Leserbriefe zum Beitrag: „Zur Flüchtlingsdebatte.“

Ein Artikel von:

Zu diesem Beitrag von Marco Wenzel “Zur Flüchtlingsdebatte.” erreichten uns auch diesmal wieder diverse Leserzuschriften, von denen wir hier einige wiedergeben. Das Meinungsspektrum ist wie so oft weit gestreut und hoffentlich regen die folgenden Leserbriefe zu weiterem Nachdenken und Handeln an. Es ist sehr schwer, bei diesem Thema allen oder möglichst vielen Menschen gerecht zu werden und gleichzeitig menschlich und realistisch zu sein. Vielen Dank an alle, die geschrieben haben. Zusammengestellt von Moritz Müller.

1. Leserbrief

Sehr geehrte Nachdenkseiten,
 
ich lese die Nachdenkseiten täglich und bin sehr froh, dass es eine derartige Berichterstatung in Deutschland noch gibt.
 
Nachdem ich den Text “Zur Flüchtlingsdebatte” gelesen habe, kann ich nur sagen Endlich! spricht es mal jemand aus. Ich stimme dem Artikel zu 100% zu. Es geht nicht um rechts oder links in unserem Land, sondern um die Spaltung unserer Gesellschaft durch unsere sogenannten “Eliten”. In diesem Zusammenhang sind die Spielchen um Herrn Maaßen auch nur lächerlich und aus meiner Sicht nur als Nebelkerze zu verstehen. Die Themen der Menschen in unserem Land sollten nicht Hetzjagden, Linke oder Rechte sein, sondern die Teilung und damit Beherrschung der Menschen durch eine kleine Gruppe, die rücksichtlos und egoistisch andere ausbeutet und vor Kriegen nicht zurückschreckt, wenn es um Ausübung der eigenen Macht geht. Diese nicht legitimierte Gruppe einer “Elite” gilt es in ihrem unmenschlichen Handeln zu stoppen. 
 
Ich freue mich weiterhin auf Ihre interessanten und belebenden Beiträge.
 
Mit freundlichen Grüßen
Herr N


2. Leserbrief

Lieber Herr Wenzel,

vielen Dank für diesen Artikel, dem ich in allen Punkten zustimme. Allein ein Gedanke fehlt mir und das ist der Gedanke, der mir in dieser Debatte eigentlich immer fehlt:

Die Fluchtursachen bekämpfen wird in letzter Instanz immer heißen müssen, unseren Lebensstil zu ändern – und zwar im Sinne von weniger! All die von Ihnen aufgezählten Punkte kommen nämlich nicht nur den Konzernen und ihren Aktionären zugute. Auch wenn diese natürlich die Hauptprofiteure sind.

Aber selbstverständlich hängt auch das billige Fleisch im Discounter, die tollen billigen T-Shirts bei H&M, das Sonderangebot Kaffee, die günstige Tafel Schokolade usw. usw. von unserer viel zu billigen Versorgung mit den entsprechenden Rohstoffen ab. Eine Eindämmung des Klimawandels ist mit dem geliebten Individualverkehr und erst recht mit Kreuzfahrten und Flugreisen einfach nicht zu haben. Autos, Medikamente, Spielzeug – alles würde schlicht teurer, mit der Folge, dass wir uns weniger davon würden leisten können, wollten wir tatsächlich die Fluchtursachen bekämpfen.

Natürlich muss ein solcher Wandel sozial gerecht gestaltet werden. Natürlich soll nicht der Arbeiter zuerst auf seinen Sonntagsbraten verzichten, während der Kapitalist bereits zum Frühstück ein Pfund Rindercarpaccio verspeist. Und natürlich sollen sich die Pendler nicht stundenlang um die Stehplätze im überfüllten Vorstadtzug streiten, während der Chef mit dem Uber-Flugtaxi zur Arbeit schwebt.

Aber nichtsdestotrotz werden wir uns von vielen liebgewonnenen Gewohnheiten verabschieden müssen, wenn wir möchten, dass irgendwann alle dann vielleicht 9 Milliarden Menschen halbwegs gleichwertig auf diesem Planeten leben können sollen. Ein Angleich auf unser (Konsum-)niveau kann unter keinen Umständen gelingen. Da braucht man auch nicht auf den technischen Fortschritt zu hoffen – ein Fehler, den die Grünen samt ihrer Wähler permanent machen.

