Vor 50 Jahren wurde Gustav Heinemann zum Bundespräsidenten gewählt. Ein Glücksfall.
Vor 50 Jahren wurde Gustav Heinemann zum Bundespräsidenten gewählt. Ein Glücksfall.

Vor 50 Jahren wurde Gustav Heinemann zum Bundespräsidenten gewählt. Ein Glücksfall.

Albrecht Müller
Ein Artikel von: Albrecht Müller

Wo ist der nächste Glücksfall? Es müsste eine unabhängige Findungskommission oder sogar mehrere geben, die systematisch nach politischen Talenten suchen, also nach anständigen, qualifizierten, unabhängigen Frauen und Männern. Das fällt mir als erstes ein, wenn ich daran denke, dass vor 50 Jahren dieser großartige Typ aus Essen zum Bundespräsidenten gewählt wurde. Er war in vieler Hinsicht ein Glücksfall: ein fundierter Förderer der Entspannungs- und Friedenspolitik, er hat als Justizminister ab 1966 begonnen, das verkrustete Recht aufzubrechen, ein wirklicher Reformer, er war als Person und Bundespräsident eine Brücke zur kritischen Jugend, und ein wirklicher Demokrat, endlich einer, der den Staat nicht vergötzte. Albrecht Müller

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Wenn es nach dem frühen Gustav Heinemann gegangen wäre, dann hätten wir schon vor fast 70 Jahren unseren Frieden mit Russland gemacht und den Menschen im geteilten Deutschland viel Elend erspart

Ich beginne mit einigen persönlichen Erfahrungen: Als ich 1968 Redenschreiber des damaligen Bundeswirtschaftsministers Karl Schiller geworden war, begegnete ich bei Treffen der SPD-Spitze und am Rande des Bundeskabinetts auch Gustav Heinemann. Das war immer beeindruckend und erholsam. Ich kannte ihn schon von früher. Von 1950 an, als ich zwölf Jahre alt war. Damals gab es in meinem Heimatdorf eine mehrheitlich gegen den Krieg und gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik eingestellte Jugendgruppe. Heinemann war – sozusagen – unser Wortführer. Er war zwar CDU-Mitglied und Innenminister im Kabinett Adenauer. Aber er rebellierte gegen die Pläne Adenauers und der Alliierten zur Westintegration und Wiederbewaffnung West-Deutschlands. Und Heinemann warb damals schon dafür, die Angebote der Sowjetunion ernsthaft zu prüfen. Damals und auch noch einige Zeit später war angeboten worden, Deutschland könne wiedervereinigt werden, wenn es nicht Teil des westlichen Militärbündnisses sein würde.

In meiner Jugendgruppe fanden wir diese Idee mehrheitlich gut und den Mut Heinemanns beeindruckend, und wir haben darüber auch mit Lehrern und anderen Erwachsenen gestritten. Wir hatten als Kinder den Krieg noch erlebt, wir hatten am Nachthimmel den Feuerschein brennender Städte in unserer Nachbarschaft gesehen und selbst in unserem Dorf Angriffe von Jagdbombern erlebt. Vor allem aber waren unter uns mehrere Mädchen und Jungs, deren Vater im Krieg gefallen war. Sie hatten persönlich erlebt, was Krieg bedeutet. Auch deshalb fanden wir diesen Menschen und Politiker, Gustav Heinemann, vorbildlich.

Heinemann gründete dann 1952 zusammen mit einigen anderen die Gesamtdeutsche Volkspartei (GVP). Schon der Name sagt, wofür diese Partei vor allem stand. Typisch für den Zustand der Demokratie schon in jener Zeit war, dass diese erste Friedensbewegung publizistisch und propagandistisch niedergemacht wurde. Die GVP erreichte bei der Bundestagswahl 1953 gerade mal 1,2 Prozent. Ein Opfer des ersten großen Kalten Krieges.

Heinemann ließ nicht locker. Er war dann bis zu seiner Wahl als Bundespräsident so etwas wie einer der Sprecher des kritischen Deutschland, und vor allem der kritischen Jugend. Wir verfolgten als Schüler und Studenten mit großer Sympathie seine vom Hörfunk übertragenen Auseinandersetzungen mit dem damaligen Bundeskanzler Adenauer. Dass Heinemann Sympathien für die Achtundsechziger und den von einem Attentat schwerbeschädigten Rudi Dutschke hatte und ihn förderte, passte ins Bild, das damals viele junge Menschen von Gustav Heinemann hatten.

Für interessierte Zeitgenossen nun ein altes Dokument, eine Spiegel-Titel-Geschichte von 1958 über Gustav Heinemann

Jenen Leserinnen und Lesern der NachDenkSeiten, die historisch und demokratiepolitisch interessiert sind, sei der Text zur Lektüre sehr empfohlen. Nebenbei wird dabei auch noch dokumentiert, welche Qualität der “Spiegel” einmal hatte.

Nostalgie? Ein bisschen schon und das tut mir leid. Aber mancher könnte daraus lernen. Und das ist die kleine Hoffnung.

Hier also der Spiegel Titel vom 05.02.1958:

BONN / HEINEMANN
Reden in der Nacht

Titelbild: Neveshkin Nikolay / Shutterstock.com

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