicke das Widerstandslied der KPD „Mein Vater wird gesucht“. Dafür missbraucht er sogar seine eigenen Kinder, die er das Lied trällern lässt. Statt der Zeile im Original
“Oft kam zu uns SA – und fragte, wo er sei“ ist nun zu hören „Oft kamen sie zu uns”.

Das erbost auch Walter Moßmann: „Was mich wirklich ärgert ist die Nummer mit der verfolgten Unschuld“, schrieb er kürzlich im „Folker!“ und zitiert dabei eine besonders perfide Stelle aus der Rechtfertigung Rennickes Anfang 2006 im Stuttgarter Landgericht, die auch auf mehreren NPD-Seiten nachzulesen ist: „In Chile wurde Victor Jara, ein kommunistischer Sänger verfolgt und vernichtet, in der DDR Liedermacher wie Karl Winkler, in der BRD Barden wie Frank Rennicke. In Chile gab es auch Gesetze, in der DDR fanden Richter auch ‚rechtsstaatliche Begründungen’, so wie auch die Inquisition die Folter an Ketzern und der sexuelle Missbrauch der Hexen durch die Henkersknechte gesetzlich geregelt war“, usw., usw. Im Netz, auf „Inoffizielle Solidaritäts- und Infonetzseite über Frank Rennicke“ findet sich dann auf der ersten Seite „Liedermacher – politisch verfolgt“ oben rechts eine blaue Schleife, ein Symbol, das zunächst im rechten US-Milieu gegen die „Gedankenpolizei der Political Correctness“ entstanden und dann in der Bundesrepublik durch den Lachbolzen und Plagiator von US-Talkshows, Harald Schmidt populär gemacht worden ist, in dem er das Schleifchen über Jahre hinweg keck am Jackett trug und mit entsprechende Anekdoten ganz wesentlich die Hasskultur der Bundesrepublik von der „Mitte“ aus befördert hat. Auf der Neonazi-Webseite, die Rennicke als Opfer verehrt, steht dann ein Bild von Victor Jara – und daneben eines von Frank Rennicke.

Moßmann selbst ist ebenfalls Opfer von einschlägigem „Liederdiebstahl“. Seine in den siebziger Jahren sehr bekannte, von ihm vertonte „Ballade vom Hexenhammer“ taucht nun als Plagiat bei der sich germanisch gebenden Truppe „Die Birkler“ auf. Zu beziehen ist das Gesinge beim bei „Deutsche-Stimme-Verlag“ des NPD-Parteivorstandes, sowie über den „Wotan-Versand“. Mehrere Zeitschriften in der „gothic und „magic“ Szene aber auch ein „Magisches Forum für Hexen, Heiden, Magier, Schamanen“ haben das Lied, so Moßmanns Recherchen, ebenfalls abgedruckt.

Neitzert beobachtete nicht nur eine zunehmende Vereinnahmung von Liedern sondern auch ganzer Szenen wie Teile des sogenannten Independent, die zuvor scheinbar nie politisch codiert gewesen seien. Und er zählt auf: „Unter den Etiketten „Gothic“, „Darkwave“, „Industrial“ oder „Neofolk“ spielen plötzlich Musikanten mit solch raunenden Namen wie: ‚Von Thronstahl’, ‚Turbund Sturmwerk’, ‚Projekt Blauland’, ‚Ahnenkult’, ‚Weltenbrand’, ‚Waldteufel’, ‚Nothwende’, ‚Allerseelen’, ‚Forthcoming Fire’, ‚Blood Axis’, ‚Der Blutharsch’, ‚Isengard’, ‚Darkwood’, ‚Swirling Swastikas’. Und das Naturgesäusel von Swantje Swanhwit passt mit ihrem „Elfenzauber“ sowohl in die boomende Esoterik-Szene als auch auf Nazi-Veranstaltungen. Ihr „Elfensingsang und Harfenklang“ (Neitzert) ist ein wichtiges Einfallstor, auch da, wo beispielsweise bei Beltane Festen, mit Fackeln im Kreis und weiß gewandeten, einschwebenden Frauen aufgespielt wird. Die alten nazistischen Mythen, versetzt mit fremden Klängen auch aus der Liedermacherszene, gedeihen, über das „Ewige und das Geheime -Kultur versus Zivilisation, Volk versus Gesellschaft, Gefühl versus Verstand, Erde versus Asphalt!“, so Neitzert. „Pathos ist seit je der naive Versuch, das Unübersichtliche, Widersprüchliche und Unbehagliche in Epochen des Umbruchs durch große leere Worte zu bannen!“ Aber auch in der klassisch biederen Singbewegung brechen nazistische Strömungen ein, wie etwa beim seit 1992 veranstalteten „Würzburger Singewettstreit“, zusammen mit rechten Pfadfindern, die wiederum zunehmend von evangelikalen Gruppen unterwandert werden.
Die Grenzen verwischen sich mehr und mehr, „längst betreiben die rechten Akteure eine Politisierung des Ästhetischen“, wie auch seit Jahren die Rechtsextremismusforscher Jan Raabe und Andreas Speit dezidiert analysieren[4]. Das politisch-kulturelle Konzept ist der „Ethnopluralismus“, frei nach der Frage, „was will ein Eskimo in der Sahara“. Egalität berge die Gefahr der Monokultur. Der „Fremde“ wird als „Gast“ geduldet. Besonders anfällig scheinen leider auch Jugendliche zu sein. Im Wahlkampf 2005 hat die NPD schätzungsweise 200 000 CDs mit solchem Liedgut verschenkt.