Vielmehr gilt es den Menschen zu vermitteln (insbesondere den jungen Leuten), dass ein glückliches, sinnerfülltes Leben jenseits des Konsums nicht nur möglich, sondern sogar höchst erstrebenswert ist. Dass ein Tag in gesunder Natur, mit einem guten Buch oder in Gemeinschaft mit anderen nichts (bzw. nur sehr sehr weing) kosten muss, um schön zu sein. Und dass alle Menschen nur gewinnen können, wenn wir endlich einsehen, dass dieser wahnsinnige Kampf „Jeder gegen Jeden“ gar nicht notwendig wäre, wenn wir uns einfach auf mitmenschliche Werte besinnen könnten.

Diese Botschaft fehlt mir leider meist, wenn die Sprache auf Fluchtursachen kommt.

Mit Grüßen aus Taufkirchen
Martin Sutor


3. Leserbrief

Lieber Herr Müller,

was die nachdenkseiten propagieren und nun auch Marco Wenzel noch einmal sehr schön auf den Punkt bringt, wird vom AfD-Wähler bis zum Katja Kipping-Fan kaum bestritten: Fluchtursachen (insbesondere wirtschaftliche Ausbeutung und Kriege) sollten beseitigt und beendet werden – wer bitte spricht sich dagegen aus? (Gegen die von Wenzel unterstellte Haltung, Immigranten [incl. Flüchltinge] seien insbesondere unter dem Aspekt der “gesellschaftlichen Vielfalt” zu betrachten, würde sich Frau Kipping aber wohl zu Recht verwahren.) Die konkrete Umsetzung der Fluchtursachenbekämpfung ist eine eigene Ebene, mir geht es hier (analog zum Wenzel-Beitrag) um die Debattenebene.

Die strittige Frage ist doch nicht ‘Fluchtursachenbekämpfung – gut oder schlecht?’ sondern z. B.:

  • Wollen wir uns gegen Menschen in Not, die stark genug waren, es bis direkt vor unserer Tür zu schaffen, effektiver abschotten?
  • Wollen wir die kriminalisierte Seenotrettung im Mittelmeer wieder legalisieren und fördern?
  • Welchen Beitrag können und wollen wir angesichts der würdelosen Unterbingung von Flüchtlingen auf europäischem Boden (bspw. auf Lesbos) leisten?
  • Wollen wir den “Flüchtlingsrückhaltevertrag” mit Erdogan um fast jeden Preis aufrecht erhalten?
  • Wollen wir die Integration der in Europa/Deutschland angekommenen Flüchtlinge vorantreiben oder setzen wir auf abgeschottete Unterbringung, bis die Situation in den Herkunftlsländern wieder erträglich ist?
  • Wollen wir mehr oder weniger Abschiebungen?
  • Wollen wir mehr oder weniger Familiennachzug?
  • Wollen wir den Menschen, die für sich ein besseres Leben suchen, Arbeitsmigration nach Europa/Deutschland generell verbieten?
  • Haben wir inhaltliche Forderungen an ein Einwanderungsgesetz, oder sind wir grundsätzlich dagegen, Einwanderung gesetzlich-differenzierend zu regeln?
  • Sollten wir zur Vermeidung eines weiteren Rechtsrucks Gastfreundschaft und unmittelbare Mitmenschlichkeits-Impulse hintan stellen?

Zu all diesen drängenden Fragen hört man aus Ihrer politischen Ecke auffallend wenig – aus Mutlosigkeit, die eigenen pragmatischen aber unbequemen Ideen offen auszusprechen, oder aus Ratlosigkeit, weil es eben keine idealen Antworten bzw. Lösungen gibt? Bei allem Verständnis: Mir wäre eine ehrliche Debatte weit lieber als dieses anhaltende, dröhnende Schweigen.

Herzliche Grüße
Joachim Schappert


4. Leserbrief

Hallo Nachdenkseiten,

Zur Flüchtlingsdebatte.

genau meine Meinung. Dieser Artikel von Marco Wenzel bestätigt was ich euch auf meiner holperigen Art mitteilen wollte.

