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19. November 2018
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Gezielte Stimmungsmache zum Lokführerstreik.

Veröffentlicht in: Gewerkschaften, Strategien der Meinungsmache, Verkehrspolitik

Heute früh begrüßte die Frankfurter Rundschau ihre Leser auf der ersten Seite mit der Hauptschlagzeile „Die Stimmung kippt“. Begründet wurde diese Behauptung mit dem Hinweis auf eine Forsa-Umfrage. Auch Maybritt Illner sprach gestern Abend davon, die Stimmung kippe. Und auf SpiegelOnline findet sich ein Beitrag wonach ein Stimmungswechsel bei den Menschen stattfinde, demzufolge die Lokführer sich mit dem Angebot der Bahn zufrieden geben sollten. Seltsam, die quasi gleichzeitig veröffentlichten Ergebnisse des ARD-Deutschland-Trends besagen das Gegenteil. Danach wächst das Verständnis für die Streikenden noch.
Offenbar versuchen manche Medien, zusammen mit der Bahn und einigen Politikern die Stimmung zu verändern. Albrecht Müller.

Was jetzt geschieht, war absehbar, wenn man die Publicrelations-Kapazität der Deutschen Bahn AG, die Bereitschaft unserer Medien, sich in Publicrelations-Kampagnen einspannen zu lassen, und die Gestaltbarkeit von Umfrageergebnissen kennt. Mein Mitherausgeber Wolfgang Lieb und ich haben in früheren Funktionen gelegentlich erlebt, dass bei einschlägigen Umfrage-Instituten die Ergebnisse von Umfragen gewünscht werden konnten – selbstverständlich nicht mit unrealistischen Vorstellungen, sondern im Rahmen des Denkbaren; wie eben im aktuellen Fall. Ich erinnere mich noch sehr gut an eine Sitzung in einem nordrhein-westfälischen Landtagswahlkampf, als der für den Wahlkampf Zuständige eine kleine Runde von Wahlkampfexperten fragte, ob wir bei der nächsten Umfrage eher ein gutes Ergebnis haben wollen, das Bandwaggon-, also Mitzieheffekte auslöst, oder eher ein schlechtes Ergebnis, das den Anhängern signalisiert, sie müssten noch etwas für die Mobilisierung tun.
Berühmt ist auch jene Allensbach-Umfrage im Wahlkampf 1965, die dem Publikum signalisierte, die SPD läge vorn, was, obwohl unrealistisch, von der damaligen SPD-Führung geglaubt wurde. Hinterher bekannte der damalige Bundesgeschäftsführer der CDU Josef Hermann Dufhues dem Sinne nach, dass man die Öffentlichkeit absichtlich getäuscht habe, um die eigenen Anhänger zu mobilisieren.

Interessant am heutigen Vorgang ist noch, dass die Umfrage bei Forsa von berlinpolis in Auftrag gegeben worden ist. berlinpolis ist eine Publicrelations Agentur unter der Führung von Daniel Dettling. berlinpolis arbeitet mit der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft und anderen einschlägigen Einrichtungen zusammen. Irgendjemand muss berlinpolis den Auftrag für diese Umfrage gegeben haben.

Ich denke, auch jene Zeitgenossen, die dem Lokführerstreik skeptisch gegenüberstehen, weil sie um den Zusammenhalt der Gewerkschaften bangen, müssten angesichts der erkennbaren Stimmungsmache ihre Position überdenken. Denn was jetzt geschieht, richtet sich nicht nur gegen die besonderen Forderungen der Lokführergewerkschaft sondern gegen die berechtigten Wünsche der Arbeitnehmerschaft nach besseren Löhnen insgesamt.

Hier noch die einschlägigen Passagen bei Frankfurter Rundschau und Tagesschau:

  • Frankfurter Rundschau:
    Die Stimmung kippt
    Bei Kunden und Politikern wächst der Ärger über die Lokführer / Nahverkehr lahmgelegt / Bis Sonntag kein Streik:
    „In einer aktuellen Forsa-Umfrage im Auftrag des Bahn-freundlichen Instituts Berlinpolis lehnte erstmals eine Mehrheit der Befragten den Lokführerstreik ab. 55 Prozent äußerten ihr Unverständnis über den Arbeitskampf, 43 Prozent zeigten sich einsichtig.“
  • Tagesschau
    DeutschlandTrend sieht wachsende Unterstützung für GDL
    Verständnis für Lokführer wächst
    Die Deutschen haben trotz Arbeitskampf Verständnis für die Lokführer: Knapp zwei Drittel halten die Arbeitsniederlegungen für gerechtfertigt, so eine Umfrage von infratest dimap im Auftrag des ARD-Morgenmagazins. Noch vor zwei Wochen hatten 57 Prozent der Befragten ihr Verständnis dafür bekundet, dass die Gewerkschaft der Lokführer (GDL) einen eigenständigen Tarifvertrag und Lohnerhöhungen durch Streiks erzwingen will. Trotz der jüngsten Arbeitsniederlegungen sind es jetzt 64 Prozent.
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