Internationaler Frauentag: ein Feiertag für Berlin! Peinlich oder ein notwendiges Signal?
Internationaler Frauentag: ein Feiertag für Berlin! Peinlich oder ein notwendiges Signal?

Internationaler Frauentag: ein Feiertag für Berlin! Peinlich oder ein notwendiges Signal?

Anette Sorg
Ein Artikel von Anette Sorg | Verantwortlicher: Redaktion

Dass der Vorstoß, den Internationalen Frauentag in Berlin zu einem Feiertag zu machen, für teilweise heftige Reaktionen sorgen würde, war vorauszusehen. Dass die Wirtschaftsverbände Zeter und Mordio schreien, ist ein erwarteter Reflex. Dass aber Frauen diese Entscheidung auch negativ sehen, verwundert dann doch. Anette Sorg.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Lydia Rosenfelder arbeitet sich in einem Kommentar in der FAS (27.01.2019 S. 8) zunächst an den Feierlichkeiten zum 8. März in der ehemaligen DDR ab. In den düstersten Farben beschreibt sie die dortigen Feierlichkeiten:

„Was die DDR an diesem Frauentag gefeiert hat, ist in Wahrheit die Arbeitskraft der Frau. Eine geschickte Form der Ausbeutung durch Belobigung. Der DDR ging es nicht um die Gleichstellung der Frau, es ging ihr um die sozialistische Produktivität.“

Die Kommentatorin möchte den Eindruck erwecken, dass es sich bei diesem Feiertag um ein Relikt rückständiger oder mindestens ideologisch verbrämter Gesellschaften handelt, wenn sie schreibt:

„Noch weniger feierlich wird einem zumute, wenn man sich anschaut, wer den Internationalen Frauentag auf der Welt außerdem groß propagiert. Da hätten wir, neben einigen afrikanischen Ländern, noch Kuba, Nordkorea, und Afghanistan…Nur mangelt es im täglichen Leben ein bisschen an der Umsetzung.“

Vielleicht hilft Frau Rosenfelder ja ein wenig Geschichtsunterricht? Ein Blick in die Geschichte beweist, dass ihre willkürliche Auswahl an zitierten Ländern ein Manipulationsversuch ist, der die Intention und Bedeutung des Internationalen Frauentages sträflich vernachlässigt:

  • 1910: In Kopenhagen beschließt die II. Internationale Sozialistische Frauenkonferenz, an der mehr als 100 Delegierte aus 17 Ländern teilnehmen, auf Initiative der deutschen Sozialistin Clara Zetkin die Einführung eines jährlichen Internationalen Frauentages.
  • Zum ersten Internationalen Frauentag gingen rund eine Million Demonstrantinnen und Demonstranten am 19. März 1911 in Deutschland, Österreich, Dänemark und in der Schweiz auf die Straße. Ihre wichtigste Forderung: das Wahlrecht für Frauen und damit die Möglichkeit zur politischen Teilhabe. Nur in Finnland hatten Frauen zu diesem Zeitpunkt die Möglichkeit, an Wahlen teilzunehmen. Erst 1918 bekamen deutsche Frauen das Wahlrecht, Schweizerinnen dürfen erst seit 1971 wählen.
  • In den folgenden Jahren fand der Internationale Frauentag seinen Platz in der sozialistischen Bewegung. Während des Ersten Weltkrieges wurde der Tag zum Aktionstag gegen den Krieg. 1921 legte die 2. kommunistische Frauenkonferenz den Internationalen Frauentag auf den 8. März fest.
  • Die Nationalsozialisten hatten den Internationalen Frauentag als Feiertag der sozialistischen Arbeiterbewegung zwischen 1933 und 1945 offiziell verboten und durch den Muttertag ersetzt. In der sowjetischen Besatzungszone wurde er als Feiertag am 8. März 1946 wieder eingeführt und in der DDR alljährlich mit einigem staatlichen Aufwand inszeniert.

Weiter führt Frau Rosenfelder aus:

„Moderne Frauen haben es nicht nötig, das der Staat ihnen gönnerhaft einen Feiertag schenkt. Das fühlt sich peinlich an. Und es ist rückschrittlich, weil es den Unterschied zwischen den Geschlechtern extra betont. Moderne Geschlechterpolitik ist da längst weiter.“

Warum sollen sich moderne Frauen (und Männer!) keinen Feiertag vom Staat (bzw. hier ja nur von Berlin) „schenken“ lassen? Luther-Anhänger haben mit dem in vier Bundesländern erneut zum Feiertag erhobenen Reformationstag sicher weniger Probleme.

Ich freue mich, dass Berlin hier einen Anfang macht und ich hoffe, dass dieser Schritt viele Nachahmer finden wird.

Mag sein, dass dieser Feiertag das Schicksal vieler anderer Feiertage teilen wird und zur bloßen Symbolik genutzt oder schlimmer noch, ausschließlich als weiterer von Arbeitspflichten befreiter Tag betrachtet wird. Mag sein, dass er das Schicksal des (in der NS-Zeit eingesetzten und deshalb ohnehin abschaffungswürdigen) Muttertages teilen wird, an dem – auf schlechtem Gewissen beruhend – ein paar Sonntagsreden gehalten und ein paar Blümchen geschenkt werden und damit das Thema bis zum nächsten Jahr abgehakt bleiben kann. Einige werden mich blauäugig nennen, aber ich sehe die Chance, dass Frauen und (!) Männer die Möglichkeit haben, am 8. März wahrnehmbar die Finger in die Wunden der rechtlich zwar vorhandenen, de facto aber längst nicht umgesetzten Gleichberechtigung von Mann und Frau zu legen. Die mediale Aufmerksamkeit wird an einem Feiertag ungleich höher sein als an einem „normalen“ Wochentag.