Marco Wenzel Danke für diesen erhellenden Beitrag.
MfG Peter Probst


5. Leserbrief

Sehr geehrte Damen und Herren,
 
dem Beitrag von Marco Wenzel kann ich im Wesentlichen zustimmen. Wenn ich ihn richtig interpretiere, hält er den Westen für den allein Schuldigen an der Flüchtlingssituation.
Zur Wahrheit gehört aber auch folgendes: Meiner Meinung nach können die Staaten, aus denen die Flüchtlinge kommen nicht gänzlich von ihrer Verantwortung freigesprochen werden. Diese Staaten sind schon lange unabhängig und haben im Verlaufe von Jahrzehnten Milliarden von Fördergelder zur Entwicklung erhalten. Wie wurden diese Gelder verwendet? Wie steht es mit der Korruption der Regierenden und Reichencliquen in diesen Ländern?
 
Fand dort jemals eine vernünftige Bevölkerungspolitik statt? Wenn eine Familie 6, 7 , 8. 9 und mehr Kinder hat, ist es kaum möglich zu einem einträglichen Leben mit einem bescheidenen Wohlstand zu kommen. Wenn ein Land viel mehr Kinder hat als später Arbeitsplätze vorhanden sein werden, wie kann da eine Weiterentwicklung stattfinden? Es sollte also eine verantwortliche Entwicklungspolitik stattfinden. Es ist auch eine Erfahrung, dass z. B. in afrikanischen Ländern die Menschen noch mit ihren alten Traditionen verwurzelt und von daher einer modernen Entwicklung weniger aufgeschlossen gegenüberstehen. Die Auffassung zu Arbeit und zum Leben überhaupt ist eine andere als die im Westen. Welche Innovationen gingen z. B  von afrikanischen und arabischen Ländern aus?
 
Nicht thematisiert wurde das wichtige Thema der Schleuserbanden. Für diese Kriminellen ist es ein Milliardengeschäft, Flüchtlinge illegal in westliche Länder zu bringen und dabei fragt man sich, woher diese das Geld für die Schleuser haben.
 
Der massenhafte unkontrollierte Zustrom der Flüchtlinge im Jahre 2015 spaltete die Gesellschaft. Was ist das für ein Rechtsstaat, der seine Bürger nicht mehr schützen kann? Bei einer sehr großen Zahl der Flüchtlinge handelt es sich um junge, muslimische Männer, die in ihrer Heimat keine Chance auf Arbeit und eigene Familie sahen. Von diesen Leuten sind bereits viele durch schwere Verbrechen aufgefallen und stellen eine große Gefahr für unser Land dar. Im übrigen handelt es sich bei diesen Leuten nicht um Asylberechtigte im Sinne des Grundgesetzes der BRD.
 
Mit der Flüchtlingssituation stellt sich für mich auch die Gerechtigkeitsfrage. Ist es gerecht, dass eine einheimische Familie trotz Vollzeitarbeit kaum über die Runden kommt, dagegen z.B. eine syrische Familie mit einer Anzahl von Kindern vom Staat alimentiert wird, d. h. von denen, die jeden Tag hart arbeiten. Viele der Flüchtlinge werden voraussichtlich keine Arbeit finden, weil sie nicht qualifiziert sind und von daher auf Dauer vom Steuerzahler finanziert werden. Wie mögen sich die einheimischen Familien dabei wohl fühlen? Diese Probleme müssen angegangen und einer gerechten Lösung zugeführt werden, denn sie enthalten viel Sprengstoff. Im Klartext heißt das, dass Flüchtlinge selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen  und arbeiten gehen müssen.
 
Die Schlagworte “weltoffen, bunt, vielfältig, tolerant” klingen gut und erscheinen sehr modern. Was aber bedeuten sie und wie sollen sie gelebt werden? Soll das eine auf Kosten des anderen gehen? In einer Zeit, in der bei uns die Reichen immer reicher werden, der Mittelstand einbricht und viele und immer mehr für einen Hungerlohn arbeiten, kann es nicht angehen, dass noch zusätzlich unberechtigterweise Leute zu uns kommen
 
Unsere Regierung, Politiker und Parteien haben die Situation, in der wir uns befinden, zu verantworten. Und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Flüchtlinge der einheimischen Bevölkerung gegenüber bevorzugt werden. Dazu könnte ich genug praktische Beispiele nennen.
Und nachdem im Land eine unerträgliche Meinungsdiktatur herrscht, darf darüber nicht gesprochen werden, ohne gleich in der Rassismusecke zu landen.
 