Was tun? Die Rechten haben keinen Masterplan sondern treffen bereits auf Bereitschaft, in einer Zeit, in der nicht nur das Gesellschaftliche sondern auch das Geschichtliche als Bezugspunkte des individuellen und kollektiven Lebens zunehmend auch von der Politik entsorgt wird. Michael Kleff vom „Folker!“ fordert, wieder auch mehr über das historische Liedgut aufzuklären, auch über die Bedeutung der alten Lieder aus der 48er Revolution beispielsweise im Kontext der sozialen Bewegungen in den 70er und 80er Jahren und ihren Nutzen für heute. „Und wir brauchen wieder öffentliche Institutionen, in denen sich demokratische Lieder erneut entwickeln können“, sagt Kleff. In Zeiten, in denen nicht Politik und gesellschaftliche Interessensgruppen aus Kultur und Bildung sondern neoliberale Kampfbünde der Bertelsmannstiftung auch den Kultur- und Bildungssektor zerlegen, der öffentlich-rechtliche Rundfunk immer weniger einem Bildungsauftrag gerade auch für junge Menschen nachkommt, demokratische Lieder, deutsche oder auch die der World Music, allenfalls vielleicht noch irgendwann nachts in Minderheitenprogrammen zu hören sind, wird dies immer schwieriger. Zu den ganz wenigen Foren dieser Art gehört das Berliner „Festival Musik und Politik“. Doch es gibt auch noch bzw. wieder viele jüngere Musiker und Musikerinnen, die ästhetisch und inhaltlich die Möglichkeit kultureller Bildung durch Musik wahrnehmen. Zu ihnen gehören die „Sons of Gastarbeita“ (SOG) und unter anderem ihr Projekt „Rap for courage at work“, mit der sie insbesondere im Ruhrgebiet gezielt in Schulen gehen und dort Musik- und Theaterprojekte entwickeln. Dafür sind sie noch vom früheren Bundespräsidenten Johannes Rau ausgezeichnet worden, was Ghandi Chahine, Sänger und Liedschreiber der SOG, als Kind mit den Eltern vor dem Krieg im Libanon geflohen und in Witten aufgewachsen, noch immer mit Stolz erfüllt. Und 2006 haben sie für ihr Musical „Coole Monkeys“ den Jugendkulturpreis NRW bekommen.

Chahine arbeitet auch viel mit Frank Baier zusammen, der wiederum ein weiteres Urgestein der traditionellen linken Liedermacherszene ist, letztes Jahr beispielsweise auch beim Festival in Berlin dabei war. Mit ihrem gemeinsamen „März 1920-Rap“[5] standen sie letztes Jahr monatelang auf der Liederbestenliste. Ihr „Kohlenpott-Rap“, beide sind in der Wolle gewirkte Lokalpatrioten, mit dem sie erstmals 2003 beim Musikfestival in Rudolstadt zig Tausende in Wallung brachten, wird auch „geklaut“. Doch darüber freut sich Baier, ein Mittler zwischen Kulturen und Generationen in der Region, ganz besonders. Viele jugendliche Bands covern mittlerweile den „Kohlenpott-Rap“[6], singen ihn in kleinen Clubs, in Jugendzentren oder auch auf Demonstrationen zum 1. Mai.

