Jens Berger

Seit Freitag erreichten uns zahlreiche Mails von verunsicherten Lesern. Statt der NachDenkSeiten bekamen sie eine große rote Warnmeldung von Microsoft angezeigt, die vor dem Besuch der Seite warnt. „Diese Website wurde als unsicher gemeldet“ heißt es dort. Hintergrund dürfte sein, dass Spaßvögel oder politische Gegner der NachDenkSeiten unser Internetangebot bei Microsoft als „unsicher“ gemeldet haben. So was kann passieren. Mehr als ärgerlich ist es jedoch, dass diese Meldung ganz offensichtlich ohne weitere fachmännische Prüfung zu einer Aussperrung der Nutzer des Microsoft-Browsers Edge geführt hat. Von Jens Berger.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Sowohl als Betreiber einer Internetseite als auch als Nutzer steht man diesem Treiben gänzlich machtlos gegenüber. Ob Beschwerden entgegengenommen und auch tatsächlich überprüft werden, liegt offenbar voll und ganz in der Hand der Konzerne. Und es ist nicht nur Microsoft. Auch von Facebook-Nutzern kriegen wir regelmäßig Beschwerden, zu denen wir noch nicht einmal Stellung nehmen können, da wir selbst keine Informationen zu den Vorfällen bekommen. Die Meinungsfreiheit im Internet ist in ernster Gefahr, wenn sich an diesen Umständen nicht bald etwas ändert.

Warum konnten Microsoft-Edge-Nutzer mit bestimmten Sicherheitseinstellungen die NachDenkSeiten nicht aufrufen? Schuld ist in diesem Falle eine Technik namens „Microsoft SmartScreen“, die eigentlich dafür sorgen soll, dass Nutzer vor sogenannten Phishing-Seiten, also Seiten, die so tun, als seien sie eine andere Seite, um beispielsweise ihre Kreditkartennummer oder Passwörter herauszubekommen, und Seiten gewarnt werden, die – wissentlich oder unwissentlich – Schadsoftware zum Download anbieten. An sich ist es sicher eine löbliche Idee, derartige Schutzmechanismen im Browser zu implementieren. Daher war unsere erste Reaktion auf die Mails unserer Leser auch eine sorgfältige Überprüfung unseres Angebots. Es kann ja sein, dass Hacker durch eine Sicherheitslücke Schadsoftware oder korrumpierte Dateien auf unseren Server geladen haben. Wir konnten jedoch nach bestem Wissen und Gewissen keinen Grund ausmachen, warum wir auf dem „Index“ von SmartScreen gelandet sind. Hat es denn keine Überprüfung seitens Microsoft gegeben? Offenbar nicht. Es reicht bereits aus, wenn andere Nutzer eine Seite als schadhaft melden. Dies öffnet Trollen und Bösewichten natürlich die Tore. Schließlich reicht es dann ja bereits, sich zu verabreden und vermeintlich unabhängig voneinander eine unbescholtene Seite zu melden, um sie zumindest zeitweise aus dem Verkehr zu ziehen. Dass Microsoft solche Meldungen offenbar weder automatisiert noch – was wünschenswert wäre – persönlich überprüft, ist ein absolutes Unding. Auch der IT-Sicherheit erfüllt Microsoft damit einen Bärendienst. Das ist vergleichbar mit dem Hirtenjungen, der in Äsops Fabel so oft fälschlicherweise vor dem Wolf warnt, bis ihm keiner mehr glaubt, als der Wolf wirklich kommt. Wenn Microsoft derartige Warnungen nicht manuell überprüft, werden sie von den Nutzern bald nicht mehr ernstgenommen und damit wäre – außer den Hackern – niemanden geholfen.