Mit freundlichen Grüßen
Monika Klasen


6. Leserbrief

„Es ist die Hoffnung, im Ausland Arbeit zu finden und ein besseres Leben zu führen, die zur Migration führt. Migration findet dann statt, wenn Menschen ihrer Existenzgrundlage beraubt werden oder ihres Lebens nicht mehr sicher sein können“ (Marco Wenzel).

Der erste Satz ist weitgehend richtig, wobei  „ein besseres Leben zu führen“ praktisch heisst MEHR GELD ZU HABEN, was jedoch – im Gegensatz zu früher – aufgrund entsprechender Sozialversorgungssysteme nun keineswegs immer mit einer Arbeitstätigkeit des Migranten verbunden sein muss.

Der zweite Satz jedoch ist aufgrund der Ausschließlichkeit seiner Aussage schlicht falsch.

Denn zum Glück können die allermeisten Migranten in ihren Herkunftsländern ihres Lebens durchaus sicher sein.

Und auch ihre bisherige Existenzgrundlage dürfte den meisten Migranten eben nicht, wie im Standard-Beispiel des somalischen Küstenfischers, zuvor geraubt , sondern vielmehr von diesen als zu wenig lukrativ aufgegeben worden sein.

Bei allem Respekt davor, dass Armut in den  Trikont-Ländern kein Naturschicksal ist, sondern  eine AUCH vom Westen historisch und aktuell mit verursachte,  monströse und unbedingt zu beseitigende Ungerechtigkeit :

Hier wird vom Autor Wenzel die Motivation zur Migration in einer Art dramatisiert und überhöht, welche diese dann als – rebus sic stantibus – ein unvermeidliches, zwangsläufiges  und moralisch gebotenes Muss erscheinen lässt.

Auf dieser falschen Grundlage verpuffen dann aber alle noch  berechtigten Einwände des Autors gegen die Profiteure und die schädlichen Folgen der Migration.

Auf dass das mit den NO BORDERS im wesentlichen dann so weiterläuft wie bisher…

Mit freundlichen Grüßen
Hajo Kahlke, Heidelberg


7. Leserbrief

Sehr geehrte Nach- und Vordenker!
 
Der Text zur Flüchtlingsdebatte von Marco Wenzel deckt sich inhaltlich weitgehend mit einem meiner eigenen Texte, den ich kürzlich zum Thema „UNO-Migrationspakt“ verfasst habe.
 
Im Folgenden und im Anhang schicke ich Ihnen diesen Text – vielleicht können Sie ihn ja im Zuge Ihrer wertvollen Denkarbeit „verwerten“ bzw. dürfen Sie ihn als Zustimmung zu Ihrem Artikel vom 12. 11. 2018 verstehen.
 
Mit respektvollen Grüßen,
Andrea Zipko

Migration ist nichts Tolles
 
Hinter den allermeisten Migrationsschicksalen stehen Zwang, Leid, Not, Krieg, Mangel … und andere Faktoren, denen der Einzelne nicht viel entgegensetzen kann als eben die Fluchtreaktion.
Das gilt innereuropäisch, wenn sich innerhalb dieser Gemeinschaft grabentiefe Unterschiede in puncto Einkommen, Lebens- und Sozialstandards auftun, und es gilt global nicht minder.
 
Ein bisschen hadere ich gerade aus diesen Gründen mit dem umstrittenen UNO-Papier, vor allem, weil es eingangs wörtlich von der Annahme ausgeht, dass „… sie (die Migration) in unserer globalisierten Welt eine Quelle des Wohlstands, der Innovation und der nachhaltigen Entwicklung darstellt…“
Das klingt gar sehr positiv und zeichnet ein romantisiertes Bild von Migration, das an der knallharten Realität ziemlich vorbeigeht.