Mit dem 8.März als Feiertag in dem Jahr zu starten, in dem sich das erkämpfte Frauenwahlrecht zum hundertsten Male jährt, ist eine kluge Idee. Das aktive und passive Wahlrecht besitzen wir Frauen seit 100 Jahren. Diese lange Zeit müsste eigentlich ausgereicht haben, um eine einigermaßen gleichmäßige Verteilung der Mandate auf Männer und Frauen zu erreichen. Dass wir davon jedoch noch meilenweit entfernt sind, ist einer der Gründe, warum der 8. März ein Feiertag sein sollte.

Am 23. Januar erschien ein Beitrag von Katharina Hölter zum Thema. Sie führt weitere Gründe an und weitet den Blickwinkel in Richtung Menschenrechte. Weil ihr Kommentar viele wichtige Aspekte enthält, übernehmen wir ihn hier in voller Länge:

„Ganz ehrlich: Wie viel denkst du an einem Feiertag über dessen Bedeutung nach? Gut, an Ostern oder Weihnachten gehst du vielleicht noch in die Kirche – wenn du nicht schon längst ausgetreten bist. Aber Pfingsten, Himmelfahrt, Fronleichnam? Irgendwas ging da mit Jesus. Aber was noch mal? Ach, erstmal Netflix an und den Kater auskurieren.

Das Modernste, was Deutschland an Feiertagen zu bieten hat, sind der 1. Mai und der Tag der Deutschen Einheit. An diesen Tagen treffen sich immerhin Menschen, um für bessere Arbeitsbedingungen zu demonstrieren. Oder, um auf einer Partymeile das eigene Land zu feiern – wenn es da gerade irgendetwas zu feiern gibt. 

Doch jetzt könnte ein Tag dazukommen, der für etwas steht, das wir dringend brauchen, für einen der wohl größten Kämpfe, die unsere Gesellschaft noch immer austrägt: die Gerechtigkeit zwischen Mann und Frau. 

Denn nun soll – vorerst nur in Berlin – ein neuer Feiertag eingeführt werden: Der 8. März, der Weltfrauentag.

Endlich ein historischer und aktueller Tag zugleich, der nicht nur daran erinnert, was Frauen alles erreicht haben – sondern wofür sie jetzt gerade und in Zukunft kämpfen müssen.  

Was feiert der Weltfrauentag eigentlich?

1911 – damals noch am 19. März – gingen erstmals Frauen in Deutschland, Österreich, Dänemark und der Schweiz zum Frauentag auf die Straße. Sie forderten das Wahlrecht für Frauen, mehr politische Mitbestimmung. Außer in Finnland durften Frauen zu diesem Zeitpunkt in keinem europäischen Land wählen oder gewählt werden. In Deutschland war es erst 1918 soweit. 

Auch, wenn wir wählen dürfen, vieles andere bleibt uns noch immer verwehrt. Zum Beispiel so oft Chef sein wie Männer. 200 Jahre soll es noch dauern, bis Frauen und Männer die gleichen Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben, sagten Experten auf dem Weltwirtschaftsforum.

Auf genau solche Ungerechtigkeiten weist der Weltfrauentag hin. Ihn zum Feiertag zu machen, ist ein Signal an Frauen, weiterzukämpfen. Plakate zu malen, auf die Straße zu gehen, sich zu wehren – so lange, bis sich endlich etwas ändert. Je mehr Aufmerksamkeit es dafür gibt, desto besser. Für Frauen, die die Frauenquote durchsetzen wollen. Die ihre Arbeitgeber verklagen, wenn sie ungerecht bezahlt werden. Für Frauen, die den Paragraf 219a kippen wollen – damit Frauenärztinnen endlich nicht mehr verurteilt werden, wenn sie auf ihrer Homepage Schwangerschaftsabbrüche anbieten. 

Einen neuen Feiertag hatte zuletzt Hamburg eingeführt, dort entschied man sich für den Reformationstag – der Tag, an dem Martin Luther im Jahr 1517 mit einem rostigen Nagel 95 Thesen in lateinischer Sprache an eine Schlosskirche geschlagen haben soll. Dazu nur so viel: Nur noch 54 Prozent der deutschen Bevölkerung gehören einer der beiden großen Kirchen an (evangelische Kirche: 21,5 Millionen, katholische Kirche: 23,3 Millionen).

Das Schöne am Weltfrauentag ist dagegen: Hier wird nicht nur die Hälfte der Bevölkerung angesprochen. Nein, dieser Tag ist auch, ja sogar ganz besonders: für Männer.

Am 8. März 2019 können zumindest die Berliner Männer sich einen Tag lang damit beschäftigen, ob sie ihre Kollegin für die tolle Arbeit und nicht für ihren Rock gelobt haben. Mit welcher Frau sie die nächste Führungsposition in ihrem Unternehmen besetzen. Oder ob sie der neuen Abteilungsleiterin nicht genauso viel Lohn geben wollen wie ihrem männlichen Kollegen?

Keine Sonderrechte, sondern Menschenrechte“, hatte die deutsche Sozialistin Clara Zetkin 1910 gefordert, als sie den Weltfrauentag initiierte. 

Lasst uns also am 8. März die Menschenrechte feiern. Warum eigentlich nicht in ganz Deutschland?

Titelbild: Boris15/shutterstock.com

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