Ganz ähnlich verhält sich Facebook in vergleichbaren Fällen. Alle naselang beschweren sich Nutzer bei uns, dass ihre Kommentare auf „unserer“ Facebook-Seite als Spam eingeordnet werden und verschwinden. Das Problem: „Unsere“ Facebook-Seite gehört natürlich nicht uns. Wir haben zwar von Facebook die Möglichkeit zur Verfügung gestellt bekommen, innerhalb der Facebook-Software Inhalte zu generieren, mit denen Facebook Werbeumsätze erzielt, und werden auch im Falle eines Falles von den Gerichten für möglicherweise justiziable Inhalte persönlich zur Rechenschaft gezogen. Was wir aber nicht haben, ist ein Einblick, wie Facebook mit unseren Inhalten und den Inhalten, die Kommentatoren auf „unserer“ Facebook-Seite posten, verfährt. Facebook ist da komplett intransparent. Wir wissen, dass einige Nutzerkommentare als Spam eingestuft werden, sehen dabei aber keinen Zusammenhang – weder tauchen bestimmte „Buzzwords“ auf, noch wird auf einschlägige Seiten verlinkt und das Text-Link-Verhältnis scheint auch nicht der ausschlaggebende Faktor zu sein. Woran liegt es also? Das wissen wohl nur die Algorithmen von Facebook.

Aber die Intransparenz geht noch weiter. So stagniert die „offizielle“ Zahl der Personen, denen die NachDenkSeiten auf Facebook „gefallen“ wie von magischer Hand seit Monaten bei rund 96.000, während gleichzeitig immer weniger Menschen unsere Artikel angezeigt bekommen. Nun könnte man sagen, die NachDenkSeiten haben halt weniger Leser. Das ist aber nicht der Fall. Die Beitragsreichweite auf Facebook hat sich vielmehr negativ von der realen Beitragsreichweite abgekoppelt. Und das ist wohl nur dadurch zu erklären, dass der Facebook-Algorithmus die NachDenkSeiten für was auch immer „bestraft“. Ist das politische Einflussnahme? Aber wen könnten wir dazu mal fragen? Niemanden. Und das ist wirklich dreist, verdient Facebook doch alleine mit den NachDenkSeiten schätzungsweise eine hohe fünfstellige Summe pro Jahr durch geschaltete Werbung. Wir verlangen ja keinen roten Teppich … aber zumindest eine Basiskundenbetreuung sollte doch eigentlich drin sein, wenn man Umsätze in einer derartigen Größenordnung generiert.

Es ist erstaunlich. Wir meckern gerne, wenn wir bei der Telekom in der Warteschleife sind oder eine Mitarbeiterin im Call Center der Bahn uns nicht sofort die richtige Verbindung heraussucht. Aber bei den großen Software-Giganten wie Microsoft, Apple, Google und Facebook nehmen wir es als vollkommen normal hin, dass wir noch nicht einmal eine Hotline für solche Fragen haben. Schlimmer noch: Wir liefern uns ohne Wenn und Aber der Allmacht der Algorithmen dieser Konzerne aus. An dieser Stelle kommen dann meist die sicher nett gemeinten Tipps von einigen Lesern, man könne doch auch auf Linux umsteigen und sei ja auch nicht gezwungen, seine Seiten bei Facebook unterzubringen. Das ist aber ungefähr so hilfreich wie Tipps, man könne doch auch mit dem Fahrrad fahren, wenn der Kartenautomat der Bahn spinnt und die Hotline mal wieder nicht erreichbar ist. Nein. Konzerne wie Microsoft und Facebook haben eine riesige Marktmacht, der man sich nicht entziehen kann. Mehr noch: Durch die Kontrolle unserer Kommunikation und eines großen Teils unseres Medienkonsums haben diese Konzerne auch eine sehr reale Macht, die mit steigender Digitalisierung schon bald absolute Maßstäbe einnehmen wird. Vielleicht sollte der Gesetzgeber einmal darüber nachdenken, die großen IT-Konzerne zu mehr Transparenz und einer „Zwangskundenbetreuung“ zu zwingen. Was spräche beispielsweise gegen einen demokratisch gewählten „Nutzerrat“, der bei Facebook und Co. die Interessen der Nutzer vertritt? Was meinen Sie? Schreiben Sie uns ihre Ideen bitte an leserbriefe(at)nachdenkseiten.de. Wir werden am Freitag eine kommentierte Zusammenstellung Ihrer Ideen veröffentlich – hoffentlich auch für Nutzer von Microsoft Edge.

p.s.: Sollte sich der Vorfall wiederholen, klicken Sie bitte ganz unten auf „ignorieren und fortsetzen“, auch wenn Microsoft dies „nicht empfiehlt“.

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