Mehrfach wurde im Publikum beim Berliner Festival darauf hingewiesen, wie sehr auch der „Ethnopluralismus“ gezielt nicht nur von der Fußballindustrie und der Regierung angestachelt worden ist, nicht zuletzt mit tumben Parolen wie „Zu Gast bei Freunden“, „Wir sind Deutschland“ oder jetzt im Nachschlag zur Jahreswende mit dem Geplapper, unter anderem von Angela Merkel und Horst Köhler forciert, über „Sommermärchen“, das „wir“ mit der WM erlebt hätten und dem jetzt „Wintermärchen“ im Handball und am Arbeitsmarkt folgen würden. Doch der Aufschrei darüber, wie so Heinrich Heines „Wintermärchen“, diese grandiose Satire auf Deutschtümelei, deutsches Spießertum und Angstbeißerei gegenüber dem „Fremden“, die offensichtlich von seinen heutigen Plagiatoren nie gelesen wurde, als Kulturgut allein wegen seines Titels regelrecht enteignet und beschmutzt wird, bleibt bis heute in diesem Land aus. Wir erinnern uns noch mit Grausen an das Grölen und Saufen, das Absingen rassistischer Lieder während dieser WM, nicht nur auf den sogenannten „Fanmeilen“.

In Berlin wurde aber auch sehr kritisch diskutiert, inwieweit nicht auch den geklauten Liedern ein abstrakter Pathos innewohne, etwas Heroisches, das es für das Morbide, die religiöse Überhöhung, aber auch das Patriarchale der rechten Musikszene anschlussfähig macht.
In jedem Fall unterstützt auch der ganz normal Pathos heutiger Alltagskultur die „Ästhetische Mobilmachung“(Speit) In diesem Zusammenhang wurde mehrfach auf die nazistischen Heroen in der Werbung, z.B. für Duschgel hingewiesen. Öffentlicher Aufschrei aber bleibt auch aus wenn, wie aktuell, die Modemacher von „Dolce&Gabbana“ ganz eindeutig in ihrem neuesten Werbefeldzug mit vier geölten Männerkörpern und mit (dem ebenfalls bei der SS beliebten) angeschorenem Haarschnitt eine halbnackte Frau mit Gewalt erniedrigen. Das war bisher jedoch nur der Süddeutschen Zeitung zu viel („Vergewaltigungs-Schick, Pornoästhetik“ SZ-online vom 4.3.07). Aber den (globalen) Trend, der hinter dieser „Gang-Bang“- Ästhetik steht, beispielsweise unter anderem seit Jahren auch durch sexistisch-rassistische Werbung des Mode Labels „Calvin Klein“ forciert, vermochte auch die SZ nicht zu erkennen.