Weder ist es als nachhaltig zu begreifen, wenn sich die Massen aus der Not heraus auf den immer gleichen Weg machen, während ganze Regionen und Landstriche weiter verarmen und im Chaos versinken (auch weil Qualifikationen in die immer gleiche Richtung abgezogen werden);  noch wird der Wohlstand gesteigert, wenn der Zuzug aus Niedriglohnländern die Lohnquote drückt.
Im Grunde beobachten wir das Gegenteil der obigen Annahme, und Migration verfestigt teilweise die Ungerechtigkeiten dieser Welt noch weiter – umso mehr, als über der Gestaltungsfrage von Migration die eigentliche Diskussion, die die Ursachen angeht, ins Hintertreffen gerät.
 
So sehr ich für einen menschlichen Umgang mit Flüchtenden plädiere, noch viel mehr plädiere ich dafür, die Fluchtursachen nachhaltig zu beseitigen.
Diese Erkenntnis ist jetzt vielleicht nicht so bahnbrechend, aber angesichts der Diskussion doch immer wieder notwendig, denn die dreht sich im Kreis, und kommt über Oberflächlichkeiten nicht hinaus.
 
Dabei bin ich mir ziemlich sicher, dass die meisten Menschen es vorziehen, ihr Leben dort zu leben, wo sie auf die Welt gefallen sind. Dort, wo sie ihre Familie, ihre Freunde haben, ein gewohntes Umfeld, u.v.m.
Die Migranten kommen ja nicht aus Abenteuerlust oder Gier; sondern weil es in der Heimat schlicht nicht möglich ist, in Sicherheit einigermaßen gut zu leben.
Auch das klingt banal, aber auch dieser Gedanke geht oft unter, finde ich.
 
Man muss dem UNO-Pakt natürlich zugutehalten, dass hier schon auch die Fluchtursachen thematisiert werden, sogar an prominenter Stelle (Punkt 2).
Andererseits ergibt sich aus der obigen Prämisse nicht jene Dringlichkeit, die in der Sache geboten wäre.
Wenn nämlich Migration als etwas Normales oder Erstrebenswertes gilt, sind die Ursachen tatsächlich sekundär.
Fakt ist auch, dass an den Fluchtursachen wie an den Folgen gewisse Kreise verdienen (von der Waffenlobby bis zu den Unternehmen, die billige Arbeitskräfte rekrutieren…) und geostrategische immer vor allen anderen Interessen kommen.
Es ist weder im Sinne der Migranten, auf diese Weise gleich mehrfach missbraucht zu werden, noch im Sinne der autochthonen Bevölkerung, deren Arbeits- und Daseinsbedingungen sich nachweislich verschlechtern, weil es zunehmend an Einkommen und Wohnraum fehlt.

Eine derart verzweckte Migration würde vor allem jener gierigen Minderheit in die Hände spielen, die ihre Gewinne auf dem gebeugten Rücken anderer maximiert. Von dieser Seite ist allenfalls kein konsequentes Vorgehen gegen Fluchtursachen zu erwarten.
Jene Minderheit ist aber federführend in so Vielem, was politische Entscheidungen angeht.
Das Wichtigste wäre in jedem Fall, dass wir uns diese Entscheidungsgewalt wieder im demokratischen Sinne des Gemeinwohls zurückholen. Wir müssen aufhören, in jeder Frage vor Wirtschaft und Hochfinanz zu katzbuckeln und anfangen, den überhöhten Stellenwert von Wettbewerb zurückzunehmen, zugunsten von Solidarität und Verteilungsgerechtigkeit.
Ein stabiles, gutes Lohnniveau zunächst auf EU-Ebene, Ausweitung der Arbeitnehmerrechte, Arbeitszeitverkürzung, Anhebung von Sozialhilfe, Arbeitslosengeld, Vermögenssteuer etc… wären eine gute Richtung.
Leider passiert ringsum das glatte Gegenteil, und die Negativspirale dreht sich.
 
Den Anfang für einen Gegentrend müssen hier wohl jene Länder machen, die noch einigermaßen stabil und wohlhabend sind – die armen, destabilisierten werden kaum die Regeln diktieren können.
Ja, das sind WIR, und wir müssen es für „uns“ tun, für „unsere“ Kinder, aber eben auch für „die anderen“.
 
Die Schemata von „wir“ und „die anderen“ nutzen wir ja gern je nach Bedarfslage, meist um Unmenschlichkeit zu übertünchen, und gerne sehr selbstgerecht.
Solange kein Konsens darüber besteht, dass wir alle nur bedingt selbstbestimmt handlungsfähige Akteure in einem immer grausameren Weltspiel sind, werden wir über wechselseitige Schuldzuweisungen nicht hinauskommen, während das eigentliche Problem noch nicht mal einen gemeinhin akzeptierten Namen trägt.
 
