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Der Journalisten-Funktionär: Symptom der Systemkrise

Veröffentlicht in: Audio-Podcast, Medienkritik, Strategien der Meinungsmache

Der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes Frank Überall ist bekannt für seine Voreingenommenheit – nun offenbart er sie einmal mehr in einem aktuellen Interview. Dass diese Personalie an der Spitze einer großen deutschen Journalisten-Vertretung steht, wirft ein Licht auf die ganze Branche: Überall ist ein Symptom der tiefen Krise des deutschen Mediensystems. Von Tobias Riegel.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV) Frank Überall suggeriert in einem aktuellen Interview mit dem „Deutschlandfunk“ (DLF), hierzulande seien Industrie und Politik nicht verwoben und beim Handeln der „Herrschenden“ gäbe es eigentlich nur andernorts etwas aufzudecken: „Zum einen haben wir die Schwierigkeit, dass Medienunternehmen, Wirtschaftsunternehmen, Politik, Justiz in solchen Ländern besonders miteinander verwoben sind, dass es da auch was aufzudecken gibt, wo es auch ein Interesse gibt, dass darüber nicht berichtet wird seitens der Herrschenden.“

Das Interview wurde anlässlich von in jüngerer Vergangenheit in Bulgarien, auf Malta und in der Slowakei getöteter Journalisten geführt. Man mag Deutschlands Rechtssystem als dem dieser europäischen Länder überlegen beschreiben. Es spricht auch nichts dagegen, auf Defizite in anderen Ländern hinzuweisen. Das Problem und die aufreizende Botschaft entsteht durch den von Überall konstruierten allzu scharfen Gegensatz zwischen „uns“ und den „anderen Ländern“: Die kategorische Art, in der Überall im DLF-Interview Deutschland als gefeit gegen ungebührliche Verstrickungen aus Politik, Wirtschaft und Medien beschreibt, offenbart seine extrem westlich zentrierte Wahrnehmung und die daraus erwachsende „naive“ Voreingenommenheit.

Leser-Beschimpfung und Phrasen vom „Werte-Westen“

Aus dieser Haltung erwächst eine Verfehlung des Berufs: Deutsche Journalisten sollten zuerst deutsche Missstände aufklären, bevor sie sich den „Autokraten“ der Welt zuwenden. Wenn sie ihre erste Aufgabe jedoch vor allem darin sehen, „uns“ und unsere „makellose Demokratie“ gegen „die anderen“ zu verteidigen, so nehmen sie ihre wichtigste Aufgabe nicht wahr: Die Kontrolle unserer Regierung und unserer Wirtschafts-Eliten. Im Gegenteil: Durch die Überbetonung fremder Defizite wird „unseren“ Eliten ein medialer Schutzraum eröffnet.

Neben dem Freispruch, den Überall dem politisch-medialen System Deutschlands im Vergleich zu „anderen Ländern“ erteilt, setzt er auf Leser-Beschimpfung – eine „Stimmung in der Bevölkerung“ befördert demnach Journalisten-Mord: „Auf der anderen Seite gibt es eine Stimmung in der Bevölkerung, die sich auch gegen Journalistinnen und Journalisten, gegen Fakten, gegen Wahrheit oder die Suche nach Wahrheit richtet, wo man einfach nur noch Vorurteile bestätigt wissen möchte und gar nicht mehr sich wirklich informieren möchte mit wirklichen Fakten.“

Die Selbstbesoffenheit des Mediensystems

Der oberste Journalisten-Funktionär in Deutschland verkörpert in diesem Interview also zwei zentrale Probleme der deutschen Medienlandschaft: Zum Einen die Unfähigkeit zu Selbstkritik und Selbstkorrektur, die an Selbst-Besoffenheit heranreicht – medienkritische Stimmungen in der Bevölkerung sind hier nicht Anlass zur Reflexion der eigenen Arbeit, sondern zur Diffamierung der Kritiker. Zum Anderen die kritiklose Aneignung der Phrasen vom überlegenen „Werte-Westen“. Dass Frank Überall von der eigenen Branche als Vertreter gewählt wird, und seine mutmaßlichen Verletzungen einer gebotenen Neutralität nicht angemessen kritisiert werden, wirft ein deutliches Licht auf die Probleme des deutschen Mediensystems – denn ein Symptom der Krise heißt Frank Überall.

Jeder Verband kann sich mal einen Fehlgriff in der Leitung erlauben – Überall jedoch ist zumindest für Leser der NachDenkSeiten mittlerweile ein alter Bekannter und nicht nur Symptom der Medien-Krise, sondern auch Symptom der Defizite des DJV: In diesem Artikel etwa wird beschrieben, wie der DJV auch unter Überalls Führung mit offenen antirussischen Ressentiments auffällt, wie der Verband gegen das russische Auslandsmedium RT vorgeht und zum Boykott der WM in Russland aufgerufen hat. Jens Berger hatte unter anderem in diesem Artikel die Breitseiten des DJV-Sprechers Hendrik Zörner gegen um Entspannung bemühte Politiker wie Matthias Platzeck beschrieben. Die NachDenkSeiten fragten auch bereits, warum nicht mehr Journalisten dem hier beschriebenen Beispiel folgen, und Branchenverbänden, die die Verpflichtung zu Neutralität und Distanz missachten, den Rücken kehren.

Die Wandlungen des Frank Ü.

Zum Abschluss noch ein aktuelles Zitat Frank Überalls, mit dem er stellvertretend für viele seiner Kollegen zeigt, wie intensiv Teile des deutschen Journalismus von den Phrasen des guten, gerechten und überlegenen Westens durchdrungen sind. Politik und Wirtschaft verstricken sich wie gesagt nur in anderen Ländern: „Das ist ja genau das Problem, das Justizsystem in diesen Ländern, das ja auch überhaupt zulässt, dass krakenartig Politik und Wirtschaft sich so überhaupt in kriminelle Strukturen verstricken können.“ Überall hat die Welt übrigens auch mal anders gesehen: 2012 hat er ein Buch geschrieben, mit dem Titel: „Abgeschmiert – Wie Deutschland durch Korruption heruntergewirtschaftet wird.“

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