Das „Festival Musik und Politik“ in Berlin, das in diesem Jahr zum 8. Mal stattfand, lädt trotz eines fast Null-Budgets, immer auch Liedermacher aus anderen Ländern ein. Der Kanadier Michael Friedmann, der noch die DDR kannte, dort wie vor ihm sein Vater an der Hans Eisler Schule Komposition studiert hat, heute wieder in Kanada lebt, war diesmal dabei. Er kann sich nur sehr schwer vorstellen, dass Rechte in Kanada oder auch in den USA politisches Liedgut von links klauen könnten. Einerseits verweigere sich das ästhetische Erbe dieser Singer/Songwriter Kultur solchen Übernahmen, andererseits „konzentrieren wir uns auch eher auf das ganz Konkrete der Kämpfe, aber auch auf das Partielle im Alltag“. Letzteres besingen viele von Friedmans Liedern[7], mit leisen Melodien und in poetischen Erzählungen singt er davon, wie mehr und mehr der Alltag der Menschen an den neoliberalen Verhältnissen zerbricht, zieht so still in Bann.
Zum Schluss des Festivals wurde es dann aber auch noch einmal richtig heftig. Mit lauter Power, Tarantella und Tammuriata, zog die italienische „Gruppo E Zézi operaio“ ein. Auch in Italien hat das politische Lied als Volkslied noch heute eine ganz andere Kraft als hierzulande. Quellen dieser neun Musiker und einer Sängerin sind die Arbeitskämpfe und das Leben in der Region um Neapel. Ein Kollege von der Tageszeitung Neues Deutschland, der sonst eher als zurückhaltender Chronist gewissenhaft die Weltläufe festhält, war noch beim Schreiben völlig angeknallt von der Lebensfreude: „Bald hält es keinen und keine mehr auf dem Sitz und ein ganzer Saal tanzt Tarantella. Die jungen Männer an den Instrumenten erzeugen einen stampfenden Rhythmus im Viervierteltakt, der sich so wenig marschträchtig und doch so bewegungsanregend mit einer schweren Betonung der Eins und der Drei in den Saal ergießt.“ Sie würden singen, „als ob es ums Leben geht. Doch darum genau geht es ja auch, um ein besseres, fröhliches, glückliches Leben … Napoli ist das Chaos von Italien. Es ist ein Glück, dort zu wohnen. Nur wenn der Vesuv einmal ausbricht, dann muss man schnell laufen können. Der Vesuv dieser einzigartigen neapolitanischen Eingreifkapelle heißt Irene. Sie singt nicht nur, nein sie erzeugt die Töne in ihrem Unterleib“, soweit der Kollege und verzeihen wir ihm sein letztes Körperbild. Aber dann hat es im Veranstaltungsort „Wabe“ auf einmal Peng gemacht, die Musikanlage gab auf. Der Tonmann, der schon in den achtziger Jahren Festivals der alternativen Liedermacherszene in der DDR technisch begleitet hat, erklärt sich das Durchknallen einer Sicherung im Mischpultnetzteil so: „Es waren doch zu viele menschliche Schwingungen im Raum. Da ist die profane Elektronik halt beleidigt“. In diesem Sinne schrieb Ghandi Chahine seinem 28 Jahre älteren Mit-Rapper Frank Baier neulich auf die WebSeite: “Hey, Alter, keep your fire burning!“ Damit sind wir endgültig beim Geheimnis des Lebens angelangt. Davon jedoch haben Herrenhorden wie „Rammstein“, die tumben Kerls und Maiden bei Nazi-Aufmärschen oder auf esoterischen Events mit Elfengesang, aus denen nichts weiter als „Haß spricht“[8] sowie der Mief des nazistischen Todestriebes aufsteigt, schlichtweg keine Ahnung.


[«1]Vgl. dazu Schätzungen der Rechtsextremismusforscher Andreas Speit und Jan Raabe, u.a. in der Tagesschau vom 19.06.2006, in der Ausgabe von 13:17 Uhr; vgl. dazu auch ausführlicher den von Andrea Röpke und Andreas Speit herausgegebenen Sammelband: Braune Kameradschaften. Die neuen Netzwerke der militanten Neonazis, Berlin 2004.

[«2]Einen hervorragenden, empirisch wie auch theoretisch vorbildlich gesättigten Überblick gibt der 2002 von Andreas Speit herausgegebene Sammelband:„Ästhetische Mobilmachung. Dark Wave, Neofolk und Industrial im Spannungsfeld rechter Ideologen“. Hamburg/Münster.

[«3]Vgl. zum Vertiefen auch die Website von Lutz Neitzert

[«4]Vgl. Speit, a.a.O., S.110.

[«5]Vgl. dazu Brigitta Huhnke: „Wer die Geschichte nicht kennt und das Heute nicht sieht, hat keinen Plan – was morgen geschieht“ Die Grenzgänger & Frank Baier; in Folker! 02/07, Magazin für Folk, Lied und Weltmusik
Leseproben:
Quelle 1: folker.de
Quelle 2: revoluzzen.de

[«6]Text zu „Ruhrpott-Rap“
Quelle: frank-baier.de [PDF – 100KB]

[«7]Neuste CD von Michael Friedman „Diamond Space“.

[«8]Das gleichnamige Buch von Judith Butler: „Haß spricht“. Zur Politik des Performativen. 1998 erstmals auf Deutsch im Berlin Verlag erschienen und jetzt 2006 bei Suhrkamp als Taschenbuch, analysiert theoretisch und mit Beispielen aus den USA wie Haß-Reden nicht nur die Betroffenen im Akt des (performativen ) Sprechens entwürdigen, sondern auch nach und nach gesellschaftliche Verhältnisse vergiften.

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