Gerade am Umgang mit Afrika zeigt sich das ganze Ausmaß der Schizophrenie.
Hier sind besonders die europäischen Märkte (das sind auch „WIR“) erheblich an den Fluchtursachen beteiligt, indem sie via unlauteren Wettbewerb ihre subventionierten Waren auf den nicht subventionierten afrikanischen Markt werfen und auf Kosten der schwächsten Wirtschaftsakteure deutlich profitieren.
Das nennen wir Leistung?
Und die zwingend logische Verzweiflung der Afrikaner degradieren wir zu Wirtschaftsflucht?
 
Im besten Fall kaufen wir unsere europäische Seele mit Hilfsgeldern frei.
Vor dem Hintergrund der allumfassenden, unrechten Wirtschaftspraxis wirkt Entwicklungshilfe jedoch grundsätzlich scheinheilig: Als würde man demjenigen, den man zuvor brutal ausgeraubt hat, nun tröstend über die Haare streichen.
 
Im Grunde wissen wir, dass es unter den gegebenen Bedingungen wirtschaftlich noch schlechter für uns laufen würde, wenn wir ärmere Staaten vom Schuhputzer-Status zum gleichberechtigten Geschäftspartner auf Augenhöhe erheben würden, und diese Angst spielt Populisten wie dem Kapital in die Hände.
So entwickeln sich die Dinge zum Selbstläufer, den man gemeinsam verstehen muss, um ihn zu stoppen. In diesem Zusammenhang sehe ich vor allem die Schwerpunktsetzung unserer Bildung und die Medien in der Kritik.
Fakt ist, dass das gemeinsame Verstehen weiter auf sich warten lässt.
 
Hingegen scheint sich die Alternativlosigkeit, die man uns einreden will, zum Credo unserer Zeit zu entfalten. Es fällt auf: Wir leben in einer Welt voller Zwänge: Sachzwänge, Spar-, Gruppen-, Wachstums-, Verkaufszwänge…
Dabei re-agieren wir nur jeweils verzweifelt, wir gestalten gar nicht wirklich.
Die Spielräume der Unternehmen werden sukzessive größer, weil der Wettbewerb das alternativlos so erfordert, hingegen der Spielraum der Lohnabhängigen wird dementsprechend kleiner, und überhaupt fußt scheinbar zwingend der Wohlstand der einen immer auf Ausbeutung und Armut von anderen.
An Sozialem muss alternativlos gespart werden; Digitalisierung, Privatisierung, Überwachung, Aufrüstung … muss alternativlos vorangetrieben werden, Steuern müssen alternativlos attraktiv für das Großkapital bleiben…und der krude Wachstumsgedanke und die Befriedigung  von Investoren schweben als implizite Maxime über allem.
Jedoch: Wenn all diese ineinandergreifenden Entwicklungen tatsächlich alternativlos sind, macht Demokratie eigentlich gar keinen Sinn mehr, und wir können uns gleich ganz direkt an die Märkte ausliefern.
 
Wenn wir unser leidiges Wirtschaftssystem nicht gänzlich auf den Müllhaufen der Geschichte verbannen wollen, sollten wir wenigstens so weit an den Konditionen schrauben können, dass wir eine gute Basis für die Menschheit schaffen, und die extremen Ausformungen, die die Ungleichheit und das Unrecht angenommen haben, erheblich zurückfahren.
Wenn das nicht möglich ist, bleibt eigentlich nur der Müllhaufen.
 
Wirklich helfen würde ein Umdenken, welches so groß und generell ist, und unser gesamtes Leben und Wirtschaften in Frage stellt, dass es weitgehend Ängste evoziert, wo Solidarität gefragt wäre.
Es ist eine Mammutaufgabe, unser Wirtschaften neu zu definieren, doch anders wird sich die Sache nicht lösen lassen – außer wir lassen uns wieder zur unverhohlenen Unmenschlichkeit hinreißen.
Momentan halte ich alles für möglich.
 
Mit nachdenklichen Grüßen,
Andrea Zipko, Linz (Österreich)

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